Die Konzentration des Pferdes

Pferde sind konzentrationsschwache Lebewesen. Für ein Fluchttier sind im Grunde längere Spannen der Konzentration nicht nötig – anders bei einem Raubtier.

Oft wird gesagt, dass die Konzentrationsspanne eines (jungen) Pferdes etwa 20 Minuten betragen würde.

Trust-your-Horse - Die Konzentration des Pferdes

Diese Aussage will ich so nicht mittragen.

Man kann ein (junges) Pferd durchaus 1-2 Stunden arbeiten und die Konzentration dabei immer wieder „beleben„. Denn meiner Erfahrung nach ist die Konzentration NICHT ABHÄNGIG VON DER ZEITDAUER, sondern von dem was man vom Pferd verlangt und wie gut das Pferd dieses bereits kann.

Bei einer wenig anspruchsvollen Übung ist die Konzentrationsspanne länger, bei einer schwierigen ggf. auch noch unbekannten Übung dagegen deutlich kürzer.

Während ich bei einer leichten Übung durchaus 10 Minuten am Stück ohne Pause mit einem Pferd arbeiten kann, würde eine schwere Übung schon nach 10 Sekunden eine Pause erfordern.

Wenn ich hier von Pause spreche, dann heißt das STEHPAUSE und das unbedingt MINUTENLANG! Das Pferd bekommt dadurch Zeit nachzudenken, sich zu erholen und lernt als weiteren positiven Nebeneffekt lange stehenzubleiben!

Noch ein Hinweis:

PFERDE LANGWEILEN SICH NICHT, wenn man immer wieder und wieder dasselbe verlangt.

Wenn ein Pferd bei einer Übung Übersprungsreaktionen zeigt, dann keinesfalls aufgrund von Langeweile! Solche Reaktionen entstehen allermeistens dann, wenn das Pferd die Übung (noch) nicht versteht oder es müde wird.

MÜDE = PAUSE – immer noch MÜDE = Feierabend (auch schon mal nach 20 Minuten)!

Eigene Notizen
Autor: Richard Vizethum
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Couchpotatos

Webdefinitionen
„(Couchpotato) Couch-Potato ist das Klischee einer Person, die einen Großteil ihrer Freizeit auf einem Sofa oder einem Sessel mit Fernsehen, Junk Food essen und Bier trinken verbringt. Der Begriff hat eine negative Konnotation. …“

Als ich einmal, schon vor einer ganzen Weile, darauf hinwiesen habe, dass Pferde sechs Tage in der Woche, am besten 2 x pro Tag je 20-40 Minuten gearbeitet werden sollten, bekam ich von einer ausgebildeten Therapeutin ein sehr harsche Antwort.

Trust-your-Horse - Couchpotatos

Ihrer Meinung nach seinen sechs Tage Arbeit für ein Pferd ein absolutes No-Go. Drei Tage wäre ein anzustrebendes Maximum, denn schließlich müssten die Muskeln genügend Zeit haben sich (von der Anstrengung) zu erholen.

Von was erholen – bitte?

Machen wir mal eine kleine Rechnung auf …

Eine Woche hat 7 Tage á 24 Stunden, also insgesamt 168 verfügbare Stunden.

Nun wollen wir, wie ich dies sehen würde, dem Pferd einen Tag Ruhepause „gönnen“. Es verbleiben also noch 144 Stunden.

Ziehen wir für die verbleibenden 6 Tage, pro Tag noch 16 Stunden (welche der Zeit entsprechen, die man den Pferden nachsagt, dass sie diese mit der Futtersuche, dem Fressen und Schlafen verbringen würden), in Summe 96 Stunden „Freizeit“ ab, verbleiben immer noch

48 STUNDEN VERFÜGBARE ZEIT!

Nun gehen wir mal davon aus, so wie ich das gerne hätte – auch wenn es in der heutigen Zeit in den seltensten Fällen realisierbar ist – das man ein Pferd jeden Tag, sechs Tage die Woche, 2 x pro Tag arbeiten würde – pro Einheit im Mittel 30 Minuten – dann würde das Pferd in Summe in der Woche
6 STUNDEN GEARBEITET WERDEN! (42 Stunden Rest-Freizeit)

Unterstellen wir für die Meinung der Therapeutin jeweils 1 Stunde pro Tag, dann kämen die Pferde bei ihr auf sensationelle
3 STUNDEN TRAININGSZEIT PRO WOCHE! (45 Stunden Rest-Freizeit)

Und jetzt sei nochmal gefragt: WOVON ERHOLEN?

Was tun wir denn in der Regel in dieser „Trainingszeit“ mit den Pferden?

Einer Trainingszeit, die dazu genutzt werden sollte, die Pferde so auszubilden, dass sie möglichst EIN LEBEN LANG, gesund, motiviert und leistungsbereit bleiben werden.

Unterstellen wir mal 1 Stunde Trainingszeit und unterstellen wir weiter, dass wir diese Zeit nicht mit „Spielen“ verbringen, sondern das Pferd reiten.

Was bekommt man allerorten zu sehen?

Schritt – Trab – Galopp, viel davon mitunter im Vorwärts-Abwärts, um das Pferd immer wieder zu „lösen“ oder „entspannen“ zu lassen.

Hier sei auch schon wieder eine Frage gestellt: Wovon entspannen lassen? Von den paar Runden in den genannten Gangarten? Da unterschätzt man gewaltig die (natürliche) Physis der Pferde!

Nun gut, wenn man die Nase des Pferdes, wie oft zu sehen, beim „Aufnehmen“, mit der Kraft der Arme vor die Senkrechte knallt –  egal in welcher Aufrichtung – dann muss man dieses Lebewesen schon mal rauslassen aus dieser Zwangshaltung und der, der das tut, sich selbst und seinen Handschuhen Erholung verschaffen.

Lange Rede – kurzer Sinn: Soviel müssen die Pferde in der Regel bei den allermeisten Reitern nicht leisten.

DIE FOLGE DAVON …

In unseren Ställen und auf den Weiden stehen zu fette Tiere, oder wie es eine Reitschülerin nett formuliert hat: „Pferde mit Muskeln im Fettmantel“ – vergleichbar eben mit menschlichen Couchpotatos.

So, und nun dürft ihr Euch Gedanken darüber machen, ob sechs Tage die Woche (á 1 Stunde) tatsächlich zu viel Belastung für ein Pferd sind?

Ich persönlich sage NEIN!

Sechs Stunden pro Wochen ist ein ganz leicht zu verkraftendes Pensum. Wenn man diese Zeit dann auch noch mit sinn- und wertvoller Dressur und Gymnastizierung verbringt, dann leistet man einen großen Beitrag zur langfristigen Gesunderhaltung seines Reitpferdes.

Ach, im Übrigen bleibt auch bei sechs Stunden Trainingszeit pro Wochen noch genügend Zeit (beim Pferd), um mit einem dann trainierten und rittigem Pferd ins Gelände gehen zu können – dem Ort, an dem sich Pferd und Reiter genüsslich tummeln sollten.

Eigene Notizen
Autor: Richard Vizethum
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Warum MÜSSEN wir Pferde aufrichten?

Ja, warum überhaupt ist es notwendig, dass wir Pferde in eine AUFRICHTUNG bringen?

Der größte Teil der Reiterwelt findet doch sein Vergnügen darin, die Pferde häufig in Dehnungshaltung oder darunter zu reiten. Dies aber ist der FALSCHE Weg. Wir müssen Pferde aufrichten. Aber gut, ich versuchs mal zu erklären …

Trust-your-Horse - Warum müssen wir Pferde aufrichten?

Betrachten wir uns doch einmal die
GEWICHTSVERTEILUNG DES PFERDES IN SEINER NATÜRLICHEN HALTUNG

Ein Pferd von 500 Kg Gewicht, ohne Reiter, in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG bzw. Aufrichtung, (Nase in etwa Höhe Hüftgelenk) bringt in dieser Haltung etwa 46 Kg mehr Gewicht auf die Vorhand als auf die Hinterhand. Als Grundlage für diese Aussage wurden Messungen von Baucher/Morris (etwa um 1840) herangezogen und auf ein 500 Kg Pferd umgerechnet.

Die Natur hat das Pferd als Fluchttier mit dieser Vorhandlastigkeit ausgestattet, um bei Bedarf – energiesparend – höhere Fluchtgeschwindigkeiten zu erreichen. Wir merken uns hier schon mal HÖHERE FLUCHTGESCHWINDIGKEITEN.

Mitunter bringt – beispielsweise auf der Flucht – das Pferd, durch weiteres Absenken des Kopfes bzw. Brustkorbs noch mehr Gewicht auf die Vorhand und erzeugt damit – durch den Balanceverlust nach vorne – zusätzliche Geschwindigkeitssteigerungen. Dies aber i.d.R. nur für eine sehr kurze Distanz, denn tieferer Kopf bedeutet WENIGER SEHEN = HÖHERES RISIKO.

Also:
Kopf tiefer = höhere Geschwindigkeit = höheres Risiko = höherer Stress und bedeutet für den Reiter im Zweifelfall Kontrollverlust, da das Pferd seine instinktiven Kräfte zur vollen Entfaltung bringen kann.

SO, UND NUN SETZEN WIR DEN REITER DRAUF

Nehmen wir einen Reiter mit einem Gewicht von 60 Kg. Ebenfalls aufgrund der Messungen von Baucher/Morris kann man davon ausgehen, dass der Reiter mit 2/3 also 40 Kg die Vorhand und mit 1/3 also 20 Kg die Hinterhand stärker belastet. Eine Dissertation an der veterinärmedizinischen Fakultät Wien kommt zu etwas anderen Ergebnissen, basiert aber auf falschen Grundannahmen, wie im Übrigen viele aktuelle Studien nicht ganz frei von Fehlannahmen sind.

Unterstellen wir nun, dass das Pferd weiterhin in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG steht, dann sind jetzt 66 Kg. mehr Gewicht auf der Vorhand. In der Bewegung würde die Beschleunigungsfähigkeit quasi steigen.

Geht das Pferd jetzt beispielsweise in der DEHNUNGSHALTUNG (Nase Höhe Buggelenk, konvexe Oberlinie und offener Genickwinkel) dann würde das Pferd OHNE Reiter 68 Kg mehr Gewicht auf die Vorhand bringen, MIT REITER sogar 88 Kg!

Ein Gewicht, welches in dieser Haltung (Dehnungshaltung) nicht durch das vorgreifende Vorderbein abgestützt wäre. Der Teil, der über das Vorderbein kommt, liegt dem Reiter komplett in der Hand. Dies bedeutet: DAS PFERD IST DEUTLICHER AUS DER BALANCE nach vorne. Privat kann es das kurzzeitig mal so machen – unterm Reiter ist das keine gute Idee, kann zu massiven Kontrollverlusten führen!

Erwähnt sein noch, dass diese Gewichtsmessungen im STEHEN erfolgt sind, kommt Bewegungsdruck dazu – der ja in der Dehnungshaltung konsequent VORWÄRTS-ABWÄRTS geht – reden wir von anderen Größenordnungen.

Zurück zur Frage warum wir unbedingt AUFRICHTEN MÜSSEN …

DAS REITERGEWICHT MUSS KOMPENSIERT WERDEN

Nun gut. Wir setzten also einen Reiter auf das Pferd.
Nachdem sich das Pferd an diesen gewöhnt hat, was heißt: der STERNENGUCKER hat den Weg in die (korrekte) TIEFE (= Nase etwa Höhe Hüftgelenk) gefunden, der Rücken, der kurzzeitig etwas nach unten gegangen war hat sich wieder in seine URSPRÜNGLICHE POSITION aufgewölbt und das Pferd ist VERTRAUENSVOLL AM GEBISS und nicht wie beim STERNENGUCKER über dem Gebiss.

Das war damals, als man die Pferde noch NICHT durch sinnvolle Bodenarbeit vorbereitet hat, nach maximal einer Woche erledigt und das primäre Ziel wurde ins Auge gefasst – dieses war (und sollte noch immer sein):

DER HINTERHAND MEHR GEWICHT ZUZUSCHIEBEN. Dies hat – neben der Verbesserung der Sicherheit – primär mit der Gesund- und Leistungsbereiterhaltung des Pferdes zu tun.

Zunächst geschieht dies einfach nur dadurch, dass man das nach vorne überhängende Reitergewicht gleichmäßig (schlicht 50:50) auf Vorder- und Hinterbeine des Pferdes verteilt. D.h. bei dem 60 Kg-Reiter der mit 40 Kg die Vor- und mit 20 Kg die Hinterhand belastet, müssten 10 Kg nach hinten verschoben werden.

Und wie macht man das?

Alternative 1:

MAN SETZT DEN REITER WEITER NACH HINTEN. Diese dumme Idee gab es vor knapp 200 Jahren schon mal, wurde zum Glück für die Pferde wieder verworfen (na ja, nicht ganz: Die Islandreiterei praktiziert dies mitunter noch).

Alternative 2:

WIR RICHTEN DAS PFERD AUF. Dies tun wir ausgehend von seiner NATÜRLICHEN HALTUNG!!!

Und dabei brauchen wir noch nicht an „Hankenbeugung“ denken, wie die Herrschaften, die glauben, man könnte ein Pferd in diesem Stadium von HINTEN NACH VORNE reitend RELATIV aufrichten.

NEIN, wir müssen das Pferd zunächst von VORNE NACH HINTEN arbeiten und OHNE HANKENBEUGUNG aufrichten. Das WIE lasse ich an dieser Stelle offen (da werde ich an anderer Stelle extra drauf eingehen – vielleicht). Wichtig ist zunächst nur das man es TUN MUSS und noch wichtiger ist, dass man das Pferd NICHT UNTER SEINE NATÜRLICHE HALTUNG lässt – also auch KEINE DEHNUNGSHALTUNG!

Mit diesem AUFRICHTEN einher geht im Training ein MUSKELUMBAU der die Oberlinie des Pferdes stärkt und es dem Pferd möglich macht – OHNE ANSTREGUNG – eine höhere Haltung (mit entsprechender Beizäumung) einzunehmen und diese sehr LANGE zu halten. Viele so gearbeitet Pferde laufen auch auf der Koppel mit mehr Aufrichtung.

Arbeitete man aber öfter in Dehnungshaltung oder darunter, verzögert sich dieser Muskelumbau deutlich, bis hin zu dessen Unmöglichkeit – reitet man Vorwärts-Abwärts aktiv. Korrekturen solchermaßen in Grund und Boden gerittener Pferde gestalten sich sehr schwierig und für Pferd und Reiter anstrengend (nimmt man diese Korrekturen ernst).

Jetzt hab ich ein bisschen über das WARUM MÜSSEN WIR AUFRICHTEN gesprochen. Nun stellt sich aber die Frage

WARUM ARBEITEN WIR IN DER REITEREI EIGENTLICH SO INTENSIV GEGEN DIESEN MUSKELAUFBAU?

Immer wieder höre ich die Argumentation:
Man muss doch mal ein in Aufrichtung gearbeitetes Pferd dehnen lassen!„, sozusagen als Gegenpart zur Aufrichtung.

JA, man muss es schon mal STRECKEN lassen – WENN, JA WENN man das Pferd FALSCH AUFGERICHTET und ZU ENG GENOMMEN hat, was heute in allen Fakultäten – mit wenigen Ausnahmen – zu sehen ist. Die Kandare spielt bei dieser fehlerhaften Arbeit eine nicht ganz unwesentliche Rolle – von wegen feines Instrument.

Aber auch zum Zwecke des Streckens wäre die DEHNUNGSHALTUNG völlig falsch. Das Pferd kommt vom Regen in die Traufe. Die Belastung der Muskulatur bleibt. Lediglich (bei falscher Aufrichtung/Beizäumung) würde sich die Luftzufuhr einer nicht mehr gequetschten Luftröhre verbessern. Da schnauben dann die Pferde auch schon mal gerne ab.

Ein korrekt aufgerichtetes Pferd dagegen geht NIE ZU ENG!

WAS ERREICHEN WIR DURCH DEHNUNGSHALTUNG UND SONSTIGEN VORWÄRTS-ABWÄRTS VARIANTEN?

Zum POSITIVEN hin:
Einfach gesprochen ABSOLUT NICHTS!

Zum NEGATIVEN hin:
Wir bringen das Pferd vermehrt auf die Vorhand. Wir erhöhen für das Pferd die Möglichkeiten seine instinktiven Kräfte noch stärker zu nutzen, statt diese zu reduzieren. Stichwort: HÖHERE FLUCHTGESCHWINDIGKEIT. Wir verzögern (im günstigsten Fall) den notwendigen Muskelumbau. Und … und … und …

SCHLUSSWORTE

So, ich beende den Text an dieser Stelle und hoffe sehr dass man diesen bis hierher gelesen hat. Großartig wäre es, wenn es mir damit gelingen würde, zum Nachdenken anzuregen.

Dies wäre insbesondere wichtig, da die heute gelehrte und auch von „renommierten“ Herrschaften und Fakultäten vertretene Biomechanik in vielen Teilen falsch ist, bzw. wichtige biomechanische Sachverhalte aus Unkenntnis und Unwissenheit nicht dargestellt werden. Was in seiner Konsequenz zu völlig falschen Trainingskonzepten und zu Lasten der Pferde geht!

Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet
Autor: Richard Vizethum
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Die Sucht mit Pferden zu spielen

Ich bin ein Idealist – nicht nur was das Reiten anbelangt. Doch die Belastbarkeit idealistischen Denkens und Handelns wird auf immer stärkere Probe gestellt.

Ich mag stolze Pferde, die mit vier Füßen kraftvoll im Leben stehen, Pferde, die vor Selbstbewusstsein strotzen und dieses auch in allen Lebenssituationen ausstrahlen. Pferde die deshalb auch sicher sind, egal wie sicher der Reiter in ihrem Sattel ist.

T.Y.H. SuchtSpielen

Dorthin versuche ich diese wunderbaren Tiere zu entwickeln, unabhängig von deren bisherigen Lebenserfahrungen und körperlichen Voraussetzungen.

Reiter ermuntere ich dazu nachzudenken und das zu werden, was Max Ritter von Weyrother, einer der prägendsten Personen an der Wiener Hofreitschule,  den „denkenden Reiter“ nannte. Ich lehre sie, Teil einer wundervollen Partnerschaft, auf Augenhöhe mit dem Pferd zu werden.

Es ist aber unglaublich, wie schwer dieser Weg ist bzw. einem gemacht wird.

Von 100 Reitern, die über feines Reiten philosophieren und dieses für sich proklamieren, ist vermutlich gerade mal EINER dabei, der hauchzart in die Nähe dieser Art des Reitens kommt.

Von 100 Reitern, die über einen partnerschaftlichen, fairen Umgang mit dem Pferd reden, ist vermutlich gerade mal EINER dabei, der diesen in seiner letzten Konsequenz wirklich auch pflegt.

Diese Ernüchterung macht mich persönlich sehr traurig.

Wir trainieren Pferd nicht mehr um sie zu gesunden, leistungsbereiten Reitpferden zu machen, wir spielen lieber mit ihnen. Dabei vergessen wir, dass Pferde ernste Lebewesen sind. Ihnen muss man mit Ernst und Liebe begegnen. „Neckerei macht Pferde sogar böse“, wie Otto von Monteton 1899 schrieb.

Doch Spielen ist einfacher, weniger anstrengend, vor allem weniger anstrengend für das Gehirn. Und wir Menschen neigen, ganz besonders in dieser heutigen, dekadenten Zeit, zur Faulheit! Dafür degradieren wir diese wunderbaren Wesen zu Tanzpuppen und sind dabei auch noch der Meinung, ihnen was Gutes angedeihen zu lassen. Nebenbei befriedigen wir damit auch noch unsere Eitelkeiten („Guck mal, was mein Pferd so alles kann …“).

Die Pferde machen mit – na ja, es bleibt ihnen ja auch wenig anderes übrig.

Pferde müssen in diesem Spiel funktionieren!

Tun sie es nicht, dann gibt es Mittel und Wege sie dazu zu bringen – die Kataloge und Regale von Reitausstattern sind übervoll davon. Was man dabei leider sehr selten einsetzt, ist das eigene Gehirn. Wofür auch – zum Nachdenken vielleicht? Das bedeutet Arbeit! Aber wie gesagt, die Fleißigsten sind wir ja nun mal nicht. Oder wie es Rittmeister von W. ausdrückte „Alles was lebt ist faul!„.

Finden sich unter den Pferden dann ein paar starke Charaktere, die darauf bestehen, dass der Mensch die Dinge die er zu tun hat auch richtig tut – und das wäre gar nicht so viel verlangt – dann landen sie  schnell in einer Verkaufsanzeige und werden häufig zum Wanderpokal. Pseudoexperten probieren sich an ihnen aus – bis, ja bis sich diese tapferen Kreaturen entweder aufgeben oder völlig unberechenbar werden.

Würde ich nun auch noch über die verschiedenen nutzlosen, aber gerne angewandten Methoden sprechen, mit denen man Pferde heute ausbildet oder besser gesagt TRAKTIERT, bekommt dieser Text etwas Endloses.

Ich ende erstmal hier und hoffe, ihr investiert etwas Arbeit und denkt über diese Worte nach. Vielen Dank!

Autor: Richard Vizethum
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RELATIVE vs. ABSOLUTE Aufrichtung – ein paar Worte dazu

Letzte Korrektur: 20.12.2017

Das man Aufrichtung – wiederum erst in der Neuzeit – differenziert in RELATIVE und ABSOLUTE Aufrichtung liegt zu einem Teil sicherlich erneut an falschen Bildern, die man so im reiterlichen Kopf mit sich herumschleppt. Es gibt aber auch noch etwas dazwischen!

In der Vergangenheit gab es nur DIE AUFRICHTUNG und, so man korrektes Ausbilden und feines Reiten für sich reklamieren wollte, nur in Verbindung mit dem Herbeinehmen der Nase des Pferdes, also BEIZÄUMUNG.

Trust-your-Horse - relative vs absolute Aufrichtung

Beide Elemente, Aufrichtung und Beizäumung, wurden stufenweise DURCH DIE HAND (also nach heutiger Redensart ABSOLUT) erarbeitet und – in Preußen – auf TRENSE (lange bevor Baucher diese als non plus ultra für sich entdeckt hatte). Die Kandare in dieser Phase zur Anwendung zu bringen (was ja auch vorkam) zeugte nur von sehr geringem Sachverstand.

Dabei wurde darauf geachtet, dass man immer nur so viel an Aufrichtung dazu nahm, wie der aktuelle Status des Pferdes dies zuließ, ohne das, das Pferd dabei den Rücken deutlich unter die Horizontallinie der Rückenwirbelsäule wegdrückte. Der Rücken des Pferdes darf sich nur soweit absenken, dass die Rückenmuskulatur jene Spannung erreicht, unter der es überhaupt einen Beitrag zum Gewichtstragen leisten kann (also geringgradig unter der Horizontallinie).

Auch hier sei nochmal erwähnt, dass mit angehobenen Rücken das Pferd NICHT in der Lage ist muskelunterstützt zu tragen!

Bei dieser Form der Aufrichtung, die zunächst im Stehen durchgeführt wird und welche ich schon sehr lange so praktiziere und zu meinem Leidwesen (in den letzten Monaten) erkennen musste, dass dies die Preußen weit vor mir so gemacht haben (macht demütig), soll auch die Hinterhand noch keinen Beitrag leisten, es wird also NOCH keine Hankenbeugung angestrebt oder erwartet (nur bei den Abkürzungsreitern, gab es dieses problematische Vorgehen auch damals schon!)! Denn die Hinterhand ist dazu noch nicht seriös in der Lage und man würde nur Widerstände beim Pferd produzieren, dort wo man gerade bestrebt ist einen anderen Hauptwiderstand (Genick) aufzulösen.

Mit höher werdender Aufrichtung wird der Widerrist immer stärker in die Aufrichtung involviert, der Rücken und die Hinterhand erst langsam und in Folge dieser Aktivitäten eingebunden werden. Denn die Hinterhand ist es letztendlich, die das Pferd vorne leicht erhalten soll – gleichwohl die Pferde davor schon durch das Aufrichten und Beizäumen LEICHT (wahrhaftig LEICHT!) sind!

Dieses Aufrichten im Stehen und zum Teil bereits in der Bewegung, geht bis zu einer fast senkrecht Stellung des Halses (siehe Reiterstandbild von Friedrich II „Unter den Linden“ in Berlin). Damit dies möglich wird, ist bei der Beizäumung auch so einiges zu beachten. So muss, um diese dem Pferd angenehm zu machen, die Ohrspeicheldrüse und die damit in Verbindung stehende Muskulatur weich gemacht werden (Graduell mit der Aufrichtung) und der Arm-Kopf-Muskel (in Aufrichtung) GEDEHNT werden!
Diese Aktivitäten fallen unter Kunst – denn es sind keine einfachen Arbeiten und diese müssen mit sehr viel Vorsicht geschehen!

Nach heutiger Redensart würde man hier also eine ABSOLUTE Aufrichtung vermuten dürfen.

Allerdings sei erwähnt, dass man bei dieser Form der stufenweisen Aufrichtung das Pferd NIE mit Hilfe der Hand in der zugewiesenen Kopf-/Halsposition erhalten darf! So gesehen entspricht es nicht ganz dem, was man unter ABSOLUTER Aufrichtung versteht.

Bei dieser (hohen) Aufrichtung und Beizäumung findet eine tatsächliche Gewichtsverschiebung nach hinten statt, die sonst in diesem Maße NICHT erreicht werden kann – „relativ“ ist dies KAUM MÖGLICH!

Wichtig dabei ist es die Möglichkeiten des Pferdes zu beachten. Dicke und Länge des Halses, Ganaschen-Freiheit etc. Die Aufrichtung und Beizäumung hat darin ihre Limitierung – gleichwohl mehr geht als man oft geneigt ist anzunehmen. So kann durch die „Bearbeitung“ der Ohrspeicheldrüse und der Dehnung des Unterhalses deutlich Ganaschenfreiheit gewonnen werden.

Manche Pferderassen wie beispielsweise Spanische Pferde oder Friesen bringen schon sehr viel „Haltung“ („Haltung wird hier nicht verstanden als höchste Stufe des GLEICHGEWICHTS) mit, welche man nur zu erhalten und etwas zu „verbessern“ braucht. Bei diesen Pferden ist die Erarbeitung von Aufrichtung/Beizäumung KEINE so große Kunst (nicht abwertend gemeint)! Auch bietet diese ihre „natürliche Haltung“ etwas mehr die Chance für eine weitgehende RELATIVE Aufrichtung.

Das was wir heute unter Dressurhaltung sehen, wird KAUM durch „RELATIVE AUFRICHTUNG“ erreicht – obwohl das Ansinnen im Grundansatz ja richtig ist. Da kommt schon mal die Hand durchaus (stark) stützend zum Einsatz. Insbesondere dann, wenn man die Pferde davor im Vorwärts-Abwärts (muskulär) in „Grund und Boden“ geritten hat. Trotz optischer Aufrichtung laufen die Pferde vermehrt auf der Vorhand.

Es findet dabei somit auch KEINE signifikante GEWICHTSVERSCHIEBUNG in Richtung Hinterhand statt, auch nicht bei der heutigen Form von „Hankenbeugung“, Bei einer korrekten Hankenbeugung müssen sowohl das Hangbein ALS AUCH das Stützbein gebeugt sein und ein Entbinden der Schultern durch Anheben des Widerrist stattfinden! Eine derartig korrekte Hankenbeugung ist heute kaum noch zu sehen.

Die sogenannte „RELATIVE Aufrichtung“ setzt voraus, dass der Bewegungsdruck der Hinterhand nach Vorwärts-AUFWÄRTS fließen kann und so das Pferd (gewichtstechnisch) aus der Reiterhand mehr und mehr heraushebt. Reine Physik! Dazu muss aber das Pferd – im Minimum – bereits in der sogenannten „Gebrauchshaltung“ (Nase über Hüftgelenk) gehen, damit überhaupt eine Chance bestünde es, durch Motivation der Hinterhand bei gleichzeitig passiver Reiterhand, noch etwas weiter – RELATIV – aufzurichten. Auch ist man vom Willen und der Bereitschaft des Pferdes abhängig dies überhaupt tun zu wollen. Wäre das Pferd, wie oben beschrieben, darauf VORBEREITET WORDEN, dann ginge das!

Wurde nun aber das Pferd VORWÄRTS-ABWÄRTS oder noch schlimmer „in die (falsch verstandene) TIEFE“ der „Jagdhundschnüfflerfakultät“ geritten – wobei man dieses falsch verstandene Ziel dann auch oft noch, völlig unseriös, unter Zuhilfenahme von Hilfsmittel zu erreichen versucht – dann wird das Pferd diesen Willensbeitrag kaum leisten wollen bzw. leisten können und weiter mit der Tendenz Vorwärts-ABWÄRTS in die Reiterhand gehen. Es wird diesen Beitrag auch dann nicht wirklich leisten können, wenn man es in der sogenannten „korrekten Dehnungshaltung“ gearbeitet hat – denn auch hier ist die Tendenz „Vorwärts-Abwärts“.

Auch EIN Grund, warum man ROLLKUR reitet! Zwingt man das Pferd lange genug in diese Position, dann wird es sich, lässt man es etwas raus, versuchen aufrichten. Dies ist dann natürlich KEINE reelle Aufrichtung – da sind wir uns sicher alle einig! Bloß auch dieser Zusammenhang wird meist nicht so gesehen. Hätte man kein so intensives V/A zelebriert, dann wäre auch Rollkur keine „zwingende Notwendigkeit“, auch nicht für diese, mit nur begrenzten reiterlichen Fähigkeiten ausgestatteten Rollkur-Reiter. Auch der Aspekt KONTROLLE, der (zu Recht) als Begründung für Rollkur genannt wird, würde nicht mehr indem Maße bedeutend sein.

In eine Dressurhaltung mit höherer Aufrichtung, wie man sie durchaus noch vor über 50 Jahren sehen konnte, bekommt man kaum ein Pferd durch eine RELATIVE Aufrichtung. Zumal man ja erwartet, dass sich diese Aufrichtung mit der Zeit von selbst ergibt („Diese Hals- u. Aufrichtungsformen ergeben sich bei richtiger Ausbildung von selbst“ [1]) Hier musste auch die Hand bis zu einem gewissen Grad aufrichtend – ABER NICHT OBEN HALTEND – nachhelfen.

Auch die D.V.E. 12 von 1912 gibt einen ähnlichen Hinweis:

Der für eine sichere Hebelwirkung auf die Hinterhand erforderliche Grad der Aufrichtung [relative – Anm.d.Red] des Halses wird indessen nur bei Pferden mit besonders günstigem Gebäude lediglich dadurch erreicht werden, daß die Hinterhand bei passivem Verhalten der Hände durch Biegung niedriger wird. Wo dagegen Widerstände im Genick und in den Ganaschen [und in den Hanken – Anm.d.Red.] zu beseitigen sind, vermag der Reiter die nötige Aufrichtung nur unter aktiver Mitwirkung der Hände in Übereinstimmung mit den übrigen Hilfen zu erzielen.“ [2]

Leider ist man heute soweit, dass man in der „ABSOLUTEN Aufrichtung“ eine Form der Aufrichtung sieht, in der der Reiter Kopf und Hals des Pferdes anhebt UND „trägt“ und der Rücken, spannig weggedrückt, in seiner Bewegung beeinträchtigt ist. Gut, das sieht man durchaus sehr oft, eine solche Form der Aufrichtung hat aber nichts mit einer korrekten Aufrichtung zu tun!

Nochmal sei erwähnt, dass es in der Vergangenheit, damals, als man noch REITEN konnte, eine Unterscheidung RELATIVE vs. ABSOLUT nicht gab und der allergrößte Teil der Erarbeitung von Aufrichtung nach heutiger Terminologie ABSOLUT war – ohne allerdings – was natürlich absolut (Wortspiel) FALSCH ist – Hals und Kopf des Pferdes durch die Reiterhände zu tragen!

Quelleangaben:

  • [1] Richtlinie für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung – Band 1 Ausgabe 1994 – Seite 184
  • [2] Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12 von 29. Juni 1912 – Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Seite 187
  • [3] E.F. Seidler – 1846 – „Die Dressur diffizieler Pferde“ – Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn

Autor: Richard Vizethum
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Vom Reiten und Tanzen – etwas zum Nachdenken

Hab ihr Euch schon einmal die Frage gestellt, wie es sich wohl für ein Pferd anfühlt, wenn wir als Reiter vom Sattel aus mit ihm „kommunizieren“ und wie sich die unterschiedlichen menschlichen Persönlichkeits- und Verhaltensmuster auf das Pferd und sein Verhalten auswirken können?

WAS GLAUBST DU DENKT DEIN PFERD DABEI ÜBER DICH?

An dieser Stelle will ich eine sehr liebe Schülerin und Freundin zu Wort kommen lassen …

Trust-your-Horse - Tanzen und Reiten

REITEN UND TANZEN
(von Lara Ammon)

Mein „Aha-Erlebnis“ zu diesem Thema entstand bei einem Anfänger-Tanzkurs, den ich vor ein paar Jahren besuchte. Der Vergleich mag im ersten Moment vielleicht etwas seltsam anmuten, aber dieser Tanzkurs hat mir die Augen geöffnet, für das was mein Pferd beim Reiten fühlen könnte!

Beim Tanzen lässt man sich – ohne Worte – auf die „Führung“ seines (männlichen) Partners ein. Dies hat sehr große Ähnlichkeit zur ebenfalls nonverbalen Kommunikation zwischen Reiter und Pferd.

Im Folgenden möchte ich daher von meinen Erfahrungen auf diesem Anfängertanzkurs mit drei  sehr unterschiedlichen Tanzpartnern berichten und Euch den Vergleich zu Reiter und Pferd überlassen:

No.1 DER SCHÜCHTERNE

Mein erster Tanzpartner war genauso unerfahren wie ich und noch dazu sehr unsicher. Er wollte nichts falsch machen und hatte stets Sorge, mich zu grob zu führen. Dies führte allerdings dazu, dass es eben keine Führung gab! Was mich sehr verunsicherte und zur Folge hatte, dass wir mehr schlecht als recht über die Tanzfläche stolperten. Wieder und wieder kamen seine Richtungswechsel völlig überraschend und für mich völlig unerwartet. Seine Unsicherheit machte ihn unberechenbar, so dass ich mich ebenfalls immer unsicherer und angespannter fühlte. Am liebsten hätte ich selbst die Führung übernommen um aus dieser für mich unangenehmen Lage zu entkommen.

No.2 DER DOMINANTE BESSERWISSER

Tanzpartner Nr. 2 war das genaue Gegenteil: er war sich in allem was er tat sehr sicher und absolut von sich überzeugt. Allerdings war er auch recht grob und seine Signale kamen immer unangekündigt und sofort mit viel Druck bei mir an. Das führte dazu, dass ich zwar schon verstand wohin er wollte, es mich aber trotzdem immer irgendwie überrumpelte und ich mich durch die groben Signale und die hohe Körperspannung seinerseits ebenfalls unwohl, angespannt und  „herumgeschubst“ fühlte, was er wiederum nicht nachvollziehen konnte, denn er war sich zum einen keines Fehlers bewusst und zum anderen schien das gewählte Maß an Druck für ihn wohl normal gewesen zu sein.

No.3 DER „PROFI“

Da gegen Ende des Kurses ein Teilnehmer krank wurde, hatte ich das Vergnügen einen sehr  erfahrenen Tanzpartner an meine Seite zu bekommen. Er hatte eine sehr feine Art der Kommunikation und führte mit einer großen Ruhe und Sicherheit. Mit ihm fühlte ich mich sofort wohl. Seine Führung war immer klar und nachvollziehbar. Zu keinem Zeitpunkt wurde er grob. Unsere Bewegungen wurden leicht und fließend, obwohl sich an meinen tänzerischen Fähigkeiten in der Zwischenzeit nicht viel verändert hatte.

Eventuellen Parallelen zum Reiten darf sich nun jeder gerne selbst ziehen!

ANLEHNUNG – ein paar Worte dazu

Als ich mich auf meinen Theoriekurs „Vorwärts-Abwärts – Sinn oder Unsinn“ vorbereitete begegneten mir, wie schon so oft, Begrifflichkeiten wie „Anlehnung“, „An das Gebiss herandehnen“ oder „Vom Gebiss abstoßen“.

Wie bei den allermeisten Begriffen hat auch bei diesen Begrifflichkeiten jeder Leser mitunter ein anderes Bild im Kopf. Will man sie aber wirklich-wirklich verstehen, dann muss man sich von den – mitunter falschen Bildern – neuzeitlicher Definitionen lösen und sich auf den Weg in die Vergangenheit machen.

Trust-your-Horse - Anlehnung

Ich möchte mich zunächst einmal auf den Begriff ANLEHNUNG konzentrieren. Die beiden anderen Begrifflichkeiten lassen sich darunter subsummieren.

Nimmt man sich die Meister der letzten paar hundert Jahre vor, bei denen ANLEHNUNG thematisiert wurde, dann bleibt als Quintessenz folgende Aussage stehen:

„ANLEHNUNG ist IMMER Druck auf die Laden des Pferdes. Dieser kann sanft aber auch sehr stark sein. Die Entscheidung über die Stärke des Drucks hat das Pferd!“
(Richard Vizethum)

Mehr gibt es darüber nicht zu sagen!

Und „politisch korrekt“ sollte man hier auch nicht versuchen zu formulieren, dies würde nur zu realitätsfernen Formulierungen führen.

Formulierungen wie beispielsweise in der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Diese sind verwirrend und nicht zielführend:

„Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Das Pferd soll durch das taktmäßige, losgelassene Vorwärtsgehen, wofür der Reiter mit seinen treibenden Hilfen verantwortlich ist, die Anlehnung an das Gebiss suchen und somit an die Hand des Reiters herantreten … sie muss das Ergebnis der richtig entwickelten Schubkraft sein.“
(Richtlinie für Reiten und Fahren Bd.1 Seite 171)

Diese Aussage beinhaltet eine ganze Menge Voraussetzungen, die so von den Altvorderen, wenn sie über Anlehnung sprachen, nicht in diesem Zusammenhang thematisiert wurden und die auch nicht zu jedem Ausbildungsstand eines Pferdes erfüllbar sind.

Volle Anlehnung“ wurde beispielsweise bei Steinbrecht schon beim Anreiten einer Remonte erwartet. Zu einem Zeitpunkt, wo man weit davon entfernt ist, von einem taktmäßig und losgelassen vorwärtsgehendem Pferd sprechen zu können. Einem Pferd, dem man seine Schubkraft erst einmal unter dem Reitergewicht wieder zurückgeben muss um sie dann zu entwickeln.

Auch stellt die Formulierung
Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul
ein nicht zu erreichendes Optimum dar, zumal der Kontakt ja vom Pferd ausgehen soll!

In diesem Zusammenhang sind wir dann auch bei den Begrifflichkeiten „An das Gebiss herandehnen“ und „Vom Gebiss abstoßen“.

Im Grunde genommen darf man sich das wie folgt vorstellen:

Dem Pferd wird das Gebiss „hingestellt“. Dabei dürfen die Zügel nicht zu lang sein, dies dürfte sich von selbst verstehen, zumindest hat das u.a. Steinbrecht so verstanden. Das Pferd wird motiviert vorwärts zu gehen und soll sich nun an die „Grenze“ Gebiss herandehnen – und zwar nach vorwärts.

Erreicht es bei diesem Dehnen die Grenze und „dehnt“ es sich weiter, wird der Druck auf die Laden immer stärker. Das Pferd hat nun die Möglichkeit sich tiefer in den Schmerz rein und auf die Zügel zu legen oder vom Schmerz zu weichen, sich also „vom Gebiss abzustoßen“.

Der lose Zügel scheidet die Reitlehren

Streng genommen müsste dabei ein „loser Zügel“ entstehen, also jener Hauch von Kontakt, den man sich doch in allen Reitlehren wünscht.

Genau! Das klingt doch alles so ähnlich wie die „unverrückbare Hand“ (siehe General L`Hotte) bei François Baucher – „Main fixe“. Diese stellt ein zentrales Element dessen Zügelführung dar. Leider wird dies häufig mit „fester Hand“ übersetzt, was zwangsläufig ein anderes, falsches Bild erzeugt.

Baucher macht damit genau das gleiche wie Steinbrecht und andere. Er zeigt dem Pferd eine klare Grenze auf. Und auch er erwartet, dass sich das Pferd von dieser Grenze, dem „Gebiss, abstößt“.

Dennoch gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied, nämlich eben diesen losen Zügel!

Während bei Baucher der lose Zügel ein gewünschtes Ergebnis ist, das Pferd soll „hinter die Hand“ (nicht zu verwechseln mit „hinter die Senkrechte“!) gehen – sich also auch vom „Gebiss abstoßen“, ist dieser „lose Zügel“ bei der deutschen Reiterei absolut nicht erwünscht.

So kritisierte beispielsweise Louis Seeger in seinem Pamphlet „Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter“ Francois Baucher wie folgt:
… weil sein Pferd auch hierin hinter dem Zügel geht, also nicht die bedingte leichte, sondern gar keine Anlehnung hat“.

Er ging sogar so weit, in diesem Zusammenhang auch gleich noch Erklärungen für die Nutzung des Nasenriemens beim englischen Reithalfter, sowie über eine mögliche Stärke der Anlehnung mitzuliefern:

Den Nasenriemen kann Herr Baucher entbehren, weil er nie das Pferd andauernd mit steter ZügelANLEHNUNG führt, es mithin keine Gelegenheit erhält, sich der STRENGEN Wirkung der Gebisse durch zu freie Bewegungen der Unterkinnlade zu entziehen, welches der NASENRIEMEN zu verhindern bestimmt ist.

Der Unterschied zwischen Baucher und Vertretern der Deutschen Reitlehre (die aktuelle Deutsche Reitlehre sei hier mal ausgeklammert) ist also schlicht nur ein Hauch von Druck mehr (lässt man jetzt mal Seegers „STRENGE Wirkung der Gebisse“ beiseite) bei der Deutschen Reitlehre. Gerittenes Optimum (jede Seite reitet im Wortsinne ihrer Regeln) unterstellt …

Druck Baucher = 0 / Druck Deutsche Lehre = >1

Sieht nach einem kleinen Unterschied aus – oder?

Allerdings ist anzumerken, dass man bei Baucher die 0 SIEHT, während man bei der Deutschen Reitlehre kaum erkennen kann, ob der Druck nun 1 oder 1+x ist.

Weiterlesen:
ANLEHNUNG – noch ein paar Worte

Autor: Richard Vizethum
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Von der Wand weg

Sicher hat das jeder schon einmal erlebt, sein Pferd drängt über die äußere Schulter in Richtung auf eine Wand oder einen Gegenstand zu. Seinen Hals und Kopf hat es dabei nach innen, also weg von dem Gegenstand, gestellt.

Trust-your-Horse Pferd drängt nach Außen - Problem

Die Ursachen für dieses Verhalten können zwar vielfältig sein, doch sind in den allermeisten Fällen Fehler beim Sitz und/oder in der Hilfengebung des Reiters dafür verantwortlich, also nicht irgendwelche „Gespenster“ in irgendeiner Ecke.

Um nun aus dieser, mitunter problematischen Situation zu kommen, ist RICHTIGES und schnelles Reagieren notwendig. Die Lösung liegt dabei im Problem verborgen. Wenn das Pferd in Innenstellung nach Außen drängt, dann sollte es folglich auch in Außenstellung nach Innen weichen.

Trust-your-Horse - Pferd drängt nach Außen - Lösung

Und genau so ist es!

Der Reiter dreht sich dafür um seine Körperlängsachse ganz leicht mit Becken und Schultern nach außen. Diese Veränderung des Sitzes führt bereits zu einer mehr oder weniger starken Veränderung der Stellung des Pferdes in Richtung Außen. Da die Stellung für diese Korrektur eine zentrale Bedeutung hat, kann der äußere Zügel (auf der dem Gegenstand zugewandten Seite) durch leichtes Anheben diese Stellung nach außen etwas verstärken.
Nun kann sich das Pferd nicht mehr gegen das treibende Bein (nun das äußere Bein) stemmen.

Das Pferd weicht nach INNEN!

Natürlich funktioniert dies auch in der anderen Richtung!

Autor: Richard Vizethum
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Caféhaus-Dialog gesucht

Gräben hat es in der Reiterei schon immer gegeben. Schulen und Lehrmeinungen, ja selbst Menschen und Nationen, haben sich gegeneinander abgegrenzt. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Das Massenphänomen „Reiten“ und die modernen Sozialen Medien haben gar zu einer massiven Verschärfung beigetragen.

Trust-your-Horse - Cafehaus-Dialog

Wo zu früheren Zeiten noch Reiter, über alle Gegensätze hinweg, sich fachlich austauschten und dabei auf eigene Erfahrungen als Referenz zurückgreifen konnten, verkommt der „Dialog“ heute zu einer Zitatenschlacht: „X hat gesagt…“, „Y ist der Meinung …“, „Z widerspricht …“. Bildung, Erfahrungen und Selbstreflexionen spielen kaum noch eine Rolle.

Das eigene reiterliche Weltbild wird gehegt und gepflegt, die Wahrnehmung und Aufnahme von Wissen erfolgt selektiv – eben weltbildkonform.

Nun gut, das alles wäre kein Problem, würden wir über Radfahren philosophieren, doch wir haben es mit einem anderen Lebewesen zu tun. Einem Lebewesen, dem unsere Diskussionen nichts bedeuten, das aber darunter leiden muss.

Ich würde mir wünschen, dass weniger in sozialen Netzen geschrieben und sich mehr zum fachlichen Austausch getroffen wird, zu einem Austausch, bei dem Gedanken „entwickelt und nicht erarbeitet“ (Danke Dr. Hans-Walter Dörr) werden. Einem Austausch, bei dem das Pferd und dessen Wohl im Vordergrund stehen und nicht Olympiasiege das Ziel bestimmen.

Eigene Erfahrungen müssen dabei eine höhere Gewichtung haben als angelesenes Wissen. Denn häufig ist das was der Autor eines Schriftstückes mit einer bestimmten Aussage darstellen wollte, nicht das, was der geneigte Leser darunter auch versteht – denn man liest ja selektiv, dem eigenen Weltbild konform und dabei bleibt Erkenntnis auf der Strecke.

Lasst uns in Caféhäusern treffen und REDEN! Dann haben die Pferde vielleicht wieder eine Chance und wir geben der Bildung und nicht nutzlosen Informationen Raum.

Ich liebe Caféhäuser!

Mit einer Heuschnur zur feineren Hand

Wie fein sind Deine Hände, wie weich deren Kontakt mit dem Pferdemaul?
Wie „schwer“ fühlt sich dieses vermeindliche Mysterium „Anlehnung“ – jener beispielsweise in der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ der „Deutschen Reiterlichen Vereinigung„, als „stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul“ beschriebene Kontakt – bei Deinem Pferd an?

Trust-your-Horse - Heuschnur als Zügelersatz lehrt feines Reiten

Die Verbindung zum Kopf des Pferdes wird über Zügel hergestellt, und die Machart der Zügel bestimmt darüber wie „sicher“ der Kontakt ist. So gibt es beispielsweise – gerne benutzt – geflochtene Zügel, Zügel mit Gummibezug und Antirutschauflagen oder schwere, breite Zügel (Westernreiten). Was haben alle diese Zügel gemeinsam?

SIE HELFEN DEM REITER UND SCHADEN DEM PFERD

Dem Reiter wird es leichter gemacht die Zügel fest- und mit ihnen gegenzuhalten. Mit solchen Zügeln ist man eher versucht, anstelle der Finger, die Arme einzusetzen und  deren Kraft ziehend zu nutzen.

Nun ist „…ziehen mit den Armen zur Beherrschung eines Pferdes ein Beweis für die Unfähigkeit des Reiters„, wie es Jean-Claude Racinet ausdrückte. Denn wenn man zieht wird das Pferd dagegenziehen (Druck erzeugt Gegendruck | Zug erzeugt Gegenzug).

Dabei wird der Schmerz den das Pferd empfindet seinen Widerstand gegen die Reiterhand größer und größer werden lassen. Und auch der Reiter wird sich anstrengen müssen. „Jetzt hab ich mir schon wieder ein paar Handschuhe mit den Zügeln durchgescheuert…!„, sind neben Muskelkater das Ergebnis einer Auseinandersetzung bei der Reiter und Pferd verlieren.

Feines Reiten sieht sowieso anders aus.

MIT HEUSCHNUR UND OHNE HANDSCHUHE

Verwende doch mal, anstelle der Zügel eine Heuschnur, in der Stärke wie sie bei kleinen Heuballen üblich ist und verzichtet auch auf die Handschuhe.

Jetzt wirst Du merken, WIE fein Deine Hand tatsächlich ist. Wo sonst oft die Muskelkraft des Reiters das „Gleichgewicht“ beim Pferd herstellt – verlangt der Schmerz in der Hand mehr Intelligenz. Diese Erkenntnis kann man gewinnen, unabhängig davon, ob das Pferd ein Mundstück trägt oder gebisslos geritten wird. Gerade bei mancher gebisslosen Zäumung wird man plötzlich eine überaus schmerzhafte Überraschung erleben.

Und so manch, vermeindlich feine Hand, wird plötzlich spüren, dass doch mehr Kilos anstehen als gedacht.

Eine Heuschnur als Zügelersatz und Hände ohne Handschuhe lehren Dich, Deine Hände bewusster und feiner einzusetzen – zum Wohle des Pferdes.

Sicherheitshinweis
Man kann gerne die regulären Zügel als „Reserve“ eingeschnallt lassen.

Autor: Richard Vizethum
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