Der Schulgalopp – ein paar Worte dazu

Der GALOPP ist ein Galopp, eine NATÜRLICHE GANGART, ein SCHULGALOPP dagegen ist im eigentlichen Sinne KEIN Galopp und unterliegt somit nicht den Gesetzmäßigkeiten des Galopps!

T.Y.H. Der Schulgalopp - ein paar Worte dazu

De la Guérinière nannte diese SCHULGALOPP „Galopade“ und ordnete diese den KÜNSTLICHEN GANGARTEN zu.

Die Galopade oder der Bahngalopp ist ein vereinigter wohl zusammengenommener Galop, in welchem die Bewegung der Vorhand abgekürzt und die der Hinterhand geschwind ist; das heißt: ein Galop, in welchem die Hinterhand nicht geschleppt wird, und der durch die Gleichförmigkeit der Sprünge des Pferdes jene schöne abgemessene Bewegung hervorbringt, die den Zuschauer eben so sehr einnimmt, als sie dem Reiter Vergnügen gewährt.“[1]

Im Gegensatz zu einem korrekten NATÜRLICHEN GALOPP, welcher in einem Dreischlag ausgeführt wird, ist der SCHULGALOPP eine VIERSCHLAG-GANGART!
Dies ist aufgrund der starken Beugung der Hinterhand, als eine Charakteristika des SCHULGALOPPS, und der damit verbunden hohen Lastaufnahme auf diese, auch nicht anders möglich.

Diese Belastung der Hinterhand und deren „geschwinden“ Bewegung führen dazu, dass das äußere Vorderbein minimal zeitversetzt nach dem inneren Hinterbein fußen muss. Der „Diagonalsprung“ ist also „gebrochen“ und der „Galopp“ wird zur Vierschlagbewegung. Beim NATÜRLICHEN GALOPP wären diese beiden Beine assoziiert, würde also gleichzeitig fußen.

Waldemar Seunig schrieb dazu:
Das äußere Vorderbein fußt, den Sinnen kaum wahrnehmbar – so wie in der Pirouette -, erst einen Augenblick nach dem inneren Hinterbein“.[2]

Weiter führt Seunig aus: „In der Praxis werden wir bei deutlich hör- und sichtbarem VIERSCHLAG immer auch gleichzeitig die Wahrnehmung machen, daß der Galopp sein Hauptmerkmal – das fleißige Unterspringen – einbüßt. Seine Bewegungen verlieren ihre Flüssigkeit und Rundung, er wird schleppend und matt, steif und hackig.“[3] Damit wirft Seunig indirekt eine kleine akademische Fragestellung bezüglich des Versammlungsgrades und der Qualität der Ausführung des SCHULGALOPPS auf.

Je höher der Versammlungsgrad, desto größer der Verlust des Hauptmerkmals des Galopps et vice versa.

Eines aber ist immer gegeben:
Der korrekte SCHULGALOPP ist ein VIERSCHLAGGALOPP und wird deshalb auch zu Recht zu den KÜNSTLICHEN GANGARTEN gezählt.

Nuno Oliveira bekräftigt diese Aussage und positioniert sich klar gegen die Vorstellung, dass der SCHULGALOPP ein DREISCHLAG wäre:
Behaupten auch manche, der Galopp müsse immer ein Dreischlag sein, so kann man doch Galopp auf der Stelle und Pirouetten nur im Vierschlag ausführen.“[4].

Er bezieht dies nicht nur auf den Galopp auf der Stelle und die Pirouetten, sondern explizit auch auf den versammelten Galopp (Schulgalopp):

„Geht man zu einem Galopp mit sehr hankenverlagertem Gleichgewicht über, wird dieser versammelte Galopp [Schulgalopp] zu einem Vierschlaggalopp. Die Zweizeitigkeit des äußeren diagonalen Fußpaares erfolgt durch Aufsetzen des inneren Hinterbeines vor dem äußeren Vorderbein.“[5]

Nun kann man nach der Sinnhaftigkeit des SCHULGALOPPS fragen, doch auch diese Fragestellung hat in gewisser Weise nur akademischen Charakter, welche mit dem flapsigen Satz „Man kann ihn machen – muss es aber nicht!“ einfach beantwortet werden kann.

Der SCHULGALOPP erfordert vom Pferd ein hohes Maß an Balance, Koordination und vor allem auch Kraft. Er ist deshalb ein sehr großer Prüfstein für die RITTIGKEIT eines Pferdes.

Eines tut der korrekte, auf einem RITTIGEN PFERD ausgeführte, SCHULGALOPP keinesfalls: Er sorgt nicht, wie mancher – eher neuzeitlich angehauchter Reiter meinen mag – zu einer Qualitätsverschlechterung des NATÜRLICHEN GALOPPS! Eher ist, wie auch bei den anderen SCHULGANGARTEN, das Gegenteil der Fall. Allerdings ist die Qualität der Ausführung dafür ausschlaggebend.

Bild:

Die linke Seite des Bildes zeigt eine „Galopade“ welche dem Buch von Francois Robichon de la Guérinière über die „Reitkunst“ entnommen wurde, die rechte Seite des Bildes zeigt eine „Galopade“ durchgeführt von meiner großartigen Schülerin Sonja Leitenstern (Zentrum für klassische Reiterei) auf ihrem wunderbaren 10-jährigen Württemberger-Hengst „Dantano„.

Quellen:

  • [1] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 140
  • [2] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Seite 330
  • [3] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Seite 330
  • [4] Nuno Oliveira | „Gedanken über die Reitkunst“ | 1999 | Verlag Olms Presse | Seite 191
  • [5] Nuno Oliveira | „Gedanken über die Reitkunst“ | 1999 | Verlag Olms Presse | Seite 191

Eigene Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet“
Autor: Richard Vizethum
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Ich reite nach Baucher!

Auszug aus eigenen Notizen

ICH REITE NACH BAUCHER! Solche Aussagen liest oder hört man öfter und mitunter quittiert mit Anmerkungen wie „Nicht überall wo Baucher draufsteht ist auch Baucher drin!“.

Trust-your-Horse - Ich reite nach Baucher

WANN ABER REITET MAN NACH BAUCHER?

Wenn man sich akribisch an den Ausbildungsplan in der Erstfassung seiner „Methode der Reitkunst“ hält? Wenn man bestimmte Regeln einhält wie z.B. „Hand ohne Beine und Beine ohne Hand“?

WER RITT ODER REITET NACH BAUCHER?

Racinet, Oliveira oder Philippe Karl?

Ist es nicht eigentlich so, dass wir stehenbleiben, indem wir uns dogmatisch an Bauchers Veröffentlichungen halten und sagen „Ich reite nach Baucher!“?

Denn gerade dieses Stehenbleiben und im Wissen verharren, ist nicht Baucher. Er zeichnete sich stets dadurch aus, dass er bis zu seinem letzten Atemzug darüber nachdachte, wie man das Reiten verbessern, effektiver machen konnte.

So hat beispielsweise Baucher, dem es gelungen war die Kandare zu vebessern, in seinen letzten Tagen zu General l´Hotte gesagt:

„Sehen Sie, die Trense hat soviele Möglichkeiten. Setzen Sie sie folgerichtig ein, Sie werden sehen, sie steckt voller Schönheit. Wenn Widersetzlichkeit von oben, unten, rechts oder links kommt, immer liefert die Trense das Mittel sie zu beherrschen.“

NACH BAUCHER ZU REITEN BEDEUTET NACHDENKEN

Ich denke, nach Baucher zu reiten bedeutet in erster Linie einmal nachzudenken. Eine, im Zeitalter von Google und Wikipedia, stark in Vergessenheit geratene Fähigkeit.

Es ist die lebenslange Aufgabe, sich methodisch weiterzuentwickeln, Lehrmeinungen im Sattel (nicht nur theoretisch) zu hinterfragen und von allem unnötigen, das Pferd nutzlos belastenden, zu befreien. Nach Baucher zu reiten ist die stete Suche nach der Essenz des Reitens.

Reiter wie Racinet, Oliveira, Karl ritten oder reiten nicht nach Baucher im Sinne seiner Veröffentlichungen, sie sind aber Baucheristen im Sinne seiner Grundhaltung und Philosophie.

Wenn man mich als Baucheristen bezeichnet, dann erfüllt es mich mit demütigem Stolz und ich sage innerlich „Danke“, selbst dann, wenn derjenige, der es aussprach, es eher herablassend gemeint hat.

Autor: Richard Vizethum
Eigene Notizen
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Schulterherein – das Aspirin der Reitkunst

Schulterherein, das „Aspirin der Reitkunst“ wie Nuno Oliveira es bezeichnete, ist ein Heilmittel bei vielen reiterlichen Problemen. So eignet sich das Schulterherein – besser als dies das Vorwärts-/Abwärts kann – dazu ein Pferd zu lösen. Verspannte Pferde finden den Weg in die Tiefe. Beim Schulterherein wird eine Vielzahl von Muskeln gleichzeitig und intensiv trainiert.

Trust-your-Horse - Schulterherein,das Aspirin der Reitkunst

Das Konzept des Schulterherein war schon beim Herzog von Newcastle, dessen Lieblingsübung der Zirkel war, durch das „Kopf in die Volta“ vorgezeichnet.

Diese Übung, bei der auf einem Zirkel der Kopf des Pferdes einwärts und die Kruppe hinaus gestellte wurde, sorge nach Meinung La Guérinière dafür, dass „die Teile der Vorhand mehr im Zwang“ seien, „als jene der Hinterhand, und dass diese Übung ein Pferd auf die Vorhand“ brächte. Dabei stütze er sich auf ein Zitat des Herzogs von Newcastle. Dieser führte unter anderem aus, dass „die Schultern nicht gelenksam werden, wenn nicht der innere hintere Schenkel, im Arbeiten (sprich in der Bewegung) dem äusseren hinteren Schenkel vorgeht und nahe ist.“

Dies brachte La Guérinière zur Erfindung der Schule „Schulter einwärts“ (l’épaule en dedans), welche er im Jahre 1731 zum ersten Mal formell beschrieb.

Legt man seine folgenden Angaben: „Die Linie der Hanken muss nahe an der Mauer und die der Schultern muss ungefähr anderthalb bis zwei Schuhe (Längenmaß) davon entfernt sehn, wobei man es nach der Hand, worauf es geht gebogen hält…“ zu Grunde, so wurde dieses Schulterherein auf 4 Hufspuren mit einem Abstellwinkel von 30-40 Grad geritten.

Trust-your-Horse - Schulterherein Abstellungswinkel
PF = Pariser Fuß (Längenmaß um 1799)

La Guérinière sieht so viele nutzbringende Vorteile darin, dass er sie „als die erste und letzte von allen denen Schulen ansehe, in denen man ein Pferd unterrichten muss, um ihm eine Gelenksamkeit und vollkommene Freiheit in allen seinen Theilen zu verschaffen.“

Dieses Schulterherein unterstützt die Verbesserung von Balance und Gleichgewicht und es ist ein Mittel, um gegen die natürliche Schiefe beim Pferd zu arbeiten. Das Kiefergelenk des Pferdes wird entspannt, dass Pferd beginnt zu kauen und wird im Genick locker. Ein weiterer Erfolg des Schulterherein – in Vorbereitung auf die Versammlung – liegt in der vermehrten Hankenbeugung durch Absenkung der inneren Hüfte und der daraus resultierenden freien Bewegung der äußeren Schulter. Es kommt zu einem Anheben des Widerrists, wobei der Trapezmuskel im Bereich des Widerrists intensiv trainiert wird. Hankenbeugung und Anheben des Widerrists sind wesentliche Elemente der Versammlung.

Um aber diese Erfolge zu erzielen, ist es wichtig, das Schulterherein richtig auszuführen – andernfalls ist es nur ein verdrehter Seitengang, der das Gewicht auf die äußere Schulter des Pferdes bringt anstatt dieses geschmeidig zu machen. Beide Schultern müssen einwärts gedreht sein, die eine etwas mehr als die andere. Aus diesem Grund meinte Nuno Oliveira auch, dass es eigentlich „Schulternherein“ anstelle von „Schulterherein“ heißen müsse.

Es ist darauf zu achten, dass das Schulterherein im langsamen Schritt geritten wird. Dieser darf auch nicht zu ausgreifend sein, da aufgrund seines Bewegungsablaufs der Rücken sonst hohl wird. Das Gewicht des Pferdes muss auf dem inneren Hinterbein ruhen, nicht auf der äußeren Schulter.

Um einen maximalen Trainingseffekt zu erreichen, sollte das Schulterherein in der klassischen Variante nach La Guérinière mit einer Abstellung von 30-40 Grad und angemessener Biegung geritten werden, so dass das Pferd auf 4 Hufspuren läuft. Nur so bekommt diese Übung einen lösenden Charakter.

Das Schulterherein gemäß der Richtline für Reiten und Fahren (Band 2) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung weicht hiervon deutlich ab.

Entgegen der Ansichten de la Guérinières darf danach die Vorhand nur noch so weit hereingenommen werden, dass sich das äußere Vorder- und das innere Hinterbein auf einer Linie vorwärts bewegen, also auf drei Hufspuren. Dabei wird ein Abstellwinkel von ca. 30 Grad vorgegeben.

Alois Podhajsky, der ehemalige Leiter der Wiener Hofreitschule kritisierte in seinen Buch „Die klassische Reitkunst“ die Variante auf 3 Hufspuren. Für ihn ging der eigentliche Zweck dieser Übung „… das Biegen der Hanken, Freiwerden der Schultern und Verbessern der Anlehnung sowie die Erhöhung von Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit vollkommen verloren.“

Darüber hinaus geht das Schulterherein gemäß Richtlinie von einem idealisierten Bild einer Längsbiegung beim Pferd aus, welches in der Realität auf Grund der geringen Längsbiegbarkeit der Brustwirbelsäule nicht möglich ist. Um überhaupt auf 3-Hufspuren gehen zu können, kann – aus biomechanischer Sicht – die Abstellung nur zwischen 13,5 und 19 Grad betragen, nicht aber die geforderten 30 Grad.

Der besseren Lesbarkeit wegen wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
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