Die natürliche Haltung des Pferdes
oder Tiefe ist nicht gleich Tiefe

Die NATÜRLICHE HALTUNG und wie sie definiert ist

Der Begriff NATÜRLICHEN HALTUNG ist ein zentraler und bedeutender Begriff in der Pferdeausbildung. Er gehört aber auch zu den Begriffen, welche am stärksten missinterpretiert wurden und damit Fehlentwicklungen wie das Vorwärts-Abwärts (incl. Dehnungshaltung) begünstigt haben.

Dabei gibt es wohl kaum einen Begriff, der in der Vergangenheit präziser und interpretationsfreier beschrieben wurde, als der Begriff der NATÜRLICHEN HALTUNG.

Die NATÜRLICHE HALTUNG ist eine DEFINIERTE – also festgelegte GRÖSSE und nicht beliebig.

Sie ist jene Haltung des natürlichen, noch ungerittenen Pferdes, welche dem zukünftigem REITPFERD im Stand und in den Bewegungen am nächsten kommt und vom natürlichen Pferd eingenommen wird, um entspannt und energiesparend beispielsweise von A nach B zu gelangen.

Durch Stallmeister wie E.F. Seidler (1798-1865) oder Louis Seeger (1794-1865), beide Schüler des legendären Oberbereiters der Hofreitschule zu Wien, Max Ritter von Weyrother (1783-1833), welcher den Begriff des „denkenden Reiters“ prägte, wurde die NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes sehr präzise beschrieben und dargestellt. Im Folgenden finden wir Bild und Beschreibung von E.F. Seidler (1837 und unverändert 1843):

Trust-your-Horse - Die definierte NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes
Bild: grobe Skizze der definierte NATÜRLICHE HALTUNG

Das aus dem Remonte-Depot oder von dem Landmann erhaltene rohe Pferd [siehe Bild oben[1]] hat die Nase vorgestreckt, die Ganasche liegt nicht an den Unterhalsmuskeln an, die Ohrdrüse hat ihre Lage auf der innern Seite der Ganasche, das Genick hat eine Biegung rückwärts, die Halswirbel bilden einen Bogen abwärts, der Hals ist lang und gestreckt. Das untere Ende des Schulterblatts schiebt sich schräg nach vorn und unten, drückt auf das vordere Ende des Querarms, giebt demselben eine beinahe wagerechte Lage, das Buggelenk bildet einen kleinen Winkel, der Vorderfuß steht hinter der senkrechten Linie. Die Rückenwirbelsäule ist nach dem Widerrist zu niedriger, steigt nach der Lendengegend, zeigt daselbst sogar eine Neigung zum Bogen aufwärts. Der Hinterfuß steht bedeutend zurück, oft nicht einmal bis zur senkrechten Linie des Hüftgelenks, das Kniescheibengelenk ist noch hinter der senkrechen Linie der Hüfte, das Sprunggelenk gestreckt, überhaupt alle Gelenke der Hinterhand bilden stumpfe gedehnte Winkel, die vermehrte Schwere des Pferdekörpers neigt sich nach vorn[2]

Auch in den Reitinstruktionen und Vorschriften von 1882, 1912, 1926 und 1937 wird das Pferd in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG, wie eben von E.F. Seidler beschrieben abgebildet (in diesen schon unter dem Reiter bei der ersten Gewöhnung an das Reitergewicht).
Trust-your-Horse - Natürliche Haltung des Pferdes in den Richtlinien von 1882, 1912 und 1937
Von links nach rechts: 1882, 1912, 1937 (die Bilder von 1912 und 1937 wurden gespiegelt, so dass alle Pferde in die gleiche Richtung laufen). Auf dem Bild aus dem Jahre 1882 kann man in der Beschreibung das Wort „Natürliche Haltung“ lesen.

Louis Seeger, bei dem ich erstmalig den Begriff NATÜRLICHE RICHTUNG (die im Bild oben eingezeichnete Linie, welche von hinten oben, nach vorne unten verläuft) fand, beschreibt diese – ebenfalls für die weitere Ausbildung des Pferdes relevante Größe – wie folgt und bekräftigt damit die Darstellungen zur NATÜRLICHEN HALTUNG von E.F. Seidler:

„Was ferner die Wirbelsäule anbetrifft, die durch ihre Verbindung und Richtung doch eigentlich die Stellung des ganzen Pferdekörpers bestimmt, so sehen wir, dass sie vorn zwischen den Schultern niedriger gestellt ist, als hinten am Kreuz.[3]

Würde man nun die Linie der Wirbelsäulen-Dornfortsätze betrachten, dann möchte man der Aussage von Louis Seeger vielleicht nicht in Gänze folgen. Doch im weiteren Textverlauf präzisiert Seeger, was unter der NATÜRLICHEN RICHTUNG [im Folgenden auch als RÜCKENLINIE bezeichnet] exakt zu verstehen ist:

„Man muss hier nicht diejenige Linie des Rückens betrachten, die von den Wirbelfortsätzen, sondern die, welche von den Körpern der Wirbel gebildet wird; diese ist bei jedem Pferde ohne Ausnahme vorn niedriger als hinten.“ [4]

Im Zuge dieser Beschreibung weist er auch nachdrücklich darauf hin, dass dieser Ausrichtung der RÜCKENLINIE korrigiert werden muss:

„So lange als diesem Uebelstande [Vorwärts-Abwärts-Neigung – Anm. d. Red.] nicht abgeholfen wird, kann das Pferd nie im Gleichgewicht sein, besonders wenn es noch den Reiter tragen soll, dessen Gewicht durch diese Richtung der Wirbelsäule nach vorn geschoben wird, folglich nicht gleichmässig auf alle vier Beine vertheilt sein kann“.[5]

Bevor ich im weiteren Textverlauf das Thema NATÜRLICHE HALTUNG und GLEICHGEWICHT beleuchte, sei zunächst einmal festgehalten, was die NATÜRLICHE HALTUNG in seiner definierten Form auf keinen Fall ist …

Die NATÜRLICHE HALTUNG und was sie nicht ist

Keine für das REITEN bzw. für die Ausbildung der Pferde als relevant zu betrachtenden NATÜRLICHEN Kopf-Hals-Haltungen sind:

  • die Haltung eines grasenden Pferdes,
  • die Haltung eines Pferdes, das etwas auf dem Boden riecht,
  • die Haltung eines Pferdes, welches im Begriff ist, sich hinzulegen,
  • die Haltung eines Pferdes, welches in eine Angriffsbewegung geht,
  • sowie alle weitern, tiefen Haltungen die nicht der definierten NATÜRLICHEN HALTUNG entsprechen.

Ebenso sind Haltungen unter Anspannung, wie spektakulär und in der Natur vorkommend, diese auch immer sein mögen, KEINE NATÜRLICHEN HALTUNGEN im Sinne der beschriebenen Definition.

In der Reitliteratur voriger Jahrhunderte wurde stets davon gesprochen, dass die NATUR immer die Ausgangsbasis für die KUNST sein muss.

Leider wurde diese berechtigte Forderung von diversen Reiterpersönlichkeiten (ich meide hier den Begriff „Reitmeister“) ab Ende 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts fehlgedeutet und zum Anlass genommen, jede beliebige Haltung, solange diese nur vom Pferd NATÜRLICH eingenommen wird, als REITRELEVANT und als NATÜRLICHE HALTUNG einzustufen.

Deutlich tieferen Hals-Kopf-Positionen als die der DEFINIERTE NATÜRLICHEN HALTUNG (siehe oben), wurden von diesen neuzeitlicheren Reiterpersönlichkeiten gedankenlos als „Jagdhund-Schnüffelei“ und „Trüffelsucher“ etc. verniedlichend, zur Anwendung und Bekanntheit gebracht und lieferten eine der Grundlagen für das aktive Vorwärts-Abwärts-Reiten (incl. Dehnungshaltung) der heutigen Zeit.

Zu diesen tieferen Hals-Kopf-Positionen trug auch ein weiterer Begriff, den man völlig fehlinterpretiert hat, bei und zwar, der Begriff der TIEFE.

So wie dies schon E.F. Seidler mit „Aufrichtung aus der Tiefe“   formuliert hat, wird in den unterschiedlichsten Quellen, so oder so ähnlich, davon gesprochen, dass das Pferd „Anlehnung in der TIEFE finde müsse“ (sinngemäß: D.V.E. Nr. 12 von 1912) oder dass man dem Pferd „den Weg in die TIEFE zeigen müsse“ (ebenda), so es nicht bereit wäre, diese von selbst aufzusuchen.

Die alten Stallmeister – durch die Dienstvorschriften in die Neuzeit transportiert – haben uns, aber noch viel mehr den Pferden, unwissentlich mit der Verwendung des Begriffs TIEFE, ein ziemliches Ei, mit weitreichenden Folgen, ins Nest gelegt. Suggeriert uns neuzeitlichen Menschen (beginnend mit Anfang 20. Jahrhundert) dieser Begriff doch im Extrem eine Position der Pferdenase knapp über dem Boden – in der TIEFE eben.

Doch in der Zeit dieser Stallmeister, betrachtete man als TIEFE jene definierte GRUNDAUSRICHTUNG des Pferdes, quasi die „neutrale Haltung“, aus der heraus das Pferd nach OBEN-HINTEN („aus der Tiefe aufgerichtet“) gearbeitet wurde, bzw. zu der man mitunter bei Korrekturbedarf zurückfinden konnte oder musste. Dies mag ein Zitat aus der DVE 12 von 1912 (Seite 201) unterstreichen:

Findet eine Remonte nicht bald diese NATÜRLICHE HALTUNG, so muß sie einen Reiter erhalten, der es versteht, ihr gewissermaßen den Weg in die Tiefe zu zeigen.

Diese Grundausrichtung, also TIEFE ist die oben beschriebene und sehr klar definierte NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes!

Die NATÜRLICHE HALTUNG und das GLEICHGEWICHT

Besondere wichtig bei dieser Definition des Begriffes NATÜRLICHE HALTUNG ist DER zentrale Begriff der Reiterei (damaliger Zeit) schlechthin: das GLEICHGEWICHT.

Eine dauerhafte und nachhaltige Gesunderhaltung eines REITPFERDES ist nur im GLEICHGEWICHT möglich und alle Bestrebungen der Stallmeister dieser voranglomanen Zeiten waren auf die Erarbeitung der relevanten Gleichgewichtshaltungen ausgerichtet.

Gesunderhaltung der Pferde hatte hohe Priorität. Tierschutz ging, insbesondere in der preußischen Kavallerie, aber auch in der Folgezeit der deutschen Kavallerie bis in den 2. Weltkrieg hinein, vor Menschenschutz in der Ausbildung. Dies lag nicht nur an einer sentimentalen Einstellung zum Pferde, sondern auch daran, dass das Pferd, sein Unterhalt und seine lange Ausbildung, einen nicht unerheblicher Kostenfaktor für die Staatskasse darstellten.

Das Pferd war in der Kavallerie lange Zeit wichtiger als der Mensch. Denn das Pferd „war die Waffe“ oder „trug die Waffe an den Feind[6], und es bedurfte viel Zeit, ein Pferd auszubilden. Der Mensch dagegen war austauschbar.

Diese Wertschätzung gegenüber dem Pferd änderte sich allerdings etwas, als das Reiten „sportlicher“, anglomaner wurde. Das Pferd erbrachte die Leistung, der Reiter kassierte die Lorbeeren. Sportlich erfolgreiche Reiter wurden zu Helden in der öffentlichen Wahrnehmung. Das Pferd wurde austauschbar.

Zurück zum GLEICHGEWICHT …

Das GLEICHGEWICHT war stets das Ziel jeder DRESSUR, also jener formenden und gymnastizierenden Ausbildung des Pferdes.

In der obigen Beschreibung der definierten NATÜRLICHEN HALTUNG sprach Louis Seeger, von einem Übelstand, dem abgeholfen werden müsse und meinte damit die vorwärts-abwärts geneigte RÜCKENLINIE des NATÜRLICHEN PFERDES, denn ohne diese Korrektur „kann das Pferd nie im Gleichgewicht sein“.

Für das Pferd in seinem „Naturzustand“, also ohne Reiter, stellt dieses „fehlende“ GLEICHGEWICHT natürlich kein Problem dar, wie dies auch Gustav Steinbrecht (1808-1885), der Schüler von Louis Seeger treffend beschrieb:

Im Naturzustand mag daher das Pferd immerhin seiner natürlichen Neigung auf die Schultern folgen, denn es erleidet dadurch keinen Schaden, da es kein fremdes Gewicht zu tragen hat, seine Bewegungen nach eigenem Willen ausführt und seine Hinterbeine ungehindert nach Bedürfnis zur Unterstützung der Vorhand bereit hat.[7]

Jedoch – und nun darf man gut mitlesen – verändert der Reiter und dessen Anforderungen diese Situation für das Pferd und dessen körperliche Gesundheit grundlegend, wie Steinbrecht fortfährt:

Da es aber unter dem Reiter dessen Gewicht mit zu übernehmen hat und nach dessen Willen nicht nur bestimmte Gangarten, sondern dies auch noch in bestimmten Tempo und beliebig lange gehen soll, muß es, um dies mit Sicherheit und ohne Schaden für seine Beine tun zu können, ins GLEICHGEWICHT gerichtet werden, nach dem Grundsatz, daß einen richtig ausbalancierte Last viel leichter zu tragen und zu stützen ist, als ein außer Gleichgewicht befindliche.[8]

Eine Aussage, die wiederum auch Louis Seeger deutlich bekräftigte und gleichzeitig auf das weitere Vorgehen (AUFRICHTUNG) hinweist:

„Es ist daher von grösster Wichtigkeit, um das Pferd vollkommen ins Gleichgewicht zu richten, besonders unter dem Reiter, diesem Hindernisse des Gleichgewichts abzuhelfen. Wir haben gesehen, dass durch die Aufrichtung von Kopf und Hals die Richtung des Rückens [Rückenlinie – Anm.d.Red.] wagerechter wird, …[9]

Sowohl die Aussagen von Seeger und Steinbrecht belegen, dass in der definierten NATÜRLICHE HALTUNG (die Nase des Pferdes ist dabei in etwa auf einer Linie Höhe Hüftgelenk) sich nicht in einem (reitbaren) und für die Pferdegesundheit zuträglichem  GLEICHGEWICHT befindet.

Die Richtlinie für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung dagegen schreibt in ihrer Beschreibung zum „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“:

Das Pferd dehnt sich dabei VORWÄRTS-ABWÄRTS an das Gebiss heran. Um die Hinterhand aktiv zu halten, muss der Reiter evtl. etwas vermehrt treiben. Die Dehnung sollte mindestens so weit erfolgen, dass das Pferdemaul sich auf Höhe der Buggelenke befindet, aber höchstens so weit, wie es die Erhaltung des Gleichgewichts zulässt. Die Stirn-Nasenlinie des Pferdes bleibt vor bzw. an der Senkrechten. Die Hand des Reiters geht bei dieser Übung etwas in Richtung Pferdemaul vor, damit das anschließende Nachfassen und Verkürzen des Zügels leichter und weicher geschehen kann. [10]

Der Satz „Die Dehnung sollte mindestens so weit erfolgen, dass das Pferdemaul sich auf Höhe der Buggelenke befindet, aber höchstens so weit, wie es die Erhaltung des Gleichgewichts zulässt.“ ignoriert zum einen die Physik und zum anderen auch die Meinungen von Stallmeistern wie beispielsweise Louis Seeger oder E.F. Seidler, für welche eben das Pferd in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG, also einer höheren Einstellung, als Höhe der Buggelenke, zu Recht als NICHT IM GLEICHGEWICHT gilt.

Betrachtet man die dazugehörige Zeichnung auf der Folgeseite der Richtlinie“  erkennt man in dieser Darstellung zum „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“ jene Form, die gemeinhin als DEHNUNGSHALTUNG bezeichnet wird, welche häufig als „korrekte“ Variante des VORWÄRTS-ABWÄRTS genannt wird.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung steht damit in einem krassen Widerspruch zu den Aussagen wahrhaftiger Stallmeister wie Louis Seeger, E.F. Seidler oder Gustav Steinbrecht.

Und dies, obwohl man sich auf den Letztgenannten immer wieder sehr gerne beruft, um sich den Anstrich der KLASSIK zu geben.

Zum Abschluss dieses Beitrages über die NATÜRLICHE HALTUNG möchte ich noch einmal Gustav Steinbrecht – als kleinen Gedankenanstoß – zu Wort kommen lassen. In diesen Sätzen warnt er sehr deutlich vor den Folgen des Reitens auf der Vorhand. Eines Reitens welches in der heutigen Zeit Standard ist und durch aktives Vorwärts-Abwärts-Reiten weiter forciert wird:

Die Engländer, als Vertreter des Reitens in NATÜRLICHER RICHTUNG, müssen ihren Jagdpferden nach Beendigung der Jagden, trotz sorgfältiger und kostspieliger Stallpflege, durch Pflaster, Einreibungen und freie Bewegung in Boxen die Vorderbeine brauchbar zu erhalten suchen. Es sind dies alles vorzügliche Pferde, die besten für den praktischen Gebrauch, die England überhaupt zieht, weshalb sie auch ihren hohen Preise wegen selten durch die Händler auf das Festland kommen, sondern in England selbst verbraucht werden. Trotz alledem werden die meisten von ihnen schon nach wenigen Jagdsaisons noch im kräftigsten Alter bei Tattersall mit aufgeschlagenen Knien, Sehnenklapp oder anderen Gebrechen für wenige Guineen verkauft, um den Rest ihres Daseins in Posten, Omnibussen und Cabs zu verleben. Es hat mich oft geschmerzt, wenn ich diese schönen, starken Gestalten mit kräftiger und vollkommen unverbrauchter Hinterhand solchem Los verfallen sah, weil die geschwächten Vorderbeine dem Jagdreiter nicht mehr Sicherheit genug gewähren konnten. Verständen die Engländer, in der Zeit zwischen den Jagdsaisons diesen Pferden die Hinterhand richtig zu bearbeiten und zu belasten, so würden sie an ihnen nicht nur jahrein-jahraus die angenehmsten Promenadenpferde, sondern auch viel sicherere und ausdauernde Jagdpferde haben und sie ohne Pflaster und Salben bis ins hohe Alter hinein benutzen können. Es ist zu bedauern, daß eine Nation, bei der die Liebe zum Pferde Allgemeingut ist, und die in dessen Zucht und Erziehung unbestritten den ersten Rang einnimmt, einer Kunst so ganz untreu geworden ist, die früher auch bei ihr in so hoher Blüte stand. [11]

Und weiter schrieb Steinbrecht:

Die Gegner der Richtung des Pferdes ins Gleichgewicht [darunter darf sich gerne auch die neuzeitliche Reiterei subsummieren – Anm.d.Red.] eifern gegen eine Sache, die sie entweder gar nicht kennen, oder von der sie durch falsche Jünger der Kunst, die diese durch Unfähigkeit herabwürdigen und in dem Maße Schaden anrichten, als sie Nutzen stiften sollten, ganz unrichtige Anschauungen bekommen haben.[12]

Die NATÜRLICHE HALTUNG eine kurze Zusammenfassung

  1. Die NATÜRLICHE HALTUNG ist eine definierte Haltung ausgehend von einer REITBAREN HALTUNG des natürlichen Pferdes (Faustregel: Nase auf einer Linie Höhe Hüftgelenk bei einem normal gebautem Pferd)!
  2. Der Begriff TIEFE bezieht sich auf die NATÜRLICHEN HALTUNG des Pferdes. Alle Hinweise, wie z.B. „Anlehnung in der TIEFE suchen“ etc. haben ihre unterste Begrenzung in der NATÜRLICHEN HALTUNG!
  3. Alle Haltungen unterhalb der NATÜRLICHEN HALTUNG sind für das Reiten irrelevant und können zu Schädigungen der Gesundheit der Pferde führen.
  4. Das Hauptziel der Dressur ist das Verbringen des Pferdes in ein NEUES GLEICHGEWICHT (unter dem Reiter).
  5. Dies geschieht durch phasenweises AUFRICHTEN. Die Pferde bei den alten Stallmeistern wie z.B. E.F. Seidler oder Louis Seeger wurden zunächst durch Formung des Halses vorne aufgerichtet, bevor die Hinterhand „angefasst“ wurde.

Mit diesem Text, dass sei ergänzend angemerkt, soll auch manchem Experten der Zeitschrift CAVALLO (01/2020) die Möglichkeit gegeben werden, sich etwas ernsthafter mit der Materie auseinanderzusetzen.

[1] Ernst-Friedrich Seidler | „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler | 2. Unveränderte Auflage 1843 | Taf.IV Bild 1
[2] Ernst-Friedrich Seidler | „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler | 2. Auflage 1843 | Seite 47f
[3] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17
[4] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[5] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[6] Klaus Christian Richter | „Die Geschichte der deutschen Kavallerie 1919 – 1945“ | 2. Auflage 1982 | Motorbuch-Verlag Stuttgart | Seite 54
[7] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1.Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi | Seite 54
[8] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1.Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi | Seite 54
[9] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[10] Deutsche reiterliche Vereinigung (FN) | 2007 | „Richtlinie für Reiten und Fahren“ Band 1 | Seite 97
[11] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 46f
[12] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 47

Eigene Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet“
Autor: Richard Vizethum
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Reit- und Stallmeister

In den nächsten Wochen und Monaten versuche ich hier eine Liste bekannter Reit- und Stallmeister (mitunter finden sich hier aber auch Reiter, die nicht zwingend in diese Kategorien einzuorden sind, aber gewisser Bekanntheit frönen) chronologisch darzustellen. Dabei werde ich auch Lehrer-Schüler-Beziehungen aufzuzeigen, insbesondere unter dem Hintergrund der Weitergabe von Lehrmeinungen.

Plinzner, Paul (1855-1920) Leibstallmeister Kaiser Wilhelms des II, Schüler von Gustav Steinbrecht.

Steinbrecht, Gustav (1808-1885) Schüler von Louis Seeger.

Seeger, Louis (1794-1865) Schüler von Max Ritter von Weyrother.

Seidler, Ernst Friedrich (1798-1865) Schüler von Max Ritter von Weyrother.

Oeynhausen, Borries von (1812-1875) Schüler von Max Ritter von Weyrother.

Ritter von Weyrother, Max (1783-1833) stammte aus einer Dynastie von Oberbereitern. Sein Vater wr an der Hofreitschule zu Wien ebenso tätig, wie sein Bruder Gottlieb, dem er nach dessen Tod als Oberbereiter nachfolgte. Schon sein Großvater Adam Weyrother (ein Zeitgenosse de la Guérinière´s) war Oberbereiter an der Hofreitschule zu Wien.

De la Guérinière, François Robichon (1688-1751)

Diverse Quellen
Autor: Richard Vizethum
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