IRRTUM #1
Doch wer irrt hier wirklich?

In der romantischen Komödie Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand wurde der Held Cyrano durch den Viscount de Valvert in geckenhafter Weise wegen seiner Nase aufgezogen. Diese sehr plumpe und einfallslose Anmaßung quittierte Cyrano in ausführlichen und einfallsreichen Worten, an dessen Ende ein Fecht-Duell mit Valvert stand. Cyrano reimte, während er mit Valvert die Klingen kreuzte, eine Ballade[1] bei der er jeden Vers mit den Worten schloss:

Trust-your-Horse - Denn beim letzten Verse stech ich

Hier meine, auf der DVD „Jahrhundertirrtum Vorwärts-Abwärts„, gemachte Aussage, welche durch den Experten Knut Krüger in der CAVALLO 01/2020 eine Widerlegung finden sollte (Text wurde der CAVALLO entnommen):

Weder in den Reitlehren vor der H.Dv.12 noch der H.Dv. 12 gibt es eine Anleitung für das Reiten in Dehnungshaltung. Nach den Alten Meistern muss das Pferd aufgerichtet werden, sobald es an das Reitergewicht gewöhnt wird.

 

Der BALLADE 1. Vers
die Expertenmeinung des CAVALLO-Experten Knut Krüger betreffend

In seinem Widerlegungsversuch meiner Aussage schrieb der CAVALLO-Experte Knut Krüger:

„In der H.Dv.12 von 1912 ist das Reiten in die Tiefe sehr wohl beschrieben. Oft behaupten Ausbilder, dass es in der Reitlehre keine Belege für bestimmte Dinge wie zum Beispiel das Zügel aus der Hand kauen lassen gibt.“

Recherchen sollten immer möglichst umfassend sein, insbesondere, wenn man sich anschickt deutlich beleg- und begründbarere Aussagen damit zu widerlegen.

Nun, hier und dies mag ggf. durch die Redaktion von CAVALLO geschehen sein, darf man festhalten, dass schon die Bezeichnung der durch den Experten zitierten Dienstvorschrift nicht korrekt ist. Im Jahre 1912 handelt es sich nicht um die HDV. 12 von 1912, sondern um die D.V.E. 12 von 1912. Hier hätte ein Blick auf den vorderen Buchdeckel der Vorschrift genügt.

Knut Krüger hat Recht, wenn er davon schreibt, dass das „Reiten in die Tiefe sehr wohl beschrieben“ wurde, u.a. auch in besagter Dienstvorschrift. So wurde davon gesprochen, das das Pferd „Anlehnung in der TIEFE finde müsse“ (sinngemäß: D.V.E. Nr. 12 von 1912) oder dass man dem Pferd „den Weg in die TIEFE zeigen müsse“ (ebenda), so es nicht bereit wäre, diese von selbst aufzusuchen.

Nicht nur in den Dienstvorschriften, sondern auch bei alten Stallmeistern war der Begriff TIEFE in Gebrauch. So sprach E.F. Seidler (1798-1865) vom „Aufrichtung aus der Tiefe“.

Durch die Verwendung dieses Begriffs TIEFE aber haben uns und noch viel mehr den Pferden, jene alten Stallmeister – durch die Dienstvorschriften in die Neuzeit transportiert – unwissentlich ein ziemliches Ei, mit weitreichenden Folgen, ins Nest gelegt. Suggeriert uns neuzeitlichen Menschen (beginnend mit Anfang 20. Jahrhundert) dieser Begriff doch im Extrem eine Position der Pferdenase knapp über dem Boden – in der TIEFE eben. Was dazu führte, dass man Pferde mitunter wie „Jagdhunde schnüffeln“ und „Trüffel suchen“ lässt.

Doch zum einen wurde unter dem Begriff TIEFE in der Vergangenheit die ein-eindeutig definierte NATÜRLICHE HALTUNG (Faustregel: Nase des Pferdes in etwas auf einer Linie Höhe Hüftgelenk) des jungen Remonten verstanden. Diese war quasi die Ausgangsposition, aus der heraus das Pferd AUFGERICHTET und vermehrter AUF DIE HINTERHAND gesetzt wurde und zu der man bei Korrekturbedarf ggf. kurzzeitig zurückfand.

Zum anderen begrenzte sich die Relevanz dieses Begriffs auf den Zeitraum der ersten Gewöhnung des Pferdes an das Reitergewicht. Eines Zeitraums, der im Wesentlichen nur die ersten Tage des Anreitens betraf und mitunter vom Bild des STERNENGUCKERS geprägt war.

Dies mag ein Zitat aus der besagten D.V.E. 12 von 1912 unterstreichen, in der sowohl der Begriff der TIEFE, als auch der der NATÜRLICHEN HALTUNG (welche ebenfalls in der genannten Vorschrift bildlich dargestellt ist) gemeinsam und in einem verständlichem Zusammenhang Verwendung fanden:

Findet eine Remonte nicht bald diese NATÜRLICHE HALTUNG, so muß sie einen Reiter erhalten, der es versteht, ihr gewissermaßen den Weg in die Tiefe zu zeigen.[2]

Womit nun aber der Begriff TIEFE oder „Reiten in die TIEFE“ gar nichts zu tun hat, ist das „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“.

Das „ZÜGEL-AUS-DER-HAND-KAUEN-LASSEN“, war Bestandteil einer JEDEN Ausbildungsstufe des Pferdes (HDv.12 von 1937) und diente zur Verprobung der LOSGELASSENHEIT in kurzen Reprisen.

Ein guter Prüfstein für die richtige Arbeit sind nachgebende Zügelhilfen, wobei der Reiter sich die Zügel aus der Hand kauen lässt, ohne die treibenden Hilfen aufzugeben. Das Pferd muss dabei mit nach vorn gedehntem Halse, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.[3]

Ein Bildbeispiel findet man bei Waldemar Seunig[4] (besonders Pferd Nr.3 zeigt dies – und diese Meinung teilte auch der Verfasser – in vorbildlicher Weise) unter der Überschrift „Entwicklung der Losgelassenheit aus der Zwanglosigkeit“.

Lassen wir nun wieder den CAVALLO-Experten Knut Krüger sprechen:

Einerseits sollten wir vorsichtig sein, etwas zu verändern, das sich bewährt hat. Andererseits ist es wenig hilfreich, an einem alten Wissenstand festzuhalten.“

Ja, man sollte vorsichtig sein etwas zu verändern, was sich bewährt hat, jedoch ist genau dies lange vorher schon geschehen. Man hat im hohen Maße wahrhaft BEWÄHRTES verändert – in sehr vielen Punkten zu Ungunsten der Pferde.

Diese Veränderungen in der Pferdeausbildung hatten sicherlich auch pragmatische Gründe, welche in der notwendigen Anpassung des Einsatzspektrums der Kavallerien zu suchen sind. Die größeren Waffenreichweiten der Artillerie, die Repetierbarkeit der Handfeuerwaffen und das immer besseren taktische Einstellens der Infanterie (Karree anstelle von Linienformationen) machten erfolgversprechende Kavallerieattacken immer schwieriger.

Die Strecken, die zum Gegner während eines Chots (Angriff) zurückzulegen waren, wurden länger, ebenso wie jene, welche dabei im Galopp zurückgelegt werden mussten. Gegen 1870 waren dies schon 600-800 Schritte (450-600 Meter)[5]. Die Ausdaueranforderungen in schneller Gangart an die Pferde erhöhten sich.

Schon nach dem Frieden von 1815 legte man deshalb in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, einer größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur zentralen Gangart des Angriffs.

Man begann entsprechend sehr viel mehr Wert auf das Training des Galopps zu legen und die Pferde wurden länger gelassen. In manchen Kavallerien (beispielsweise Frankreich – Cadre Noire – Comte d´Aure), durchaus auch in Preußen, fand die angloman geprägte, versammlungslose Vorwärtsreiterei immer mehr Anklang. Dies jedoch ging zu Lasten der Gesundheit der Pferde.

1874 mahnte General von Schmidt, einer der bedeutendsten Kavalleriegeneräle seiner Zeit, aufgrund der steigenden Pferdeverlust (im „Alltagsbetrieb“) eine Rückkehr zur Ausbildung nach altpreußischem (vor 1806) Vorbild an[6]:

Es muss hierbei vorausgesetzt werden das (bezogen auf die Verlängerung der Galoppstrecke beim Chots [Angriff]):

Das die Pferde vornehmlich im Winter-Halbjahr, und sodann fortgesetzt während der Sommerübungen, nach den Grundsätzen und Regeln der altpreußischen Dressurmethoden[7] in die ihrem Gebäude angemessene, richtige Haltung, Aufrichtung, Beizäumung und Versammlung gesetzt worden sind, dieselben sich nicht schwer auf die Zügel legen und nicht fest in der Hand ihrer Reiter, sondern in allen Theilen weich und nachgiebig sind, und ihre Hinterhand gebogen[8] und untergeschoben worden ist, damit dieselbe im Stande ist, vermöge ihrer Elastizität und Spannkraft das Gewicht und die Stöße elastisch aufzunehmen, und dadurch die Vorderfüße zu schonen und zu erleichtern.

Hier beschreibt der General, welche Ausbildungsergebnisse er für die Pferde erwartete. Seine Ansichten, geboren aus großer reiterlicher Erfahrung (u.a. auch aus den Schlachten des Feldzuges von 1870/71), widersprachen entschieden dem damals allgemeinen vorherrschenden Zeitgeist, der eine derartige Pferdeausbildung nicht mehr für notwendig erachtete. Weiter fährt er fort:

Durch das vorstehend bezeichnete richtige Reitverhältnis und die gute Haltung der Pferde, die ihnen zur zweiten Natur geworden sein muß, wird denselben sowohl das Tragen des Gewichts, wie die erhöhte Arbeit unter demselben, insbesondere der verstärkte, verlängerte Galopp, in welchem sowohl Reiter wie Pferd sich wohl fühlen, eine Gewohnheitshaltung annehmen und mit Ruhe athmen lerne müssen, außerordentlich erleichtert und sie werden durch diese Haltung unverhältnismäßig geschont werden“.

In diesen Sätzen machte er deutlich, dass die altpreußische Ausbildung der Pferd und das damit verbundene Reiten in HALTUNG nicht nur die Pferd zu höherer Leistungsfähigkeit brachte, sondern das sie dabei auch in einem hohen Maße geschont werden.

Welche Gefahren und Probleme, durch die gegenteilige (anglomane) Art zu Reiten zum Ausdruck kommen, verdeutlichen seine weiteren Worte:

… während das entgegengesetzte Verhältnis, ein Vorstrecken von Kopf und Hals, ein stieres Genick, ein Festliegen auf den Zügeln in der Faust der Reiter, eine hohe intakte Hinterhand[9] und die dadurch bedingte Unfähigkeit, sich zusammenzuschieben und zu versammeln, sie ruiniert und vollständig aufreibt, besonders wenn in diesem Verhältnisse größere Anstrengungen, lange Galopps von 600 bis 800 Schritt von ihnen verlangt werden. Diese Verfassung ist aber nur die Folge davon, wenn der lange Galopp durch die vielfache und unausgesetzte Uebung desselben erzielt werden soll, ohne daß eine gründliche Durcharbeit des Pferdes seiner Befestigung in der Haltung vorhergegangen ist; nichts ist fehlerhafter wie dies.“.

Die weiteren Worte des Generals lasse ich sowohl ungekürzt als auch unkommentiert und lege sie dem geneigten Leser ans Herz, sich mit diesen etwas intensiver gedanklich auseinander zu setzen:

„Der lange Galopp muß ein Produkt der richtigen Vorbereitung und guter Durcharbeit, tüchtiger Dressur, der Biegung und Versammlung des Pferdes in versammelten Gängen in der Bahn sein. Wird er nur durch unausgesetzte Uebung wohl gar noch während der Winterdressur in der Bahn erzielt, so sind Struppirung der Vorderbeine, Ruin des Magens und der Lunge die unmittelbare Folge davon“.

„ … die Hindernisse des Bodens mit Leichtigkeit überwinden zu können, führt nur durch kurzes und versammeltes Reiten und Arbeiten in der Reitbahn, um die Pferde weich und nachgiebig zu  machen und in das Gleichgewicht zu setzen.“

„Der erhöhte Verbrauch von Pferdematerial in neuerer Zeit kommt nur daher, daß dieser Grundsatz nicht befolgt, hierauf nicht genug Werth gelegt, die Durcharbeit der Pferde nicht rationell genug betrieben wird und überhaupt die Kampagnenreiterei leider bergab gegangen ist, gute Reitlehrer und die richtigen Grundsätze in Betreff Bearbeitung des Soldatenpferdes für tüchtige Leistungen immer seltener geworden sind.

Jedermann weiß, es ist ein Erfahrungssatz und braucht nicht erst bewiesen zu werden, dass ein gut gestelltes, sich im Gleichgewicht bewegendes Pferd eine längere Ausdauer hat, weit größerer Leistungen fähig ist und sich weit länger konserviert, wie ein stieres, ungearbeitetes, schlecht gestelltes Pferd; aber die Geschicklichkeit und die Kunst, auch mangelhafte Pferdegebäude in die richtige Haltung und Verfassung zu bringen, ist allmälig immer mehr abhandengekommen.

Hier also hat man in der Vergangenheit bereits auf Bewährtes verzichtet und das Wissen darüber befand sich auf dem Rückzug. Die Mahnungen des Generals, welcher großen Einfluss hatte, leider aber ein Jahr nach seinem Bericht verstarb, wurden in den Wind geschlagen, ebenso wie Hinweise des Freiherrn von Krane bezüglich des Reitens in HALTUNG.

Jene (anglomane) Reiterei die General von Schmidt in seinem Berichtstext kritisierte, setzte sich ungehindert und heute muss man fast sagen – ungeniert – in die Neuzeit fort.

In Unkenntnis und der Ignoranz dem wirklich Bewährten gegenüber, glaubt man heute, dass das, was man da zusammenreitet, KLASSISCH sei und man versteigt sich sogar in großer Anmaßung dazu, aktuellen Lehrmeinungen den Nimbus der UNUMSTÖSSLICH zu geben.

Die immer aktiver werdende Vorwärts-Abwärts-Reiterei (incl. Dehnungshaltung) der Neuzeit setzt für die Pferde einen weiteren Gipfelpunkt negativer Entwicklung.

Weiter im CAVALLO-Experten-Text von Knut Krüger …

… Beispiel H.Dv.: Sie wurde bis 1937 dreimal überarbeitet. Danach wurde sie nicht fortgeschrieben, aber verändert. Das ist nur mündlich überliefert durch etwa Kurd Albrecht von Ziegner und Paul Stecken. Wahrscheinlich wäre die tiefere Dehnungshaltung und das tiefe Zügel aus der Hand kauen lassen in eine spätere Fassung aufgenommen worden – fast alle Kavalleristen lehrten das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen bis auf die Schnalle.“

Das die Dienstvorschrift, wie vom Experten Knut Krüger angesprochen dreimal überarbeitet wurde ist richtig, wenn man einen begrenzten zeitlichen Horizont zu Grunde legt. Tatsächlich aber gab es ständig Überarbeitungen von Ausbildungsanweisungen, Instruktionen und Dienstvorschriften in der Kavallerie.

Allein Friedrich II wurde nicht müde mit eigener Feder manches (taktische …) Reglement zu verfassen.

Die vom CAVALLO-Experten Knut Krüger genannten Anpassungen der Dienstvorschriften hatten ihre Ursache nicht in „besserem“ reiterlichem Ausbildungswissen, sondern sie waren im Wesentlichen der Tatsache geschuldet, das das Bildungsniveau der rekrutierten Mannschaften gesunken war …

Für den Mannschaftsersatz ergaben die stark landwirtschaftlich geprägten Provinzen Ostpreußen, Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Schlesien günstigerer Voraussetzungen für Rekruten mit ‚Pferdeverstand‘ als Industriegebiete oder Gebiete mit ausgesprochen kleinbäuerlicher oder gewerblicher Siedlung. So stammten beispielsweise 1927 53% der Freiwilligen aus ländlichen Gebieten und nur 47% aus Städten …[10]

Die HDv. 12 von 1926, welche weit ausführlicher formuliert war als die D.V.E. 12 von 1912 hat hier wohl so manchen Nachwuchskavalleristen intellektuell überfordert. Mit der HDv. 12 von 1937 trug man diesem Problem Rechnung.

Wenn der CAVALLO-Experte Herr Krüger der Meinung ist, dass man die Dienstvorschrift nach der Fassung von 1937 „nicht fortgeschrieben, aber verändert“ hat und diese Änderungen „nur mündlich überliefert“ seien, dann drückt das nur eines aus, dass Herr Krüger entweder nicht beim Militär war oder als schlichter Wehrpflichtiger nicht besonders tief in die Materie eingedrungen ist.

Beim Militär und dies insbesondere in der, noch immer von preußischer Disziplin geprägten damaligen Zeit, wurde jede Änderung schriftlich angewiesen. Entweder in den Richtlinien selbst (Fortschreibungen) oder es gab schriftliche Ausführungsanweisungen. So wie man kein Bildmaterial als Beleg für ein tiefes Einstellen der Pferde finden kann, so findet man auch nirgendwo entsprechendes (offizielles) schriftliches Material.

Was die mündlichen Überlieferungen anbelangt: In einer Zeit, in der die Ausbildung im Gelände zunehmend die dressurmäßige Arbeit in der Reitbahn verdrängte und man immer mehr den Trends anderer Länder (insbesondere Italien und Frankreich) zur Gewöhnung unter Ausschließung der Gymnastik[11] und dem stark vermehrten SPRINGTRAINING folgte, kann man nicht zwingend erwarten, dass die jungen Herrn Offiziere, sich mit ernsthafter Dressur auseinandergesetzt haben, bzw. noch genügend über wahrhaftig gymnastizierende Ausbildung der Pferde wussten. Entsprechend eingefärbt wurde dies von so manchem Kavalleristen in die Neuzeit weitergetragen.

Weiter schrieb der CAVALLO-Experte Knut Krüger:

„Nach der Kavallerie-Zeit wurde die Zucht umgestellt, sodass wir heute andere Pferde vorfinden als damals. Da wundert es nicht, dass es etwa bei der Anlehnung Schwierigkeiten gibt, wenn die Regeln der H.Dv.12 von 1937 eins zu eins übernommen werden.“

An diese Stelle muss ich nun doch etwas emotionaler werden. Diese Aussage ist, obwohl in der heutigen Zeit häufig (als Ausrede) gebraucht, blanker Unsinn, macht aber gleichzeitig deutlich wo das sogenannte Expertenwissen in unseren Tagen häufig bereits endet.

Zu allen Zeiten hat die Zucht oder auch die Natur „Produkte“ hervorgebracht, welche sich zunächst aufgrund physischer oder psychischer Problematiken für das GERITTENWERDEN als wenig geeignet zeigten. Selbst die in der heutigen Zeit  – neudeutsch ausgedrückten – „hypermobilen“ Pferde, welche man gerne ausschließlich unserer Zeit zuschreibt, kamen in der Vergangenheit immer wieder vor.

Der Unterschied zu heute war lediglich, dass die STALLMEISTER von Damals, welche mitunter im Rang von Professoren standen und Reiten an Universitäten lehrten, noch das Wissen hatten, mit solchen Problemen umzugehen und niemals auf die Idee gekommen wären, es der „Unzulänglichkeit“ einer Dienstvorschrift anzulasten, „dass es etwa bei der ANLEHNUNG Schwierigkeiten“ mit solchen Pferdetypen geben könnte.

Um sich darüber tiefere Kenntnis zu verschaffen, wäre es „nur“ erforderlich, frei von jeglichem neuzeitlichen Denken, die Bücher von E.F. Seidler, Louis Seeger, Wilhelm Baumeister, des Freiherrn von Krane, Theodor Heinze und vielen anderen Stallmeistern – denn diese Liste ließe sich beliebig verlängern – gründlich zu studieren und nicht immer nur kontextbefreite, das eigene reiterliche Weltbild stützende Zitate rauszukratzen.

Nächster Punkt des CAVALLO-Experten Knut Krüger:

Im Übrigen wurde die H.Dv.12 für Kriegszwecke abgefasst – kaum werden neben unseren Pferden heute noch Granaten einschlagen. Aus beiden Gründen halte ich es für sinnvoll zu überdenken, ob die Selbsthaltung in Verbindung mit der damals geforderten straffen Zügelführung noch durchführbar und zeitgemäß ist.

Nein, lieber Herr Krüger, die D.V.E. 12 von 1912, die HDv.12 von 1926 und jene von 1937 wurden, gleichwohl sie die Ausbildung von Kavalleriepferden und –reitern betrafen, nicht zu „Kriegszwecke(n)“ abgefasst. Es ging darin primär um die Ausbildung von Pferden zu Reitpferden und Menschen zu Reitern.

Natürlich kamen auch Waffenübungen darin vor, beispielsweise „Gewöhnung an Lanze und Degen“ in der D.V.E. 12 von 1912 (Seite 246 – 4 Zeilen) oder Übungen mit Säbel und Pistole in der HDv. 12 von 1937 (Seite 109f – 15 Zeilen). Dies kann man aber nun wohl kaum eine ausführliche, spezifische Ausbildung zum „Kriegszwecke“ nennen. Auf das „Schussfest machen“ der Pferde wurde Ausbildungstechnisch überhaupt nicht eingegangen!

Lieber Herr Krüger, was ihren Teil-Satz „ … ob die Selbsthaltung in Verbindung mit der damals geforderten straffen Zügelführung …“ anbelangt, überlasse ich es Ihnen und den geneigten Lesern der CAVALLO, den Widerspruch darin zu erkennen.

Dennoch eine kleine Anmerkung hierzu: ANGLOMAN GERITTENE PFERDE bedürfen oft eine „straffe Zügelführung“. RITTIGE PFERDE (z.B. nach altpreußischer Methode) haben als ANLEHNUNG (Angebot an das Pferd sich bei Bedarf abstützen zu können) einen Hauch von Nichts auf Zunge und Lade und lassen sich in JEDER HALTUNG mit kaum merklichen Veränderungen des Drucks reiten, da RITTIGE PFERDE bestrebt sind den gleichmäßigen Druck („Hauch von Nichts“) stets zu erhalten.

Nun zu den Schlussworten des CAVALLO-Experten Knut Krüger …

Wer einzelne Punkte aus einem Reitsystem bzw. einer Reitlehre herauspickt (etwa nur in Aufrichtung reiten ohne mehrmonatige vorausgehende Arbeit am Boden), entwirft damit oft ein verzerrtes Bild eines an sich schlüssigen Ausbildungssystems. Und wer (nur) die Alten Meister zitiert, müsste viel darüber wissen, was damals als selbstverständlich vorausgesetzt wurde.

Ich kann nur zustimmen, was das „herauspicken“ anbelangt und die damit verbundene Verzerrung eines Ausbildungssystems.

Nur stellt sich hier die große Frage, warum man extrem schlüssige Ausbildungskonzepte der Vergangenheit, welche in der Lage waren Hochleistungspferde zu „erschaffen“, welche selbst extremste Belastungen (mitunter 12 Stunden und mehr unter dem Sattel) aushalten konnten, ohne Schaden an Körper und Geist zu nehmen, durch Fehlinterpretationen so verstümmelt hat, dass nur ein Zerrbild einer Lehre geblieben ist, welches man dann auch noch gerne gedankenlos, mit den Begriffen KLASSISCH und UNUMSTÖSSLICH schmückt?!

Was das zitieren „Alter Meister“ anbelangt, überlasse ich dies gerne den Personen, die sich über Zitate versuchen diesen Meistern anzunähern.

Ich studiere die Werke dieser Meister mit wissenschaftlicher Akribie, ziehe Sekundärliteratur zu Rate, betrachte die Entwicklung von Begrifflichkeiten über die Zeiten hinweg. D.h. heißt, ich versetzte mich sehr tief in die Gedanken und die Zeit dieser großartigen Stallmeister hinein.

Und dazu haben ich auch noch das Privileg jeden Tag, fast 365 Tage im Jahr, mit den besten Lehrmeistern arbeiten zu dürfen: den Pferden! Sie und das theoretische Studium geben mir auch Erkenntnisse darüber, „was damals als selbstverständlich vorausgesetzt wurde“ und ermöglichen mir auch solche Lücken zu schließen.

Für die Pferde, diese wunderbaren Tiere und deren Gesundheit setze ich mich mit ganzer Kraft ein – auch ein Grund für diese Zeilen.

Auf den Text im Kästchen („Aus der H.DV.12 (Fassung von 1912) Teil III „Dressur der Remonten“) der Widerlegungsseite des Experten Herrn Knut Krüger werde ich nicht weiter eingehen, denn dem geneigten Leser sollte die Richtigstellung des „Widerspruchs“ bereits in diesem meinem Text aufgefallen sein.

Jedoch werde ich der Vollständigkeit halber das von der CAVALLO angeführte Zitat hier ebenfalls aufführen.

Die Aufrichtung des Halses darf erst beginnen, nachdem das Pferd die sichere Anlehnung in der Tiefe gewonnen hat.“ (…) „Der Reiter muss stets, besonders bei vermehrter Beizäumung, im Pferde das natürliche Streben wach erhalten, den Hals auszudehnen, somit an die Hand heranzugehen.

Soweit zum ERSTEN VERS, den ich wie Cyrano de Bergerac mit den Worten enden lassen möchte …
Trust-your-Horse - Denn beim letzten Verse stech ich1

[1] BALLADE: [volkstümliches] Gedicht, in dem ein handlungsreiches, oft tragisch endendes Geschehen [aus Geschichte, Sage oder Mythologie] erzählt wird.
[2] DVE 12 von 1912 |“Reitvorschrift DVE 12 von 1912“ | 29.06.1912 | Verlag: Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Seite 201
[3] HDv 12 von 1937 |“Heeresdienstvorschrift HDv 12 von 1937“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck WuWei-Verlag 2008| Seite 134
[4] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Bild Seite 165
[5] Eine Meile (knapp 7,5 Kilometer) hatte 10.000 Schritte | 1 Schritt damit 0,75 Meter (600 Schritte = 450 Meter | 800 Schritte = 600 Meter).
[6] Kaehler | „Die preußische Reiterei von 1806 bis 1876 in ihrer inneren Entwicklung“ | 1879 | Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck Europäischer Geschichtsverlag 2015 | Seite 330ff
[7] General von Schmidt spricht sich hier für die altpreußischen Dressurmethoden von vor 1806 und im Grunde noch etwa bis 1848 aus.
[8] Der Begriff „Biegen“ bedeutet: das Biegen in den Gelenken, Genick, Rücken und Hinterhand und geringgradig das seitliche Biegen, welches man neuzeitlich diese Begriff zuschreibt und damit den ursprünglichen Begriffsinhalt konterkariert.
[9] Eine weitgehend untrainierte Hinterhand
[10] Klaus Christian Richter | „Die Geschichte der deutschen Kavallerie 1919 – 1945“ | 2. Auflage 1982 | Motorbuch-Verlag Stuttgart | Seite 27
[11] Major Moßdorf | „Von der klassischen Reitkunst zum neuzeitlichen Stil beim Reiten über Hindernisse“ | Deutsche Kavallerie-Zeitung – Beiheft 2 vom 1.2.1938 | Verlag Deutsche Kavallerie-Zeitung | Seite 3

Antwort auf den Widerlegungsversuch eines CAVALLO-Experten

Autor: Richard Vizethum
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Rücken-, Schenkelgänger und mehr

1882 erschien in erster Auflage im Hahnverlag das Buch „Die Bearbeitung des Reit- und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ Autor war Bernhard H. von Holleuffer.

Er gilt bei vielen als derjenige, der die Begriffe RÜCKENGÄNGER und SCHENKELGÄNGER erstmalig erwähnte. An anderer Stelle werden die Gebrüder Günther (1859) sowie d´Elpons (1877) genannt.

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Bild: De la Guérinière in jungen Jahren – „Schulgerechter Schritt – Pass“

In seinem Buch schrieb von Holleuffer völlig richtig …
Man unterscheidet deshalb Rückengänger und Schenkelgänger.
Die letzteren verrichten die Bewegungen ohne Mitgebrauch der Wirbelsäule, die Bewegungen sind hart oder gespannt, nicht raumgreifend, entweder übereilt oder träge, sie richten ihre Beine und die Reiter zugrunde, sie stehen entweder hinter dem Zügel oder liegen tot auf demselben und sind nicht zuverlässig im Gehorsam.
Die Rückengänger bedienen sich dagegen bei allen Bewegungen der Schwingungen nach vorn und nach unten: je kräftiger und spielender diese sind, je aktiver und raumgreifender, je weicher und elastischer, frischer und entschlossener sind die Bewegungen, die Pferd und Reiter gesund erhalten und das Erstere dem Letzteren in vollkommenem Gehorsam in die Hand spielen.“ [1]

Allerdings irrte sich von Holleuffer in seinem Glauben, dass diese Schwingungen in einem sich bei jeder Bewegungsfolge wiederholenden AUF- UND ABWÖLBEN DER WIRBELSÄULE bestehen.

Ebenso erging es Paul Plinzner (welcher in seinem Werk „Das dressierte Pferd“ ebenfalls den Begriff Schenkelgänger [2] gebrauchte) indem er davon sprach, dass Hinterhand und Vorhand durch „den in elastischer Aufwölbung vibrierenden Rücken“ verbunden seien. [3]

Plinzner, ein Schüler Steinbrechts, hätte diesen Gedankenfehler durchaus erkennen können, denn er war es, welcher aus Gustav Steinbrechts Notizen das Buch „Das Gymnasium des Pferdes“ [4] verfasste. Dort führte Steinbrecht (vor 1885) ebenso wie der Schweizer Pferdearzt Hermann Schwyter mit seiner 1907 erschienenen Arbeit „Über das Gleichgewicht des Pferdes“ Holleuffers Theorie „auf ihr richtiges Maß – nämlich DEN HERGEGEBENEN RÜCKEN – zurück“.

Aber auch diese beiden Herren brachten nur altes Wissen zu neuen Geltung. Das Wissen um den HERGEGEBENE RÜCKEN, existierte schon lange vor ihnen. Leider schien es, durchaus auch aus bewußter Ignoranz, in Vergessenheit geraden zu sein.

So war der HERGEGEBENE RÜCKEN bei E.F. Seidler ein elementar zu nennender Begriff. Seidler widmete in seinem Werk „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchs-Pferdes“ (1837) dem HERGEBENEN RÜCKEN viel Raum [5]. Auch wies er, ohne den Begriff „Schenkelgänger“ zu benennen, auf die Gefahr eines „KRAMPFHAFT ANGESPANNTEM RÜCKEN“ hin (Beispiel):

Den Stichtrab muß man bei jungen Pferden in erster Zeit unterdrücken, weil sie diesen nur mit krampfhaft angespanntem Rücken hervorbringen.“ [6]

WAS NUN ABER IST DIESER „HERGEGEBENE RÜCKEN“ EIGENTLICH?

Schlicht und einfach gesagt: ES IST KEIN KRAMPFHAFT ANGESPANNTER RÜCKEN – das war es im Grunde genommen schon!

Was der „hergegebene Rücken“ NICHT ist, er ist KEIN AUF- UND ABSCHWINGENDER RÜCKEN, welchem die Rückenfanatiker (ab Ende des 19. Jahrhunderts – die Biomechanik des Pferdes völlig ignorierend – huldigen.

Leider hat sich das Bild des AUF- UND ABSCHWINGENDEN RÜCKENS welches dem Herrn von Holleuffer wohl vor Augen gestanden hat, eisern über die Zeit gehalten, sich dabei tief in die Köpfe mehrerer neuzeitlicher, anglomaner Reitergenerationen gefräst und führte zu völlig unsinnigen Trainingsmethoden – wie beispielsweise aktives VORWÄRTS-ABWÄRTS, aber auch ROLLKUR!

Und es führt dazu, dass wirklich gut ausgebildete und gut gehende Pferde als solche nicht erkannt, mit Kritik überhäuft und diffamiert werden, obwohl diese mit HERGEBENENEN RÜCKEN (Rückengänger) laufen. Damit wird die Gefahr immer größer, dass die GUTEN BILDER mehr und mehr aus unseren Köpfen verschwinden werden.

Mit der traurigen Konsequenz:
REITEN UND REITKUNST ADE!
Ja, was Worte so manchmal bewirken können.

Quellen:

  • [1] Bernhard H. von Holleuffer | „Die Bearbeitung des Reit- und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ | Hahn’sche Buchhandlung | 1882 | Seite 37
  • [2] Paul Plinzner | „Das dressierte Pferd im praktischen Leben“ | Verlag Friedrich Engelmann | 2. Auflage 1907 | Seite 17
  • [3] Paul Plinzner | „Das dressierte Pferd im praktischen Leben“ | Verlag Friedrich Engelmann | 2. Auflage 1907 | Seite 25
  • [4] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 1885
  • [5] E.F. Seidler | „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchs-Pferde“ | Ernst Siegfried Mittler Verlag | 1837 | Seiten: 6, 10, 32, 39, 40, und viele Seiten mehr
  • [6] E.F. Seidler | „Die systematische Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchs-Pferde“ | Ernst Siegfried Mittler Verlag | 1837 | Seite 41

Eigene Notizen
Autor: Richard Vizethum
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STREIT DER REITLEHREN – ein paar Gedanken dazu

Letzte Korrektur: 10.12.2017

Der ganze „moderne“ Streit – insbesondere zwischen den DEUTSCHEN (Deutsche Reitlehre) und FRANZÖSISCHEN (Baucher) reiterlichen Fakultäten – basiert, ketzerisch gesprochen – schlicht und ergreifend auf offensichtlicher Ignoranz, scheinbarer Unwissenheit und eines gewissen Maßes an Faulheit!

Trust-your-Horse - Reitlehrenstreit

So ziemlich alles, was an guter Reiterei in Europa existierte (bewusst in der Vergangenheitsform geschrieben), findet im Wesentlichen seine Grundlagen in dem Werk  des Franzosen de la Guérinière (* 8. Mai 1688; † 2. Juli 1751).

Von ihm wurde auf beiden Seiten des Rheins mit großer Hochachtung gesprochen, war er es doch nach dem mittelalterlichen Pluvinel (* 1555; † 1620) DER Reitmeister mit dem größten und nachhaltigsten Einfluss auf die Reitkunst ab dem 18. Jahrhundert.

Der Übersetzter des Werkes der „Reitkunst …“ von de la Guérinière, J. Daniel Knöll (Fürstlicher oranien-nassauischer Bereiter) ging nicht nur davon aus, dass die meisten seiner reiterlichen Fachkollegen de la Guérinière´s Werk im Original gelesen haben (!), sondern er merkte auch sehr deutlich an:

„Denn wo ist das deutsche Reitbuch, welches auf einige Gründlichkeit Anspruch machen kann, worinnen de la Guérinière nicht mit seinen Grundsätzen paradieren muß?“ [1]

Will heißen, kein deutscher Autor eines Reitbuches in der damaligen Zeit (Mitte bis Ende 18. und Anfang 19. Jahrhundert), welcher für sein Werk den Anspruch auf Gründlichkeit reklamieren wollte, kam an de la Guérinière vorbei!

Auch das Wissen der Wiener Hofreitschule in der Vergangenheit (denn heute ist man ja auf anderen Wegen unterwegs) basierte auf dem Werk von  de la Guérinière, ergänzt und erweitert von Max Ritter von Weyrother, Louis Seeger und dem Freiherr von Oeynhausen.
Der Vollständigkeit wegen sind auch noch zu erwähnen die sogenannten „Directiven“ von Franz von Holbein-Holbeinsberg und das k.u.k.Exerzierreglement für die Kavallerie.

Ja, bei diesem Wissensfundament war man sich lange Zeit einig – auf beiden Seiten des Rheins!

Die besseren Stallmeister (in der, und für die Breite) in der Zeit um und nach de la Guérinière fanden sich wahrscheinlich auf deutscher Seite, insbesondere auch in der preußischen Kavallerie.Die deutsche „Reitweise“ dominierte die Reiterei Europas [6].

Friedrich der Große (* 24. Januar 1712 in Berlin; † 17. August 1786 in Potsdam) und sein großer Kavalleriegeneral Seydlitz (* 3. Februar 1721 in Kalkar; † 8. November 1773 in Ohlau) hatten die vorher „plumpe“ preußische Kavallerie unmittelbar nach Ende des 1. Schlesischen Krieges (1740-1742) umfangreich reformiert und zur besten und vorbildlichsten Kavallerie der damaligen Zeit gemacht. Schießen und Fußdienst wurden in den Hintergrund gedrängt und dem Reiten mehr Beachtung geschenkt [2].

„Alle taktischen Manöver sind mit größter Schnelligkeit, alle Schwenkungen in kurzem Galopp auszuführen. Die Kavallerieoffiziere müssen die Leute vor allem zu vollendeten Reitern erziehen, die Kürassiere müssen ebenso wendig und geschickt zu Pferd sein wie ein Husar und mit dem Gebrauch des Säbels wohlvertraut sein.“ [2]

Dieser Abschnitt aus Friedrichs Instruktionen zeigt sehr deutlich die Verschiebung der Gewichtung und gibt einen Hinweis auf die notwendige Rittigkeit der Pferde.

Die französische Kavallerie war – obwohl Frankreich nach de la Guérinière reich an Reiterpersönlichkeiten war – die wohl schlechteste Kavallerie der großen Nationen. Ausgestattet mit ungenügendem „Pferdematerial“ und noch unbegabteren Reitern (man musste manche Attacken in langsamerer Gangart reiten, bestand doch die Gefahr, dass die Reiter aus dem Sattel fallen konnten) konnte sie allenfalls durch Kühnheit und Mut brillieren [2], Wissen über die Reitkunst kam aber nicht zum Einsatz.

Hinzu kam auch noch, dass die französische Kavallerie zur Zeit Napoleons zunächst keinen so hohen Stellenwert mehr in der Armee hatte und von oft inkompetenten Generälen verheizt wurde. Dies änderte sich auch nicht durch die Einrichtung der Cadre Noir in Saumur 1814.

Eine große Ausnahme allerdings stellten die „Chasseurs d’Afrique“ (erstmals 1830 in Algerien aufgestellte leichte Kavallerie) dar. Diese waren in Gänze mit hervorragenden Berberpferden ausgestattet. Da diese Pferde schon „in Haltung“ gingen, beschäftigte man sich allerdings auch hier nicht besonders mit der Reitkunst.

Die Preußen dagegen hatten zwar Anfangs des 19. Jahrhunderts ebenfalls den Nachteil schlechteren „Pferdematerials“, doch machten sie diesen „Nachteil“ durch intensiverer Beschäftigung mit dem Wissen um die Reitkunst mehr als wett.

Ab wann nun stritten die „Gelehrten“?

Einen heftigen „Gelehrtenstreit“ dürfte es damals aber nicht gegeben haben, gleichwohl es durchaus Nicklichkeiten zwischen einzelnen Schulen und Stallmeistern gegeben hat, welche man getrost unter dem Begriff „Handwerks-Neid“ [6] abwerten kann. Auch trennten sich nach de la Guérinière die Wege der akademischen und der militärischen Reiterei, doch gestritten wurde zwischen diesen beiden Fakultäten – dies aber durchaus sehr kontrovers – fast ausschließlich um den Sitz des Reiters [5].

Die größeren und grundsätzlicheren „Streitigkeiten“ begann erst – und jetzt wird es hypothetisch – mit Francois Baucher!

Er, der sicherlich durchaus ein Erneuerer war, fand sich nicht entsprechend gewürdigt und sein „empfindliches Temperament“ [3] welches ihn oft übermannte gab ihm Veranlassung zu „menschenverachtenden Stimmungen“ [3]. Wenn man dagegen aber die sehr große Schar seiner Bewunderer betrachtet (zu der ich mich lange, trotz dieser kritischeren Worte, mit mancher Einschränkung auch zählte), hätte es für ihn eigentlich keine Veranlassungen zu derartigen Reaktionen geben müssen.

Baucher wurde zwar durchaus heftig kritisiert – ja – was aber sicherlich auch eine Ursache in seiner überzogenen Selbstdarstellung hatte. Die Stallmeister vor ihm waren bedeutend demütiger und fühlten sich mehr der Sache (der Reitkunst) als der eigenen Person verpflichtet. Auch kam hinzu, dass Vieles, was Baucher als NEU propagierte und mit Nachdruck als solches vertrat, schon lange vor ihm, insbesondere in Preußen, gelebte Praxis war! Ein weiterer Aspekt der zu durchaus berechtigter Kritik an seiner Person führte.

Mit Baucher kam – meiner Ansicht nach – eine, nennen wir es einmal, unschöne Stimmung, in die Diskussionen.

Auch wenn viele deutsche Autoren (Seeger [8], Seidler [7], von Knorr, Steinbrecht …) kritische Worte zu Bauchers Methode fanden, hatte dies keine, wie häufig gerne behauptet wird, nationalistische Hintergründe gehabt, sondern es waren eher reiterliche Bewertungen.

Im Jahre 1842 wurde ein komplettes Quedlinburger Kavallerieregiment (7. Kürassier-Regiment) für ein Jahr abkommandiert, um Bauchers Methode zu erproben [4]. Die haben das nicht gemacht um Baucher zu kritisieren, sondern um festzustellen, ob seine Methode für die preußische Kavallerie von Nutzen sein könnte – ganz pragmatisch! Diese Arbeit, welche „1843 nach dem grossen Kavalleriemanöver unter Wrangel bei Berlin so eklatante Misserfolge zeitigte, dass diese unbedingte Beizäumungsmethode für ewige Zeiten untersagt wurde, denn die Pferde schnellten sich aus derselben heraus, keinem Zügel mehr gehorchend“ [4], wurde danach nicht mehr weiter verfolgt.

Ähnliche kritische Worte fanden auch seine Landsleute, so dass ihm letztendlich die offizielle Tür nach Saumur (Cadre Noir) verschlossen blieb. Nun gut, das hatte sicher auch seine Gründe in der sich, wie an anderen Orten, ebenso in Frankreich ab 1815 stark verbreitenden „schneidigen“ anglomanen Reiterei. So kann man beispielsweise den Vicomte d´Aure (er leitete Saumur von 1847–1854), Bauchers größten Gegner in Frankreich, getrost zu dieser reiterlichen Spezies zählen.

Baucher hatte viele renommierte Stallmeister sehr sauer gemacht. Nicht durch seine „neue“ Methode! Über diese hätte man sicher gesittet diskutiert, so wie es sonst auch geschah. Nein, es war seine unangenehm anmaßende und insbesondere in seiner Anfangszeit durch nichts gerechtfertigte Überheblichkeit, die er dem Wissen und der Leistung anderen gegenüber an den Tag legte.

Eine besonders scharfe Kritik an Baucher möchte ich hier einmal zitieren:

Noch niemals ist mir ein Buch zu Gesicht gekommen, welches mit gleicher Anmaßung, Verachtung alles außer ihm Bestehenden und Aufschneiderei sein Thema behandelt. Dies möchte ich dem Autor aber noch nachsehen; denn er ist Franzose, und hat sich als solcher vielleicht die Sprache der bekannten Bülletins Napoleons zum Muster genommen. Herr Baucher bringt uns aber auch nichts Neues, was gut wäre.“ (F.von Knorr) [9]

Aber nun gut – wieder zurück zu den Diskussionen zwischen den Reitlehren

Ich glaube mit Baucher haben sich die Sachthemen immer stärker vermischt mit persönlichen Befindlichkeiten der einzelnen Protagonisten. Je weiter man sich dabei der Neuzeit annähert, desto ausgeprägter und unqualifizierter wurden die Differenzen.

Offensichtliche IGNORANZ hielt in breiter Front Einzug. „Ich will mich nicht mit der anderen Seite beschäftigen, denn die andere Seite ist BÖSE!“ könnte als Überschrift darüber stehen. Auch hier sind persönliche Befindlichkeiten die Haupttriebfeder und behindern jede objektive Betrachtung und jeden konstruktiven Austausch.

Na ja, und dann darf man ja auch die anglomane Reiterei nicht vergessen, sie eroberte Kontinentaleuropa in großen Schritten. Sie stellte die Abkehr von nahezu allem dar, was man unter REITKUNST verstehen kann.

Nach dem Frieden von 1815 legte man in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, der größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur Gangart des Angriffs. Diese Punkte wurde nahezu ausnahmslos in jeder Armee als Verbesserung angesehen [2] und prägten entsprechend die Reitvorschriften, in Deutschland wie in Frankreich (eben u.a. durch d’Aure).

Das was in Deutschland, auch schon mit der Reitvorschrift von 1912, aber ganz extrem mit der HDv. 12 von 1937 zu Papier gebracht wurde und in noch vereinfachterer Form in der aktuellen Deutschen Reitlehre gelandet ist, lieferte nun fast grenzenloses Material für Diskussionen. Die neuzeitlichen Bilder der „Reiterei“ gießen nur noch mehr Öl ins Feuer des „Gelehrtenstreits“ und so kann die eine Seite (französische Lehre) sich als gut darstellen, während die andere Seite (deutsche Lehre) als schlecht betrachtet wird et vice versa.

Und hier kommen meine Eingangsworte „scheinbare UNWISSENHEIT“ und „FAULHEIT“ zur Bedeutung.

Baucher mit der aktuellen Deutschen Reitlehre zu vergleichen, ist genauso, als würde man eine Birne (Baucher) mit einem verfaulten Apfel vergleichen. Ein solcher Vergleich, gerne von neuzeitlichen „Baucheristen“ herangezogen, ist unseriös, birgt unnötigen Konfliktstoff und deutet entweder auf UNWISSENHEIT oder bewusstes (deshalb „scheinbar“) Unterschlagen hin. Bei einigen Protagonisten die sich im „Gelehrtenstreit“ sonnen, spielt möglicherweise auch FAULHEIT (in der Wissensfindung) eine Rolle!

ICH HOFFE, DASS WIR ALLE UNS IRGENDWANN EINMAL WIEDER AUF SCHÖNES, FEINES REITEN BESINNEN, WO PFERDE WICHTIGER SIND ALS MENSCHEN UND DER SINNLOSE „GELEHRTENSTREIT“ DER VERGANGENHEIT ANGEHÖRT.

Bedauerlicherweise erfordert dies von der aktuellen Deutschen Reitdoktrin – vor allem in der Form ihrer Umsetzung – ein besonders starkes, aber im Augenblick nicht erkennbares Umdenken! Aber auch den „Baucheristen“ täte es gut ihren Meister deutlich kritischer zu hinterfragen!

[1] de la Guérinière, Reitkunst, Vorrede des Übersetzers
[2] Friedrich Engels – 1858 – Kavallerie
[3] General Alexis l´Hotte, Ein Offizier der Cavallerie
[4] Otto von Monteton, „Unsere Pferde“ 7. Heft – über stätische Pferde – Zusammengefasst im Werk „Über Reitinstruktionen“
[5] von Oettingen -1885 – „Über die Geschichte und die verschiedenen Formen der Reitkunst“
[6] von Hochstätter – 1839 – „Militär und Civilreiterschule neuerer Zeit …“
[7] E.F. Seidler – 1844 – „Unparteiische Ansichten über das Bauchersche System der Pferde-Dressur“
[8] Louis Seeger – 1852 – „Herr Baucher und seine Künste. Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter“
[9] F.von Knorr – 1843 – „Ansichten eines Nichtüberzeugten von Bauchers Methode“

 

Autor: Richard Vizethum
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Wieder einmal VORWÄRTS-ABWÄRTS

Da ich in meiner täglichen Arbeit wieder und wieder mit diesem leidigen Thema konfrontiert werde, möchte ich ERNEUT ein paar Worte über das VORWÄRTS-ABWÄRTS verlieren.

Trust-your-Horse - Wiedereinmal Vorwärts-Abwärts

NEIN, es wurde in der Geschichte der Reiterei ZU KEINER ZEIT in den heutigen Formen und der heutigen Intensität geritten!

NEIN, die Neuzeit hat KEINE besseren Erkenntnisse, die das Vorwärts-Abwärts begründen würden (Behauptung mancher Therapeuten)! Die Herrschaften von Damals verstanden WEIT MEHR von Biomechanik als man dies in der Neuzeit für sich in Anspruch nehmen darf.

NEIN, die sogenannten „Zeitzeugen“ die ihr Wissen von ihren Vätern haben, haben nicht Recht! Sie haben unreflektiert und gedankenlos FALSCHES übernommen. Das „Jagdhundschnüffeln“ ist blanker Unsinn!

NEIN, es gibt KEINE Form von etwas, was man heute als Vorwärts-Abwärts bezeichnet, dass aus der Vergangenheit (z.B. HDv.12 von 1937 …) abgeleitet werden kann!

NEIN, Vorwärts-Abwärts hat NICHTS mit Vertrauensbildung zu tun!

NEIN, Vorwärts-Abwärts (in seiner heutigen Ausprägung) hat keinen therapeutischen Nutzen!

NOCHEINMAL SEI GESAGT:

Das „Pferd in die Tiefe reiten“ wo es Anlehnung finden sollte, hatte seine Bedeutung im Wesentlichen NUR in der REMONTEN-Ausbildung, in der sehr kurzen Phase in welcher man das Pferd an das Reitergewicht gewöhnte, gegen welches es zu Beginn UNTER UMSTÄNDEN (auch nicht immer) in unterschiedlicher Weise opponierte (Beispiel STERNENGUCKER – siehe auch „1 Ursache, 3 Aufgaben, eine Menge Fehlinterpretationen). Nach dieser Phase kam es allenfalls zu Korrekturzwecken zum Einsatz.

Als TIEFE, die sowohl von den Stallmeistern, als auch von den Dienstvorschriften immer wieder angesprochen wurde, verstand man NATÜRLICHE HALTUNG (siehe auch Bild) des Pferdes, eine definierte und beschriebene Haltung.

Die HÖHE DER KOPFSTELLUNG sollte sich nach der Richtung der Rückenwirbellinie (gestrichelte Linie a – siehe Bild) richten und die Nase nicht tiefer als diese Linie kommen (also i.d.R. Höhe Hüftgelenk). Auch wenn DIESE (Achtung Aufgepasst!) Kopf-/Halsstellung „in der ersten Zeit MITUNTER ETWAS TIEF ERSCHEINT“ (E.F. Seidler 1846). Diesen kleinen Hinweis von Seidler bitte intensiv lesen und richtig verstehen!

Die in der heutigen Zeit als „korrektes“ Vorwärts-Abwärts definierte DEHNUNGSHALTUNG (konvexe Halsoberline, Nase Höhe Buggelenk) hat seine mehr oder weniger (optische) Entsprechung im „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“ der Vergangenheit.

Das „ZÜGEL-AUS-DER-HAND-KAUEN-LASSEN“, war Bestandteil einer JEDEN Ausbildungsstufe des Pferdes (HDv.12 von 1937) und diente zur Verprobung der LOSGELASSENHEIT in kurzen Reprisen, ist aber sonst nicht von relenvanten ausbildungstechnischem Nutzen:

Ein guter Prüfstein für die richtige Arbeit sind nachgebende Zügelhilfen, wobei der Reiter sich die Zügel aus der Hand kauen lässt, ohne die treibenden Hilfen aufzugeben. Das Pferd muss dabei mit nach vorn gedehntem Halse, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.[1]

Die DEHNUNGSHALTUNG heute – als aktiv betriebenes Übungselement – gab es zu KEINER ZEIT und sie macht in dieser Intensität trainingstechnisch überhaupt KEINEN SINN! Ganz im Gegenteil sie ist KONTRAPRODUKTIV.

Übermäßig geritten macht es eine RELATIVE AUFRICHTUNG (welche man grundsätzlich hinterfragen sollte) letztendlich sogar unmöglich!

VORWÄRTS-ABWÄRTS IST DAS GEGENTEIL EINES HEILMITTELS!

Manche Formen schaden zwar nicht, sie haben aber auch keinen Nutzen.

Einige Formen schaden dagegen massiv. Wer sich über Rückenprobleme, Sehnenschäden, fehlende Trapezmuskulatur etc. etc. etc. bei seinem Pferd wundert, sollte bei der Ursachenforschung nicht unbedingt in die Ferne schweifen. Sehr, sehr häufig ist das Vorwärts-Abwärts und dessen trainingstechnische Folgen, die Ursache!

Die Therapeuten freut es und sie empfehlen munter weiter Vorwärts-Abwärts als Heilmittel.

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

[1] HDv 12 von 1937 |“Heeresdienstvorschrift HDv 12 von 1937“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck WuWei-Verlag 2008| Seite 134

Autor: Richard Vizethum
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Gleichgewicht Basis der Balance

Letzte Korrektur: 06.12.2017

Unter dem GLEICHGEWICHT im physikalischen Sinne versteht man die gleichmäßige Verteilung einer Masse im Stand auf die vorhandenen Stützflächen. Bei Lebewesen, in deren natürlicher Grunddisposition, wird dieses Ideal nicht erreicht. Es gilt aber: Je weniger Stützflächen vorhanden sind, desto näher kommt die Masseverteilung diesem Ideal.

In der Bewegung spricht man sinnvollerweise im günstigen Fall von einem kontrolliertem Ungleichgewicht, welches man auch treffend mit dem Begriff BALANCE umschreiben kann.

Trust-your-Horse - Gleichgewicht - Basis der Balance

Das Gleichgewicht stellt bei Lebewesen so etwas wie die Referenzgröße für dessen sensomotorisches System dar. Dieses System ist, vor allem dann, wenn das Lebewesen sich bewegt, bestrebt das jeweilige Lebewesen, an dieser Gleichgewichtsvorgabe ausrichtend, in der Balance zu halten.

In seiner natürlichen Disposition ist das Pferd weit von dem oben beschriebenen Gleichgewichtsideal entfernt. Zwei maßgebliche Faktoren tragen hier wesentlich dazu bei.

Zum einen die starke Vorhandüberlastung, welche es dem Fluchttier Pferd ermöglicht, hohe Geschwindigkeiten bei vergleichsweise geringem Energieeinsatz zu erreichen.

Zum anderen die „natürliche Biegung“ (ich vermeide die Begrifflichkeit „natürliche Schiefe“, denn diese vertauscht Ursache und Wirkung) oder Händigkeit des Pferdes. Dessen Ursache dürfte, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, mit der Lage des Fötus im Mutterleib in Zusammenhang stehen, also einen eher logistischen Grund haben.

Ein Pferd als Pferd ist in einem natürlichen Gleichgewicht

Dennoch spricht man auch beim Pferd von einem Gleichgewicht, einschränkend als „natürliches Gleichgewicht“ bezeichnet.
Für die Nutzung des Pferdes als Reitpferd allerdings ist dieses natürliche Gleichgewicht problematisch.

Einerseits begünstigten die Faktoren dieses Gleichgewichts die instinktiven Kräfte des Pferdes – gegen den Reiter. Dieser muss weit mehr „Hilfen“ zu deren Korrektur einsetzen – was wiederum das Pferd belästigt.

Andererseits sorgt das Gewicht des Reiters und dessen Masse für eine ungünstige Belastung der Struktur des Pferdes (Knochen, Muskeln …), was dessen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Motivation in der Konstellation des natürlichen Gleichgewichts ungünstig beeinflusst.

Ein Pferd braucht man nicht in die Balance bringen, dass macht es von ganz allein. Man muss ihm nur das neue Gleichgewicht für ein Reitpferd vermitteln.

In jedem Abschnitt steigender Dressur erlangt das Pferd eine besondere Art von Gleichgewicht
(E.F. Seidler – 1837)

Trainingstechnisch gilt es nun ein „neues Gleichgewicht“ im Pferd zu etablieren. Dies geschieht dadurch, dass man bestehende Bewegungs- und Haltungsmuster durch häufiges Wiederholen von „neuen“ Bewegungsabläufen langsam verändert.

Gleichzeitig damit wird sich automatisch auch das sensomotorische System des Pferdes auf das veränderte Gleichgewicht einstellen und an dieser Referenz das Pferd neu ausbalancieren.

Zwei wesentliche Muster müssen dabei vorrangig „reprogrammiert“ werden:

  • Die „natürliche Biegung“: Das Pferd ist geradezurichten;
  • Die Vorhandüberlastung: Das Pferd ist verstärkt auf die Hinterhand umzulasten.

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
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