IRRTUM #1
Doch wer irrt hier wirklich?

In der romantischen Komödie Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand wurde der Held Cyrano durch den Viscount de Valvert in geckenhafter Weise wegen seiner Nase aufgezogen. Diese sehr plumpe und einfallslose Anmaßung quittierte Cyrano in ausführlichen und einfallsreichen Worten, an dessen Ende ein Fecht-Duell mit Valvert stand. Cyrano reimte, während er mit Valvert die Klingen kreuzte, eine Ballade[1] bei der er jeden Vers mit den Worten schloss:

Trust-your-Horse - Denn beim letzten Verse stech ich

Hier meine, auf der DVD „Jahrhundertirrtum Vorwärts-Abwärts„, gemachte Aussage, welche durch den Experten Knut Krüger in der CAVALLO 01/2020 eine Widerlegung finden sollte (Text wurde der CAVALLO entnommen):

Weder in den Reitlehren vor der H.Dv.12 noch der H.Dv. 12 gibt es eine Anleitung für das Reiten in Dehnungshaltung. Nach den Alten Meistern muss das Pferd aufgerichtet werden, sobald es an das Reitergewicht gewöhnt wird.

 

Der BALLADE 1. Vers
die Expertenmeinung des CAVALLO-Experten Knut Krüger betreffend

In seinem Widerlegungsversuch meiner Aussage schrieb der CAVALLO-Experte Knut Krüger:

„In der H.Dv.12 von 1912 ist das Reiten in die Tiefe sehr wohl beschrieben. Oft behaupten Ausbilder, dass es in der Reitlehre keine Belege für bestimmte Dinge wie zum Beispiel das Zügel aus der Hand kauen lassen gibt.“

Recherchen sollten immer möglichst umfassend sein, insbesondere, wenn man sich anschickt deutlich beleg- und begründbarere Aussagen damit zu widerlegen.

Nun, hier und dies mag ggf. durch die Redaktion von CAVALLO geschehen sein, darf man festhalten, dass schon die Bezeichnung der durch den Experten zitierten Dienstvorschrift nicht korrekt ist. Im Jahre 1912 handelt es sich nicht um die HDV. 12 von 1912, sondern um die D.V.E. 12 von 1912. Hier hätte ein Blick auf den vorderen Buchdeckel der Vorschrift genügt.

Knut Krüger hat Recht, wenn er davon schreibt, dass das „Reiten in die Tiefe sehr wohl beschrieben“ wurde, u.a. auch in besagter Dienstvorschrift. So wurde davon gesprochen, das das Pferd „Anlehnung in der TIEFE finde müsse“ (sinngemäß: D.V.E. Nr. 12 von 1912) oder dass man dem Pferd „den Weg in die TIEFE zeigen müsse“ (ebenda), so es nicht bereit wäre, diese von selbst aufzusuchen.

Nicht nur in den Dienstvorschriften, sondern auch bei alten Stallmeistern war der Begriff TIEFE in Gebrauch. So sprach E.F. Seidler (1798-1865) vom „Aufrichtung aus der Tiefe“.

Durch die Verwendung dieses Begriffs TIEFE aber haben uns und noch viel mehr den Pferden, jene alten Stallmeister – durch die Dienstvorschriften in die Neuzeit transportiert – unwissentlich ein ziemliches Ei, mit weitreichenden Folgen, ins Nest gelegt. Suggeriert uns neuzeitlichen Menschen (beginnend mit Anfang 20. Jahrhundert) dieser Begriff doch im Extrem eine Position der Pferdenase knapp über dem Boden – in der TIEFE eben. Was dazu führte, dass man Pferde mitunter wie „Jagdhunde schnüffeln“ und „Trüffel suchen“ lässt.

Doch zum einen wurde unter dem Begriff TIEFE in der Vergangenheit die ein-eindeutig definierte NATÜRLICHE HALTUNG (Faustregel: Nase des Pferdes in etwas auf einer Linie Höhe Hüftgelenk) des jungen Remonten verstanden. Diese war quasi die Ausgangsposition, aus der heraus das Pferd AUFGERICHTET und vermehrter AUF DIE HINTERHAND gesetzt wurde und zu der man bei Korrekturbedarf ggf. kurzzeitig zurückfand.

Zum anderen begrenzte sich die Relevanz dieses Begriffs auf den Zeitraum der ersten Gewöhnung des Pferdes an das Reitergewicht. Eines Zeitraums, der im Wesentlichen nur die ersten Tage des Anreitens betraf und mitunter vom Bild des STERNENGUCKERS geprägt war.

Dies mag ein Zitat aus der besagten D.V.E. 12 von 1912 unterstreichen, in der sowohl der Begriff der TIEFE, als auch der der NATÜRLICHEN HALTUNG (welche ebenfalls in der genannten Vorschrift bildlich dargestellt ist) gemeinsam und in einem verständlichem Zusammenhang Verwendung fanden:

Findet eine Remonte nicht bald diese NATÜRLICHE HALTUNG, so muß sie einen Reiter erhalten, der es versteht, ihr gewissermaßen den Weg in die Tiefe zu zeigen.[2]

Womit nun aber der Begriff TIEFE oder „Reiten in die TIEFE“ gar nichts zu tun hat, ist das „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“.

Das „ZÜGEL-AUS-DER-HAND-KAUEN-LASSEN“, war Bestandteil einer JEDEN Ausbildungsstufe des Pferdes (HDv.12 von 1937) und diente zur Verprobung der LOSGELASSENHEIT in kurzen Reprisen.

Ein guter Prüfstein für die richtige Arbeit sind nachgebende Zügelhilfen, wobei der Reiter sich die Zügel aus der Hand kauen lässt, ohne die treibenden Hilfen aufzugeben. Das Pferd muss dabei mit nach vorn gedehntem Halse, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.[3]

Ein Bildbeispiel findet man bei Waldemar Seunig[4] (besonders Pferd Nr.3 zeigt dies – und diese Meinung teilte auch der Verfasser – in vorbildlicher Weise) unter der Überschrift „Entwicklung der Losgelassenheit aus der Zwanglosigkeit“.

Lassen wir nun wieder den CAVALLO-Experten Knut Krüger sprechen:

Einerseits sollten wir vorsichtig sein, etwas zu verändern, das sich bewährt hat. Andererseits ist es wenig hilfreich, an einem alten Wissenstand festzuhalten.“

Ja, man sollte vorsichtig sein etwas zu verändern, was sich bewährt hat, jedoch ist genau dies lange vorher schon geschehen. Man hat im hohen Maße wahrhaft BEWÄHRTES verändert – in sehr vielen Punkten zu Ungunsten der Pferde.

Diese Veränderungen in der Pferdeausbildung hatten sicherlich auch pragmatische Gründe, welche in der notwendigen Anpassung des Einsatzspektrums der Kavallerien zu suchen sind. Die größeren Waffenreichweiten der Artillerie, die Repetierbarkeit der Handfeuerwaffen und das immer besseren taktische Einstellens der Infanterie (Karree anstelle von Linienformationen) machten erfolgversprechende Kavallerieattacken immer schwieriger.

Die Strecken, die zum Gegner während eines Chots (Angriff) zurückzulegen waren, wurden länger, ebenso wie jene, welche dabei im Galopp zurückgelegt werden mussten. Gegen 1870 waren dies schon 600-800 Schritte (450-600 Meter)[5]. Die Ausdaueranforderungen in schneller Gangart an die Pferde erhöhten sich.

Schon nach dem Frieden von 1815 legte man deshalb in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, einer größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur zentralen Gangart des Angriffs.

Man begann entsprechend sehr viel mehr Wert auf das Training des Galopps zu legen und die Pferde wurden länger gelassen. In manchen Kavallerien (beispielsweise Frankreich – Cadre Noire – Comte d´Aure), durchaus auch in Preußen, fand die angloman geprägte, versammlungslose Vorwärtsreiterei immer mehr Anklang. Dies jedoch ging zu Lasten der Gesundheit der Pferde.

1874 mahnte General von Schmidt, einer der bedeutendsten Kavalleriegeneräle seiner Zeit, aufgrund der steigenden Pferdeverlust (im „Alltagsbetrieb“) eine Rückkehr zur Ausbildung nach altpreußischem (vor 1806) Vorbild an[6]:

Es muss hierbei vorausgesetzt werden das (bezogen auf die Verlängerung der Galoppstrecke beim Chots [Angriff]):

Das die Pferde vornehmlich im Winter-Halbjahr, und sodann fortgesetzt während der Sommerübungen, nach den Grundsätzen und Regeln der altpreußischen Dressurmethoden[7] in die ihrem Gebäude angemessene, richtige Haltung, Aufrichtung, Beizäumung und Versammlung gesetzt worden sind, dieselben sich nicht schwer auf die Zügel legen und nicht fest in der Hand ihrer Reiter, sondern in allen Theilen weich und nachgiebig sind, und ihre Hinterhand gebogen[8] und untergeschoben worden ist, damit dieselbe im Stande ist, vermöge ihrer Elastizität und Spannkraft das Gewicht und die Stöße elastisch aufzunehmen, und dadurch die Vorderfüße zu schonen und zu erleichtern.

Hier beschreibt der General, welche Ausbildungsergebnisse er für die Pferde erwartete. Seine Ansichten, geboren aus großer reiterlicher Erfahrung (u.a. auch aus den Schlachten des Feldzuges von 1870/71), widersprachen entschieden dem damals allgemeinen vorherrschenden Zeitgeist, der eine derartige Pferdeausbildung nicht mehr für notwendig erachtete. Weiter fährt er fort:

Durch das vorstehend bezeichnete richtige Reitverhältnis und die gute Haltung der Pferde, die ihnen zur zweiten Natur geworden sein muß, wird denselben sowohl das Tragen des Gewichts, wie die erhöhte Arbeit unter demselben, insbesondere der verstärkte, verlängerte Galopp, in welchem sowohl Reiter wie Pferd sich wohl fühlen, eine Gewohnheitshaltung annehmen und mit Ruhe athmen lerne müssen, außerordentlich erleichtert und sie werden durch diese Haltung unverhältnismäßig geschont werden“.

In diesen Sätzen machte er deutlich, dass die altpreußische Ausbildung der Pferd und das damit verbundene Reiten in HALTUNG nicht nur die Pferd zu höherer Leistungsfähigkeit brachte, sondern das sie dabei auch in einem hohen Maße geschont werden.

Welche Gefahren und Probleme, durch die gegenteilige (anglomane) Art zu Reiten zum Ausdruck kommen, verdeutlichen seine weiteren Worte:

… während das entgegengesetzte Verhältnis, ein Vorstrecken von Kopf und Hals, ein stieres Genick, ein Festliegen auf den Zügeln in der Faust der Reiter, eine hohe intakte Hinterhand[9] und die dadurch bedingte Unfähigkeit, sich zusammenzuschieben und zu versammeln, sie ruiniert und vollständig aufreibt, besonders wenn in diesem Verhältnisse größere Anstrengungen, lange Galopps von 600 bis 800 Schritt von ihnen verlangt werden. Diese Verfassung ist aber nur die Folge davon, wenn der lange Galopp durch die vielfache und unausgesetzte Uebung desselben erzielt werden soll, ohne daß eine gründliche Durcharbeit des Pferdes seiner Befestigung in der Haltung vorhergegangen ist; nichts ist fehlerhafter wie dies.“.

Die weiteren Worte des Generals lasse ich sowohl ungekürzt als auch unkommentiert und lege sie dem geneigten Leser ans Herz, sich mit diesen etwas intensiver gedanklich auseinander zu setzen:

„Der lange Galopp muß ein Produkt der richtigen Vorbereitung und guter Durcharbeit, tüchtiger Dressur, der Biegung und Versammlung des Pferdes in versammelten Gängen in der Bahn sein. Wird er nur durch unausgesetzte Uebung wohl gar noch während der Winterdressur in der Bahn erzielt, so sind Struppirung der Vorderbeine, Ruin des Magens und der Lunge die unmittelbare Folge davon“.

„ … die Hindernisse des Bodens mit Leichtigkeit überwinden zu können, führt nur durch kurzes und versammeltes Reiten und Arbeiten in der Reitbahn, um die Pferde weich und nachgiebig zu  machen und in das Gleichgewicht zu setzen.“

„Der erhöhte Verbrauch von Pferdematerial in neuerer Zeit kommt nur daher, daß dieser Grundsatz nicht befolgt, hierauf nicht genug Werth gelegt, die Durcharbeit der Pferde nicht rationell genug betrieben wird und überhaupt die Kampagnenreiterei leider bergab gegangen ist, gute Reitlehrer und die richtigen Grundsätze in Betreff Bearbeitung des Soldatenpferdes für tüchtige Leistungen immer seltener geworden sind.

Jedermann weiß, es ist ein Erfahrungssatz und braucht nicht erst bewiesen zu werden, dass ein gut gestelltes, sich im Gleichgewicht bewegendes Pferd eine längere Ausdauer hat, weit größerer Leistungen fähig ist und sich weit länger konserviert, wie ein stieres, ungearbeitetes, schlecht gestelltes Pferd; aber die Geschicklichkeit und die Kunst, auch mangelhafte Pferdegebäude in die richtige Haltung und Verfassung zu bringen, ist allmälig immer mehr abhandengekommen.

Hier also hat man in der Vergangenheit bereits auf Bewährtes verzichtet und das Wissen darüber befand sich auf dem Rückzug. Die Mahnungen des Generals, welcher großen Einfluss hatte, leider aber ein Jahr nach seinem Bericht verstarb, wurden in den Wind geschlagen, ebenso wie Hinweise des Freiherrn von Krane bezüglich des Reitens in HALTUNG.

Jene (anglomane) Reiterei die General von Schmidt in seinem Berichtstext kritisierte, setzte sich ungehindert und heute muss man fast sagen – ungeniert – in die Neuzeit fort.

In Unkenntnis und der Ignoranz dem wirklich Bewährten gegenüber, glaubt man heute, dass das, was man da zusammenreitet, KLASSISCH sei und man versteigt sich sogar in großer Anmaßung dazu, aktuellen Lehrmeinungen den Nimbus der UNUMSTÖSSLICH zu geben.

Die immer aktiver werdende Vorwärts-Abwärts-Reiterei (incl. Dehnungshaltung) der Neuzeit setzt für die Pferde einen weiteren Gipfelpunkt negativer Entwicklung.

Weiter im CAVALLO-Experten-Text von Knut Krüger …

… Beispiel H.Dv.: Sie wurde bis 1937 dreimal überarbeitet. Danach wurde sie nicht fortgeschrieben, aber verändert. Das ist nur mündlich überliefert durch etwa Kurd Albrecht von Ziegner und Paul Stecken. Wahrscheinlich wäre die tiefere Dehnungshaltung und das tiefe Zügel aus der Hand kauen lassen in eine spätere Fassung aufgenommen worden – fast alle Kavalleristen lehrten das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen bis auf die Schnalle.“

Das die Dienstvorschrift, wie vom Experten Knut Krüger angesprochen dreimal überarbeitet wurde ist richtig, wenn man einen begrenzten zeitlichen Horizont zu Grunde legt. Tatsächlich aber gab es ständig Überarbeitungen von Ausbildungsanweisungen, Instruktionen und Dienstvorschriften in der Kavallerie.

Allein Friedrich II wurde nicht müde mit eigener Feder manches (taktische …) Reglement zu verfassen.

Die vom CAVALLO-Experten Knut Krüger genannten Anpassungen der Dienstvorschriften hatten ihre Ursache nicht in „besserem“ reiterlichem Ausbildungswissen, sondern sie waren im Wesentlichen der Tatsache geschuldet, das das Bildungsniveau der rekrutierten Mannschaften gesunken war …

Für den Mannschaftsersatz ergaben die stark landwirtschaftlich geprägten Provinzen Ostpreußen, Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Schlesien günstigerer Voraussetzungen für Rekruten mit ‚Pferdeverstand‘ als Industriegebiete oder Gebiete mit ausgesprochen kleinbäuerlicher oder gewerblicher Siedlung. So stammten beispielsweise 1927 53% der Freiwilligen aus ländlichen Gebieten und nur 47% aus Städten …[10]

Die HDv. 12 von 1926, welche weit ausführlicher formuliert war als die D.V.E. 12 von 1912 hat hier wohl so manchen Nachwuchskavalleristen intellektuell überfordert. Mit der HDv. 12 von 1937 trug man diesem Problem Rechnung.

Wenn der CAVALLO-Experte Herr Krüger der Meinung ist, dass man die Dienstvorschrift nach der Fassung von 1937 „nicht fortgeschrieben, aber verändert“ hat und diese Änderungen „nur mündlich überliefert“ seien, dann drückt das nur eines aus, dass Herr Krüger entweder nicht beim Militär war oder als schlichter Wehrpflichtiger nicht besonders tief in die Materie eingedrungen ist.

Beim Militär und dies insbesondere in der, noch immer von preußischer Disziplin geprägten damaligen Zeit, wurde jede Änderung schriftlich angewiesen. Entweder in den Richtlinien selbst (Fortschreibungen) oder es gab schriftliche Ausführungsanweisungen. So wie man kein Bildmaterial als Beleg für ein tiefes Einstellen der Pferde finden kann, so findet man auch nirgendwo entsprechendes (offizielles) schriftliches Material.

Was die mündlichen Überlieferungen anbelangt: In einer Zeit, in der die Ausbildung im Gelände zunehmend die dressurmäßige Arbeit in der Reitbahn verdrängte und man immer mehr den Trends anderer Länder (insbesondere Italien und Frankreich) zur Gewöhnung unter Ausschließung der Gymnastik[11] und dem stark vermehrten SPRINGTRAINING folgte, kann man nicht zwingend erwarten, dass die jungen Herrn Offiziere, sich mit ernsthafter Dressur auseinandergesetzt haben, bzw. noch genügend über wahrhaftig gymnastizierende Ausbildung der Pferde wussten. Entsprechend eingefärbt wurde dies von so manchem Kavalleristen in die Neuzeit weitergetragen.

Weiter schrieb der CAVALLO-Experte Knut Krüger:

„Nach der Kavallerie-Zeit wurde die Zucht umgestellt, sodass wir heute andere Pferde vorfinden als damals. Da wundert es nicht, dass es etwa bei der Anlehnung Schwierigkeiten gibt, wenn die Regeln der H.Dv.12 von 1937 eins zu eins übernommen werden.“

An diese Stelle muss ich nun doch etwas emotionaler werden. Diese Aussage ist, obwohl in der heutigen Zeit häufig (als Ausrede) gebraucht, blanker Unsinn, macht aber gleichzeitig deutlich wo das sogenannte Expertenwissen in unseren Tagen häufig bereits endet.

Zu allen Zeiten hat die Zucht oder auch die Natur „Produkte“ hervorgebracht, welche sich zunächst aufgrund physischer oder psychischer Problematiken für das GERITTENWERDEN als wenig geeignet zeigten. Selbst die in der heutigen Zeit  – neudeutsch ausgedrückten – „hypermobilen“ Pferde, welche man gerne ausschließlich unserer Zeit zuschreibt, kamen in der Vergangenheit immer wieder vor.

Der Unterschied zu heute war lediglich, dass die STALLMEISTER von Damals, welche mitunter im Rang von Professoren standen und Reiten an Universitäten lehrten, noch das Wissen hatten, mit solchen Problemen umzugehen und niemals auf die Idee gekommen wären, es der „Unzulänglichkeit“ einer Dienstvorschrift anzulasten, „dass es etwa bei der ANLEHNUNG Schwierigkeiten“ mit solchen Pferdetypen geben könnte.

Um sich darüber tiefere Kenntnis zu verschaffen, wäre es „nur“ erforderlich, frei von jeglichem neuzeitlichen Denken, die Bücher von E.F. Seidler, Louis Seeger, Wilhelm Baumeister, des Freiherrn von Krane, Theodor Heinze und vielen anderen Stallmeistern – denn diese Liste ließe sich beliebig verlängern – gründlich zu studieren und nicht immer nur kontextbefreite, das eigene reiterliche Weltbild stützende Zitate rauszukratzen.

Nächster Punkt des CAVALLO-Experten Knut Krüger:

Im Übrigen wurde die H.Dv.12 für Kriegszwecke abgefasst – kaum werden neben unseren Pferden heute noch Granaten einschlagen. Aus beiden Gründen halte ich es für sinnvoll zu überdenken, ob die Selbsthaltung in Verbindung mit der damals geforderten straffen Zügelführung noch durchführbar und zeitgemäß ist.

Nein, lieber Herr Krüger, die D.V.E. 12 von 1912, die HDv.12 von 1926 und jene von 1937 wurden, gleichwohl sie die Ausbildung von Kavalleriepferden und –reitern betrafen, nicht zu „Kriegszwecke(n)“ abgefasst. Es ging darin primär um die Ausbildung von Pferden zu Reitpferden und Menschen zu Reitern.

Natürlich kamen auch Waffenübungen darin vor, beispielsweise „Gewöhnung an Lanze und Degen“ in der D.V.E. 12 von 1912 (Seite 246 – 4 Zeilen) oder Übungen mit Säbel und Pistole in der HDv. 12 von 1937 (Seite 109f – 15 Zeilen). Dies kann man aber nun wohl kaum eine ausführliche, spezifische Ausbildung zum „Kriegszwecke“ nennen. Auf das „Schussfest machen“ der Pferde wurde Ausbildungstechnisch überhaupt nicht eingegangen!

Lieber Herr Krüger, was ihren Teil-Satz „ … ob die Selbsthaltung in Verbindung mit der damals geforderten straffen Zügelführung …“ anbelangt, überlasse ich es Ihnen und den geneigten Lesern der CAVALLO, den Widerspruch darin zu erkennen.

Dennoch eine kleine Anmerkung hierzu: ANGLOMAN GERITTENE PFERDE bedürfen oft eine „straffe Zügelführung“. RITTIGE PFERDE (z.B. nach altpreußischer Methode) haben als ANLEHNUNG (Angebot an das Pferd sich bei Bedarf abstützen zu können) einen Hauch von Nichts auf Zunge und Lade und lassen sich in JEDER HALTUNG mit kaum merklichen Veränderungen des Drucks reiten, da RITTIGE PFERDE bestrebt sind den gleichmäßigen Druck („Hauch von Nichts“) stets zu erhalten.

Nun zu den Schlussworten des CAVALLO-Experten Knut Krüger …

Wer einzelne Punkte aus einem Reitsystem bzw. einer Reitlehre herauspickt (etwa nur in Aufrichtung reiten ohne mehrmonatige vorausgehende Arbeit am Boden), entwirft damit oft ein verzerrtes Bild eines an sich schlüssigen Ausbildungssystems. Und wer (nur) die Alten Meister zitiert, müsste viel darüber wissen, was damals als selbstverständlich vorausgesetzt wurde.

Ich kann nur zustimmen, was das „herauspicken“ anbelangt und die damit verbundene Verzerrung eines Ausbildungssystems.

Nur stellt sich hier die große Frage, warum man extrem schlüssige Ausbildungskonzepte der Vergangenheit, welche in der Lage waren Hochleistungspferde zu „erschaffen“, welche selbst extremste Belastungen (mitunter 12 Stunden und mehr unter dem Sattel) aushalten konnten, ohne Schaden an Körper und Geist zu nehmen, durch Fehlinterpretationen so verstümmelt hat, dass nur ein Zerrbild einer Lehre geblieben ist, welches man dann auch noch gerne gedankenlos, mit den Begriffen KLASSISCH und UNUMSTÖSSLICH schmückt?!

Was das zitieren „Alter Meister“ anbelangt, überlasse ich dies gerne den Personen, die sich über Zitate versuchen diesen Meistern anzunähern.

Ich studiere die Werke dieser Meister mit wissenschaftlicher Akribie, ziehe Sekundärliteratur zu Rate, betrachte die Entwicklung von Begrifflichkeiten über die Zeiten hinweg. D.h. heißt, ich versetzte mich sehr tief in die Gedanken und die Zeit dieser großartigen Stallmeister hinein.

Und dazu haben ich auch noch das Privileg jeden Tag, fast 365 Tage im Jahr, mit den besten Lehrmeistern arbeiten zu dürfen: den Pferden! Sie und das theoretische Studium geben mir auch Erkenntnisse darüber, „was damals als selbstverständlich vorausgesetzt wurde“ und ermöglichen mir auch solche Lücken zu schließen.

Für die Pferde, diese wunderbaren Tiere und deren Gesundheit setze ich mich mit ganzer Kraft ein – auch ein Grund für diese Zeilen.

Auf den Text im Kästchen („Aus der H.DV.12 (Fassung von 1912) Teil III „Dressur der Remonten“) der Widerlegungsseite des Experten Herrn Knut Krüger werde ich nicht weiter eingehen, denn dem geneigten Leser sollte die Richtigstellung des „Widerspruchs“ bereits in diesem meinem Text aufgefallen sein.

Jedoch werde ich der Vollständigkeit halber das von der CAVALLO angeführte Zitat hier ebenfalls aufführen.

Die Aufrichtung des Halses darf erst beginnen, nachdem das Pferd die sichere Anlehnung in der Tiefe gewonnen hat.“ (…) „Der Reiter muss stets, besonders bei vermehrter Beizäumung, im Pferde das natürliche Streben wach erhalten, den Hals auszudehnen, somit an die Hand heranzugehen.

Soweit zum ERSTEN VERS, den ich wie Cyrano de Bergerac mit den Worten enden lassen möchte …
Trust-your-Horse - Denn beim letzten Verse stech ich1

[1] BALLADE: [volkstümliches] Gedicht, in dem ein handlungsreiches, oft tragisch endendes Geschehen [aus Geschichte, Sage oder Mythologie] erzählt wird.
[2] DVE 12 von 1912 |“Reitvorschrift DVE 12 von 1912“ | 29.06.1912 | Verlag: Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Seite 201
[3] HDv 12 von 1937 |“Heeresdienstvorschrift HDv 12 von 1937“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck WuWei-Verlag 2008| Seite 134
[4] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Bild Seite 165
[5] Eine Meile (knapp 7,5 Kilometer) hatte 10.000 Schritte | 1 Schritt damit 0,75 Meter (600 Schritte = 450 Meter | 800 Schritte = 600 Meter).
[6] Kaehler | „Die preußische Reiterei von 1806 bis 1876 in ihrer inneren Entwicklung“ | 1879 | Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck Europäischer Geschichtsverlag 2015 | Seite 330ff
[7] General von Schmidt spricht sich hier für die altpreußischen Dressurmethoden von vor 1806 und im Grunde noch etwa bis 1848 aus.
[8] Der Begriff „Biegen“ bedeutet: das Biegen in den Gelenken, Genick, Rücken und Hinterhand und geringgradig das seitliche Biegen, welches man neuzeitlich diese Begriff zuschreibt und damit den ursprünglichen Begriffsinhalt konterkariert.
[9] Eine weitgehend untrainierte Hinterhand
[10] Klaus Christian Richter | „Die Geschichte der deutschen Kavallerie 1919 – 1945“ | 2. Auflage 1982 | Motorbuch-Verlag Stuttgart | Seite 27
[11] Major Moßdorf | „Von der klassischen Reitkunst zum neuzeitlichen Stil beim Reiten über Hindernisse“ | Deutsche Kavallerie-Zeitung – Beiheft 2 vom 1.2.1938 | Verlag Deutsche Kavallerie-Zeitung | Seite 3

Antwort auf den Widerlegungsversuch eines CAVALLO-Experten

Autor: Richard Vizethum
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved
(Darf bei Namensnennung gerne geteilt werden)
www.trust-your-horse.com is a product of A.R.T. Leadership

Trust-your-Horse - The old prussian Art of Riding

RELATIVE vs. ABSOLUTE Aufrichtung – ein paar Worte dazu

Letzte Korrektur: 20.12.2017

Das man Aufrichtung – wiederum erst in der Neuzeit – differenziert in RELATIVE und ABSOLUTE Aufrichtung liegt zu einem Teil sicherlich erneut an falschen Bildern, die man so im reiterlichen Kopf mit sich herumschleppt. Es gibt aber auch noch etwas dazwischen!

In der Vergangenheit gab es nur DIE AUFRICHTUNG und, so man korrektes Ausbilden und feines Reiten für sich reklamieren wollte, nur in Verbindung mit dem Herbeinehmen der Nase des Pferdes, also BEIZÄUMUNG.

Trust-your-Horse - relative vs absolute Aufrichtung

Beide Elemente, Aufrichtung und Beizäumung, wurden stufenweise DURCH DIE HAND (also nach heutiger Redensart ABSOLUT) erarbeitet und – in Preußen – auf TRENSE (lange bevor Baucher diese als non plus ultra für sich entdeckt hatte). Die Kandare in dieser Phase zur Anwendung zu bringen (was ja auch vorkam) zeugte nur von sehr geringem Sachverstand.

Dabei wurde darauf geachtet, dass man immer nur so viel an Aufrichtung dazu nahm, wie der aktuelle Status des Pferdes dies zuließ, ohne das, das Pferd dabei den Rücken deutlich unter die Horizontallinie der Rückenwirbelsäule wegdrückte. Der Rücken des Pferdes darf sich nur soweit absenken, dass die Rückenmuskulatur jene Spannung erreicht, unter der es überhaupt einen Beitrag zum Gewichtstragen leisten kann (also geringgradig unter der Horizontallinie).

Auch hier sei nochmal erwähnt, dass mit angehobenen Rücken das Pferd NICHT in der Lage ist muskelunterstützt zu tragen!

Bei dieser Form der Aufrichtung, die zunächst im Stehen durchgeführt wird und welche ich schon sehr lange so praktiziere und zu meinem Leidwesen (in den letzten Monaten) erkennen musste, dass dies die Preußen weit vor mir so gemacht haben (macht demütig), soll auch die Hinterhand noch keinen Beitrag leisten, es wird also NOCH keine Hankenbeugung angestrebt oder erwartet (nur bei den Abkürzungsreitern, gab es dieses problematische Vorgehen auch damals schon!)! Denn die Hinterhand ist dazu noch nicht seriös in der Lage und man würde nur Widerstände beim Pferd produzieren, dort wo man gerade bestrebt ist einen anderen Hauptwiderstand (Genick) aufzulösen.

Mit höher werdender Aufrichtung wird der Widerrist immer stärker in die Aufrichtung involviert, der Rücken und die Hinterhand erst langsam und in Folge dieser Aktivitäten eingebunden werden. Denn die Hinterhand ist es letztendlich, die das Pferd vorne leicht erhalten soll – gleichwohl die Pferde davor schon durch das Aufrichten und Beizäumen LEICHT (wahrhaftig LEICHT!) sind!

Dieses Aufrichten im Stehen und zum Teil bereits in der Bewegung, geht bis zu einer fast senkrecht Stellung des Halses (siehe Reiterstandbild von Friedrich II „Unter den Linden“ in Berlin). Damit dies möglich wird, ist bei der Beizäumung auch so einiges zu beachten. So muss, um diese dem Pferd angenehm zu machen, die Ohrspeicheldrüse und die damit in Verbindung stehende Muskulatur weich gemacht werden (Graduell mit der Aufrichtung) und der Arm-Kopf-Muskel (in Aufrichtung) GEDEHNT werden!
Diese Aktivitäten fallen unter Kunst – denn es sind keine einfachen Arbeiten und diese müssen mit sehr viel Vorsicht geschehen!

Nach heutiger Redensart würde man hier also eine ABSOLUTE Aufrichtung vermuten dürfen.

Allerdings sei erwähnt, dass man bei dieser Form der stufenweisen Aufrichtung das Pferd NIE mit Hilfe der Hand in der zugewiesenen Kopf-/Halsposition erhalten darf! So gesehen entspricht es nicht ganz dem, was man unter ABSOLUTER Aufrichtung versteht.

Bei dieser (hohen) Aufrichtung und Beizäumung findet eine tatsächliche Gewichtsverschiebung nach hinten statt, die sonst in diesem Maße NICHT erreicht werden kann – „relativ“ ist dies KAUM MÖGLICH!

Wichtig dabei ist es die Möglichkeiten des Pferdes zu beachten. Dicke und Länge des Halses, Ganaschen-Freiheit etc. Die Aufrichtung und Beizäumung hat darin ihre Limitierung – gleichwohl mehr geht als man oft geneigt ist anzunehmen. So kann durch die „Bearbeitung“ der Ohrspeicheldrüse und der Dehnung des Unterhalses deutlich Ganaschenfreiheit gewonnen werden.

Manche Pferderassen wie beispielsweise Spanische Pferde oder Friesen bringen schon sehr viel „Haltung“ („Haltung wird hier nicht verstanden als höchste Stufe des GLEICHGEWICHTS) mit, welche man nur zu erhalten und etwas zu „verbessern“ braucht. Bei diesen Pferden ist die Erarbeitung von Aufrichtung/Beizäumung KEINE so große Kunst (nicht abwertend gemeint)! Auch bietet diese ihre „natürliche Haltung“ etwas mehr die Chance für eine weitgehende RELATIVE Aufrichtung.

Das was wir heute unter Dressurhaltung sehen, wird KAUM durch „RELATIVE AUFRICHTUNG“ erreicht – obwohl das Ansinnen im Grundansatz ja richtig ist. Da kommt schon mal die Hand durchaus (stark) stützend zum Einsatz. Insbesondere dann, wenn man die Pferde davor im Vorwärts-Abwärts (muskulär) in „Grund und Boden“ geritten hat. Trotz optischer Aufrichtung laufen die Pferde vermehrt auf der Vorhand.

Es findet dabei somit auch KEINE signifikante GEWICHTSVERSCHIEBUNG in Richtung Hinterhand statt, auch nicht bei der heutigen Form von „Hankenbeugung“, Bei einer korrekten Hankenbeugung müssen sowohl das Hangbein ALS AUCH das Stützbein gebeugt sein und ein Entbinden der Schultern durch Anheben des Widerrist stattfinden! Eine derartig korrekte Hankenbeugung ist heute kaum noch zu sehen.

Die sogenannte „RELATIVE Aufrichtung“ setzt voraus, dass der Bewegungsdruck der Hinterhand nach Vorwärts-AUFWÄRTS fließen kann und so das Pferd (gewichtstechnisch) aus der Reiterhand mehr und mehr heraushebt. Reine Physik! Dazu muss aber das Pferd – im Minimum – bereits in der sogenannten „Gebrauchshaltung“ (Nase über Hüftgelenk) gehen, damit überhaupt eine Chance bestünde es, durch Motivation der Hinterhand bei gleichzeitig passiver Reiterhand, noch etwas weiter – RELATIV – aufzurichten. Auch ist man vom Willen und der Bereitschaft des Pferdes abhängig dies überhaupt tun zu wollen. Wäre das Pferd, wie oben beschrieben, darauf VORBEREITET WORDEN, dann ginge das!

Wurde nun aber das Pferd VORWÄRTS-ABWÄRTS oder noch schlimmer „in die (falsch verstandene) TIEFE“ der „Jagdhundschnüfflerfakultät“ geritten – wobei man dieses falsch verstandene Ziel dann auch oft noch, völlig unseriös, unter Zuhilfenahme von Hilfsmittel zu erreichen versucht – dann wird das Pferd diesen Willensbeitrag kaum leisten wollen bzw. leisten können und weiter mit der Tendenz Vorwärts-ABWÄRTS in die Reiterhand gehen. Es wird diesen Beitrag auch dann nicht wirklich leisten können, wenn man es in der sogenannten „korrekten Dehnungshaltung“ gearbeitet hat – denn auch hier ist die Tendenz „Vorwärts-Abwärts“.

Auch EIN Grund, warum man ROLLKUR reitet! Zwingt man das Pferd lange genug in diese Position, dann wird es sich, lässt man es etwas raus, versuchen aufrichten. Dies ist dann natürlich KEINE reelle Aufrichtung – da sind wir uns sicher alle einig! Bloß auch dieser Zusammenhang wird meist nicht so gesehen. Hätte man kein so intensives V/A zelebriert, dann wäre auch Rollkur keine „zwingende Notwendigkeit“, auch nicht für diese, mit nur begrenzten reiterlichen Fähigkeiten ausgestatteten Rollkur-Reiter. Auch der Aspekt KONTROLLE, der (zu Recht) als Begründung für Rollkur genannt wird, würde nicht mehr indem Maße bedeutend sein.

In eine Dressurhaltung mit höherer Aufrichtung, wie man sie durchaus noch vor über 50 Jahren sehen konnte, bekommt man kaum ein Pferd durch eine RELATIVE Aufrichtung. Zumal man ja erwartet, dass sich diese Aufrichtung mit der Zeit von selbst ergibt („Diese Hals- u. Aufrichtungsformen ergeben sich bei richtiger Ausbildung von selbst“ [1]) Hier musste auch die Hand bis zu einem gewissen Grad aufrichtend – ABER NICHT OBEN HALTEND – nachhelfen.

Auch die D.V.E. 12 von 1912 gibt einen ähnlichen Hinweis:

Der für eine sichere Hebelwirkung auf die Hinterhand erforderliche Grad der Aufrichtung [relative – Anm.d.Red] des Halses wird indessen nur bei Pferden mit besonders günstigem Gebäude lediglich dadurch erreicht werden, daß die Hinterhand bei passivem Verhalten der Hände durch Biegung niedriger wird. Wo dagegen Widerstände im Genick und in den Ganaschen [und in den Hanken – Anm.d.Red.] zu beseitigen sind, vermag der Reiter die nötige Aufrichtung nur unter aktiver Mitwirkung der Hände in Übereinstimmung mit den übrigen Hilfen zu erzielen.“ [2]

Leider ist man heute soweit, dass man in der „ABSOLUTEN Aufrichtung“ eine Form der Aufrichtung sieht, in der der Reiter Kopf und Hals des Pferdes anhebt UND „trägt“ und der Rücken, spannig weggedrückt, in seiner Bewegung beeinträchtigt ist. Gut, das sieht man durchaus sehr oft, eine solche Form der Aufrichtung hat aber nichts mit einer korrekten Aufrichtung zu tun!

Nochmal sei erwähnt, dass es in der Vergangenheit, damals, als man noch REITEN konnte, eine Unterscheidung RELATIVE vs. ABSOLUT nicht gab und der allergrößte Teil der Erarbeitung von Aufrichtung nach heutiger Terminologie ABSOLUT war – ohne allerdings – was natürlich absolut (Wortspiel) FALSCH ist – Hals und Kopf des Pferdes durch die Reiterhände zu tragen!

Quelleangaben:

  • [1] Richtlinie für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung – Band 1 Ausgabe 1994 – Seite 184
  • [2] Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12 von 29. Juni 1912 – Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Seite 187
  • [3] E.F. Seidler – 1846 – „Die Dressur diffizieler Pferde“ – Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn

Autor: Richard Vizethum
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved
(Darf bei Namensnennung gerne geteilt werden)
www.trust-your-horse.com is a product of A.R.T. Leadership

VORWÄRTS-ABWÄRTS und (k)ein Ende

Nach einigen kritischen Posts auf Facebook habe ich mir noch einmal (zum wiederholten Male) die Reitvorschriften D.V.E. Nr. 12 von 1912 und H.Dv. Nr. 12 von 1937 angesehen um näher an den Ursprung des Vorwärts-Abwärts heranzukommen.

Folgende Erkenntnisse

Zunächst gilt festzustellen, dass das Vorwärts-Abwärts, so wie wir es heute kennen, in KEINER der beiden Reitvorschriften beschrieben steht, weder in der Form, noch der neuzeitlichen, sehr intensiven Nutzung bei Pferden jeden Ausbildungsstandes!

Des Weiteren ist festzuhalten, dass immer dann wenn in den Reitvorschriften von Vorwärts-Abwärts gesprochen wurde, sich dies auf die Nase des Pferdes bezog („mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“). Dies ist eine durchaus bedeutsame Feststellung, denn aus dieser Formulierung kann nicht zwingend eine tiefe Halshaltung abgeleitet werden.

Die Varianten

Folgende „Varianten“, bei denen die Nase des Pferdes tiefer als bei der Gebrauchshaltung kommt, wurden – vor allem in der H.Dv. Nr. 12 von 1937 – erwähnt.

  • am (völlig) hingegebenen Zügel
  • am langen Zügel (Schritt)
  • die Zügel aus der Hand kauen lassen (in allen Gangarten)
  • das Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase
  • Anlehnung in die Tiefe (D.V.E. Nr. 12 von 1912)

Im Wesentlichen kamen alle diese „Varianten“ ausschließlich bei der Ausbildung von Remonten oder bei der Korrektur von Pferden zum Einsatz. Die einzige Ausnahme stellte das „die Zügel aus der Hand kauen lassen“ dar. Diese wurde immer wieder, auch beim fertig ausgebildeten Pferd zum Zwecke der Verprobung der Losgelassenheit eingesetzt.

Am hingegebenen Zügel

 „Die jungen Remonten sind zunächst so lange im Schritt mit vollkommen hingegebenen Zügeln zu reiten, bis der Schritt ganz ruhig, raumgreifend und gleichmäßig ist. Erst dann kann eine geringe Anlehnung angestrebt werden“ (H.Dv. Nr. 12 – Seite 141)

Dabei strecken die Pferde die Nase weiter nach vorne und haben natürlich auch die Möglichkeit in die „Tiefe“ (i.d.R. nicht tiefer als Hüftgelenk) zu gehen. Diese Phase war vergleichsweise kurz und man begann danach erste Anlehnung anzustreben (siehe „Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“).

Unabhängig von dieser ersten Phase wurde diese Vorgehensweise (am „hingegebenen Zügel“) in den ersten Monaten der Ausbildung einer Remonte immer wieder einmal durchgeführt. Zum Ende dieser ersten Monate sogar im Arbeitsgalopp.

Dieser Hinweis wurde aus dem „Ausbildungsplan für junge Remonten“ der H.Dv. Nr. 12 von 1937  entnommen. Im eigentlichen Regelwerk findet sich kein Hinweis oder genaue Beschreibung für einen „hingegebenen Zügel“ und dessen Nutzen insbesondere in Verbindung mit dem Arbeitsgalopp. Zumindest habe ich keinen gefunden. Es ist aber davon auszugehen, dass auch dadurch die Losgelassenheit der Remonten festgestellt werden sollte und dass dies nur in kurzen Reprisen durchgeführt wurde.

Am langen Zügel

Im Gegensatz zum „hingegebenen Zügel“ besteht beim „langen Zügel“ Kontakt („Anlehnung“) mit dem Pferdemaul.
Laut Ausbildungsplan und auch in Hinweisen im eigentlichen Regelwerk wurde dieser nur im Schritt zur Anwendung gebracht.

Trust-your-Horse Am langen Zügel
(Bild: Losgelassenheit im freien Schritt am langen Zügel)

Auf diesem Bild sieht man, dass das Pferd dabei, in seiner „natürlichen Haltung“ gehend, das Genick deutlich über Widerristhöhe trägt. Der Schritt dürfte ein sogenannter „Feldschritt“ sein, dass Pferd zieht dabei vermehrt nach vorne und kann so auch mit seiner Nase unterhalb der Hüftgelenkshöhe kommen.

Zügel aus der Hand kauen lassen

Das, „Zügel aus der Hand kauen lassen“, wurde in jeder Ausbildungsstufe des Pferdes zur Verprobung der Losgelassenheit gefordert.
„Das Pferd muss dabei mit nach vorne gedehntem Halse, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.“

Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase

Diese Vorgehensweise der H.Dv. Nr. 12 von 1937 entspricht der „Anlehnung in die Tiefe“ der D.V.E. Nr. 12 von 1912.

Auch wenn – insbesondere die Begrifflichkeit der D.V.E. Nr. 12 von 1912 – suggeriert, dass das Pferd im Hals und Kopf sehr tief eingestellt worden wäre, ist festzustellen, das dem nicht so ist (siehe Bild aus der D.V.E. Nr. 12 von 1912 – dies entspricht der „Anlehnung in die Tiefe“). Der Remonte trug dabei Kopf und Hals in einer „natürlichen Haltung“.

Trust-your-Horse - Anlehnung in die Tiefe 1912

Für Steinbrecht wäre diese Einstellung wahrscheinlich schon zu tief gewesen. Er forderte die Zügel schon beim ersten Anreiten „kürzer“ zu fassen und erwartete schnell VOLLE Anlehnung. Diese beiden Sachverhalte führen in der Regel zu einer etwas höheren Einstellung der Pferdenase.

ZWISCHENFAZIT

Von all den erwähnten Varianten dürfte nur das „Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“ respektive die „Anlehnung in die Tiefe“ unter dem subsummiert werden, was man Heute als Vorwärts-Abwärts bezeichnet.

Zum Einsatz kam diese Vorgehensweise („Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“) AUSSCHLIESSLICH bei Remonten und Korrekturpferden!

Kurt Albrecht von Ziegner merkte hierzu an:

„Junge Pferde, die ihren Rücken nicht korrekt einsetzen, müssen ‚vorwärts-abwärts‘ geritten werden, damit sie die notwendige Muskulatur entwickeln können. Hat das Pferd jedoch gelernt, den Reiter bei steter Verbindung zur Reiterhand problemlos zu tragen, wäre es FALSCH, in dieser Weise (vorwärts-abwärts) weiterzureiten. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, vom Pferd ein verstärktes Untertreten der Hinterhand zu fordern, wodurch es sich vorne etwas mehr aufrichtet, da wir unsere Pferde nicht unnötigerweise ‚auf der Vorhand‘ reiten wollen!“

GESTERN und HEUTE

Vergleicht man die Ausführungen der damaligen Zeit mit denen der Neuzeit (ab den 1960er Jahren), dann lässt sich bezogen auf HEUTE Folgendes feststellen:

  1. „Vorwärts-Abwärts“ kommt nicht nur bei Remonten oder Korrekturpferden zum Einsatz, sondern ist generelles Mittel der Ausbildung geworden. Ein Ziel jeder Ausbildung eines Pferdes muss es sein, dass Pferd vermehrt auf die Hinterhand zu setzen. Nach der „Vorwärts-Abwärts-Arbeit“ mit Remonten ging man damals relativ schnell dazu über, die Pferde in Richtung Hinterhand auszubilden und „Vorwärts-Abwärts“ war obsolet (Ausnahme: Zum Zwecke der Korrektur).
  2. Anstelle von meist kurzen Reprisen werden heute lange Passagen im „Vorwärts-Abwärts“ geritten.
  3. Die Pferde sind zu einem großen Teil viel tiefer eingestellt als damals. Früher gingen die REMONTEN in GERINGER ANLEHNUNG nicht tiefer mit der Nase als max. Buggelenk (normal Hüftgelenk) und das nur, weil man sie noch in ihrer „natürlichen Haltung“ belassen wollte, damit sie sich an die neue Belastung durch den Reiter gewöhnen konnten.
  4. „Vorwärts-Abwärts“ wird in der heutigen Zeit zu einem sinnlosen Showeffekt degradiert (Westernreiten). Während in den Dienstvorschriften das „Vorwärts-Abwärts“ im Zusammenhang mit Remonten und Korrekturpferden (das sei nochmals erwähnt) und in der Art wie es geritten wurde, Sinn gemacht hatte, ist die zum Teil extrem tiefe Einstellung von Hals und Kopf bei Westernpferden absolut sinnfrei!

Wenn man dabei von einem „falsch interpretierten Vorwärts-Abwärts“ spricht, dann sind dies genau diese Punkte!

Merken

Merken