Die natürliche Haltung des Pferdes
oder Tiefe ist nicht gleich Tiefe

Die NATÜRLICHE HALTUNG und wie sie definiert ist

Der Begriff NATÜRLICHEN HALTUNG ist ein zentraler und bedeutender Begriff in der Pferdeausbildung. Er gehört aber auch zu den Begriffen, welche am stärksten missinterpretiert wurden und damit Fehlentwicklungen wie das Vorwärts-Abwärts (incl. Dehnungshaltung) begünstigt haben.

Dabei gibt es wohl kaum einen Begriff, der in der Vergangenheit präziser und interpretationsfreier beschrieben wurde, als der Begriff der NATÜRLICHEN HALTUNG.

Die NATÜRLICHE HALTUNG ist eine DEFINIERTE – also festgelegte GRÖSSE und nicht beliebig.

Sie ist jene Haltung des natürlichen, noch ungerittenen Pferdes, welche dem zukünftigem REITPFERD im Stand und in den Bewegungen am nächsten kommt und vom natürlichen Pferd eingenommen wird, um entspannt und energiesparend beispielsweise von A nach B zu gelangen.

Durch Stallmeister wie E.F. Seidler (1798-1865) oder Louis Seeger (1794-1865), beide Schüler des legendären Oberbereiters der Hofreitschule zu Wien, Max Ritter von Weyrother (1783-1833), welcher den Begriff des „denkenden Reiters“ prägte, wurde die NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes sehr präzise beschrieben und dargestellt. Im Folgenden finden wir Bild und Beschreibung von E.F. Seidler (1837 und unverändert 1843):

Trust-your-Horse - Die definierte NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes
Bild: grobe Skizze der definierte NATÜRLICHE HALTUNG

Das aus dem Remonte-Depot oder von dem Landmann erhaltene rohe Pferd [siehe Bild oben[1]] hat die Nase vorgestreckt, die Ganasche liegt nicht an den Unterhalsmuskeln an, die Ohrdrüse hat ihre Lage auf der innern Seite der Ganasche, das Genick hat eine Biegung rückwärts, die Halswirbel bilden einen Bogen abwärts, der Hals ist lang und gestreckt. Das untere Ende des Schulterblatts schiebt sich schräg nach vorn und unten, drückt auf das vordere Ende des Querarms, giebt demselben eine beinahe wagerechte Lage, das Buggelenk bildet einen kleinen Winkel, der Vorderfuß steht hinter der senkrechten Linie. Die Rückenwirbelsäule ist nach dem Widerrist zu niedriger, steigt nach der Lendengegend, zeigt daselbst sogar eine Neigung zum Bogen aufwärts. Der Hinterfuß steht bedeutend zurück, oft nicht einmal bis zur senkrechten Linie des Hüftgelenks, das Kniescheibengelenk ist noch hinter der senkrechen Linie der Hüfte, das Sprunggelenk gestreckt, überhaupt alle Gelenke der Hinterhand bilden stumpfe gedehnte Winkel, die vermehrte Schwere des Pferdekörpers neigt sich nach vorn[2]

Auch in den Reitinstruktionen und Vorschriften von 1882, 1912, 1926 und 1937 wird das Pferd in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG, wie eben von E.F. Seidler beschrieben abgebildet (in diesen schon unter dem Reiter bei der ersten Gewöhnung an das Reitergewicht).
Trust-your-Horse - Natürliche Haltung des Pferdes in den Richtlinien von 1882, 1912 und 1937
Von links nach rechts: 1882, 1912, 1937 (die Bilder von 1912 und 1937 wurden gespiegelt, so dass alle Pferde in die gleiche Richtung laufen). Auf dem Bild aus dem Jahre 1882 kann man in der Beschreibung das Wort „Natürliche Haltung“ lesen.

Louis Seeger, bei dem ich erstmalig den Begriff NATÜRLICHE RICHTUNG (die im Bild oben eingezeichnete Linie, welche von hinten oben, nach vorne unten verläuft) fand, beschreibt diese – ebenfalls für die weitere Ausbildung des Pferdes relevante Größe – wie folgt und bekräftigt damit die Darstellungen zur NATÜRLICHEN HALTUNG von E.F. Seidler:

„Was ferner die Wirbelsäule anbetrifft, die durch ihre Verbindung und Richtung doch eigentlich die Stellung des ganzen Pferdekörpers bestimmt, so sehen wir, dass sie vorn zwischen den Schultern niedriger gestellt ist, als hinten am Kreuz.[3]

Würde man nun die Linie der Wirbelsäulen-Dornfortsätze betrachten, dann möchte man der Aussage von Louis Seeger vielleicht nicht in Gänze folgen. Doch im weiteren Textverlauf präzisiert Seeger, was unter der NATÜRLICHEN RICHTUNG [im Folgenden auch als RÜCKENLINIE bezeichnet] exakt zu verstehen ist:

„Man muss hier nicht diejenige Linie des Rückens betrachten, die von den Wirbelfortsätzen, sondern die, welche von den Körpern der Wirbel gebildet wird; diese ist bei jedem Pferde ohne Ausnahme vorn niedriger als hinten.“ [4]

Im Zuge dieser Beschreibung weist er auch nachdrücklich darauf hin, dass dieser Ausrichtung der RÜCKENLINIE korrigiert werden muss:

„So lange als diesem Uebelstande [Vorwärts-Abwärts-Neigung – Anm. d. Red.] nicht abgeholfen wird, kann das Pferd nie im Gleichgewicht sein, besonders wenn es noch den Reiter tragen soll, dessen Gewicht durch diese Richtung der Wirbelsäule nach vorn geschoben wird, folglich nicht gleichmässig auf alle vier Beine vertheilt sein kann“.[5]

Bevor ich im weiteren Textverlauf das Thema NATÜRLICHE HALTUNG und GLEICHGEWICHT beleuchte, sei zunächst einmal festgehalten, was die NATÜRLICHE HALTUNG in seiner definierten Form auf keinen Fall ist …

Die NATÜRLICHE HALTUNG und was sie nicht ist

Keine für das REITEN bzw. für die Ausbildung der Pferde als relevant zu betrachtenden NATÜRLICHEN Kopf-Hals-Haltungen sind:

  • die Haltung eines grasenden Pferdes,
  • die Haltung eines Pferdes, das etwas auf dem Boden riecht,
  • die Haltung eines Pferdes, welches im Begriff ist, sich hinzulegen,
  • die Haltung eines Pferdes, welches in eine Angriffsbewegung geht,
  • sowie alle weitern, tiefen Haltungen die nicht der definierten NATÜRLICHEN HALTUNG entsprechen.

Ebenso sind Haltungen unter Anspannung, wie spektakulär und in der Natur vorkommend, diese auch immer sein mögen, KEINE NATÜRLICHEN HALTUNGEN im Sinne der beschriebenen Definition.

In der Reitliteratur voriger Jahrhunderte wurde stets davon gesprochen, dass die NATUR immer die Ausgangsbasis für die KUNST sein muss.

Leider wurde diese berechtigte Forderung von diversen Reiterpersönlichkeiten (ich meide hier den Begriff „Reitmeister“) ab Ende 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts fehlgedeutet und zum Anlass genommen, jede beliebige Haltung, solange diese nur vom Pferd NATÜRLICH eingenommen wird, als REITRELEVANT und als NATÜRLICHE HALTUNG einzustufen.

Deutlich tieferen Hals-Kopf-Positionen als die der DEFINIERTE NATÜRLICHEN HALTUNG (siehe oben), wurden von diesen neuzeitlicheren Reiterpersönlichkeiten gedankenlos als „Jagdhund-Schnüffelei“ und „Trüffelsucher“ etc. verniedlichend, zur Anwendung und Bekanntheit gebracht und lieferten eine der Grundlagen für das aktive Vorwärts-Abwärts-Reiten (incl. Dehnungshaltung) der heutigen Zeit.

Zu diesen tieferen Hals-Kopf-Positionen trug auch ein weiterer Begriff, den man völlig fehlinterpretiert hat, bei und zwar, der Begriff der TIEFE.

So wie dies schon E.F. Seidler mit „Aufrichtung aus der Tiefe“   formuliert hat, wird in den unterschiedlichsten Quellen, so oder so ähnlich, davon gesprochen, dass das Pferd „Anlehnung in der TIEFE finde müsse“ (sinngemäß: D.V.E. Nr. 12 von 1912) oder dass man dem Pferd „den Weg in die TIEFE zeigen müsse“ (ebenda), so es nicht bereit wäre, diese von selbst aufzusuchen.

Die alten Stallmeister – durch die Dienstvorschriften in die Neuzeit transportiert – haben uns, aber noch viel mehr den Pferden, unwissentlich mit der Verwendung des Begriffs TIEFE, ein ziemliches Ei, mit weitreichenden Folgen, ins Nest gelegt. Suggeriert uns neuzeitlichen Menschen (beginnend mit Anfang 20. Jahrhundert) dieser Begriff doch im Extrem eine Position der Pferdenase knapp über dem Boden – in der TIEFE eben.

Doch in der Zeit dieser Stallmeister, betrachtete man als TIEFE jene definierte GRUNDAUSRICHTUNG des Pferdes, quasi die „neutrale Haltung“, aus der heraus das Pferd nach OBEN-HINTEN („aus der Tiefe aufgerichtet“) gearbeitet wurde, bzw. zu der man mitunter bei Korrekturbedarf zurückfinden konnte oder musste. Dies mag ein Zitat aus der DVE 12 von 1912 (Seite 201) unterstreichen:

Findet eine Remonte nicht bald diese NATÜRLICHE HALTUNG, so muß sie einen Reiter erhalten, der es versteht, ihr gewissermaßen den Weg in die Tiefe zu zeigen.

Diese Grundausrichtung, also TIEFE ist die oben beschriebene und sehr klar definierte NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes!

Die NATÜRLICHE HALTUNG und das GLEICHGEWICHT

Besondere wichtig bei dieser Definition des Begriffes NATÜRLICHE HALTUNG ist DER zentrale Begriff der Reiterei (damaliger Zeit) schlechthin: das GLEICHGEWICHT.

Eine dauerhafte und nachhaltige Gesunderhaltung eines REITPFERDES ist nur im GLEICHGEWICHT möglich und alle Bestrebungen der Stallmeister dieser voranglomanen Zeiten waren auf die Erarbeitung der relevanten Gleichgewichtshaltungen ausgerichtet.

Gesunderhaltung der Pferde hatte hohe Priorität. Tierschutz ging, insbesondere in der preußischen Kavallerie, aber auch in der Folgezeit der deutschen Kavallerie bis in den 2. Weltkrieg hinein, vor Menschenschutz in der Ausbildung. Dies lag nicht nur an einer sentimentalen Einstellung zum Pferde, sondern auch daran, dass das Pferd, sein Unterhalt und seine lange Ausbildung, einen nicht unerheblicher Kostenfaktor für die Staatskasse darstellten.

Das Pferd war in der Kavallerie lange Zeit wichtiger als der Mensch. Denn das Pferd „war die Waffe“ oder „trug die Waffe an den Feind[6], und es bedurfte viel Zeit, ein Pferd auszubilden. Der Mensch dagegen war austauschbar.

Diese Wertschätzung gegenüber dem Pferd änderte sich allerdings etwas, als das Reiten „sportlicher“, anglomaner wurde. Das Pferd erbrachte die Leistung, der Reiter kassierte die Lorbeeren. Sportlich erfolgreiche Reiter wurden zu Helden in der öffentlichen Wahrnehmung. Das Pferd wurde austauschbar.

Zurück zum GLEICHGEWICHT …

Das GLEICHGEWICHT war stets das Ziel jeder DRESSUR, also jener formenden und gymnastizierenden Ausbildung des Pferdes.

In der obigen Beschreibung der definierten NATÜRLICHEN HALTUNG sprach Louis Seeger, von einem Übelstand, dem abgeholfen werden müsse und meinte damit die vorwärts-abwärts geneigte RÜCKENLINIE des NATÜRLICHEN PFERDES, denn ohne diese Korrektur „kann das Pferd nie im Gleichgewicht sein“.

Für das Pferd in seinem „Naturzustand“, also ohne Reiter, stellt dieses „fehlende“ GLEICHGEWICHT natürlich kein Problem dar, wie dies auch Gustav Steinbrecht (1808-1885), der Schüler von Louis Seeger treffend beschrieb:

Im Naturzustand mag daher das Pferd immerhin seiner natürlichen Neigung auf die Schultern folgen, denn es erleidet dadurch keinen Schaden, da es kein fremdes Gewicht zu tragen hat, seine Bewegungen nach eigenem Willen ausführt und seine Hinterbeine ungehindert nach Bedürfnis zur Unterstützung der Vorhand bereit hat.[7]

Jedoch – und nun darf man gut mitlesen – verändert der Reiter und dessen Anforderungen diese Situation für das Pferd und dessen körperliche Gesundheit grundlegend, wie Steinbrecht fortfährt:

Da es aber unter dem Reiter dessen Gewicht mit zu übernehmen hat und nach dessen Willen nicht nur bestimmte Gangarten, sondern dies auch noch in bestimmten Tempo und beliebig lange gehen soll, muß es, um dies mit Sicherheit und ohne Schaden für seine Beine tun zu können, ins GLEICHGEWICHT gerichtet werden, nach dem Grundsatz, daß einen richtig ausbalancierte Last viel leichter zu tragen und zu stützen ist, als ein außer Gleichgewicht befindliche.[8]

Eine Aussage, die wiederum auch Louis Seeger deutlich bekräftigte und gleichzeitig auf das weitere Vorgehen (AUFRICHTUNG) hinweist:

„Es ist daher von grösster Wichtigkeit, um das Pferd vollkommen ins Gleichgewicht zu richten, besonders unter dem Reiter, diesem Hindernisse des Gleichgewichts abzuhelfen. Wir haben gesehen, dass durch die Aufrichtung von Kopf und Hals die Richtung des Rückens [Rückenlinie – Anm.d.Red.] wagerechter wird, …[9]

Sowohl die Aussagen von Seeger und Steinbrecht belegen, dass in der definierten NATÜRLICHE HALTUNG (die Nase des Pferdes ist dabei in etwa auf einer Linie Höhe Hüftgelenk) sich nicht in einem (reitbaren) und für die Pferdegesundheit zuträglichem  GLEICHGEWICHT befindet.

Die Richtlinie für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung dagegen schreibt in ihrer Beschreibung zum „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“:

Das Pferd dehnt sich dabei VORWÄRTS-ABWÄRTS an das Gebiss heran. Um die Hinterhand aktiv zu halten, muss der Reiter evtl. etwas vermehrt treiben. Die Dehnung sollte mindestens so weit erfolgen, dass das Pferdemaul sich auf Höhe der Buggelenke befindet, aber höchstens so weit, wie es die Erhaltung des Gleichgewichts zulässt. Die Stirn-Nasenlinie des Pferdes bleibt vor bzw. an der Senkrechten. Die Hand des Reiters geht bei dieser Übung etwas in Richtung Pferdemaul vor, damit das anschließende Nachfassen und Verkürzen des Zügels leichter und weicher geschehen kann. [10]

Der Satz „Die Dehnung sollte mindestens so weit erfolgen, dass das Pferdemaul sich auf Höhe der Buggelenke befindet, aber höchstens so weit, wie es die Erhaltung des Gleichgewichts zulässt.“ ignoriert zum einen die Physik und zum anderen auch die Meinungen von Stallmeistern wie beispielsweise Louis Seeger oder E.F. Seidler, für welche eben das Pferd in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG, also einer höheren Einstellung, als Höhe der Buggelenke, zu Recht als NICHT IM GLEICHGEWICHT gilt.

Betrachtet man die dazugehörige Zeichnung auf der Folgeseite der Richtlinie“  erkennt man in dieser Darstellung zum „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“ jene Form, die gemeinhin als DEHNUNGSHALTUNG bezeichnet wird, welche häufig als „korrekte“ Variante des VORWÄRTS-ABWÄRTS genannt wird.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung steht damit in einem krassen Widerspruch zu den Aussagen wahrhaftiger Stallmeister wie Louis Seeger, E.F. Seidler oder Gustav Steinbrecht.

Und dies, obwohl man sich auf den Letztgenannten immer wieder sehr gerne beruft, um sich den Anstrich der KLASSIK zu geben.

Zum Abschluss dieses Beitrages über die NATÜRLICHE HALTUNG möchte ich noch einmal Gustav Steinbrecht – als kleinen Gedankenanstoß – zu Wort kommen lassen. In diesen Sätzen warnt er sehr deutlich vor den Folgen des Reitens auf der Vorhand. Eines Reitens welches in der heutigen Zeit Standard ist und durch aktives Vorwärts-Abwärts-Reiten weiter forciert wird:

Die Engländer, als Vertreter des Reitens in NATÜRLICHER RICHTUNG, müssen ihren Jagdpferden nach Beendigung der Jagden, trotz sorgfältiger und kostspieliger Stallpflege, durch Pflaster, Einreibungen und freie Bewegung in Boxen die Vorderbeine brauchbar zu erhalten suchen. Es sind dies alles vorzügliche Pferde, die besten für den praktischen Gebrauch, die England überhaupt zieht, weshalb sie auch ihren hohen Preise wegen selten durch die Händler auf das Festland kommen, sondern in England selbst verbraucht werden. Trotz alledem werden die meisten von ihnen schon nach wenigen Jagdsaisons noch im kräftigsten Alter bei Tattersall mit aufgeschlagenen Knien, Sehnenklapp oder anderen Gebrechen für wenige Guineen verkauft, um den Rest ihres Daseins in Posten, Omnibussen und Cabs zu verleben. Es hat mich oft geschmerzt, wenn ich diese schönen, starken Gestalten mit kräftiger und vollkommen unverbrauchter Hinterhand solchem Los verfallen sah, weil die geschwächten Vorderbeine dem Jagdreiter nicht mehr Sicherheit genug gewähren konnten. Verständen die Engländer, in der Zeit zwischen den Jagdsaisons diesen Pferden die Hinterhand richtig zu bearbeiten und zu belasten, so würden sie an ihnen nicht nur jahrein-jahraus die angenehmsten Promenadenpferde, sondern auch viel sicherere und ausdauernde Jagdpferde haben und sie ohne Pflaster und Salben bis ins hohe Alter hinein benutzen können. Es ist zu bedauern, daß eine Nation, bei der die Liebe zum Pferde Allgemeingut ist, und die in dessen Zucht und Erziehung unbestritten den ersten Rang einnimmt, einer Kunst so ganz untreu geworden ist, die früher auch bei ihr in so hoher Blüte stand. [11]

Und weiter schrieb Steinbrecht:

Die Gegner der Richtung des Pferdes ins Gleichgewicht [darunter darf sich gerne auch die neuzeitliche Reiterei subsummieren – Anm.d.Red.] eifern gegen eine Sache, die sie entweder gar nicht kennen, oder von der sie durch falsche Jünger der Kunst, die diese durch Unfähigkeit herabwürdigen und in dem Maße Schaden anrichten, als sie Nutzen stiften sollten, ganz unrichtige Anschauungen bekommen haben.[12]

Die NATÜRLICHE HALTUNG eine kurze Zusammenfassung

  1. Die NATÜRLICHE HALTUNG ist eine definierte Haltung ausgehend von einer REITBAREN HALTUNG des natürlichen Pferdes (Faustregel: Nase auf einer Linie Höhe Hüftgelenk bei einem normal gebautem Pferd)!
  2. Der Begriff TIEFE bezieht sich auf die NATÜRLICHEN HALTUNG des Pferdes. Alle Hinweise, wie z.B. „Anlehnung in der TIEFE suchen“ etc. haben ihre unterste Begrenzung in der NATÜRLICHEN HALTUNG!
  3. Alle Haltungen unterhalb der NATÜRLICHEN HALTUNG sind für das Reiten irrelevant und können zu Schädigungen der Gesundheit der Pferde führen.
  4. Das Hauptziel der Dressur ist das Verbringen des Pferdes in ein NEUES GLEICHGEWICHT (unter dem Reiter).
  5. Dies geschieht durch phasenweises AUFRICHTEN. Die Pferde bei den alten Stallmeistern wie z.B. E.F. Seidler oder Louis Seeger wurden zunächst durch Formung des Halses vorne aufgerichtet, bevor die Hinterhand „angefasst“ wurde.

Mit diesem Text, dass sei ergänzend angemerkt, soll auch manchem Experten der Zeitschrift CAVALLO (01/2020) die Möglichkeit gegeben werden, sich etwas ernsthafter mit der Materie auseinanderzusetzen.

[1] Ernst-Friedrich Seidler | „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler | 2. Unveränderte Auflage 1843 | Taf.IV Bild 1
[2] Ernst-Friedrich Seidler | „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler | 2. Auflage 1843 | Seite 47f
[3] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17
[4] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[5] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[6] Klaus Christian Richter | „Die Geschichte der deutschen Kavallerie 1919 – 1945“ | 2. Auflage 1982 | Motorbuch-Verlag Stuttgart | Seite 54
[7] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1.Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi | Seite 54
[8] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1.Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi | Seite 54
[9] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[10] Deutsche reiterliche Vereinigung (FN) | 2007 | „Richtlinie für Reiten und Fahren“ Band 1 | Seite 97
[11] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 46f
[12] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 47

Eigene Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet“
Autor: Richard Vizethum
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Der Schulgalopp – ein paar Worte dazu

Der GALOPP ist ein Galopp, eine NATÜRLICHE GANGART, ein SCHULGALOPP dagegen ist im eigentlichen Sinne KEIN Galopp und unterliegt somit nicht den Gesetzmäßigkeiten des Galopps!

T.Y.H. Der Schulgalopp - ein paar Worte dazu

De la Guérinière nannte diese SCHULGALOPP „Galopade“ und ordnete diese den KÜNSTLICHEN GANGARTEN zu.

Die Galopade oder der Bahngalopp ist ein vereinigter wohl zusammengenommener Galop, in welchem die Bewegung der Vorhand abgekürzt und die der Hinterhand geschwind ist; das heißt: ein Galop, in welchem die Hinterhand nicht geschleppt wird, und der durch die Gleichförmigkeit der Sprünge des Pferdes jene schöne abgemessene Bewegung hervorbringt, die den Zuschauer eben so sehr einnimmt, als sie dem Reiter Vergnügen gewährt.“[1]

Im Gegensatz zu einem korrekten NATÜRLICHEN GALOPP, welcher in einem Dreischlag ausgeführt wird, ist der SCHULGALOPP eine VIERSCHLAG-GANGART!
Dies ist aufgrund der starken Beugung der Hinterhand, als eine Charakteristika des SCHULGALOPPS, und der damit verbunden hohen Lastaufnahme auf diese, auch nicht anders möglich.

Diese Belastung der Hinterhand und deren „geschwinden“ Bewegung führen dazu, dass das äußere Vorderbein minimal zeitversetzt nach dem inneren Hinterbein fußen muss. Der „Diagonalsprung“ ist also „gebrochen“ und der „Galopp“ wird zur Vierschlagbewegung. Beim NATÜRLICHEN GALOPP wären diese beiden Beine assoziiert, würde also gleichzeitig fußen.

Waldemar Seunig schrieb dazu:
Das äußere Vorderbein fußt, den Sinnen kaum wahrnehmbar – so wie in der Pirouette -, erst einen Augenblick nach dem inneren Hinterbein“.[2]

Weiter führt Seunig aus: „In der Praxis werden wir bei deutlich hör- und sichtbarem VIERSCHLAG immer auch gleichzeitig die Wahrnehmung machen, daß der Galopp sein Hauptmerkmal – das fleißige Unterspringen – einbüßt. Seine Bewegungen verlieren ihre Flüssigkeit und Rundung, er wird schleppend und matt, steif und hackig.“[3] Damit wirft Seunig indirekt eine kleine akademische Fragestellung bezüglich des Versammlungsgrades und der Qualität der Ausführung des SCHULGALOPPS auf.

Je höher der Versammlungsgrad, desto größer der Verlust des Hauptmerkmals des Galopps et vice versa.

Eines aber ist immer gegeben:
Der korrekte SCHULGALOPP ist ein VIERSCHLAGGALOPP und wird deshalb auch zu Recht zu den KÜNSTLICHEN GANGARTEN gezählt.

Nuno Oliveira bekräftigt diese Aussage und positioniert sich klar gegen die Vorstellung, dass der SCHULGALOPP ein DREISCHLAG wäre:
Behaupten auch manche, der Galopp müsse immer ein Dreischlag sein, so kann man doch Galopp auf der Stelle und Pirouetten nur im Vierschlag ausführen.“[4].

Er bezieht dies nicht nur auf den Galopp auf der Stelle und die Pirouetten, sondern explizit auch auf den versammelten Galopp (Schulgalopp):

„Geht man zu einem Galopp mit sehr hankenverlagertem Gleichgewicht über, wird dieser versammelte Galopp [Schulgalopp] zu einem Vierschlaggalopp. Die Zweizeitigkeit des äußeren diagonalen Fußpaares erfolgt durch Aufsetzen des inneren Hinterbeines vor dem äußeren Vorderbein.“[5]

Nun kann man nach der Sinnhaftigkeit des SCHULGALOPPS fragen, doch auch diese Fragestellung hat in gewisser Weise nur akademischen Charakter, welche mit dem flapsigen Satz „Man kann ihn machen – muss es aber nicht!“ einfach beantwortet werden kann.

Der SCHULGALOPP erfordert vom Pferd ein hohes Maß an Balance, Koordination und vor allem auch Kraft. Er ist deshalb ein sehr großer Prüfstein für die RITTIGKEIT eines Pferdes.

Eines tut der korrekte, auf einem RITTIGEN PFERD ausgeführte, SCHULGALOPP keinesfalls: Er sorgt nicht, wie mancher – eher neuzeitlich angehauchter Reiter meinen mag – zu einer Qualitätsverschlechterung des NATÜRLICHEN GALOPPS! Eher ist, wie auch bei den anderen SCHULGANGARTEN, das Gegenteil der Fall. Allerdings ist die Qualität der Ausführung dafür ausschlaggebend.

Bild:

Die linke Seite des Bildes zeigt eine „Galopade“ welche dem Buch von Francois Robichon de la Guérinière über die „Reitkunst“ entnommen wurde, die rechte Seite des Bildes zeigt eine „Galopade“ durchgeführt von meiner großartigen Schülerin Sonja Leitenstern (Zentrum für klassische Reiterei) auf ihrem wunderbaren 10-jährigen Württemberger-Hengst „Dantano„.

Quellen:

  • [1] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 140
  • [2] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Seite 330
  • [3] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Seite 330
  • [4] Nuno Oliveira | „Gedanken über die Reitkunst“ | 1999 | Verlag Olms Presse | Seite 191
  • [5] Nuno Oliveira | „Gedanken über die Reitkunst“ | 1999 | Verlag Olms Presse | Seite 191

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Reitkunst – noch ein paar Gedanken dazu

Von allen Künsten ist die Reitkunst wohl die Anspruchsvollste.
Sie gehört, will man sie einordnen, sowohl zu den bildenden Künsten (durch die Umformung eines natürlichen Pferdes zu einem Reitpferd – also die räumlichen Verhältnisse der Kunst) aber auch zu den mimischen Künsten (durch den Ausdruck des Tanzes, als räumlich, zeitliche Verhältnisse).

Trust-your-Horse - Reitkunst, noch ein paar Gedanken dazu

In der REITKUNST ist das Kunstwerk – jenes vergängliche Werk – das zum Reitpferd umgeformte, rittige und ich möchte noch hinzufügen, an Körper und Geist dauerhaft gesunde Pferd.

Wahre Kunst offenbart sich nicht im Ausdruck grenzenloser Kreativität, sondern einer Kreativität die innerhalb von Grenzen zur maximal möglichen Entfaltung gelangt. Grenzen stellen für die Kreativität des Künstlers eine weit größere Herausforderung dar, als sich kreativ im Grenzenlosen zu artikulieren.

Die REITKUNST ist die einzige Kunst unter allen Künsten, welche seine Kreativität immer nur in einem begrenzten, durch die körperlichen und geistigen Möglichkeiten des Pferdes limitierten, Raum ausdrücken kann. Auch dies macht sie zur Herausforderndsten aller Künste und stellt hohe Anforderungen an Wissen und Können des Künstlers.

Während eine Partitur, ein Gemälde oder eine Skulptur letztendlich durch die Kreativität eines Künstlers aus toter Materie entstehen, lebt das Ausgangsmaterial der REITKUNST und ist bei weitem nicht so fügsam wie die Grundelemente eines Komponisten, Malers oder Bildhauers. Auch kann jeder der genannten Künstler sein Werk ohne moralische Bedenken, bei Nichtgefallen nach Belieben zerstören.

Nun gut, in der Reiterei wird dieses Werk der Pferdezerstörung tagtäglich, auf allen Ebenen reiterlicher Aktivität von Dilettanten durchgeführt, ohne dass diese es überhaupt geschafft hätten, über die Stufe groben Bearbeitens des Ausgangsmaterials – oft bemerkenswerter, nahezu perfekter Produkte aus der Zucht – hinausgekommen zu sein.

Gleichwohl betrachten diese, an Wissen und Fähigkeiten eingeschränkten Personen ihr Tun als Kunst und versteigen sich sogar soweit, dieses, ihr Tun, mit KLASSISCH zu etikettieren, obwohl die Epoche aus der sie ihr „klassisches“ Wissen ziehen, weit von dem entfernt ist, was die wahren KLASSIKER des Reitens ausmacht und dazu noch in vielen Teilen auf einer Entwicklung beruht, welche der Reitkunst diametral entgegensteht: der anglomanen Reiterei.

Einer Reiterei, die dem Gelände und dem Sport mehr Wert beigemessen hat, als der seriösen Ausbildung eines Pferdes. Einem Sachverhalt, zu dem sich auch schon de la Guérinière kritisch äußerte:

Die Schwierigkeit, diese Eigenschaften [reiterliche Voraussetzungen, welche de la Guérinière aufzählte [1]] zu erlangen, und die be-trächtliche Zeit, welche erfordert wird, um in dieser Kunst zu ei-ner Vollkommenheit zu gelangen, ist die Ursache, warum viele, die eine Kennermiene annehmen, vorgeben, daß die Reitbahn zu nichts tauge, daß sie die Pferde verderbe und zu Grunde richte, daß sie zu nichts diene, als sie springen und tanzen zu lehren, welche sie folglich zum gewöhnlichen Gebrauch unnütz mache. Dieses irrige Vorurtheil verursacht, daß eine Menge von Leuten eine so edle und nützliche Kunst vernachlässigen, die doch nur den einzigen Endzweck hat, die Pferde gelenksam, folgsam und gehorsam zu machen, sie auf die Hanken zu setzen, ohne welches ein Pferd, es seye Soldaten- Jagd- oder Schulpferd in seinen Bewegungen weder angenehm, noch für den Reiter bequem seyn kann. Das Urtheil derer, die eine solche Sprache führen, ist also ohne Grund, und es würde unnöthig seyn, Meinungen zu bestreiten, die sich hinlänglich selbst widerlegen [2]“.

Vor dem Können kommt das Wissen!“, sagt man. Denn ohne Wissen ist Können nicht erklärt und damit auch jede daraus resultierende „Kunst“ beliebig.

Die Meinung derjenigen, welche die Theorie in der Reitkunst für unnütz achten, wird mich nicht abhalten, zu behaupten, daß dies eins der nothwendigsten Stücke ist, zur Vollkommenheit zu gelangen. Ohne diese Theorie ist die Ausübung immer ungewiß [3]“.

Ein ausschließlicher „Könner“ erarbeitet Dinge intuitiv, ist aber i.d.R. nicht in der Lage zu beschreiben, was er tut und warum die Dinge so geschehen, wie sie geschehen. Dies wiederum verschließt ihm die Türen zur Entwicklung und zu den hohen Weihen der Reitkunst. Sein „Wissen“ ist auf seine Person individualisiert.

Vielleicht aber erhebt ein Kritiker, welchem in der Kunst die Funktion „eines Teilschöpfers des Kunstwerks zukommt [4]“ , durch seine Interpretation des Tuns jenes „Könners“ dessen „Werk“ zur Kunst. Im Falle der REITKUNST aber wäre dies fatal!

Mit den Worten von Du Paty de Clam möchte ich diesen Text zur Reitkunst abschließen und dem geneigten Leser zum Nachdenken ans Herz legen:

Die Reitkunst, die ihre Richtigkeit von so vielen andern Wissenschaften herleiten muß, bleibt bei dem Wachsthum der anderen Künste noch in ihrer ersten Schwäche; und so viele geschickte Männer auch das Jahrhundert des Ludwig des XIV. und das gegenwärtige [1777] hervorgebracht hat, so sind wir dennoch sehr weit von der Vollkommenheit zurück [5]“.

Inzwischen hat sich die Reiterei noch mehr von deren Vollkommenheit entfernt und die Suche nach dieser Wahrheit ist der Bequemlichkeit und der Anwendung nutzlosen Spielereien gewichen – zum Leidwesen der Pferde, welche man zu Sportgeräten und Tanzbären degradiert hat und auch vor Quälereien dieser wunderbaren Lebewesen nicht zurückschreckt. Alles nur um menschliche Eitelkeiten zu befriedigen.

Es ist allerhöchste Zeit um(ZU)(DENKEN) und der Kunst (die zur Gesunderhaltung des Pferdes beiträgt) wieder den Stellenwert zu geben, den sie verdient.

[1] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 107f
[2] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 108
[3] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 107
[4] Wolfram Eilenberger | „Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929“ | Verlag Klett-Cotta | 2018 | Seite 50 |nach Dr. Walter Benjamin „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“
[5] Du Paty de Clam | „Theorie und Praktik der höhern Reitkunst “ | Original 1777; dt. Übersetzung von Premier-Leutnant Blatte 1826 | Nachdruck Verlag Olms | Vorwort Seite 6

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Umformung des Pferdes

In der heutigen Zeit herrscht die extrem angloman geprägte Meinung vor, dass man ein Pferd primär durch Vorwärts-Reiten ausreichend trainieren und gymnastizieren könnte.

Trust-your-Horse - Umformung des Pferdes

Diese Meinung stützt sich u.a. auf die Forderung von Gustav Steinbrecht, die er als „erste Hauptgrundsätze der Kunst“ jedem Reiter zurufen wollte:

Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade!“ [1]

Nur mit dem „Reite dein Pferd vorwärts“ hat Steinbrecht ganz was anderes gemeint, als das, was die gemeine anglomane Reiterwelt darunter verstehen WOLLTE.

Dies machte er in folgender Aussage deutlich:

Unter diesem Vorwärtsreiten verstehe ich nicht ein Vorwärtstreiben des Pferdes in möglichst eiligen und gestreckten Gangarten, sondern vielmehr die Sorge des Reiters, bei allen Übungen die Schubkraft der Hinterbeine in Tätigkeit zu erhalten, dergestalt, daß nicht nur bei den Lektionen auf der Stelle, sondern sogar bei Rückwärtsbewegungen dass Vorwärts, nämlich das Bestreben, die Last vorwärts zu bewegen, in Wirksamkeit bleibt. Man befähigt daher das Pferd durch Übung, seine Schubkraft durch Belastung bis zum Äußersten zu beschränken, man unterdrücke sie aber niemals durch Überlastung“ [1]

Ja“, wird nun der eine oder andere sagen, „… das ist mir schon klar, dass er nicht an das Vorwärtstreiben des Pferdes gedacht hat…“ und er wird, so oder so ähnlich, hinzufügen „Es geht um ein ruhiges Vorwärtsreiten!“.

Nein, auch darum ging es Steinbrecht nicht, was dem aufmerksamen Leser des obigen Steinbrecht-Zitates möglicherweise beim Lesen des letzten Satzes aufgefallen sein dürfte: „Man befähigt daher das Pferd durch Übung, SEINE SCHUBKRAFT durch Belastung BIS ZUM ÄUSSERSTEN ZU BESCHRÄNKEN, man unterdrücke sie aber niemals durch Überlastung“.

Darüber dürft ihr jetzt mal nachdenken!

ZURÜCK ZUR UMFORMUNG

Den weiteren Ausführungen möchte ich einen Merksatz voranstellen:

DURCH VORWÄRTSREITEN BRINGT MAN KEIN PFERD INS GLEICHGEWICHT!
(vor allem nicht wenn man Vorwärts-Abwärts – egal in welcher Form reitet)

Wozu muss ich ein Pferd ins Gleichgewicht bringen, es hat doch schon ein (natürliches) Gleichgewicht?!“ mag der eine oder andere nun fragen.

WEIL EIN REITER AUF DES PFERDES RÜCKEN SITZT UND ES BEWEGUNGEN UND AKTIONEN AUSFÜHREN MUSS, DIE ES VON NATUR AUS ÜBERHAUPT NICHT ODER NUR FÜR GANZ KURZE MOMENTE DURCHFÜHRT!

Das Reaktionssystem des Pferdes ist darauf nicht ausgerichtet und muss dieses erst lernen. Über Vorwärtsreiten geht das schon auch (rudimentär), nach dem Prinzip: „Lerne oder fall aufs Maul!“.

Um das Pferd nicht in solch üble Verlegenheit zu bringen, und da waren sich alle wahren Reiter und Stallmeister der Vergangenheit einig, ist es das erste Ziel, nein die erste Pflicht eines guten Bereiters, dass Pferd in ein notwendiges NEUES GLEICHGEWICHT zu verbringen.

DIES GEHT NUR DURCH AUFRICHTEN!

Korrektes Aufrichten ist UMFORMUNG – notwendige UMFORMUNG!
Diese kann man sehr kunstvoll durchführen, so dass auch das hässlichste Pferdeentlein zum schönen (und rittigen) Schwan wird.

RICHTIGE UMFORMUNG IST WAHRE KUNST UND WIRD NUR VON WENIGEN BEHERRSCHT

Hierzu noch ein Zitat von Steinbrecht, welches meine Arbeit sehr gut beschreibt:

… so kann der Bereiter bei recht klarem Verständnis seiner Kunst viele natürliche Mängel und Übelstände beim Pferde beseitigen und bei solchen Fehlern und Gebrechen, die ihm durch Mißbrauch oder Unverstand früherer Reiter beigebracht sind, oft wahre Wunder wirken, indem es sie durch entsprechende Richtung [Ausrichtung] des Pferdekörpers oft gründlich zu heilen vermag, nachdem alle tierärztliche Hilfe vergebens angewendet war.“ [2]

#trustyourhorse #denkspruenge #gralswegreiten

Datenquellen:

  • [1] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 72
  • [2] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 46

Eigene Notizen
Autor: Richard Vizethum
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Übungen dürfen nie Selbstzweck sein

Eine Schule – beispielsweise Schulter(n)herein, welche zur Ausführung kommt, ist niemals Selbstzweck, sondern muss IMMER und in allererster Linie einem gymnastizierenden oder korrigierendem Nutzen folgen.

Trust-your-Horse - Schulterherein de la Guerinere

Jede Schule weißt dabei EINE optimale Form auf, in der der trainingstechnische NUTZEN vollends zur Entfaltung kommen kann.

Beim Beispiel SCHULTER(N)HEREIN wären dies z.B., ein Abstellwinkel des Pferdes zur Bande, von 40-42 Grad, die Nase innerhalb der UNTERSTÜTZUNGSFLÄCHE (Fläche zwischen den Verlängerungslinien der Schultern nach vorn), Aufrichtung und langsame Bewegungen im gleichmäßigen Fluss.

Im Verlaufe des Trainings wird man sich diesem trainingstechnischen Optimum, je nach Pferd, mehr oder weniger schnell annähern.

Oft aber ist man auch gezwungen Abweichungen von diesem Optimum für kurze Phasen oder auch über mehrere Trainingseinheiten, je nach Pferd, in Kauf zu nehmen, um Spezialprobleme zu lösen.

Was bringt das Bestreben sofort das Optimum erreichen zu wollen, wenn die Bewegungsmöglichkeiten des Pferdes dieses (noch) nicht zulassen und man dadurch nur Widersetzlichkeiten und Vertrauensverlust von Seiten des Pferdes provoziert.

Bestmöglicher Lernerfolg hat IMMER Priorität vor netter Darstellung und schnellen Showeffekten!

Dennoch aber ist dieses Optimum auch innerhalb einer „Korrektur“ immer wieder abzufragen, mit dem Ziel dieses möglichst schnell zu erreichen, denn nur das Optimum bietet 100%-Trainingsergebnis.

(Bild: Schulterherein de la Guérinière)

#trustyourhorse #denkspruenge

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Die stille Post reiterlichen Wissens

Es war einmal ein großer Lehrer, der hatte einen Schüler, dem er sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte, ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Trust-your-Horse - Die stille Post reiterlichen Wissens

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte, ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte, ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte, ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Dieser Schüler nahm das Wissen des Meisters, reduzierte es um das, was er nicht verstand und/oder nicht mochte, ergänzte es um eigene Ideen. Dann wurde der Schüler selbst zum Lehrer, der einem Schüler sein Wissen vermittelte.

Und alle glaubten, sie lehrten nach den Prinzipien des großen Lehrers der Vergangenheit.

Denkt mal darüber nach!

P.S. mit dem geschriebenen Wort ist es noch schlimmer!

#trustyourhorse #denkspruenge

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Die Geschichte der goldenen Kugel

Es war einmal vor sehr langer Zeit, da gab es in einem Land eine Kugel aus purem Gold. Jeder der sie erblickte war voll der Bewunderung und des Lobes ob dieser vollendeten Handwerkskunst. Sie galt als strahlendes Zeichen für Klarheit und reinem Wissen. Das gemeine Volk sagte dieser Kugel Wunderkräfte nach.

Trust-your-Horse - Die Geschichte der goldenen Kugel

Die Jahre vergingen, bis eine dunkle Zeit anbrach, in deren Wirren und Wandlungen die goldene Kugel verloren ging. Diejenigen, die über die Kugel gewacht hatten starben und die Kugel verschwand. Niemand suchte nach ihr.
Jedoch erinnerte sich manch einer dunkel an die Wunderkräfte dieser Kugel und man fragte nach ihr, um an ihrer Wunderkraft wieder teilhaben zu können. Nach einer Weile wurden die Nachfragen immer lauter und lauter. Die neuen Fürsten, die nichts von der Glorifizierung der goldenen Kugel hielten und die gar nichts so unglücklich darüber waren, dass die goldene Kugel verschwand, mussten etwas tun, um sich nicht den Unmut des Volkes zuzuziehen.

So ließen sie eine neue goldene Kugel herstellen. Da sie aber in diese weder viel Zeit, noch viel Geld investieren wollten, begnügte sie sich damit, eine Kugel mit einem Kern aus Holz und einer Ummantelung aus Gold herstellen zu lassen. Das gemeine Volk merkte den Schwindel nicht und glaubte die alte Kugel mit den Wunderkräften sei wiedergefunden worden.

Die Zeit verging. Die Fürsten gingen nicht sehr pfleglich mit der neuen Kugel um, es war ihnen zu viel Arbeit. Durch Unachtsamkeit fiel die Kugel immer wieder zu Boden und die Goldbeschichtung bekam Riefen und Schrammen. Damit sie aber dennoch in schönem Glanze erstrahlte, gab man den Handwerkern die Anweisung sie immer wieder abzuschleifen.

Dadurch wurde aber die Goldschicht immer dünner und dünner. Irgendwann schimmerte plötzlich das Holz durch. Um dies vor dem gemeinen Volk zu verbergen, entschlossen sich die Fürsten die Beschichtung erneuern zu lassen. Da für sie die Bedeutung der Kugel im Laufe der Zeit immer weiter gesunken war, gaben sie, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, die Anweisung anstelle des Goldes Messing zu verwenden.

Man polierte die Kugel so geschickt, dass sie wie Gold glänzte und man konnte die Menschen, die immer noch die wahre goldene Kugel mit den Wunderkräften vermuteten, täuschen. Sie ließen sich auch nur allzu gern täuschen, war doch ihre Erinnerung an die wahre Kugel verblasst und nur noch der Glaube daran vorhanden.

Die neuzeitlichen Bewahrer der Kugel, die nichts mehr von der vergangenen goldenen Kugel und ihrer wahrhaftigen Wunderkraft wussten, machten sich so lange vor, dass ihre Kugel diese ursprüngliche Kraft in sich trüge, bis sie selbst daran glaubten. Und sie verbreiteten ihren Glauben, der zur unumstößlichen Lehre erhoben wurde. Das Volk, bequem geworden, schloss sich dieser Lehre nur allzu gerne an.

Die wahre Kugel mit den Wunderkräften aber, sie liegt noch irgendwo da draußen und wartet auf ihre Wiederentdeckung.

Was das nun mit der Reiterei und der Reitkunst zu tun hat? Nun, das darf sich der geneigte Leser selbst beantworten.

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Ich habe es gelesen

Immer wieder findet man auf Facebook Posts in denen jemand Reitliteratur anbietet, manchmal mit Bemerkungen wie „Ich hab es gelesen …“.

Handelt es sich dabei auch noch um das Wissen „alter Meister“ welches man hier leichtfertig zu verschleudern gedenkt, dann kann man nur attestieren, dass die Person, die dieses tut, nicht wirklich Interesse am Verstehen der Reitkunst hat und das sie mit der ihr vorliegenden Literatur allenfalls ihren Zitaten-„Schatz“ vergrößern wollte.

Trust-your-Horse - Ich habe es gelesen

Dies kann man gerne mit dem größten Teil neuzeitlicher Reitliteratur so tun! Für die der Weg in den Altpapiercontainer mitunter die Reiterei und vor allem die Pferde, vor manchem Schaden bewahren würde.

Nicht so aber kann und darf man mit manchem Wissensschatz voriger Jahrhunderte verfahren. Die Reit- und Stallmeister der damaligen Zeiten konnten etwas, doch sie wirklich-wirklich zu verstehen ist äußerst schwierig.
Einmal lesen reicht dabei nun wirklich nicht aus.
So respektlos und vermessen sollte man keinesfalls sein.

Dieser Wissensfundus erschließt sich nicht durch das einmalige Lesen eines Buches, mag man selbst sich auch für noch so intelligent halten.

Ein wesentlicher und nicht zu umgehender Punkt für das WIRKLICHE Verstehen alter Reitliteratur ist die tägliche und umfangreiche PRAKTISCHE ARBEIT mit den Pferden – mit VIELEN Pferden unterschiedlicher Rassen und unterschiedlicher Konstitution und Disposition.

Diese Arbeit lässt manches Buch großer Reit- und Stallmeister mehrfach wieder zur Hand nehmen und studieren. Mehr und mehr erhält man dadurch die Chance das geschriebene Wort, an der Praxis gelebt, besser zu verstehen und besser zu werden in der Arbeit mit den Pferden.

Doch auch dies ist noch nicht ausreichend für das tiefe Verständnis. Man muss den jeweiligen Autor und sein Werk strikt im Kontext seiner Zeit beurteilen. Neuzeitliche Denkmuster und Begriffsinterpretationen sind hier eher hinderlich und führen – was man an den aktuellen Reitlehren und –methoden durchaus erkennen kann – zu problematischen Fehlinterpretationen und Logikbrüchen.

Auch ist es zum wahren Verständnis unabdingbar, sich mit dem zeitlichen DAVOR und DANACH des jeweiligen Autors zu beschäftigen. Woraus schöpfte er sein Wissen, wie wurde er von der mittel und unmittelbaren Nachwelt beurteilt und welche Zweckänderungen erlebte die Reiterei im Zeitablauf als Ganzes?

Genau dieser Zweck macht es auch erforderlich, sich mit Wissen zu beschäftigen welches über das eigentliche Reiten mitunter weit hinausgeht, aber großen Einfluss darauf hat. Einfluss natürlich auch auf die Erfahrungen und das dargestellte Wissen des jeweiligen Autors.

Mit jedem Mosaiksteinchen wird man ihn, den gelesenen alten Meister, mehr und mehr verstehen lernen, doch dazu muss man sein Werk mitunter wieder und wieder – in Teilen oder als Ganzes – intensiv studieren, von Mal zu Mal aber geschieht dies mit wachsender Erfahrung und Wissen im eigenen Rucksack.

EINMAL, ZWEIMAL … LESEN REICHT NICHT!

Um nur mit Zitaten protzen zu wollen ist manches Buch zu teuer.  Google würde da auch schon reichen.

Doch wer wirklich das Reiten und die Reitkunst tiefer verstehen möchte, wird keines der Bücher wahrer alter Meister hergeben wollen. Für einen solchen „DENKENDEN REITER“ werden diese Bücher, vielleicht noch mit eigenen Randnotizen ergänzt, ein ewiges Nachschlagewerk und Schmuck für seine kleine private Bibliothek sein.

Eigene Notizen
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Die Kandare – ein paar Worte dazu

Ist die Kandare wirklich DAS Instrument, welches die Hilfengebung verfeinert, wie man allendhalben zu hören oder lesen bekommt?

Otto Digeon von Monteton, mein Seelenverwandter, hat über die Kandare ganz pragmatisch gesagt, sie sei „DIE EINZIG MÖGLICHE KRIEGSZÄUMUNG“ .

Und genau das ist sie auch: eine Kriegszäumung!

Trust-your-Horse - Die Kandare - ein paar Worte dazu

Ansonsten war Otto, wie ich auch, der Meinung, dass „die gewöhnliche Wasser- oder Doppel-Trense das einzig brauchbare Ausbildungswerkzeug ist“ und die KANDARENREIFE dann erreicht ist, wenn alle Lektionen der Hohen Schule einhändig auf Trense geritten werden können.

Die Befürworter der Kandare dagegen scheinen der Meinung zu sein, dass man mit der Trense diesen hohen Grad von Feinheit, den sie erwarten, nicht erreichen könne, da die Trense beispielsweise beim Aspekt der BEIZÄUMUNG weniger wirksam sei.

Eine solche Aussage ist FALSCH und drückt in gewissem Sinne sogar Unkenntnis bezüglich der wahren, sehr vielfältigen Möglichkeiten der Trense aus!

Ein auf Trense beigezäumtes Pferd muss sich darauf eingelassen haben die Nase entsprechend der AUFRICHTUNG immer näher an die Senkrechte heranzunehmen. Dies bedarf Geduld und es ist stallmeisterliche Kunst einen Pferdehals mit Hilfe der Trense zu formen.

Bei der Kandare ist diese Willensäußerung des Pferdes nicht notwendig, die Beizäumung geht schneller, aber die Qualität der Halsausformung erreicht nicht das, mit Trense erreichbare Niveau. Im Gegenteil, durch die Genickwirkung der Kandare produziert man einen zweiten „falschen Knick“. Dieser kann das Pferd in manchen Situationen auf die Vorhand bringen.

Während man mit der Kandare tricksen und Ausbildungsfehler leicht überspielen kann, offenbart die Trense solche Fehler und Mängel schonungslos! Mit welchem Instrument also ist mehr Wissen und Erfahrung notwendig, mit der Trense oder mit der Kandare?

Oft hört man, insbesondere dann, wenn die Kandare als feines Mittel präsentiert werden soll folgenden Satz:

Die Trense bäumt, die Kandare zäumt!

Dabei wird einem gar nicht so bewusst, dass dieser Spruch – und hier wage ich eine gar nicht so abwegige Hypothese – wohl in einer Zeit seine Entwicklung nahm, in der Teile der Reiterschaft alles andere als fein und pferdefreundlich ritten.

Getreu nach dem Motto „Alles was lebt ist faul!“ (Rittmeister von W.) versuchte man die Aufrichtung und Beizäumung der Hohen Schule zu imitieren, dabei aber maßgebliche Entwicklungsschritte auslassend, eine gewaltige und für die Pferde sehr unfreundliche Abkürzung zu nehmen.

Nicht, wie bei der wahren HOHEN SCHULE, wo man erst zum Ende der Ausbildung die maximale Aufrichtung und Beizäumung zu erzielen trachtete, begannen diese „Reitersleut“ schon zu Beginn der Ausbildung die Pferde – auf Trense – hoch aufzurichten (DIE TRENSE BÄUMT) und dabei das Pferd stark auf die unvorbereiteten Hanken zu setzen.
Es war ihnen auch egal, dass der Kopf des Pferdes dabei in eine nahezu waagerechte Stellung gebracht und der Rücken weggedrückt wurde.

Diese, zunächst im Stehen erarbeitete Aufrichtung sollte auch in der Bewegung erhalten bleiben.

Erst nach einer Weile begann man, nun mit Kandare (DIE KANDARE ZÄUMT), den Pferdekopf heranzuarbeiten. Die Pferde ließen sich das natürlich nicht gefallen und versuchten, wenn sie die Möglichkeit hatten, vom Zügel loszukommen.

So geschah es auch bei jenem Quedlinburger Husarenregiment, welches den Auftrag bekam in der Zeit von 1842 – 1843 die Methode Bauchers auszuprobieren. Dieser Versuch ging voll in die Hose. Beim großen Kavalleriemanöver vor Berlin 1843 hoben sich die so ausgebildeten Pferde, „keinem Zügel mehr gehorchend“ (frei nach Schiller), reihenweise aus der Zäumung. Natürlich sehr ungünstig für ein Kavalleriepferd. Anzumerken sei allerdings noch, dass Baucher zu dieser Zeit die Pferde ausschließlich auf Kandare ausbilden ließ.

Die „unbedingte Beizäumung“ Bauchers, wurde daraufhin ein für alle Mal bei den Preußen verboten. Die Ablehnung hatte also, nicht wie einige Autoren dies darstellten, nationalistische, sondern rein pragmatische und sicherheitstechnische Gründe.

Das Ganze war natürlich alles andere als gesund für die Pferde, vielleicht auch ein Grund über den Satz: „Die Trense bäumt, die Kandare zäumt!“ nochmal nachzudenken.

Zum vorläufigen Abschluss noch ein Zitat von Otto Digeon von Monteton:

Ein gerittenes Pferd geht auf jeden alten Bindfaden statt des Mundstücks …
(geritten bedeutet hier rittig/voll ausgebildet)

aus Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachet
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Langer Rückenmuskel und Dehnung(shaltung)

Um auf das eigentliche Thema einzugehen ist es zunächst einmal erforderlich sich etwas genauer mit diesem größten BEWEGUNGSMUSKEL im Pferd auseinanderzusetzen.

Der LANGE RÜCKENMUSKEL (Musculus longissimus dorsi) gehört zu der tiefen Rumpfmuskulatur und besteht aus zwei paarigen langen Muskelsträngen, genauer aus hintereinander liegenden, verschmolzenen Segmenten. Anhand dieser Segmente wird er in verschiedene Bereiche unterteilt, die strukturell und funktionell alle miteinander verbunden sind und somit nicht näher definiert werden.

Trust-your-Horse - Langer Rückenmuskel und Dehnung(shaltung)
Bild mit freundlicher Genehmigung: © Marco Jentsch – zertifizierter Pferdethermograph

Er entspringt an den Dornfortsätzen des Kreuz- und Darmbein und überspannt von dort die komplette Wirbelsäule bis hin zum Kopf (siehe Bild). Er setzt an den Hilfs- und Querfortsätzen der Wirbel an, an den Rippenhöckerchen, am Atlasflügel sowie am Proc. mastoideus des Schläfenbeines.

FUNKTIONEN DES M. LONGISSIUMS

  • Strecken und Feststellen der Wirbelsäule,
  • er ist ein Heber von Hals und Kopf und ebenfalls maßgeblich an der Aufrichtung des Oberkörpers beteiligt
  • Halsbiegen (bei einseitiger Kontraktion)

Seine Länge, seine vielfältigen Andockpunkte und sein Funktionsumfang machen ihn zu einer sehr wichtigen Muskelstruktur im Pferdekörper.

Auch Udo Bürger unterstreicht in seinem Buch „Vollendete Reitkunst“ diesen Muskel als einen ausgesprochenen Bewegungsmuskel, „dessen Tätigkeit der Fortbewegung und der Festigung der Haltung in der Bewegung, nicht dem Tragen des Reitergewichts dient. Er hat durch den breiten Rückenmuskel Verbindung mit der Vorhand und über den großen Kruppenmuskel Verbindung mit der Hinterhand. Somit ist er in den Takt der Bewegung eingeschaltet und kann sich nicht isolieren“.

Nun wurde schon zweimal in diesem Text darauf abgehoben, dass der LANGE RÜCKENMUSKEL ein wichtiger BEWEGUNGSMUSKEL sei. Dies möchte ich an dieser Stelle etwas relativieren, dergestalt, dass es sich beim langen Rückenmuskel nicht um einen Bewegungsmuskel im engeren Sinne handelt, sondern er lediglich einen, wenn auch sehr wichtigen EINFLUSS AUF DIE BEWEGUNG HAT.

Seunig drückte dies folgendermaßen aus:

„Der in der Reitersprache ‚Rücken‘ genannte lange Rückenmuskel ist durch je zwei andere mit ihm verkoppelte Muskelgruppen (s.o. Udo Bürger) in Verbindung mit Vorder- und Hintergliedmaßen und somit in den Takt der Bewegung eingeschaltet“ [5]

Im Weiteren aber trägt der lange Rückenmuskel auch zur Stabilisierung der Wirbelsäule bei, unterstützt damit in einem gewissen Sinne das Nacken-Rückenband.

Ein durch das Pferd willentliches oder reflexartig (unbewusstes) AN- besser gesagt VERSPANNEN oder FESTHALTEN dieser Muskelstruktur hat nicht nur direkten Einfluss auf die Bewegung, sondern auch indirekt, durch das „Versteifen“ der Wirbelsäule im Rückenbereich, verbunden mit einem – je nach Ausgangsposition – leichten Absenken bzw. Aufwölben dieser Rückenwirbelsäule.

Das Bestreben des Reiters muss es also sein diesen Muskel in seiner NEUTRALEN GRUNDSPANNUNG zu erhalten, ihn im Falle einer Verspannung zu LÖSEN.

AN DIESER STELLE BEKOMMT NUN VORWÄRTS-ABWÄRTS IM ALLGEMEINEN UND DIE DEHNUNGSHALTUNG IM BESONDEREN IHRE AUFMERKSAMKEIT

Dieses LÖSEN glaubt man nun insbesondere durch Vorwärts-Abwärts-Reiten auch in der Form der Dehnungshaltung erreichen zu wollen. Und hier sage ich ganz klar:

KANN NICHT FUNKTIONIEREN!

Um diese Muskelstruktur des Musculus longissimus dorsi dehnen bzw. strecken zu können bedarf es (flapsig ausgedrückt) etwas, über DAS ICH IHN DEHNEN kann. Und hier ist man – als zentrales Element – der Meinung: DER RÜCKEN. Zumal ja auch der lange Rückenmuskel auf den Querfortsätzen der Wirbelkörper „liegt“.

Dies würde aber bedeuten, man müsste die Skelettstruktur im Bereich des Rückens AUFWÖLBEN. Im Fall des Pferdes bedarf es dazu eines HEBELS, der dies ermöglicht und eines weiteren „Hilfsmittels“, welches die Aufwölbung unterstützt. Das „Mittel“ wäre vorhanden: Das NACKEN-RÜCKENBAND. Dieses ist ganz praktisch, denn es dockt mit Bandkappen an den Dornfortsätzen der Rückenwirbelsäule (Brustwirbel, Lendenwirbel …) an.

Sogar einen geeigneten Hebel hat man gefunden: Die langen Dornfortsätze des Widerrists, welche in ihrer Grundhaltung leicht nach hinten geneigt sind.

Wenn es also nun gelingt, diese langen Dornfortsätze AUFZURICHTEN, dann, so stellt man sich vor, würde dies zu einem AUFWÖLBEN des Rückens – durch das Nacken-RÜCKENBAND – führen.

ALSO DAS SCHEINT JA GANZ EINFACH UND KLINGT AUCH IRGENDWIE LOGISCH

Das Pferd muss sich nur nach vorne-unten DEHNEN und somit Zug auf das Nacken-Rückenband ausüben. Dieses wiederum würde die Dornfortsätze des Widerrists in eine aufrechtere Position ziehen und damit im Weiteren auch den Rücken anheben und somit die Möglichkeit schaffen, den langen Rückenmuskel zu dehnen.

SCHÖNE THEORIE

Doch schauen wir uns doch mal diesen „HEBEL“ etwas genauer an. Zwar stehen die Dornfortsätze relativ weit auseinander, jedoch die Wirbelkörper selbst stehen sehr eng, so das ein AUFFÄCHERN der Dornfortsätze des Widerrists, von denen man so oft spricht nur in einem sehr geringem Maße möglich ist und seine Begrenzung in den Möglichkeiten der Wirbelkörper finden – an denen auch noch die Rippen „anhängen“.

Da am Nacken-Rückenband das Pferdegewicht und natürlich auch das Reitergewicht maßgeblich hängen, ist es kaum vorstellbar, dass dieser minimale Hebel in der Lage ist, diese große Hebeleistung zu vollbringen.

Was er ja auch nicht tut – man muss nur genau hinsehen.

Dann ist dieser lange Rückenmuskel, wie der Name schon sagt, auch noch SEHR LANG, dies bedeutet, um überhaupt einen Dehnungseffekt zu erhalten, müsste sich der Rücken nicht ganz unerheblich aufwölben (ich übertreib mal ein bisschen: Modell „Katzenbuckel“). Aufgrund des schwachen Hebels kann er das aber nicht.

ERGO: Kein (wirkungsvolles) Dehnen!

Natürlich wird der lange Rückenmuskel auch etwas durch seine Andockpunkte an den Halswirbeln, beim Langmachen des Halses gedehnt, aber nur sehr geringgradig, außer vielleicht das Pferd würde sich mit großer Anstrengung nach einem Grashalm strecken (Scherz). Auch wäre die Wirkung dieser „Streckung“  begrenzt auf den  – wie gesagt schwachen – Hebel Widerrist.

Verlangt man dann noch die – der Dehnungshaltung eigene – konvexe Oberlinie, so findet auch kaum noch Dehnungsunterstützung durch die Andockpunkte an den Halswirbeln statt. Hinzu kommt noch der offene Genickwinkel – ein weiteres Charakteristika der Dehnungshaltung – der den langen Rückenmuskel hier sogar etwas lockert (nicht dehnt), da ein Befestigungspunkt das Schläfenbein ist, welches nun etwas nach hinten-unten geklappt ist.

UND DAS ALSO IST DER WEG WIE SICH DER MAINSTREAM VORSTELLT DEN RÜCKEN AUFZUWÖLBEN UND DAS PFERD IM FALLE EINES FALLES ZU LÖSEN …

Im Falle eines Falles“ trifft es übrigens. Es scheint wohl so zu sein, dass der größte Teil der Pferde gar nicht so locker im Bereich der langen Rückenmuskeln sind. Also quasi genügend Notwendigkeit für das LÖSEN über Dehnung gegeben wäre.

Da sollte man sich allerdings mal die Frage stellen, ob daran nicht vielleicht das Vorwärts-Abwärts-Reiten (incl. Dehnungshaltung) neben Haltungs- und weiteren Trainingsfehlern (falsches Aufrichten …), sowie reiterliche Emotionalität als mögliche Ursache für diese (Ver)spannungen in Frage käme.

Eine feste Rückenmuskulatur ist nämlich nicht üblich oder gar bedingt durch die Zucht oder was man sonst noch an Ausreden parat hat. Zumindest schaffe ich es, die Pferde die ich trainiere locker zu machen und zu erhalten – und das ohne DEHNUNGSHALTUNG.

NOCH EIN PAAR KLEINE HINWEISE ZUR DEHNUNG AUS DEM HUMANBEREICH
Bitte jetzt nicht einwenden, dass man Mensch und Pferd nicht vergleichen könnte – kann man doch!

  • DEHNUNG und MUSKELKATER: Beim Muskelkater handelt es sich um kleine Muskelfaserrisse. Dehnung könnte eher zu deren Verstärkung beitragen.
  • DEHNUNG und MUSKELBEWEGLICHKEIT: Krafttraining und Massagen haben ihr eine deutlich höhere Wirkung.
  • DEHNUNG und MUSKELLEISTUNG: Dehnung reduziert die Muskelleistung
  • DEHNUNG und KONTRAKTUREN: Keine signifikante Verbesserung von Kontrakturen durch Dehnung. Mehr Wirkung wird den begleitenden Therapien zugeschrieben.

UND ZUM ABSCHLUSS NOCH MAL EINE FRAGE ZUM NACHDENKEN

Habt ihr schon mal beobachtet WIE PFERDE IHRE RÜCKENMUSKELN LOCKERN?

Sollte jemand bis hierhin gelesen haben hat er meinen Respekt – TAPFER

QUELLANGABEN

  • [1] Eigene Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet
  • [2] Alice Sophie Würnschimmel – „Die Auswirkung verschiedener Kopf-Hals-Haltungen auf die Aktivität des Musculus longissimus dorsi beim Pferd“ – Bakkalaureatsarbeit im Studiengang Pferdewissenschaften der Veterinärmedizinischen Universität Wien und der Universität für Bodenkultur Wien – Wien, Mai 2015
  • [3] Udo Bürger – Vollendete Reitkunst – Paul Parey Verlag, Berlin und Hamburg – 1959 – 2. Auflage 1966 – Seite 189
  • [4] Marco Jentsch – Pferdethermographie „Musculus Longissimus – Langer Rückenmuskel“
  • [5] Waldemar Seunig – „Von der Koppel bis zur Kapriole“ – Olms-Verlag 2015 – Seite 145

aus Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachet
Autor: Richard Vizethum
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