IRRTUM #1
Doch wer irrt hier wirklich?

In der romantischen Komödie Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand wurde der Held Cyrano durch den Viscount de Valvert in geckenhafter Weise wegen seiner Nase aufgezogen. Diese sehr plumpe und einfallslose Anmaßung quittierte Cyrano in ausführlichen und einfallsreichen Worten, an dessen Ende ein Fecht-Duell mit Valvert stand. Cyrano reimte, während er mit Valvert die Klingen kreuzte, eine Ballade[1] bei der er jeden Vers mit den Worten schloss:

Trust-your-Horse - Denn beim letzten Verse stech ich

Hier meine, auf der DVD „Jahrhundertirrtum Vorwärts-Abwärts„, gemachte Aussage, welche durch den Experten Knut Krüger in der CAVALLO 01/2020 eine Widerlegung finden sollte (Text wurde der CAVALLO entnommen):

Weder in den Reitlehren vor der H.Dv.12 noch der H.Dv. 12 gibt es eine Anleitung für das Reiten in Dehnungshaltung. Nach den Alten Meistern muss das Pferd aufgerichtet werden, sobald es an das Reitergewicht gewöhnt wird.

 

Der BALLADE 1. Vers
die Expertenmeinung des CAVALLO-Experten Knut Krüger betreffend

In seinem Widerlegungsversuch meiner Aussage schrieb der CAVALLO-Experte Knut Krüger:

„In der H.Dv.12 von 1912 ist das Reiten in die Tiefe sehr wohl beschrieben. Oft behaupten Ausbilder, dass es in der Reitlehre keine Belege für bestimmte Dinge wie zum Beispiel das Zügel aus der Hand kauen lassen gibt.“

Recherchen sollten immer möglichst umfassend sein, insbesondere, wenn man sich anschickt deutlich beleg- und begründbarere Aussagen damit zu widerlegen.

Nun, hier und dies mag ggf. durch die Redaktion von CAVALLO geschehen sein, darf man festhalten, dass schon die Bezeichnung der durch den Experten zitierten Dienstvorschrift nicht korrekt ist. Im Jahre 1912 handelt es sich nicht um die HDV. 12 von 1912, sondern um die D.V.E. 12 von 1912. Hier hätte ein Blick auf den vorderen Buchdeckel der Vorschrift genügt.

Knut Krüger hat Recht, wenn er davon schreibt, dass das „Reiten in die Tiefe sehr wohl beschrieben“ wurde, u.a. auch in besagter Dienstvorschrift. So wurde davon gesprochen, das das Pferd „Anlehnung in der TIEFE finde müsse“ (sinngemäß: D.V.E. Nr. 12 von 1912) oder dass man dem Pferd „den Weg in die TIEFE zeigen müsse“ (ebenda), so es nicht bereit wäre, diese von selbst aufzusuchen.

Nicht nur in den Dienstvorschriften, sondern auch bei alten Stallmeistern war der Begriff TIEFE in Gebrauch. So sprach E.F. Seidler (1798-1865) vom „Aufrichtung aus der Tiefe“.

Durch die Verwendung dieses Begriffs TIEFE aber haben uns und noch viel mehr den Pferden, jene alten Stallmeister – durch die Dienstvorschriften in die Neuzeit transportiert – unwissentlich ein ziemliches Ei, mit weitreichenden Folgen, ins Nest gelegt. Suggeriert uns neuzeitlichen Menschen (beginnend mit Anfang 20. Jahrhundert) dieser Begriff doch im Extrem eine Position der Pferdenase knapp über dem Boden – in der TIEFE eben. Was dazu führte, dass man Pferde mitunter wie „Jagdhunde schnüffeln“ und „Trüffel suchen“ lässt.

Doch zum einen wurde unter dem Begriff TIEFE in der Vergangenheit die ein-eindeutig definierte NATÜRLICHE HALTUNG (Faustregel: Nase des Pferdes in etwas auf einer Linie Höhe Hüftgelenk) des jungen Remonten verstanden. Diese war quasi die Ausgangsposition, aus der heraus das Pferd AUFGERICHTET und vermehrter AUF DIE HINTERHAND gesetzt wurde und zu der man bei Korrekturbedarf ggf. kurzzeitig zurückfand.

Zum anderen begrenzte sich die Relevanz dieses Begriffs auf den Zeitraum der ersten Gewöhnung des Pferdes an das Reitergewicht. Eines Zeitraums, der im Wesentlichen nur die ersten Tage des Anreitens betraf und mitunter vom Bild des STERNENGUCKERS geprägt war.

Dies mag ein Zitat aus der besagten D.V.E. 12 von 1912 unterstreichen, in der sowohl der Begriff der TIEFE, als auch der der NATÜRLICHEN HALTUNG (welche ebenfalls in der genannten Vorschrift bildlich dargestellt ist) gemeinsam und in einem verständlichem Zusammenhang Verwendung fanden:

Findet eine Remonte nicht bald diese NATÜRLICHE HALTUNG, so muß sie einen Reiter erhalten, der es versteht, ihr gewissermaßen den Weg in die Tiefe zu zeigen.[2]

Womit nun aber der Begriff TIEFE oder „Reiten in die TIEFE“ gar nichts zu tun hat, ist das „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“.

Das „ZÜGEL-AUS-DER-HAND-KAUEN-LASSEN“, war Bestandteil einer JEDEN Ausbildungsstufe des Pferdes (HDv.12 von 1937) und diente zur Verprobung der LOSGELASSENHEIT in kurzen Reprisen.

Ein guter Prüfstein für die richtige Arbeit sind nachgebende Zügelhilfen, wobei der Reiter sich die Zügel aus der Hand kauen lässt, ohne die treibenden Hilfen aufzugeben. Das Pferd muss dabei mit nach vorn gedehntem Halse, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.[3]

Ein Bildbeispiel findet man bei Waldemar Seunig[4] (besonders Pferd Nr.3 zeigt dies – und diese Meinung teilte auch der Verfasser – in vorbildlicher Weise) unter der Überschrift „Entwicklung der Losgelassenheit aus der Zwanglosigkeit“.

Lassen wir nun wieder den CAVALLO-Experten Knut Krüger sprechen:

Einerseits sollten wir vorsichtig sein, etwas zu verändern, das sich bewährt hat. Andererseits ist es wenig hilfreich, an einem alten Wissenstand festzuhalten.“

Ja, man sollte vorsichtig sein etwas zu verändern, was sich bewährt hat, jedoch ist genau dies lange vorher schon geschehen. Man hat im hohen Maße wahrhaft BEWÄHRTES verändert – in sehr vielen Punkten zu Ungunsten der Pferde.

Diese Veränderungen in der Pferdeausbildung hatten sicherlich auch pragmatische Gründe, welche in der notwendigen Anpassung des Einsatzspektrums der Kavallerien zu suchen sind. Die größeren Waffenreichweiten der Artillerie, die Repetierbarkeit der Handfeuerwaffen und das immer besseren taktische Einstellens der Infanterie (Karree anstelle von Linienformationen) machten erfolgversprechende Kavallerieattacken immer schwieriger.

Die Strecken, die zum Gegner während eines Chots (Angriff) zurückzulegen waren, wurden länger, ebenso wie jene, welche dabei im Galopp zurückgelegt werden mussten. Gegen 1870 waren dies schon 600-800 Schritte (450-600 Meter)[5]. Die Ausdaueranforderungen in schneller Gangart an die Pferde erhöhten sich.

Schon nach dem Frieden von 1815 legte man deshalb in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, einer größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur zentralen Gangart des Angriffs.

Man begann entsprechend sehr viel mehr Wert auf das Training des Galopps zu legen und die Pferde wurden länger gelassen. In manchen Kavallerien (beispielsweise Frankreich – Cadre Noire – Comte d´Aure), durchaus auch in Preußen, fand die angloman geprägte, versammlungslose Vorwärtsreiterei immer mehr Anklang. Dies jedoch ging zu Lasten der Gesundheit der Pferde.

1874 mahnte General von Schmidt, einer der bedeutendsten Kavalleriegeneräle seiner Zeit, aufgrund der steigenden Pferdeverlust (im „Alltagsbetrieb“) eine Rückkehr zur Ausbildung nach altpreußischem (vor 1806) Vorbild an[6]:

Es muss hierbei vorausgesetzt werden das (bezogen auf die Verlängerung der Galoppstrecke beim Chots [Angriff]):

Das die Pferde vornehmlich im Winter-Halbjahr, und sodann fortgesetzt während der Sommerübungen, nach den Grundsätzen und Regeln der altpreußischen Dressurmethoden[7] in die ihrem Gebäude angemessene, richtige Haltung, Aufrichtung, Beizäumung und Versammlung gesetzt worden sind, dieselben sich nicht schwer auf die Zügel legen und nicht fest in der Hand ihrer Reiter, sondern in allen Theilen weich und nachgiebig sind, und ihre Hinterhand gebogen[8] und untergeschoben worden ist, damit dieselbe im Stande ist, vermöge ihrer Elastizität und Spannkraft das Gewicht und die Stöße elastisch aufzunehmen, und dadurch die Vorderfüße zu schonen und zu erleichtern.

Hier beschreibt der General, welche Ausbildungsergebnisse er für die Pferde erwartete. Seine Ansichten, geboren aus großer reiterlicher Erfahrung (u.a. auch aus den Schlachten des Feldzuges von 1870/71), widersprachen entschieden dem damals allgemeinen vorherrschenden Zeitgeist, der eine derartige Pferdeausbildung nicht mehr für notwendig erachtete. Weiter fährt er fort:

Durch das vorstehend bezeichnete richtige Reitverhältnis und die gute Haltung der Pferde, die ihnen zur zweiten Natur geworden sein muß, wird denselben sowohl das Tragen des Gewichts, wie die erhöhte Arbeit unter demselben, insbesondere der verstärkte, verlängerte Galopp, in welchem sowohl Reiter wie Pferd sich wohl fühlen, eine Gewohnheitshaltung annehmen und mit Ruhe athmen lerne müssen, außerordentlich erleichtert und sie werden durch diese Haltung unverhältnismäßig geschont werden“.

In diesen Sätzen machte er deutlich, dass die altpreußische Ausbildung der Pferd und das damit verbundene Reiten in HALTUNG nicht nur die Pferd zu höherer Leistungsfähigkeit brachte, sondern das sie dabei auch in einem hohen Maße geschont werden.

Welche Gefahren und Probleme, durch die gegenteilige (anglomane) Art zu Reiten zum Ausdruck kommen, verdeutlichen seine weiteren Worte:

… während das entgegengesetzte Verhältnis, ein Vorstrecken von Kopf und Hals, ein stieres Genick, ein Festliegen auf den Zügeln in der Faust der Reiter, eine hohe intakte Hinterhand[9] und die dadurch bedingte Unfähigkeit, sich zusammenzuschieben und zu versammeln, sie ruiniert und vollständig aufreibt, besonders wenn in diesem Verhältnisse größere Anstrengungen, lange Galopps von 600 bis 800 Schritt von ihnen verlangt werden. Diese Verfassung ist aber nur die Folge davon, wenn der lange Galopp durch die vielfache und unausgesetzte Uebung desselben erzielt werden soll, ohne daß eine gründliche Durcharbeit des Pferdes seiner Befestigung in der Haltung vorhergegangen ist; nichts ist fehlerhafter wie dies.“.

Die weiteren Worte des Generals lasse ich sowohl ungekürzt als auch unkommentiert und lege sie dem geneigten Leser ans Herz, sich mit diesen etwas intensiver gedanklich auseinander zu setzen:

„Der lange Galopp muß ein Produkt der richtigen Vorbereitung und guter Durcharbeit, tüchtiger Dressur, der Biegung und Versammlung des Pferdes in versammelten Gängen in der Bahn sein. Wird er nur durch unausgesetzte Uebung wohl gar noch während der Winterdressur in der Bahn erzielt, so sind Struppirung der Vorderbeine, Ruin des Magens und der Lunge die unmittelbare Folge davon“.

„ … die Hindernisse des Bodens mit Leichtigkeit überwinden zu können, führt nur durch kurzes und versammeltes Reiten und Arbeiten in der Reitbahn, um die Pferde weich und nachgiebig zu  machen und in das Gleichgewicht zu setzen.“

„Der erhöhte Verbrauch von Pferdematerial in neuerer Zeit kommt nur daher, daß dieser Grundsatz nicht befolgt, hierauf nicht genug Werth gelegt, die Durcharbeit der Pferde nicht rationell genug betrieben wird und überhaupt die Kampagnenreiterei leider bergab gegangen ist, gute Reitlehrer und die richtigen Grundsätze in Betreff Bearbeitung des Soldatenpferdes für tüchtige Leistungen immer seltener geworden sind.

Jedermann weiß, es ist ein Erfahrungssatz und braucht nicht erst bewiesen zu werden, dass ein gut gestelltes, sich im Gleichgewicht bewegendes Pferd eine längere Ausdauer hat, weit größerer Leistungen fähig ist und sich weit länger konserviert, wie ein stieres, ungearbeitetes, schlecht gestelltes Pferd; aber die Geschicklichkeit und die Kunst, auch mangelhafte Pferdegebäude in die richtige Haltung und Verfassung zu bringen, ist allmälig immer mehr abhandengekommen.

Hier also hat man in der Vergangenheit bereits auf Bewährtes verzichtet und das Wissen darüber befand sich auf dem Rückzug. Die Mahnungen des Generals, welcher großen Einfluss hatte, leider aber ein Jahr nach seinem Bericht verstarb, wurden in den Wind geschlagen, ebenso wie Hinweise des Freiherrn von Krane bezüglich des Reitens in HALTUNG.

Jene (anglomane) Reiterei die General von Schmidt in seinem Berichtstext kritisierte, setzte sich ungehindert und heute muss man fast sagen – ungeniert – in die Neuzeit fort.

In Unkenntnis und der Ignoranz dem wirklich Bewährten gegenüber, glaubt man heute, dass das, was man da zusammenreitet, KLASSISCH sei und man versteigt sich sogar in großer Anmaßung dazu, aktuellen Lehrmeinungen den Nimbus der UNUMSTÖSSLICH zu geben.

Die immer aktiver werdende Vorwärts-Abwärts-Reiterei (incl. Dehnungshaltung) der Neuzeit setzt für die Pferde einen weiteren Gipfelpunkt negativer Entwicklung.

Weiter im CAVALLO-Experten-Text von Knut Krüger …

… Beispiel H.Dv.: Sie wurde bis 1937 dreimal überarbeitet. Danach wurde sie nicht fortgeschrieben, aber verändert. Das ist nur mündlich überliefert durch etwa Kurd Albrecht von Ziegner und Paul Stecken. Wahrscheinlich wäre die tiefere Dehnungshaltung und das tiefe Zügel aus der Hand kauen lassen in eine spätere Fassung aufgenommen worden – fast alle Kavalleristen lehrten das Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen bis auf die Schnalle.“

Das die Dienstvorschrift, wie vom Experten Knut Krüger angesprochen dreimal überarbeitet wurde ist richtig, wenn man einen begrenzten zeitlichen Horizont zu Grunde legt. Tatsächlich aber gab es ständig Überarbeitungen von Ausbildungsanweisungen, Instruktionen und Dienstvorschriften in der Kavallerie.

Allein Friedrich II wurde nicht müde mit eigener Feder manches (taktische …) Reglement zu verfassen.

Die vom CAVALLO-Experten Knut Krüger genannten Anpassungen der Dienstvorschriften hatten ihre Ursache nicht in „besserem“ reiterlichem Ausbildungswissen, sondern sie waren im Wesentlichen der Tatsache geschuldet, das das Bildungsniveau der rekrutierten Mannschaften gesunken war …

Für den Mannschaftsersatz ergaben die stark landwirtschaftlich geprägten Provinzen Ostpreußen, Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und Schlesien günstigerer Voraussetzungen für Rekruten mit ‚Pferdeverstand‘ als Industriegebiete oder Gebiete mit ausgesprochen kleinbäuerlicher oder gewerblicher Siedlung. So stammten beispielsweise 1927 53% der Freiwilligen aus ländlichen Gebieten und nur 47% aus Städten …[10]

Die HDv. 12 von 1926, welche weit ausführlicher formuliert war als die D.V.E. 12 von 1912 hat hier wohl so manchen Nachwuchskavalleristen intellektuell überfordert. Mit der HDv. 12 von 1937 trug man diesem Problem Rechnung.

Wenn der CAVALLO-Experte Herr Krüger der Meinung ist, dass man die Dienstvorschrift nach der Fassung von 1937 „nicht fortgeschrieben, aber verändert“ hat und diese Änderungen „nur mündlich überliefert“ seien, dann drückt das nur eines aus, dass Herr Krüger entweder nicht beim Militär war oder als schlichter Wehrpflichtiger nicht besonders tief in die Materie eingedrungen ist.

Beim Militär und dies insbesondere in der, noch immer von preußischer Disziplin geprägten damaligen Zeit, wurde jede Änderung schriftlich angewiesen. Entweder in den Richtlinien selbst (Fortschreibungen) oder es gab schriftliche Ausführungsanweisungen. So wie man kein Bildmaterial als Beleg für ein tiefes Einstellen der Pferde finden kann, so findet man auch nirgendwo entsprechendes (offizielles) schriftliches Material.

Was die mündlichen Überlieferungen anbelangt: In einer Zeit, in der die Ausbildung im Gelände zunehmend die dressurmäßige Arbeit in der Reitbahn verdrängte und man immer mehr den Trends anderer Länder (insbesondere Italien und Frankreich) zur Gewöhnung unter Ausschließung der Gymnastik[11] und dem stark vermehrten SPRINGTRAINING folgte, kann man nicht zwingend erwarten, dass die jungen Herrn Offiziere, sich mit ernsthafter Dressur auseinandergesetzt haben, bzw. noch genügend über wahrhaftig gymnastizierende Ausbildung der Pferde wussten. Entsprechend eingefärbt wurde dies von so manchem Kavalleristen in die Neuzeit weitergetragen.

Weiter schrieb der CAVALLO-Experte Knut Krüger:

„Nach der Kavallerie-Zeit wurde die Zucht umgestellt, sodass wir heute andere Pferde vorfinden als damals. Da wundert es nicht, dass es etwa bei der Anlehnung Schwierigkeiten gibt, wenn die Regeln der H.Dv.12 von 1937 eins zu eins übernommen werden.“

An diese Stelle muss ich nun doch etwas emotionaler werden. Diese Aussage ist, obwohl in der heutigen Zeit häufig (als Ausrede) gebraucht, blanker Unsinn, macht aber gleichzeitig deutlich wo das sogenannte Expertenwissen in unseren Tagen häufig bereits endet.

Zu allen Zeiten hat die Zucht oder auch die Natur „Produkte“ hervorgebracht, welche sich zunächst aufgrund physischer oder psychischer Problematiken für das GERITTENWERDEN als wenig geeignet zeigten. Selbst die in der heutigen Zeit  – neudeutsch ausgedrückten – „hypermobilen“ Pferde, welche man gerne ausschließlich unserer Zeit zuschreibt, kamen in der Vergangenheit immer wieder vor.

Der Unterschied zu heute war lediglich, dass die STALLMEISTER von Damals, welche mitunter im Rang von Professoren standen und Reiten an Universitäten lehrten, noch das Wissen hatten, mit solchen Problemen umzugehen und niemals auf die Idee gekommen wären, es der „Unzulänglichkeit“ einer Dienstvorschrift anzulasten, „dass es etwa bei der ANLEHNUNG Schwierigkeiten“ mit solchen Pferdetypen geben könnte.

Um sich darüber tiefere Kenntnis zu verschaffen, wäre es „nur“ erforderlich, frei von jeglichem neuzeitlichen Denken, die Bücher von E.F. Seidler, Louis Seeger, Wilhelm Baumeister, des Freiherrn von Krane, Theodor Heinze und vielen anderen Stallmeistern – denn diese Liste ließe sich beliebig verlängern – gründlich zu studieren und nicht immer nur kontextbefreite, das eigene reiterliche Weltbild stützende Zitate rauszukratzen.

Nächster Punkt des CAVALLO-Experten Knut Krüger:

Im Übrigen wurde die H.Dv.12 für Kriegszwecke abgefasst – kaum werden neben unseren Pferden heute noch Granaten einschlagen. Aus beiden Gründen halte ich es für sinnvoll zu überdenken, ob die Selbsthaltung in Verbindung mit der damals geforderten straffen Zügelführung noch durchführbar und zeitgemäß ist.

Nein, lieber Herr Krüger, die D.V.E. 12 von 1912, die HDv.12 von 1926 und jene von 1937 wurden, gleichwohl sie die Ausbildung von Kavalleriepferden und –reitern betrafen, nicht zu „Kriegszwecke(n)“ abgefasst. Es ging darin primär um die Ausbildung von Pferden zu Reitpferden und Menschen zu Reitern.

Natürlich kamen auch Waffenübungen darin vor, beispielsweise „Gewöhnung an Lanze und Degen“ in der D.V.E. 12 von 1912 (Seite 246 – 4 Zeilen) oder Übungen mit Säbel und Pistole in der HDv. 12 von 1937 (Seite 109f – 15 Zeilen). Dies kann man aber nun wohl kaum eine ausführliche, spezifische Ausbildung zum „Kriegszwecke“ nennen. Auf das „Schussfest machen“ der Pferde wurde Ausbildungstechnisch überhaupt nicht eingegangen!

Lieber Herr Krüger, was ihren Teil-Satz „ … ob die Selbsthaltung in Verbindung mit der damals geforderten straffen Zügelführung …“ anbelangt, überlasse ich es Ihnen und den geneigten Lesern der CAVALLO, den Widerspruch darin zu erkennen.

Dennoch eine kleine Anmerkung hierzu: ANGLOMAN GERITTENE PFERDE bedürfen oft eine „straffe Zügelführung“. RITTIGE PFERDE (z.B. nach altpreußischer Methode) haben als ANLEHNUNG (Angebot an das Pferd sich bei Bedarf abstützen zu können) einen Hauch von Nichts auf Zunge und Lade und lassen sich in JEDER HALTUNG mit kaum merklichen Veränderungen des Drucks reiten, da RITTIGE PFERDE bestrebt sind den gleichmäßigen Druck („Hauch von Nichts“) stets zu erhalten.

Nun zu den Schlussworten des CAVALLO-Experten Knut Krüger …

Wer einzelne Punkte aus einem Reitsystem bzw. einer Reitlehre herauspickt (etwa nur in Aufrichtung reiten ohne mehrmonatige vorausgehende Arbeit am Boden), entwirft damit oft ein verzerrtes Bild eines an sich schlüssigen Ausbildungssystems. Und wer (nur) die Alten Meister zitiert, müsste viel darüber wissen, was damals als selbstverständlich vorausgesetzt wurde.

Ich kann nur zustimmen, was das „herauspicken“ anbelangt und die damit verbundene Verzerrung eines Ausbildungssystems.

Nur stellt sich hier die große Frage, warum man extrem schlüssige Ausbildungskonzepte der Vergangenheit, welche in der Lage waren Hochleistungspferde zu „erschaffen“, welche selbst extremste Belastungen (mitunter 12 Stunden und mehr unter dem Sattel) aushalten konnten, ohne Schaden an Körper und Geist zu nehmen, durch Fehlinterpretationen so verstümmelt hat, dass nur ein Zerrbild einer Lehre geblieben ist, welches man dann auch noch gerne gedankenlos, mit den Begriffen KLASSISCH und UNUMSTÖSSLICH schmückt?!

Was das zitieren „Alter Meister“ anbelangt, überlasse ich dies gerne den Personen, die sich über Zitate versuchen diesen Meistern anzunähern.

Ich studiere die Werke dieser Meister mit wissenschaftlicher Akribie, ziehe Sekundärliteratur zu Rate, betrachte die Entwicklung von Begrifflichkeiten über die Zeiten hinweg. D.h. heißt, ich versetzte mich sehr tief in die Gedanken und die Zeit dieser großartigen Stallmeister hinein.

Und dazu haben ich auch noch das Privileg jeden Tag, fast 365 Tage im Jahr, mit den besten Lehrmeistern arbeiten zu dürfen: den Pferden! Sie und das theoretische Studium geben mir auch Erkenntnisse darüber, „was damals als selbstverständlich vorausgesetzt wurde“ und ermöglichen mir auch solche Lücken zu schließen.

Für die Pferde, diese wunderbaren Tiere und deren Gesundheit setze ich mich mit ganzer Kraft ein – auch ein Grund für diese Zeilen.

Auf den Text im Kästchen („Aus der H.DV.12 (Fassung von 1912) Teil III „Dressur der Remonten“) der Widerlegungsseite des Experten Herrn Knut Krüger werde ich nicht weiter eingehen, denn dem geneigten Leser sollte die Richtigstellung des „Widerspruchs“ bereits in diesem meinem Text aufgefallen sein.

Jedoch werde ich der Vollständigkeit halber das von der CAVALLO angeführte Zitat hier ebenfalls aufführen.

Die Aufrichtung des Halses darf erst beginnen, nachdem das Pferd die sichere Anlehnung in der Tiefe gewonnen hat.“ (…) „Der Reiter muss stets, besonders bei vermehrter Beizäumung, im Pferde das natürliche Streben wach erhalten, den Hals auszudehnen, somit an die Hand heranzugehen.

Soweit zum ERSTEN VERS, den ich wie Cyrano de Bergerac mit den Worten enden lassen möchte …
Trust-your-Horse - Denn beim letzten Verse stech ich1

[1] BALLADE: [volkstümliches] Gedicht, in dem ein handlungsreiches, oft tragisch endendes Geschehen [aus Geschichte, Sage oder Mythologie] erzählt wird.
[2] DVE 12 von 1912 |“Reitvorschrift DVE 12 von 1912“ | 29.06.1912 | Verlag: Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Seite 201
[3] HDv 12 von 1937 |“Heeresdienstvorschrift HDv 12 von 1937“ |Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck WuWei-Verlag 2008| Seite 134
[4] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Bild Seite 165
[5] Eine Meile (knapp 7,5 Kilometer) hatte 10.000 Schritte | 1 Schritt damit 0,75 Meter (600 Schritte = 450 Meter | 800 Schritte = 600 Meter).
[6] Kaehler | „Die preußische Reiterei von 1806 bis 1876 in ihrer inneren Entwicklung“ | 1879 | Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn | Nachdruck Europäischer Geschichtsverlag 2015 | Seite 330ff
[7] General von Schmidt spricht sich hier für die altpreußischen Dressurmethoden von vor 1806 und im Grunde noch etwa bis 1848 aus.
[8] Der Begriff „Biegen“ bedeutet: das Biegen in den Gelenken, Genick, Rücken und Hinterhand und geringgradig das seitliche Biegen, welches man neuzeitlich diese Begriff zuschreibt und damit den ursprünglichen Begriffsinhalt konterkariert.
[9] Eine weitgehend untrainierte Hinterhand
[10] Klaus Christian Richter | „Die Geschichte der deutschen Kavallerie 1919 – 1945“ | 2. Auflage 1982 | Motorbuch-Verlag Stuttgart | Seite 27
[11] Major Moßdorf | „Von der klassischen Reitkunst zum neuzeitlichen Stil beim Reiten über Hindernisse“ | Deutsche Kavallerie-Zeitung – Beiheft 2 vom 1.2.1938 | Verlag Deutsche Kavallerie-Zeitung | Seite 3

Antwort auf den Widerlegungsversuch eines CAVALLO-Experten

Autor: Richard Vizethum
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Trust-your-Horse - The old prussian Art of Riding

Die natürliche Haltung des Pferdes
oder Tiefe ist nicht gleich Tiefe

Die NATÜRLICHE HALTUNG und wie sie definiert ist

Der Begriff NATÜRLICHEN HALTUNG ist ein zentraler und bedeutender Begriff in der Pferdeausbildung. Er gehört aber auch zu den Begriffen, welche am stärksten missinterpretiert wurden und damit Fehlentwicklungen wie das Vorwärts-Abwärts (incl. Dehnungshaltung) begünstigt haben.

Dabei gibt es wohl kaum einen Begriff, der in der Vergangenheit präziser und interpretationsfreier beschrieben wurde, als der Begriff der NATÜRLICHEN HALTUNG.

Die NATÜRLICHE HALTUNG ist eine DEFINIERTE – also festgelegte GRÖSSE und nicht beliebig.

Sie ist jene Haltung des natürlichen, noch ungerittenen Pferdes, welche dem zukünftigem REITPFERD im Stand und in den Bewegungen am nächsten kommt und vom natürlichen Pferd eingenommen wird, um entspannt und energiesparend beispielsweise von A nach B zu gelangen.

Durch Stallmeister wie E.F. Seidler (1798-1865) oder Louis Seeger (1794-1865), beide Schüler des legendären Oberbereiters der Hofreitschule zu Wien, Max Ritter von Weyrother (1783-1833), welcher den Begriff des „denkenden Reiters“ prägte, wurde die NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes sehr präzise beschrieben und dargestellt. Im Folgenden finden wir Bild und Beschreibung von E.F. Seidler (1837 und unverändert 1843):

Trust-your-Horse - Die definierte NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes
Bild: grobe Skizze der definierte NATÜRLICHE HALTUNG

Das aus dem Remonte-Depot oder von dem Landmann erhaltene rohe Pferd [siehe Bild oben[1]] hat die Nase vorgestreckt, die Ganasche liegt nicht an den Unterhalsmuskeln an, die Ohrdrüse hat ihre Lage auf der innern Seite der Ganasche, das Genick hat eine Biegung rückwärts, die Halswirbel bilden einen Bogen abwärts, der Hals ist lang und gestreckt. Das untere Ende des Schulterblatts schiebt sich schräg nach vorn und unten, drückt auf das vordere Ende des Querarms, giebt demselben eine beinahe wagerechte Lage, das Buggelenk bildet einen kleinen Winkel, der Vorderfuß steht hinter der senkrechten Linie. Die Rückenwirbelsäule ist nach dem Widerrist zu niedriger, steigt nach der Lendengegend, zeigt daselbst sogar eine Neigung zum Bogen aufwärts. Der Hinterfuß steht bedeutend zurück, oft nicht einmal bis zur senkrechten Linie des Hüftgelenks, das Kniescheibengelenk ist noch hinter der senkrechen Linie der Hüfte, das Sprunggelenk gestreckt, überhaupt alle Gelenke der Hinterhand bilden stumpfe gedehnte Winkel, die vermehrte Schwere des Pferdekörpers neigt sich nach vorn[2]

Auch in den Reitinstruktionen und Vorschriften von 1882, 1912, 1926 und 1937 wird das Pferd in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG, wie eben von E.F. Seidler beschrieben abgebildet (in diesen schon unter dem Reiter bei der ersten Gewöhnung an das Reitergewicht).
Trust-your-Horse - Natürliche Haltung des Pferdes in den Richtlinien von 1882, 1912 und 1937
Von links nach rechts: 1882, 1912, 1937 (die Bilder von 1912 und 1937 wurden gespiegelt, so dass alle Pferde in die gleiche Richtung laufen). Auf dem Bild aus dem Jahre 1882 kann man in der Beschreibung das Wort „Natürliche Haltung“ lesen.

Louis Seeger, bei dem ich erstmalig den Begriff NATÜRLICHE RICHTUNG (die im Bild oben eingezeichnete Linie, welche von hinten oben, nach vorne unten verläuft) fand, beschreibt diese – ebenfalls für die weitere Ausbildung des Pferdes relevante Größe – wie folgt und bekräftigt damit die Darstellungen zur NATÜRLICHEN HALTUNG von E.F. Seidler:

„Was ferner die Wirbelsäule anbetrifft, die durch ihre Verbindung und Richtung doch eigentlich die Stellung des ganzen Pferdekörpers bestimmt, so sehen wir, dass sie vorn zwischen den Schultern niedriger gestellt ist, als hinten am Kreuz.[3]

Würde man nun die Linie der Wirbelsäulen-Dornfortsätze betrachten, dann möchte man der Aussage von Louis Seeger vielleicht nicht in Gänze folgen. Doch im weiteren Textverlauf präzisiert Seeger, was unter der NATÜRLICHEN RICHTUNG [im Folgenden auch als RÜCKENLINIE bezeichnet] exakt zu verstehen ist:

„Man muss hier nicht diejenige Linie des Rückens betrachten, die von den Wirbelfortsätzen, sondern die, welche von den Körpern der Wirbel gebildet wird; diese ist bei jedem Pferde ohne Ausnahme vorn niedriger als hinten.“ [4]

Im Zuge dieser Beschreibung weist er auch nachdrücklich darauf hin, dass dieser Ausrichtung der RÜCKENLINIE korrigiert werden muss:

„So lange als diesem Uebelstande [Vorwärts-Abwärts-Neigung – Anm. d. Red.] nicht abgeholfen wird, kann das Pferd nie im Gleichgewicht sein, besonders wenn es noch den Reiter tragen soll, dessen Gewicht durch diese Richtung der Wirbelsäule nach vorn geschoben wird, folglich nicht gleichmässig auf alle vier Beine vertheilt sein kann“.[5]

Bevor ich im weiteren Textverlauf das Thema NATÜRLICHE HALTUNG und GLEICHGEWICHT beleuchte, sei zunächst einmal festgehalten, was die NATÜRLICHE HALTUNG in seiner definierten Form auf keinen Fall ist …

Die NATÜRLICHE HALTUNG und was sie nicht ist

Keine für das REITEN bzw. für die Ausbildung der Pferde als relevant zu betrachtenden NATÜRLICHEN Kopf-Hals-Haltungen sind:

  • die Haltung eines grasenden Pferdes,
  • die Haltung eines Pferdes, das etwas auf dem Boden riecht,
  • die Haltung eines Pferdes, welches im Begriff ist, sich hinzulegen,
  • die Haltung eines Pferdes, welches in eine Angriffsbewegung geht,
  • sowie alle weitern, tiefen Haltungen die nicht der definierten NATÜRLICHEN HALTUNG entsprechen.

Ebenso sind Haltungen unter Anspannung, wie spektakulär und in der Natur vorkommend, diese auch immer sein mögen, KEINE NATÜRLICHEN HALTUNGEN im Sinne der beschriebenen Definition.

In der Reitliteratur voriger Jahrhunderte wurde stets davon gesprochen, dass die NATUR immer die Ausgangsbasis für die KUNST sein muss.

Leider wurde diese berechtigte Forderung von diversen Reiterpersönlichkeiten (ich meide hier den Begriff „Reitmeister“) ab Ende 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts fehlgedeutet und zum Anlass genommen, jede beliebige Haltung, solange diese nur vom Pferd NATÜRLICH eingenommen wird, als REITRELEVANT und als NATÜRLICHE HALTUNG einzustufen.

Deutlich tieferen Hals-Kopf-Positionen als die der DEFINIERTE NATÜRLICHEN HALTUNG (siehe oben), wurden von diesen neuzeitlicheren Reiterpersönlichkeiten gedankenlos als „Jagdhund-Schnüffelei“ und „Trüffelsucher“ etc. verniedlichend, zur Anwendung und Bekanntheit gebracht und lieferten eine der Grundlagen für das aktive Vorwärts-Abwärts-Reiten (incl. Dehnungshaltung) der heutigen Zeit.

Zu diesen tieferen Hals-Kopf-Positionen trug auch ein weiterer Begriff, den man völlig fehlinterpretiert hat, bei und zwar, der Begriff der TIEFE.

So wie dies schon E.F. Seidler mit „Aufrichtung aus der Tiefe“   formuliert hat, wird in den unterschiedlichsten Quellen, so oder so ähnlich, davon gesprochen, dass das Pferd „Anlehnung in der TIEFE finde müsse“ (sinngemäß: D.V.E. Nr. 12 von 1912) oder dass man dem Pferd „den Weg in die TIEFE zeigen müsse“ (ebenda), so es nicht bereit wäre, diese von selbst aufzusuchen.

Die alten Stallmeister – durch die Dienstvorschriften in die Neuzeit transportiert – haben uns, aber noch viel mehr den Pferden, unwissentlich mit der Verwendung des Begriffs TIEFE, ein ziemliches Ei, mit weitreichenden Folgen, ins Nest gelegt. Suggeriert uns neuzeitlichen Menschen (beginnend mit Anfang 20. Jahrhundert) dieser Begriff doch im Extrem eine Position der Pferdenase knapp über dem Boden – in der TIEFE eben.

Doch in der Zeit dieser Stallmeister, betrachtete man als TIEFE jene definierte GRUNDAUSRICHTUNG des Pferdes, quasi die „neutrale Haltung“, aus der heraus das Pferd nach OBEN-HINTEN („aus der Tiefe aufgerichtet“) gearbeitet wurde, bzw. zu der man mitunter bei Korrekturbedarf zurückfinden konnte oder musste. Dies mag ein Zitat aus der DVE 12 von 1912 (Seite 201) unterstreichen:

Findet eine Remonte nicht bald diese NATÜRLICHE HALTUNG, so muß sie einen Reiter erhalten, der es versteht, ihr gewissermaßen den Weg in die Tiefe zu zeigen.

Diese Grundausrichtung, also TIEFE ist die oben beschriebene und sehr klar definierte NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes!

Die NATÜRLICHE HALTUNG und das GLEICHGEWICHT

Besondere wichtig bei dieser Definition des Begriffes NATÜRLICHE HALTUNG ist DER zentrale Begriff der Reiterei (damaliger Zeit) schlechthin: das GLEICHGEWICHT.

Eine dauerhafte und nachhaltige Gesunderhaltung eines REITPFERDES ist nur im GLEICHGEWICHT möglich und alle Bestrebungen der Stallmeister dieser voranglomanen Zeiten waren auf die Erarbeitung der relevanten Gleichgewichtshaltungen ausgerichtet.

Gesunderhaltung der Pferde hatte hohe Priorität. Tierschutz ging, insbesondere in der preußischen Kavallerie, aber auch in der Folgezeit der deutschen Kavallerie bis in den 2. Weltkrieg hinein, vor Menschenschutz in der Ausbildung. Dies lag nicht nur an einer sentimentalen Einstellung zum Pferde, sondern auch daran, dass das Pferd, sein Unterhalt und seine lange Ausbildung, einen nicht unerheblicher Kostenfaktor für die Staatskasse darstellten.

Das Pferd war in der Kavallerie lange Zeit wichtiger als der Mensch. Denn das Pferd „war die Waffe“ oder „trug die Waffe an den Feind[6], und es bedurfte viel Zeit, ein Pferd auszubilden. Der Mensch dagegen war austauschbar.

Diese Wertschätzung gegenüber dem Pferd änderte sich allerdings etwas, als das Reiten „sportlicher“, anglomaner wurde. Das Pferd erbrachte die Leistung, der Reiter kassierte die Lorbeeren. Sportlich erfolgreiche Reiter wurden zu Helden in der öffentlichen Wahrnehmung. Das Pferd wurde austauschbar.

Zurück zum GLEICHGEWICHT …

Das GLEICHGEWICHT war stets das Ziel jeder DRESSUR, also jener formenden und gymnastizierenden Ausbildung des Pferdes.

In der obigen Beschreibung der definierten NATÜRLICHEN HALTUNG sprach Louis Seeger, von einem Übelstand, dem abgeholfen werden müsse und meinte damit die vorwärts-abwärts geneigte RÜCKENLINIE des NATÜRLICHEN PFERDES, denn ohne diese Korrektur „kann das Pferd nie im Gleichgewicht sein“.

Für das Pferd in seinem „Naturzustand“, also ohne Reiter, stellt dieses „fehlende“ GLEICHGEWICHT natürlich kein Problem dar, wie dies auch Gustav Steinbrecht (1808-1885), der Schüler von Louis Seeger treffend beschrieb:

Im Naturzustand mag daher das Pferd immerhin seiner natürlichen Neigung auf die Schultern folgen, denn es erleidet dadurch keinen Schaden, da es kein fremdes Gewicht zu tragen hat, seine Bewegungen nach eigenem Willen ausführt und seine Hinterbeine ungehindert nach Bedürfnis zur Unterstützung der Vorhand bereit hat.[7]

Jedoch – und nun darf man gut mitlesen – verändert der Reiter und dessen Anforderungen diese Situation für das Pferd und dessen körperliche Gesundheit grundlegend, wie Steinbrecht fortfährt:

Da es aber unter dem Reiter dessen Gewicht mit zu übernehmen hat und nach dessen Willen nicht nur bestimmte Gangarten, sondern dies auch noch in bestimmten Tempo und beliebig lange gehen soll, muß es, um dies mit Sicherheit und ohne Schaden für seine Beine tun zu können, ins GLEICHGEWICHT gerichtet werden, nach dem Grundsatz, daß einen richtig ausbalancierte Last viel leichter zu tragen und zu stützen ist, als ein außer Gleichgewicht befindliche.[8]

Eine Aussage, die wiederum auch Louis Seeger deutlich bekräftigte und gleichzeitig auf das weitere Vorgehen (AUFRICHTUNG) hinweist:

„Es ist daher von grösster Wichtigkeit, um das Pferd vollkommen ins Gleichgewicht zu richten, besonders unter dem Reiter, diesem Hindernisse des Gleichgewichts abzuhelfen. Wir haben gesehen, dass durch die Aufrichtung von Kopf und Hals die Richtung des Rückens [Rückenlinie – Anm.d.Red.] wagerechter wird, …[9]

Sowohl die Aussagen von Seeger und Steinbrecht belegen, dass in der definierten NATÜRLICHE HALTUNG (die Nase des Pferdes ist dabei in etwa auf einer Linie Höhe Hüftgelenk) sich nicht in einem (reitbaren) und für die Pferdegesundheit zuträglichem  GLEICHGEWICHT befindet.

Die Richtlinie für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung dagegen schreibt in ihrer Beschreibung zum „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“:

Das Pferd dehnt sich dabei VORWÄRTS-ABWÄRTS an das Gebiss heran. Um die Hinterhand aktiv zu halten, muss der Reiter evtl. etwas vermehrt treiben. Die Dehnung sollte mindestens so weit erfolgen, dass das Pferdemaul sich auf Höhe der Buggelenke befindet, aber höchstens so weit, wie es die Erhaltung des Gleichgewichts zulässt. Die Stirn-Nasenlinie des Pferdes bleibt vor bzw. an der Senkrechten. Die Hand des Reiters geht bei dieser Übung etwas in Richtung Pferdemaul vor, damit das anschließende Nachfassen und Verkürzen des Zügels leichter und weicher geschehen kann. [10]

Der Satz „Die Dehnung sollte mindestens so weit erfolgen, dass das Pferdemaul sich auf Höhe der Buggelenke befindet, aber höchstens so weit, wie es die Erhaltung des Gleichgewichts zulässt.“ ignoriert zum einen die Physik und zum anderen auch die Meinungen von Stallmeistern wie beispielsweise Louis Seeger oder E.F. Seidler, für welche eben das Pferd in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG, also einer höheren Einstellung, als Höhe der Buggelenke, zu Recht als NICHT IM GLEICHGEWICHT gilt.

Betrachtet man die dazugehörige Zeichnung auf der Folgeseite der Richtlinie“  erkennt man in dieser Darstellung zum „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“ jene Form, die gemeinhin als DEHNUNGSHALTUNG bezeichnet wird, welche häufig als „korrekte“ Variante des VORWÄRTS-ABWÄRTS genannt wird.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung steht damit in einem krassen Widerspruch zu den Aussagen wahrhaftiger Stallmeister wie Louis Seeger, E.F. Seidler oder Gustav Steinbrecht.

Und dies, obwohl man sich auf den Letztgenannten immer wieder sehr gerne beruft, um sich den Anstrich der KLASSIK zu geben.

Zum Abschluss dieses Beitrages über die NATÜRLICHE HALTUNG möchte ich noch einmal Gustav Steinbrecht – als kleinen Gedankenanstoß – zu Wort kommen lassen. In diesen Sätzen warnt er sehr deutlich vor den Folgen des Reitens auf der Vorhand. Eines Reitens welches in der heutigen Zeit Standard ist und durch aktives Vorwärts-Abwärts-Reiten weiter forciert wird:

Die Engländer, als Vertreter des Reitens in NATÜRLICHER RICHTUNG, müssen ihren Jagdpferden nach Beendigung der Jagden, trotz sorgfältiger und kostspieliger Stallpflege, durch Pflaster, Einreibungen und freie Bewegung in Boxen die Vorderbeine brauchbar zu erhalten suchen. Es sind dies alles vorzügliche Pferde, die besten für den praktischen Gebrauch, die England überhaupt zieht, weshalb sie auch ihren hohen Preise wegen selten durch die Händler auf das Festland kommen, sondern in England selbst verbraucht werden. Trotz alledem werden die meisten von ihnen schon nach wenigen Jagdsaisons noch im kräftigsten Alter bei Tattersall mit aufgeschlagenen Knien, Sehnenklapp oder anderen Gebrechen für wenige Guineen verkauft, um den Rest ihres Daseins in Posten, Omnibussen und Cabs zu verleben. Es hat mich oft geschmerzt, wenn ich diese schönen, starken Gestalten mit kräftiger und vollkommen unverbrauchter Hinterhand solchem Los verfallen sah, weil die geschwächten Vorderbeine dem Jagdreiter nicht mehr Sicherheit genug gewähren konnten. Verständen die Engländer, in der Zeit zwischen den Jagdsaisons diesen Pferden die Hinterhand richtig zu bearbeiten und zu belasten, so würden sie an ihnen nicht nur jahrein-jahraus die angenehmsten Promenadenpferde, sondern auch viel sicherere und ausdauernde Jagdpferde haben und sie ohne Pflaster und Salben bis ins hohe Alter hinein benutzen können. Es ist zu bedauern, daß eine Nation, bei der die Liebe zum Pferde Allgemeingut ist, und die in dessen Zucht und Erziehung unbestritten den ersten Rang einnimmt, einer Kunst so ganz untreu geworden ist, die früher auch bei ihr in so hoher Blüte stand. [11]

Und weiter schrieb Steinbrecht:

Die Gegner der Richtung des Pferdes ins Gleichgewicht [darunter darf sich gerne auch die neuzeitliche Reiterei subsummieren – Anm.d.Red.] eifern gegen eine Sache, die sie entweder gar nicht kennen, oder von der sie durch falsche Jünger der Kunst, die diese durch Unfähigkeit herabwürdigen und in dem Maße Schaden anrichten, als sie Nutzen stiften sollten, ganz unrichtige Anschauungen bekommen haben.[12]

Die NATÜRLICHE HALTUNG eine kurze Zusammenfassung

  1. Die NATÜRLICHE HALTUNG ist eine definierte Haltung ausgehend von einer REITBAREN HALTUNG des natürlichen Pferdes (Faustregel: Nase auf einer Linie Höhe Hüftgelenk bei einem normal gebautem Pferd)!
  2. Der Begriff TIEFE bezieht sich auf die NATÜRLICHEN HALTUNG des Pferdes. Alle Hinweise, wie z.B. „Anlehnung in der TIEFE suchen“ etc. haben ihre unterste Begrenzung in der NATÜRLICHEN HALTUNG!
  3. Alle Haltungen unterhalb der NATÜRLICHEN HALTUNG sind für das Reiten irrelevant und können zu Schädigungen der Gesundheit der Pferde führen.
  4. Das Hauptziel der Dressur ist das Verbringen des Pferdes in ein NEUES GLEICHGEWICHT (unter dem Reiter).
  5. Dies geschieht durch phasenweises AUFRICHTEN. Die Pferde bei den alten Stallmeistern wie z.B. E.F. Seidler oder Louis Seeger wurden zunächst durch Formung des Halses vorne aufgerichtet, bevor die Hinterhand „angefasst“ wurde.

Mit diesem Text, dass sei ergänzend angemerkt, soll auch manchem Experten der Zeitschrift CAVALLO (01/2020) die Möglichkeit gegeben werden, sich etwas ernsthafter mit der Materie auseinanderzusetzen.

[1] Ernst-Friedrich Seidler | „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler | 2. Unveränderte Auflage 1843 | Taf.IV Bild 1
[2] Ernst-Friedrich Seidler | „Leitfaden zur systematischen Bearbeitung des Campagne- und Gebrauchspferdes“ | Druck und Verlag von Ernst Siegfried Mittler | 2. Auflage 1843 | Seite 47f
[3] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17
[4] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[5] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[6] Klaus Christian Richter | „Die Geschichte der deutschen Kavallerie 1919 – 1945“ | 2. Auflage 1982 | Motorbuch-Verlag Stuttgart | Seite 54
[7] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1.Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi | Seite 54
[8] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1.Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi | Seite 54
[9] Louis Seeger | „System der Reitkunst“ | 1844 | Verlag Friedrich August Herbig | Allgemeiner Teil – Seite 17f
[10] Deutsche reiterliche Vereinigung (FN) | 2007 | „Richtlinie für Reiten und Fahren“ Band 1 | Seite 97
[11] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 46f
[12] Gustav Steinbrecht | „Gymnasium des Pferdes“ | 16. Auflage 1995 (1. Auflage 1884) | Verlag Dr. Rudolf Georgi, Aachen | Seite 47

Eigene Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet“
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Die Geschichte der goldenen Kugel

Es war einmal vor sehr langer Zeit, da gab es in einem Land eine Kugel aus purem Gold. Jeder der sie erblickte war voll der Bewunderung und des Lobes ob dieser vollendeten Handwerkskunst. Sie galt als strahlendes Zeichen für Klarheit und reinem Wissen. Das gemeine Volk sagte dieser Kugel Wunderkräfte nach.

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Die Jahre vergingen, bis eine dunkle Zeit anbrach, in deren Wirren und Wandlungen die goldene Kugel verloren ging. Diejenigen, die über die Kugel gewacht hatten starben und die Kugel verschwand. Niemand suchte nach ihr.
Jedoch erinnerte sich manch einer dunkel an die Wunderkräfte dieser Kugel und man fragte nach ihr, um an ihrer Wunderkraft wieder teilhaben zu können. Nach einer Weile wurden die Nachfragen immer lauter und lauter. Die neuen Fürsten, die nichts von der Glorifizierung der goldenen Kugel hielten und die gar nichts so unglücklich darüber waren, dass die goldene Kugel verschwand, mussten etwas tun, um sich nicht den Unmut des Volkes zuzuziehen.

So ließen sie eine neue goldene Kugel herstellen. Da sie aber in diese weder viel Zeit, noch viel Geld investieren wollten, begnügte sie sich damit, eine Kugel mit einem Kern aus Holz und einer Ummantelung aus Gold herstellen zu lassen. Das gemeine Volk merkte den Schwindel nicht und glaubte die alte Kugel mit den Wunderkräften sei wiedergefunden worden.

Die Zeit verging. Die Fürsten gingen nicht sehr pfleglich mit der neuen Kugel um, es war ihnen zu viel Arbeit. Durch Unachtsamkeit fiel die Kugel immer wieder zu Boden und die Goldbeschichtung bekam Riefen und Schrammen. Damit sie aber dennoch in schönem Glanze erstrahlte, gab man den Handwerkern die Anweisung sie immer wieder abzuschleifen.

Dadurch wurde aber die Goldschicht immer dünner und dünner. Irgendwann schimmerte plötzlich das Holz durch. Um dies vor dem gemeinen Volk zu verbergen, entschlossen sich die Fürsten die Beschichtung erneuern zu lassen. Da für sie die Bedeutung der Kugel im Laufe der Zeit immer weiter gesunken war, gaben sie, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, die Anweisung anstelle des Goldes Messing zu verwenden.

Man polierte die Kugel so geschickt, dass sie wie Gold glänzte und man konnte die Menschen, die immer noch die wahre goldene Kugel mit den Wunderkräften vermuteten, täuschen. Sie ließen sich auch nur allzu gern täuschen, war doch ihre Erinnerung an die wahre Kugel verblasst und nur noch der Glaube daran vorhanden.

Die neuzeitlichen Bewahrer der Kugel, die nichts mehr von der vergangenen goldenen Kugel und ihrer wahrhaftigen Wunderkraft wussten, machten sich so lange vor, dass ihre Kugel diese ursprüngliche Kraft in sich trüge, bis sie selbst daran glaubten. Und sie verbreiteten ihren Glauben, der zur unumstößlichen Lehre erhoben wurde. Das Volk, bequem geworden, schloss sich dieser Lehre nur allzu gerne an.

Die wahre Kugel mit den Wunderkräften aber, sie liegt noch irgendwo da draußen und wartet auf ihre Wiederentdeckung.

Was das nun mit der Reiterei und der Reitkunst zu tun hat? Nun, das darf sich der geneigte Leser selbst beantworten.

Eigene Notizen
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Ich habe es gelesen

Immer wieder findet man auf Facebook Posts in denen jemand Reitliteratur anbietet, manchmal mit Bemerkungen wie „Ich hab es gelesen …“.

Handelt es sich dabei auch noch um das Wissen „alter Meister“ welches man hier leichtfertig zu verschleudern gedenkt, dann kann man nur attestieren, dass die Person, die dieses tut, nicht wirklich Interesse am Verstehen der Reitkunst hat und das sie mit der ihr vorliegenden Literatur allenfalls ihren Zitaten-„Schatz“ vergrößern wollte.

Trust-your-Horse - Ich habe es gelesen

Dies kann man gerne mit dem größten Teil neuzeitlicher Reitliteratur so tun! Für die der Weg in den Altpapiercontainer mitunter die Reiterei und vor allem die Pferde, vor manchem Schaden bewahren würde.

Nicht so aber kann und darf man mit manchem Wissensschatz voriger Jahrhunderte verfahren. Die Reit- und Stallmeister der damaligen Zeiten konnten etwas, doch sie wirklich-wirklich zu verstehen ist äußerst schwierig.
Einmal lesen reicht dabei nun wirklich nicht aus.
So respektlos und vermessen sollte man keinesfalls sein.

Dieser Wissensfundus erschließt sich nicht durch das einmalige Lesen eines Buches, mag man selbst sich auch für noch so intelligent halten.

Ein wesentlicher und nicht zu umgehender Punkt für das WIRKLICHE Verstehen alter Reitliteratur ist die tägliche und umfangreiche PRAKTISCHE ARBEIT mit den Pferden – mit VIELEN Pferden unterschiedlicher Rassen und unterschiedlicher Konstitution und Disposition.

Diese Arbeit lässt manches Buch großer Reit- und Stallmeister mehrfach wieder zur Hand nehmen und studieren. Mehr und mehr erhält man dadurch die Chance das geschriebene Wort, an der Praxis gelebt, besser zu verstehen und besser zu werden in der Arbeit mit den Pferden.

Doch auch dies ist noch nicht ausreichend für das tiefe Verständnis. Man muss den jeweiligen Autor und sein Werk strikt im Kontext seiner Zeit beurteilen. Neuzeitliche Denkmuster und Begriffsinterpretationen sind hier eher hinderlich und führen – was man an den aktuellen Reitlehren und –methoden durchaus erkennen kann – zu problematischen Fehlinterpretationen und Logikbrüchen.

Auch ist es zum wahren Verständnis unabdingbar, sich mit dem zeitlichen DAVOR und DANACH des jeweiligen Autors zu beschäftigen. Woraus schöpfte er sein Wissen, wie wurde er von der mittel und unmittelbaren Nachwelt beurteilt und welche Zweckänderungen erlebte die Reiterei im Zeitablauf als Ganzes?

Genau dieser Zweck macht es auch erforderlich, sich mit Wissen zu beschäftigen welches über das eigentliche Reiten mitunter weit hinausgeht, aber großen Einfluss darauf hat. Einfluss natürlich auch auf die Erfahrungen und das dargestellte Wissen des jeweiligen Autors.

Mit jedem Mosaiksteinchen wird man ihn, den gelesenen alten Meister, mehr und mehr verstehen lernen, doch dazu muss man sein Werk mitunter wieder und wieder – in Teilen oder als Ganzes – intensiv studieren, von Mal zu Mal aber geschieht dies mit wachsender Erfahrung und Wissen im eigenen Rucksack.

EINMAL, ZWEIMAL … LESEN REICHT NICHT!

Um nur mit Zitaten protzen zu wollen ist manches Buch zu teuer.  Google würde da auch schon reichen.

Doch wer wirklich das Reiten und die Reitkunst tiefer verstehen möchte, wird keines der Bücher wahrer alter Meister hergeben wollen. Für einen solchen „DENKENDEN REITER“ werden diese Bücher, vielleicht noch mit eigenen Randnotizen ergänzt, ein ewiges Nachschlagewerk und Schmuck für seine kleine private Bibliothek sein.

Eigene Notizen
Autor: Richard Vizethum
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