Gefühl und reiterlicher Sitz

Immer wieder bekommt man zu hören oder zu lesen, dass der Reiter den “richtigen“ SITZ mit der Zeit ERFÜHLEN wird. Solche oder ähnliche Aussagen sind richtig und falsch gleichermaßen.

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Um dies zu verstehen, muss man beim reiterlichen SITZ zunächst einmal differenzieren in

  1. jene Anforderung an den Sitz, der uns das OBENBLEIBEN auf dem Pferd in allen Gangarten ermöglicht und
  2. jene KOMMUNIKATIVE ANFORDERUNG an den Sitz, mit dem wir bewegungsverändernd auf den Pferdekörper einwirken können.

Für Ersteres, also das OBENBLEIBEN in allen Gangarten ist das HINEINFÜHLEN in die Bewegung des Pferdes elementar und absolut RICHTIG! Dies ist aber nur die – nennen wir sie mal Basisanforderung – an den reiterlichen Sitz – eben das OBENBLEIBEN, möglichst ohne das Pferd in seinen Bewegungen zu stören.

Für den zweiten Punkt, der KOMMUNIKATIVEN ANFORDERUNG an den Reitersitz, allerdings kommt man mit dem FÜHLEN nicht weit, um nicht zu sagen es ist nahezu unmöglich.

Dies liegt zum einen daran, dass man erst einmal wirklich wissen muss, was man eigentlich fühlen soll und zum anderen an dem nicht so ganz unwesentlichen Faktor, dass der menschliche Körper ein noch größerer Lügner als der menschliche Geist ist.
Unser Körper ist ein Weltmeister darin, uns den richtigen Sitz vorzugaukeln. So mögen wir glauben uns korrekt nach links gedreht zu haben – obwohl wir tatsächlich noch eine DEUTLICHE Rechtsdrehung aufweisen. Auch sind die meisten Reiter der Meinung sie würden gerade sitzen, obwohl sie sich gerade stark mit dem Oberkörper nach hinten neigen.

Das muss man doch spüren!“ wird hier vielleicht der eine oder andere naiv anmerken.

Nein, das spürt man eben nicht! Nur wenn man immer wieder und wieder korrigiert wird, wird das was!

Oft glaubt man selbst den Aussagen von gewissenhaften Beobachtern nicht, dass man falsch sitzt und es bedarf schon des Fotobeweises um die Lüge des eigenen Körpers zu entlarven.

100% (da lehne ich mich gar nicht einmal so weit aus dem Fenster) der Reiter kommunizieren (vor der konsequenten Korrektur) über ihren Sitz fehlerhaft. Nicht das FÜHLEN, sondern nur das DRILLMÄSSIGE (böses Wort) ÜBEN, jenes immer wieder Bewusstmachens der Sitzfehler, kann hier nachhaltig für Abhilfe sorgen.

Möchte man allerdings weiter auf sein FÜHLEN hoffen, dann korrigiert man immer das Pferd zu Unrecht, stört es in seinen Bewegungen und verlängert unnötig die Ausbildungszeit.

Ich gehe aus meiner Erfahrung davon aus, dass man 40% Ausbildungszeit des Pferdes einsparen könnte, wenn der Reiter bereit wäre, seinen KOMMUNIKATIVEN SITZ unter Anleitung (ohne geht nicht) zu verbessern!

Ein Sachverhalt, der sicher im Sinne des Pferdes wäre – aber natürlich viel ARBEIT FÜR DEN REITER bedeutet! Unteren Strich aber würde man erheblich Zeit sparen und man käme mit JEDEM, und nicht nur mit seinem eigenen Pferd (welches sich irgendwann auf die Reiterfehler eingestellt hat) zurecht.

Eigene Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet“
Autor: Richard Vizethum
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Der Schulgalopp – ein paar Worte dazu

Der GALOPP ist ein Galopp, eine NATÜRLICHE GANGART, ein SCHULGALOPP dagegen ist im eigentlichen Sinne KEIN Galopp und unterliegt somit nicht den Gesetzmäßigkeiten des Galopps!

T.Y.H. Der Schulgalopp - ein paar Worte dazu

De la Guérinière nannte diese SCHULGALOPP „Galopade“ und ordnete diese den KÜNSTLICHEN GANGARTEN zu.

Die Galopade oder der Bahngalopp ist ein vereinigter wohl zusammengenommener Galop, in welchem die Bewegung der Vorhand abgekürzt und die der Hinterhand geschwind ist; das heißt: ein Galop, in welchem die Hinterhand nicht geschleppt wird, und der durch die Gleichförmigkeit der Sprünge des Pferdes jene schöne abgemessene Bewegung hervorbringt, die den Zuschauer eben so sehr einnimmt, als sie dem Reiter Vergnügen gewährt.“[1]

Im Gegensatz zu einem korrekten NATÜRLICHEN GALOPP, welcher in einem Dreischlag ausgeführt wird, ist der SCHULGALOPP eine VIERSCHLAG-GANGART!
Dies ist aufgrund der starken Beugung der Hinterhand, als eine Charakteristika des SCHULGALOPPS, und der damit verbunden hohen Lastaufnahme auf diese, auch nicht anders möglich.

Diese Belastung der Hinterhand und deren „geschwinden“ Bewegung führen dazu, dass das äußere Vorderbein minimal zeitversetzt nach dem inneren Hinterbein fußen muss. Der „Diagonalsprung“ ist also „gebrochen“ und der „Galopp“ wird zur Vierschlagbewegung. Beim NATÜRLICHEN GALOPP wären diese beiden Beine assoziiert, würde also gleichzeitig fußen.

Waldemar Seunig schrieb dazu:
Das äußere Vorderbein fußt, den Sinnen kaum wahrnehmbar – so wie in der Pirouette -, erst einen Augenblick nach dem inneren Hinterbein“.[2]

Weiter führt Seunig aus: „In der Praxis werden wir bei deutlich hör- und sichtbarem VIERSCHLAG immer auch gleichzeitig die Wahrnehmung machen, daß der Galopp sein Hauptmerkmal – das fleißige Unterspringen – einbüßt. Seine Bewegungen verlieren ihre Flüssigkeit und Rundung, er wird schleppend und matt, steif und hackig.“[3] Damit wirft Seunig indirekt eine kleine akademische Fragestellung bezüglich des Versammlungsgrades und der Qualität der Ausführung des SCHULGALOPPS auf.

Je höher der Versammlungsgrad, desto größer der Verlust des Hauptmerkmals des Galopps et vice versa.

Eines aber ist immer gegeben:
Der korrekte SCHULGALOPP ist ein VIERSCHLAGGALOPP und wird deshalb auch zu Recht zu den KÜNSTLICHEN GANGARTEN gezählt.

Nuno Oliveira bekräftigt diese Aussage und positioniert sich klar gegen die Vorstellung, dass der SCHULGALOPP ein DREISCHLAG wäre:
Behaupten auch manche, der Galopp müsse immer ein Dreischlag sein, so kann man doch Galopp auf der Stelle und Pirouetten nur im Vierschlag ausführen.“[4].

Er bezieht dies nicht nur auf den Galopp auf der Stelle und die Pirouetten, sondern explizit auch auf den versammelten Galopp (Schulgalopp):

„Geht man zu einem Galopp mit sehr hankenverlagertem Gleichgewicht über, wird dieser versammelte Galopp [Schulgalopp] zu einem Vierschlaggalopp. Die Zweizeitigkeit des äußeren diagonalen Fußpaares erfolgt durch Aufsetzen des inneren Hinterbeines vor dem äußeren Vorderbein.“[5]

Nun kann man nach der Sinnhaftigkeit des SCHULGALOPPS fragen, doch auch diese Fragestellung hat in gewisser Weise nur akademischen Charakter, welche mit dem flapsigen Satz „Man kann ihn machen – muss es aber nicht!“ einfach beantwortet werden kann.

Der SCHULGALOPP erfordert vom Pferd ein hohes Maß an Balance, Koordination und vor allem auch Kraft. Er ist deshalb ein sehr großer Prüfstein für die RITTIGKEIT eines Pferdes.

Eines tut der korrekte, auf einem RITTIGEN PFERD ausgeführte, SCHULGALOPP keinesfalls: Er sorgt nicht, wie mancher – eher neuzeitlich angehauchter Reiter meinen mag – zu einer Qualitätsverschlechterung des NATÜRLICHEN GALOPPS! Eher ist, wie auch bei den anderen SCHULGANGARTEN, das Gegenteil der Fall. Allerdings ist die Qualität der Ausführung dafür ausschlaggebend.

Bild:

Die linke Seite des Bildes zeigt eine „Galopade“ welche dem Buch von Francois Robichon de la Guérinière über die „Reitkunst“ entnommen wurde, die rechte Seite des Bildes zeigt eine „Galopade“ durchgeführt von meiner großartigen Schülerin Sonja Leitenstern (Zentrum für klassische Reiterei) auf ihrem wunderbaren 10-jährigen Württemberger-Hengst „Dantano„.

Quellen:

  • [1] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 140
  • [2] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Seite 330
  • [3] Waldemar Seunig | „Von der Koppel bis zur Kapriole“ | 4. Nachdruck der Ausgabe von 1943 | Verlag Olms | Seite 330
  • [4] Nuno Oliveira | „Gedanken über die Reitkunst“ | 1999 | Verlag Olms Presse | Seite 191
  • [5] Nuno Oliveira | „Gedanken über die Reitkunst“ | 1999 | Verlag Olms Presse | Seite 191

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Millimeterarbeit

Das ideale Pferd, welches schon als Reitpferd geboren wurde, gibt es nicht, auch wenn man gerne davon spricht, dass die Zucht heute RITTIGE Pferde „produzieren“ würde.

Nur RITTIGE Pferde sind Pferde, die ein langes Pferdeleben lang, gesund, motiviert und leistungsbereit bleiben und die alle an sie durch uns gestellten Anforderungen, ohne Schaden an Körper und Geist zu nehmen, bewältigen können.

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Kein Pferd wird als Reitpferd geboren. Nur Wenige werden begünstigt geboren. Die allermeisten Pferde jedoch haben mehr oder weniger Gründe die die Nutzung als Reitpferd zunächst einmal einschränken:

Sie liegen mit einem großen Teils ihres Gewichtes auf der Vorhand und sind schief. Viele Pferde sind vorne oder hinten überbaut, haben rückständige oder vorständige Vorderbeine. Gelenkswinkel sind nicht optimal, um für eine ausreichende Federung unter dem Reiter zu sorgen. Die Schultern sind zu kurz oder zu lang, Querarme liegen fast waagerecht und schränken die vordere Stoßdämpfung ein und so weiter …

Solche Einschränkungen können je nach Grad der Nutzung zu mehr oder weniger gesundheitlichen Problemen beim Pferd führen.

Schaden werden die Pferde – verändert man sie nicht körperlich – durch das Reiten auf jeden Fall nehmen, auch wenn uns dieser nicht immer bewusst wird, weil er sich oft langsam und schleichend einstellt und wir die Ursachen gerne anderen Gründen zuschieben wollen.

RITTIGE Pferde werden nicht geboren, sondern sie werden dazu AusGEBILDET!

Jedoch hat die Natur dem Körper eines jeden Lebewesens eine gewissen Umformungs-Flexibilität mitgegeben. So ist es möglich, das Pferd so umzuformen, dass es ihm ohne Probleme ermöglicht wird, einen Reiter und dessen Anforderungen ohne Schaden an Körper und Geist, zu ertragen.

Jedes Pferd MUSS vom NATÜRLICHEN PFERD zum REITPFERD umgeformt werden!

Dies geht nicht (nur) durch Vorwärts-Reiten und dem Prinzip der Anglomanen: Das Gelände wird es schon richten. Dies geht auch nicht durch das Pauken von Lektionen oder dadurch, dass man Pferde im Galopp durch Seitengänge fallen lässt …

Diese Formungs-Arbeit ist MILIMETERARBEIT und keine Spielerei. Sie kostet Zeit und Geduld und sie fordert viel Wissen!

Solche Arbeit geht nicht in ein paar Monaten oder Trainingseinheiten. Das Pferde muss aufgerichtet werden, die Halswirbelsäule in eine etwas andere Form gebracht werden, mit ihr die Rückenlinie (Wirbelkörper) in Richtung Waagerechte angehoben werden. Es müssen Gelenkswinkel in Vor- und Hinterhand verändert werden etc. etc. etc. …

Dies ist ein konzentrierter Entwicklungsprozess, bei dem ein sinnvoller Schritt auf den nächsten sinnvollen Schritt aufbaut und er folgt einem exponentiellem Verlauf. D.h. man sieht lange kaum Fortschritte, bis es schließlich zu einer Entwicklungsexplosion kommt.

Dies muss man bei der AusBILDUNG eines Pferdes berücksichtigen und diese AusBILDUNG muss getan werden – für die dauerhafte Gesundheit des Pferdes.

Wer dies nicht sehen will, oder glaubt dies durch diverse Spielereien zu erreichen, sollte sich entweder einmal etwas eingehender damit beschäftigen, oder sich besser ein Fahrrad kaufen!

Denn für das Pferd haben wir eine Verantwortung!

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Reitkunst – noch ein paar Gedanken dazu

Von allen Künsten ist die Reitkunst wohl die Anspruchsvollste.
Sie gehört, will man sie einordnen, sowohl zu den bildenden Künsten (durch die Umformung eines natürlichen Pferdes zu einem Reitpferd – also die räumlichen Verhältnisse der Kunst) aber auch zu den mimischen Künsten (durch den Ausdruck des Tanzes, als räumlich, zeitliche Verhältnisse).

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In der REITKUNST ist das Kunstwerk – jenes vergängliche Werk – das zum Reitpferd umgeformte, rittige und ich möchte noch hinzufügen, an Körper und Geist dauerhaft gesunde Pferd.

Wahre Kunst offenbart sich nicht im Ausdruck grenzenloser Kreativität, sondern einer Kreativität die innerhalb von Grenzen zur maximal möglichen Entfaltung gelangt. Grenzen stellen für die Kreativität des Künstlers eine weit größere Herausforderung dar, als sich kreativ im Grenzenlosen zu artikulieren.

Die REITKUNST ist die einzige Kunst unter allen Künsten, welche seine Kreativität immer nur in einem begrenzten, durch die körperlichen und geistigen Möglichkeiten des Pferdes limitierten, Raum ausdrücken kann. Auch dies macht sie zur Herausforderndsten aller Künste und stellt hohe Anforderungen an Wissen und Können des Künstlers.

Während eine Partitur, ein Gemälde oder eine Skulptur letztendlich durch die Kreativität eines Künstlers aus toter Materie entstehen, lebt das Ausgangsmaterial der REITKUNST und ist bei weitem nicht so fügsam wie die Grundelemente eines Komponisten, Malers oder Bildhauers. Auch kann jeder der genannten Künstler sein Werk ohne moralische Bedenken, bei Nichtgefallen nach Belieben zerstören.

Nun gut, in der Reiterei wird dieses Werk der Pferdezerstörung tagtäglich, auf allen Ebenen reiterlicher Aktivität von Dilettanten durchgeführt, ohne dass diese es überhaupt geschafft hätten, über die Stufe groben Bearbeitens des Ausgangsmaterials – oft bemerkenswerter, nahezu perfekter Produkte aus der Zucht – hinausgekommen zu sein.

Gleichwohl betrachten diese, an Wissen und Fähigkeiten eingeschränkten Personen ihr Tun als Kunst und versteigen sich sogar soweit, dieses, ihr Tun, mit KLASSISCH zu etikettieren, obwohl die Epoche aus der sie ihr „klassisches“ Wissen ziehen, weit von dem entfernt ist, was die wahren KLASSIKER des Reitens ausmacht und dazu noch in vielen Teilen auf einer Entwicklung beruht, welche der Reitkunst diametral entgegensteht: der anglomanen Reiterei.

Einer Reiterei, die dem Gelände und dem Sport mehr Wert beigemessen hat, als der seriösen Ausbildung eines Pferdes. Einem Sachverhalt, zu dem sich auch schon de la Guérinière kritisch äußerte:

Die Schwierigkeit, diese Eigenschaften [reiterliche Voraussetzungen, welche de la Guérinière aufzählte [1]] zu erlangen, und die be-trächtliche Zeit, welche erfordert wird, um in dieser Kunst zu ei-ner Vollkommenheit zu gelangen, ist die Ursache, warum viele, die eine Kennermiene annehmen, vorgeben, daß die Reitbahn zu nichts tauge, daß sie die Pferde verderbe und zu Grunde richte, daß sie zu nichts diene, als sie springen und tanzen zu lehren, welche sie folglich zum gewöhnlichen Gebrauch unnütz mache. Dieses irrige Vorurtheil verursacht, daß eine Menge von Leuten eine so edle und nützliche Kunst vernachlässigen, die doch nur den einzigen Endzweck hat, die Pferde gelenksam, folgsam und gehorsam zu machen, sie auf die Hanken zu setzen, ohne welches ein Pferd, es seye Soldaten- Jagd- oder Schulpferd in seinen Bewegungen weder angenehm, noch für den Reiter bequem seyn kann. Das Urtheil derer, die eine solche Sprache führen, ist also ohne Grund, und es würde unnöthig seyn, Meinungen zu bestreiten, die sich hinlänglich selbst widerlegen [2]“.

Vor dem Können kommt das Wissen!“, sagt man. Denn ohne Wissen ist Können nicht erklärt und damit auch jede daraus resultierende „Kunst“ beliebig.

Die Meinung derjenigen, welche die Theorie in der Reitkunst für unnütz achten, wird mich nicht abhalten, zu behaupten, daß dies eins der nothwendigsten Stücke ist, zur Vollkommenheit zu gelangen. Ohne diese Theorie ist die Ausübung immer ungewiß [3]“.

Ein ausschließlicher „Könner“ erarbeitet Dinge intuitiv, ist aber i.d.R. nicht in der Lage zu beschreiben, was er tut und warum die Dinge so geschehen, wie sie geschehen. Dies wiederum verschließt ihm die Türen zur Entwicklung und zu den hohen Weihen der Reitkunst. Sein „Wissen“ ist auf seine Person individualisiert.

Vielleicht aber erhebt ein Kritiker, welchem in der Kunst die Funktion „eines Teilschöpfers des Kunstwerks zukommt [4]“ , durch seine Interpretation des Tuns jenes „Könners“ dessen „Werk“ zur Kunst. Im Falle der REITKUNST aber wäre dies fatal!

Mit den Worten von Du Paty de Clam möchte ich diesen Text zur Reitkunst abschließen und dem geneigten Leser zum Nachdenken ans Herz legen:

Die Reitkunst, die ihre Richtigkeit von so vielen andern Wissenschaften herleiten muß, bleibt bei dem Wachsthum der anderen Künste noch in ihrer ersten Schwäche; und so viele geschickte Männer auch das Jahrhundert des Ludwig des XIV. und das gegenwärtige [1777] hervorgebracht hat, so sind wir dennoch sehr weit von der Vollkommenheit zurück [5]“.

Inzwischen hat sich die Reiterei noch mehr von deren Vollkommenheit entfernt und die Suche nach dieser Wahrheit ist der Bequemlichkeit und der Anwendung nutzlosen Spielereien gewichen – zum Leidwesen der Pferde, welche man zu Sportgeräten und Tanzbären degradiert hat und auch vor Quälereien dieser wunderbaren Lebewesen nicht zurückschreckt. Alles nur um menschliche Eitelkeiten zu befriedigen.

Es ist allerhöchste Zeit um(ZU)(DENKEN) und der Kunst (die zur Gesunderhaltung des Pferdes beiträgt) wieder den Stellenwert zu geben, den sie verdient.

[1] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 107f
[2] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 108
[3] Francois Robichon de la Guérinière | „Reitkunst“ | dt. Übersetzung von J. Daniel Knöll 1817 |Verlag Olms | Seite 107
[4] Wolfram Eilenberger | „Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929“ | Verlag Klett-Cotta | 2018 | Seite 50 |nach Dr. Walter Benjamin „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“
[5] Du Paty de Clam | „Theorie und Praktik der höhern Reitkunst “ | Original 1777; dt. Übersetzung von Premier-Leutnant Blatte 1826 | Nachdruck Verlag Olms | Vorwort Seite 6

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In eigener Sache – der Gralsweg

Je mehr man über das Reiten weiß, desto klarer wird es, dass es nur EINEN WEG gibt, ein Pferd auszubilden. Diesen Sachverhalt wird man solange negieren wollen, solange man noch nicht genug weiß und noch (hoffentlich) sucht.

Trust-your-Horse - In eigener Sache
(Bild: „GK Cutting Lena“ Leitstute)

SUCHEN heißt nicht, dass finden wollen, was zum jeweiligen eigenen Weltbild passt, sondern ALLES ANZUNEHMEN und darüber intensiv und ohne Scheuklappen NACHZUDENKEN. SUCHEN heißt auch, sich selbst und sein Tun und Denken stets zu hinterfrage.

Allerdings wird dieses Hinterfragen mit zunehmendem Wissen auf andere, feinere Ebenen gehoben und vieles muss nicht mehr in Frage gestellt werden.
Es stellt sich auch nicht die Frage, was man unter „gutem Reiten versteht“, sondern die Frage was gute, feine Pferdeausbildung und natürlich auch Reiterausbildung ausmacht.

Dazu habe ich an verschiedenen Stellen bereits viel geschrieben oder gesagt und dabei auch immer wieder das Wort GRALSWEG erwähnt. Damit bezeichne ich jenen EINEN WEG, der nicht mehr weiter optimierbar, hocheffizient und pferdefreundlich ist. Einen Weg, der auch heute noch nicht in Gänze beschritten ist – im Gegenteil, man hat sich mitunter sogar sehr weit davon entfernt.

Auf diesem Weg geht es nicht „nur“ um Gleichgewicht – das ist nur EIN ASPEKT – wenn auch der Allerwichtigste. Es geht nicht um Lektionen oder Übungen – diese sind nur Ausdrucksformen oder Hilfsmittel. Es geht nicht um die Show – das ist nur flacher Erfolg, meist zu Lasten der Pferde erkauft. Der GRALSWEG ist nicht laut, er ist leise und wirkt schlicht, manche würden ihn langweilig nennen.

Ein Pferd, welches physisch und psychisch gesund ist und motiviert unter dem Menschen problemlos all das leisten kann, was man von ihm verlangt, ohne daran Schaden zu nehmen, ist mein Ziel.

Ein sicheres Pferd – egal in welcher Situation ist mein Ziel. Was helfen schöne Showbilder, wenn das Pferd nicht im Gelände, selbst unter widrigsten Bedingungen geritten werden kann.

Ich will starke, stolze und sich selbstvertrauende Pferde.

Und ich will REITER, die diesen Pferden gerecht werden und die wissen was sie tun. Denkende Reiter, die Ruhe ausstrahlen, einen perfekten Sitz haben, deren Aktionen, die fein und unsichtbar sind, aus dem Unterbewusstsein kommen und nur den Geist als Richtungsgeber haben.

Und zu allem Überfluss will ich dies mit Menschen und deren Pferden erreichen, für die Reiten „nur“ ein Hobby ist und die im Grunde nur wenig Zeit investieren können.

Ich versuche den GRALSWEG in Gänze zu beschreiten, jeden Tag ein winziges Stückchen mehr. Dabei strebe ich danach, heute das zu übertreffen, was ich gestern geschafft habe. Für mich sind dabei Übungen nicht entscheidend, sondern die Perfektionierung des Wegs. Das ist meine Suche!

Dabei bewege ich mich inzwischen schon sehr stark auf dem GRALSWEG, auch wenn es noch so viel zu entdecken, zu erkennen, zu lernen und zu verändern gibt. Leider kann ich kaum noch mit jemanden darüber reden, bin ich doch gezwungen, immer wieder die kompletten Irrungen der Reiterei aufrollen zu müssen, um  vollständiges Verstehen zu ermöglichen.

So bin ich glücklich über die Ergebnisse, die ich mit meinen Reitschülern und ihren wunderbaren Pferden erziele – und auch in welcher Zeit und unter welchen – mitunter widrigen Rahmenbedingungen – ich diese Ergebnisse erziele!

Vielen Dank an all diejenigen, die mir ihr Vertrauen schenken und an all die wunderbaren Pferdeseelen, die mir Lehrmeister auf dem GRALSWEG sind und die Motivation und den Ansporn geben, immer weiterzumachen, egal wie hart es manchmal ist, dabei auch gegen den Strom schwimmen zu müssen. Ich werde es weiter tun.

FÜR DIE PFERDE!

#trustyourhorse #gralsweg #denkspruenge

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Die Geschichte der goldenen Kugel

Es war einmal vor sehr langer Zeit, da gab es in einem Land eine Kugel aus purem Gold. Jeder der sie erblickte war voll der Bewunderung und des Lobes ob dieser vollendeten Handwerkskunst. Sie galt als strahlendes Zeichen für Klarheit und reinem Wissen. Das gemeine Volk sagte dieser Kugel Wunderkräfte nach.

Trust-your-Horse - Die Geschichte der goldenen Kugel

Die Jahre vergingen, bis eine dunkle Zeit anbrach, in deren Wirren und Wandlungen die goldene Kugel verloren ging. Diejenigen, die über die Kugel gewacht hatten starben und die Kugel verschwand. Niemand suchte nach ihr.
Jedoch erinnerte sich manch einer dunkel an die Wunderkräfte dieser Kugel und man fragte nach ihr, um an ihrer Wunderkraft wieder teilhaben zu können. Nach einer Weile wurden die Nachfragen immer lauter und lauter. Die neuen Fürsten, die nichts von der Glorifizierung der goldenen Kugel hielten und die gar nichts so unglücklich darüber waren, dass die goldene Kugel verschwand, mussten etwas tun, um sich nicht den Unmut des Volkes zuzuziehen.

So ließen sie eine neue goldene Kugel herstellen. Da sie aber in diese weder viel Zeit, noch viel Geld investieren wollten, begnügte sie sich damit, eine Kugel mit einem Kern aus Holz und einer Ummantelung aus Gold herstellen zu lassen. Das gemeine Volk merkte den Schwindel nicht und glaubte die alte Kugel mit den Wunderkräften sei wiedergefunden worden.

Die Zeit verging. Die Fürsten gingen nicht sehr pfleglich mit der neuen Kugel um, es war ihnen zu viel Arbeit. Durch Unachtsamkeit fiel die Kugel immer wieder zu Boden und die Goldbeschichtung bekam Riefen und Schrammen. Damit sie aber dennoch in schönem Glanze erstrahlte, gab man den Handwerkern die Anweisung sie immer wieder abzuschleifen.

Dadurch wurde aber die Goldschicht immer dünner und dünner. Irgendwann schimmerte plötzlich das Holz durch. Um dies vor dem gemeinen Volk zu verbergen, entschlossen sich die Fürsten die Beschichtung erneuern zu lassen. Da für sie die Bedeutung der Kugel im Laufe der Zeit immer weiter gesunken war, gaben sie, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, die Anweisung anstelle des Goldes Messing zu verwenden.

Man polierte die Kugel so geschickt, dass sie wie Gold glänzte und man konnte die Menschen, die immer noch die wahre goldene Kugel mit den Wunderkräften vermuteten, täuschen. Sie ließen sich auch nur allzu gern täuschen, war doch ihre Erinnerung an die wahre Kugel verblasst und nur noch der Glaube daran vorhanden.

Die neuzeitlichen Bewahrer der Kugel, die nichts mehr von der vergangenen goldenen Kugel und ihrer wahrhaftigen Wunderkraft wussten, machten sich so lange vor, dass ihre Kugel diese ursprüngliche Kraft in sich trüge, bis sie selbst daran glaubten. Und sie verbreiteten ihren Glauben, der zur unumstößlichen Lehre erhoben wurde. Das Volk, bequem geworden, schloss sich dieser Lehre nur allzu gerne an.

Die wahre Kugel mit den Wunderkräften aber, sie liegt noch irgendwo da draußen und wartet auf ihre Wiederentdeckung.

Was das nun mit der Reiterei und der Reitkunst zu tun hat? Nun, das darf sich der geneigte Leser selbst beantworten.

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Ich habe es gelesen

Immer wieder findet man auf Facebook Posts in denen jemand Reitliteratur anbietet, manchmal mit Bemerkungen wie „Ich hab es gelesen …“.

Handelt es sich dabei auch noch um das Wissen „alter Meister“ welches man hier leichtfertig zu verschleudern gedenkt, dann kann man nur attestieren, dass die Person, die dieses tut, nicht wirklich Interesse am Verstehen der Reitkunst hat und das sie mit der ihr vorliegenden Literatur allenfalls ihren Zitaten-„Schatz“ vergrößern wollte.

Trust-your-Horse - Ich habe es gelesen

Dies kann man gerne mit dem größten Teil neuzeitlicher Reitliteratur so tun! Für die der Weg in den Altpapiercontainer mitunter die Reiterei und vor allem die Pferde, vor manchem Schaden bewahren würde.

Nicht so aber kann und darf man mit manchem Wissensschatz voriger Jahrhunderte verfahren. Die Reit- und Stallmeister der damaligen Zeiten konnten etwas, doch sie wirklich-wirklich zu verstehen ist äußerst schwierig.
Einmal lesen reicht dabei nun wirklich nicht aus.
So respektlos und vermessen sollte man keinesfalls sein.

Dieser Wissensfundus erschließt sich nicht durch das einmalige Lesen eines Buches, mag man selbst sich auch für noch so intelligent halten.

Ein wesentlicher und nicht zu umgehender Punkt für das WIRKLICHE Verstehen alter Reitliteratur ist die tägliche und umfangreiche PRAKTISCHE ARBEIT mit den Pferden – mit VIELEN Pferden unterschiedlicher Rassen und unterschiedlicher Konstitution und Disposition.

Diese Arbeit lässt manches Buch großer Reit- und Stallmeister mehrfach wieder zur Hand nehmen und studieren. Mehr und mehr erhält man dadurch die Chance das geschriebene Wort, an der Praxis gelebt, besser zu verstehen und besser zu werden in der Arbeit mit den Pferden.

Doch auch dies ist noch nicht ausreichend für das tiefe Verständnis. Man muss den jeweiligen Autor und sein Werk strikt im Kontext seiner Zeit beurteilen. Neuzeitliche Denkmuster und Begriffsinterpretationen sind hier eher hinderlich und führen – was man an den aktuellen Reitlehren und –methoden durchaus erkennen kann – zu problematischen Fehlinterpretationen und Logikbrüchen.

Auch ist es zum wahren Verständnis unabdingbar, sich mit dem zeitlichen DAVOR und DANACH des jeweiligen Autors zu beschäftigen. Woraus schöpfte er sein Wissen, wie wurde er von der mittel und unmittelbaren Nachwelt beurteilt und welche Zweckänderungen erlebte die Reiterei im Zeitablauf als Ganzes?

Genau dieser Zweck macht es auch erforderlich, sich mit Wissen zu beschäftigen welches über das eigentliche Reiten mitunter weit hinausgeht, aber großen Einfluss darauf hat. Einfluss natürlich auch auf die Erfahrungen und das dargestellte Wissen des jeweiligen Autors.

Mit jedem Mosaiksteinchen wird man ihn, den gelesenen alten Meister, mehr und mehr verstehen lernen, doch dazu muss man sein Werk mitunter wieder und wieder – in Teilen oder als Ganzes – intensiv studieren, von Mal zu Mal aber geschieht dies mit wachsender Erfahrung und Wissen im eigenen Rucksack.

EINMAL, ZWEIMAL … LESEN REICHT NICHT!

Um nur mit Zitaten protzen zu wollen ist manches Buch zu teuer.  Google würde da auch schon reichen.

Doch wer wirklich das Reiten und die Reitkunst tiefer verstehen möchte, wird keines der Bücher wahrer alter Meister hergeben wollen. Für einen solchen „DENKENDEN REITER“ werden diese Bücher, vielleicht noch mit eigenen Randnotizen ergänzt, ein ewiges Nachschlagewerk und Schmuck für seine kleine private Bibliothek sein.

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Warum MÜSSEN wir Pferde aufrichten?

Ja, warum überhaupt ist es notwendig, dass wir Pferde in eine AUFRICHTUNG bringen?

Der größte Teil der Reiterwelt findet doch sein Vergnügen darin, die Pferde häufig in Dehnungshaltung oder darunter zu reiten. Dies aber ist der FALSCHE Weg. Wir müssen Pferde aufrichten. Aber gut, ich versuchs mal zu erklären …

Trust-your-Horse - Warum müssen wir Pferde aufrichten?

Betrachten wir uns doch einmal die
GEWICHTSVERTEILUNG DES PFERDES IN SEINER NATÜRLICHEN HALTUNG

Ein Pferd von 500 Kg Gewicht, ohne Reiter, in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG bzw. Aufrichtung, (Nase in etwa Höhe Hüftgelenk) bringt in dieser Haltung etwa 46 Kg mehr Gewicht auf die Vorhand als auf die Hinterhand. Als Grundlage für diese Aussage wurden Messungen von Baucher/Morris (etwa um 1840) herangezogen und auf ein 500 Kg Pferd umgerechnet.

Die Natur hat das Pferd als Fluchttier mit dieser Vorhandlastigkeit ausgestattet, um bei Bedarf – energiesparend – höhere Fluchtgeschwindigkeiten zu erreichen. Wir merken uns hier schon mal HÖHERE FLUCHTGESCHWINDIGKEITEN.

Mitunter bringt – beispielsweise auf der Flucht – das Pferd, durch weiteres Absenken des Kopfes bzw. Brustkorbs noch mehr Gewicht auf die Vorhand und erzeugt damit – durch den Balanceverlust nach vorne – zusätzliche Geschwindigkeitssteigerungen. Dies aber i.d.R. nur für eine sehr kurze Distanz, denn tieferer Kopf bedeutet WENIGER SEHEN = HÖHERES RISIKO.

Also:
Kopf tiefer = höhere Geschwindigkeit = höheres Risiko = höherer Stress und bedeutet für den Reiter im Zweifelfall Kontrollverlust, da das Pferd seine instinktiven Kräfte zur vollen Entfaltung bringen kann.

SO, UND NUN SETZEN WIR DEN REITER DRAUF

Nehmen wir einen Reiter mit einem Gewicht von 60 Kg. Ebenfalls aufgrund der Messungen von Baucher/Morris kann man davon ausgehen, dass der Reiter mit 2/3 also 40 Kg die Vorhand und mit 1/3 also 20 Kg die Hinterhand stärker belastet. Eine Dissertation an der veterinärmedizinischen Fakultät Wien kommt zu etwas anderen Ergebnissen, basiert aber auf falschen Grundannahmen, wie im Übrigen viele aktuelle Studien nicht ganz frei von Fehlannahmen sind.

Unterstellen wir nun, dass das Pferd weiterhin in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG steht, dann sind jetzt 66 Kg. mehr Gewicht auf der Vorhand. In der Bewegung würde die Beschleunigungsfähigkeit quasi steigen.

Geht das Pferd jetzt beispielsweise in der DEHNUNGSHALTUNG (Nase Höhe Buggelenk, konvexe Oberlinie und offener Genickwinkel) dann würde das Pferd OHNE Reiter 68 Kg mehr Gewicht auf die Vorhand bringen, MIT REITER sogar 88 Kg!

Ein Gewicht, welches in dieser Haltung (Dehnungshaltung) nicht durch das vorgreifende Vorderbein abgestützt wäre. Der Teil, der über das Vorderbein kommt, liegt dem Reiter komplett in der Hand. Dies bedeutet: DAS PFERD IST DEUTLICHER AUS DER BALANCE nach vorne. Privat kann es das kurzzeitig mal so machen – unterm Reiter ist das keine gute Idee, kann zu massiven Kontrollverlusten führen!

Erwähnt sein noch, dass diese Gewichtsmessungen im STEHEN erfolgt sind, kommt Bewegungsdruck dazu – der ja in der Dehnungshaltung konsequent VORWÄRTS-ABWÄRTS geht – reden wir von anderen Größenordnungen.

Zurück zur Frage warum wir unbedingt AUFRICHTEN MÜSSEN …

DAS REITERGEWICHT MUSS KOMPENSIERT WERDEN

Nun gut. Wir setzten also einen Reiter auf das Pferd.
Nachdem sich das Pferd an diesen gewöhnt hat, was heißt: der STERNENGUCKER hat den Weg in die (korrekte) TIEFE (= Nase etwa Höhe Hüftgelenk) gefunden, der Rücken, der kurzzeitig etwas nach unten gegangen war hat sich wieder in seine URSPRÜNGLICHE POSITION aufgewölbt und das Pferd ist VERTRAUENSVOLL AM GEBISS und nicht wie beim STERNENGUCKER über dem Gebiss.

Das war damals, als man die Pferde noch NICHT durch sinnvolle Bodenarbeit vorbereitet hat, nach maximal einer Woche erledigt und das primäre Ziel wurde ins Auge gefasst – dieses war (und sollte noch immer sein):

DER HINTERHAND MEHR GEWICHT ZUZUSCHIEBEN. Dies hat – neben der Verbesserung der Sicherheit – primär mit der Gesund- und Leistungsbereiterhaltung des Pferdes zu tun.

Zunächst geschieht dies einfach nur dadurch, dass man das nach vorne überhängende Reitergewicht gleichmäßig (schlicht 50:50) auf Vorder- und Hinterbeine des Pferdes verteilt. D.h. bei dem 60 Kg-Reiter der mit 40 Kg die Vor- und mit 20 Kg die Hinterhand belastet, müssten 10 Kg nach hinten verschoben werden.

Und wie macht man das?

Alternative 1:

MAN SETZT DEN REITER WEITER NACH HINTEN. Diese dumme Idee gab es vor knapp 200 Jahren schon mal, wurde zum Glück für die Pferde wieder verworfen (na ja, nicht ganz: Die Islandreiterei praktiziert dies mitunter noch).

Alternative 2:

WIR RICHTEN DAS PFERD AUF. Dies tun wir ausgehend von seiner NATÜRLICHEN HALTUNG!!!

Und dabei brauchen wir noch nicht an „Hankenbeugung“ denken, wie die Herrschaften, die glauben, man könnte ein Pferd in diesem Stadium von HINTEN NACH VORNE reitend RELATIV aufrichten.

NEIN, wir müssen das Pferd zunächst von VORNE NACH HINTEN arbeiten und OHNE HANKENBEUGUNG aufrichten. Das WIE lasse ich an dieser Stelle offen (da werde ich an anderer Stelle extra drauf eingehen – vielleicht). Wichtig ist zunächst nur das man es TUN MUSS und noch wichtiger ist, dass man das Pferd NICHT UNTER SEINE NATÜRLICHE HALTUNG lässt – also auch KEINE DEHNUNGSHALTUNG!

Mit diesem AUFRICHTEN einher geht im Training ein MUSKELUMBAU der die Oberlinie des Pferdes stärkt und es dem Pferd möglich macht – OHNE ANSTREGUNG – eine höhere Haltung (mit entsprechender Beizäumung) einzunehmen und diese sehr LANGE zu halten. Viele so gearbeitet Pferde laufen auch auf der Koppel mit mehr Aufrichtung.

Arbeitete man aber öfter in Dehnungshaltung oder darunter, verzögert sich dieser Muskelumbau deutlich, bis hin zu dessen Unmöglichkeit – reitet man Vorwärts-Abwärts aktiv. Korrekturen solchermaßen in Grund und Boden gerittener Pferde gestalten sich sehr schwierig und für Pferd und Reiter anstrengend (nimmt man diese Korrekturen ernst).

Jetzt hab ich ein bisschen über das WARUM MÜSSEN WIR AUFRICHTEN gesprochen. Nun stellt sich aber die Frage

WARUM ARBEITEN WIR IN DER REITEREI EIGENTLICH SO INTENSIV GEGEN DIESEN MUSKELAUFBAU?

Immer wieder höre ich die Argumentation:
Man muss doch mal ein in Aufrichtung gearbeitetes Pferd dehnen lassen!„, sozusagen als Gegenpart zur Aufrichtung.

JA, man muss es schon mal STRECKEN lassen – WENN, JA WENN man das Pferd FALSCH AUFGERICHTET und ZU ENG GENOMMEN hat, was heute in allen Fakultäten – mit wenigen Ausnahmen – zu sehen ist. Die Kandare spielt bei dieser fehlerhaften Arbeit eine nicht ganz unwesentliche Rolle – von wegen feines Instrument.

Aber auch zum Zwecke des Streckens wäre die DEHNUNGSHALTUNG völlig falsch. Das Pferd kommt vom Regen in die Traufe. Die Belastung der Muskulatur bleibt. Lediglich (bei falscher Aufrichtung/Beizäumung) würde sich die Luftzufuhr einer nicht mehr gequetschten Luftröhre verbessern. Da schnauben dann die Pferde auch schon mal gerne ab.

Ein korrekt aufgerichtetes Pferd dagegen geht NIE ZU ENG!

WAS ERREICHEN WIR DURCH DEHNUNGSHALTUNG UND SONSTIGEN VORWÄRTS-ABWÄRTS VARIANTEN?

Zum POSITIVEN hin:
Einfach gesprochen ABSOLUT NICHTS!

Zum NEGATIVEN hin:
Wir bringen das Pferd vermehrt auf die Vorhand. Wir erhöhen für das Pferd die Möglichkeiten seine instinktiven Kräfte noch stärker zu nutzen, statt diese zu reduzieren. Stichwort: HÖHERE FLUCHTGESCHWINDIGKEIT. Wir verzögern (im günstigsten Fall) den notwendigen Muskelumbau. Und … und … und …

SCHLUSSWORTE

So, ich beende den Text an dieser Stelle und hoffe sehr dass man diesen bis hierher gelesen hat. Großartig wäre es, wenn es mir damit gelingen würde, zum Nachdenken anzuregen.

Dies wäre insbesondere wichtig, da die heute gelehrte und auch von „renommierten“ Herrschaften und Fakultäten vertretene Biomechanik in vielen Teilen falsch ist, bzw. wichtige biomechanische Sachverhalte aus Unkenntnis und Unwissenheit nicht dargestellt werden. Was in seiner Konsequenz zu völlig falschen Trainingskonzepten und zu Lasten der Pferde geht!

Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet
Autor: Richard Vizethum
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RELATIVE vs. ABSOLUTE Aufrichtung – ein paar Worte dazu

Letzte Korrektur: 20.12.2017

Das man Aufrichtung – wiederum erst in der Neuzeit – differenziert in RELATIVE und ABSOLUTE Aufrichtung liegt zu einem Teil sicherlich erneut an falschen Bildern, die man so im reiterlichen Kopf mit sich herumschleppt. Es gibt aber auch noch etwas dazwischen!

In der Vergangenheit gab es nur DIE AUFRICHTUNG und, so man korrektes Ausbilden und feines Reiten für sich reklamieren wollte, nur in Verbindung mit dem Herbeinehmen der Nase des Pferdes, also BEIZÄUMUNG.

Trust-your-Horse - relative vs absolute Aufrichtung

Beide Elemente, Aufrichtung und Beizäumung, wurden stufenweise DURCH DIE HAND (also nach heutiger Redensart ABSOLUT) erarbeitet und – in Preußen – auf TRENSE (lange bevor Baucher diese als non plus ultra für sich entdeckt hatte). Die Kandare in dieser Phase zur Anwendung zu bringen (was ja auch vorkam) zeugte nur von sehr geringem Sachverstand.

Dabei wurde darauf geachtet, dass man immer nur so viel an Aufrichtung dazu nahm, wie der aktuelle Status des Pferdes dies zuließ, ohne das, das Pferd dabei den Rücken deutlich unter die Horizontallinie der Rückenwirbelsäule wegdrückte. Der Rücken des Pferdes darf sich nur soweit absenken, dass die Rückenmuskulatur jene Spannung erreicht, unter der es überhaupt einen Beitrag zum Gewichtstragen leisten kann (also geringgradig unter der Horizontallinie).

Auch hier sei nochmal erwähnt, dass mit angehobenen Rücken das Pferd NICHT in der Lage ist muskelunterstützt zu tragen!

Bei dieser Form der Aufrichtung, die zunächst im Stehen durchgeführt wird und welche ich schon sehr lange so praktiziere und zu meinem Leidwesen (in den letzten Monaten) erkennen musste, dass dies die Preußen weit vor mir so gemacht haben (macht demütig), soll auch die Hinterhand noch keinen Beitrag leisten, es wird also NOCH keine Hankenbeugung angestrebt oder erwartet (nur bei den Abkürzungsreitern, gab es dieses problematische Vorgehen auch damals schon!)! Denn die Hinterhand ist dazu noch nicht seriös in der Lage und man würde nur Widerstände beim Pferd produzieren, dort wo man gerade bestrebt ist einen anderen Hauptwiderstand (Genick) aufzulösen.

Mit höher werdender Aufrichtung wird der Widerrist immer stärker in die Aufrichtung involviert, der Rücken und die Hinterhand erst langsam und in Folge dieser Aktivitäten eingebunden werden. Denn die Hinterhand ist es letztendlich, die das Pferd vorne leicht erhalten soll – gleichwohl die Pferde davor schon durch das Aufrichten und Beizäumen LEICHT (wahrhaftig LEICHT!) sind!

Dieses Aufrichten im Stehen und zum Teil bereits in der Bewegung, geht bis zu einer fast senkrecht Stellung des Halses (siehe Reiterstandbild von Friedrich II „Unter den Linden“ in Berlin). Damit dies möglich wird, ist bei der Beizäumung auch so einiges zu beachten. So muss, um diese dem Pferd angenehm zu machen, die Ohrspeicheldrüse und die damit in Verbindung stehende Muskulatur weich gemacht werden (Graduell mit der Aufrichtung) und der Arm-Kopf-Muskel (in Aufrichtung) GEDEHNT werden!
Diese Aktivitäten fallen unter Kunst – denn es sind keine einfachen Arbeiten und diese müssen mit sehr viel Vorsicht geschehen!

Nach heutiger Redensart würde man hier also eine ABSOLUTE Aufrichtung vermuten dürfen.

Allerdings sei erwähnt, dass man bei dieser Form der stufenweisen Aufrichtung das Pferd NIE mit Hilfe der Hand in der zugewiesenen Kopf-/Halsposition erhalten darf! So gesehen entspricht es nicht ganz dem, was man unter ABSOLUTER Aufrichtung versteht.

Bei dieser (hohen) Aufrichtung und Beizäumung findet eine tatsächliche Gewichtsverschiebung nach hinten statt, die sonst in diesem Maße NICHT erreicht werden kann – „relativ“ ist dies KAUM MÖGLICH!

Wichtig dabei ist es die Möglichkeiten des Pferdes zu beachten. Dicke und Länge des Halses, Ganaschen-Freiheit etc. Die Aufrichtung und Beizäumung hat darin ihre Limitierung – gleichwohl mehr geht als man oft geneigt ist anzunehmen. So kann durch die „Bearbeitung“ der Ohrspeicheldrüse und der Dehnung des Unterhalses deutlich Ganaschenfreiheit gewonnen werden.

Manche Pferderassen wie beispielsweise Spanische Pferde oder Friesen bringen schon sehr viel „Haltung“ („Haltung wird hier nicht verstanden als höchste Stufe des GLEICHGEWICHTS) mit, welche man nur zu erhalten und etwas zu „verbessern“ braucht. Bei diesen Pferden ist die Erarbeitung von Aufrichtung/Beizäumung KEINE so große Kunst (nicht abwertend gemeint)! Auch bietet diese ihre „natürliche Haltung“ etwas mehr die Chance für eine weitgehende RELATIVE Aufrichtung.

Das was wir heute unter Dressurhaltung sehen, wird KAUM durch „RELATIVE AUFRICHTUNG“ erreicht – obwohl das Ansinnen im Grundansatz ja richtig ist. Da kommt schon mal die Hand durchaus (stark) stützend zum Einsatz. Insbesondere dann, wenn man die Pferde davor im Vorwärts-Abwärts (muskulär) in „Grund und Boden“ geritten hat. Trotz optischer Aufrichtung laufen die Pferde vermehrt auf der Vorhand.

Es findet dabei somit auch KEINE signifikante GEWICHTSVERSCHIEBUNG in Richtung Hinterhand statt, auch nicht bei der heutigen Form von „Hankenbeugung“, Bei einer korrekten Hankenbeugung müssen sowohl das Hangbein ALS AUCH das Stützbein gebeugt sein und ein Entbinden der Schultern durch Anheben des Widerrist stattfinden! Eine derartig korrekte Hankenbeugung ist heute kaum noch zu sehen.

Die sogenannte „RELATIVE Aufrichtung“ setzt voraus, dass der Bewegungsdruck der Hinterhand nach Vorwärts-AUFWÄRTS fließen kann und so das Pferd (gewichtstechnisch) aus der Reiterhand mehr und mehr heraushebt. Reine Physik! Dazu muss aber das Pferd – im Minimum – bereits in der sogenannten „Gebrauchshaltung“ (Nase über Hüftgelenk) gehen, damit überhaupt eine Chance bestünde es, durch Motivation der Hinterhand bei gleichzeitig passiver Reiterhand, noch etwas weiter – RELATIV – aufzurichten. Auch ist man vom Willen und der Bereitschaft des Pferdes abhängig dies überhaupt tun zu wollen. Wäre das Pferd, wie oben beschrieben, darauf VORBEREITET WORDEN, dann ginge das!

Wurde nun aber das Pferd VORWÄRTS-ABWÄRTS oder noch schlimmer „in die (falsch verstandene) TIEFE“ der „Jagdhundschnüfflerfakultät“ geritten – wobei man dieses falsch verstandene Ziel dann auch oft noch, völlig unseriös, unter Zuhilfenahme von Hilfsmittel zu erreichen versucht – dann wird das Pferd diesen Willensbeitrag kaum leisten wollen bzw. leisten können und weiter mit der Tendenz Vorwärts-ABWÄRTS in die Reiterhand gehen. Es wird diesen Beitrag auch dann nicht wirklich leisten können, wenn man es in der sogenannten „korrekten Dehnungshaltung“ gearbeitet hat – denn auch hier ist die Tendenz „Vorwärts-Abwärts“.

Auch EIN Grund, warum man ROLLKUR reitet! Zwingt man das Pferd lange genug in diese Position, dann wird es sich, lässt man es etwas raus, versuchen aufrichten. Dies ist dann natürlich KEINE reelle Aufrichtung – da sind wir uns sicher alle einig! Bloß auch dieser Zusammenhang wird meist nicht so gesehen. Hätte man kein so intensives V/A zelebriert, dann wäre auch Rollkur keine „zwingende Notwendigkeit“, auch nicht für diese, mit nur begrenzten reiterlichen Fähigkeiten ausgestatteten Rollkur-Reiter. Auch der Aspekt KONTROLLE, der (zu Recht) als Begründung für Rollkur genannt wird, würde nicht mehr indem Maße bedeutend sein.

In eine Dressurhaltung mit höherer Aufrichtung, wie man sie durchaus noch vor über 50 Jahren sehen konnte, bekommt man kaum ein Pferd durch eine RELATIVE Aufrichtung. Zumal man ja erwartet, dass sich diese Aufrichtung mit der Zeit von selbst ergibt („Diese Hals- u. Aufrichtungsformen ergeben sich bei richtiger Ausbildung von selbst“ [1]) Hier musste auch die Hand bis zu einem gewissen Grad aufrichtend – ABER NICHT OBEN HALTEND – nachhelfen.

Auch die D.V.E. 12 von 1912 gibt einen ähnlichen Hinweis:

Der für eine sichere Hebelwirkung auf die Hinterhand erforderliche Grad der Aufrichtung [relative – Anm.d.Red] des Halses wird indessen nur bei Pferden mit besonders günstigem Gebäude lediglich dadurch erreicht werden, daß die Hinterhand bei passivem Verhalten der Hände durch Biegung niedriger wird. Wo dagegen Widerstände im Genick und in den Ganaschen [und in den Hanken – Anm.d.Red.] zu beseitigen sind, vermag der Reiter die nötige Aufrichtung nur unter aktiver Mitwirkung der Hände in Übereinstimmung mit den übrigen Hilfen zu erzielen.“ [2]

Leider ist man heute soweit, dass man in der „ABSOLUTEN Aufrichtung“ eine Form der Aufrichtung sieht, in der der Reiter Kopf und Hals des Pferdes anhebt UND „trägt“ und der Rücken, spannig weggedrückt, in seiner Bewegung beeinträchtigt ist. Gut, das sieht man durchaus sehr oft, eine solche Form der Aufrichtung hat aber nichts mit einer korrekten Aufrichtung zu tun!

Nochmal sei erwähnt, dass es in der Vergangenheit, damals, als man noch REITEN konnte, eine Unterscheidung RELATIVE vs. ABSOLUT nicht gab und der allergrößte Teil der Erarbeitung von Aufrichtung nach heutiger Terminologie ABSOLUT war – ohne allerdings – was natürlich absolut (Wortspiel) FALSCH ist – Hals und Kopf des Pferdes durch die Reiterhände zu tragen!

Quelleangaben:

  • [1] Richtlinie für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung – Band 1 Ausgabe 1994 – Seite 184
  • [2] Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12 von 29. Juni 1912 – Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn – Seite 187
  • [3] E.F. Seidler – 1846 – „Die Dressur diffizieler Pferde“ – Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn

Autor: Richard Vizethum
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STREIT DER REITLEHREN – ein paar Gedanken dazu

Letzte Korrektur: 10.12.2017

Der ganze „moderne“ Streit – insbesondere zwischen den DEUTSCHEN (Deutsche Reitlehre) und FRANZÖSISCHEN (Baucher) reiterlichen Fakultäten – basiert, ketzerisch gesprochen – schlicht und ergreifend auf offensichtlicher Ignoranz, scheinbarer Unwissenheit und eines gewissen Maßes an Faulheit!

Trust-your-Horse - Reitlehrenstreit

So ziemlich alles, was an guter Reiterei in Europa existierte (bewusst in der Vergangenheitsform geschrieben), findet im Wesentlichen seine Grundlagen in dem Werk  des Franzosen de la Guérinière (* 8. Mai 1688; † 2. Juli 1751).

Von ihm wurde auf beiden Seiten des Rheins mit großer Hochachtung gesprochen, war er es doch nach dem mittelalterlichen Pluvinel (* 1555; † 1620) DER Reitmeister mit dem größten und nachhaltigsten Einfluss auf die Reitkunst ab dem 18. Jahrhundert.

Der Übersetzter des Werkes der „Reitkunst …“ von de la Guérinière, J. Daniel Knöll (Fürstlicher oranien-nassauischer Bereiter) ging nicht nur davon aus, dass die meisten seiner reiterlichen Fachkollegen de la Guérinière´s Werk im Original gelesen haben (!), sondern er merkte auch sehr deutlich an:

„Denn wo ist das deutsche Reitbuch, welches auf einige Gründlichkeit Anspruch machen kann, worinnen de la Guérinière nicht mit seinen Grundsätzen paradieren muß?“ [1]

Will heißen, kein deutscher Autor eines Reitbuches in der damaligen Zeit (Mitte bis Ende 18. und Anfang 19. Jahrhundert), welcher für sein Werk den Anspruch auf Gründlichkeit reklamieren wollte, kam an de la Guérinière vorbei!

Auch das Wissen der Wiener Hofreitschule in der Vergangenheit (denn heute ist man ja auf anderen Wegen unterwegs) basierte auf dem Werk von  de la Guérinière, ergänzt und erweitert von Max Ritter von Weyrother, Louis Seeger und dem Freiherr von Oeynhausen.
Der Vollständigkeit wegen sind auch noch zu erwähnen die sogenannten „Directiven“ von Franz von Holbein-Holbeinsberg und das k.u.k.Exerzierreglement für die Kavallerie.

Ja, bei diesem Wissensfundament war man sich lange Zeit einig – auf beiden Seiten des Rheins!

Die besseren Stallmeister (in der, und für die Breite) in der Zeit um und nach de la Guérinière fanden sich wahrscheinlich auf deutscher Seite, insbesondere auch in der preußischen Kavallerie.Die deutsche „Reitweise“ dominierte die Reiterei Europas [6].

Friedrich der Große (* 24. Januar 1712 in Berlin; † 17. August 1786 in Potsdam) und sein großer Kavalleriegeneral Seydlitz (* 3. Februar 1721 in Kalkar; † 8. November 1773 in Ohlau) hatten die vorher „plumpe“ preußische Kavallerie unmittelbar nach Ende des 1. Schlesischen Krieges (1740-1742) umfangreich reformiert und zur besten und vorbildlichsten Kavallerie der damaligen Zeit gemacht. Schießen und Fußdienst wurden in den Hintergrund gedrängt und dem Reiten mehr Beachtung geschenkt [2].

„Alle taktischen Manöver sind mit größter Schnelligkeit, alle Schwenkungen in kurzem Galopp auszuführen. Die Kavallerieoffiziere müssen die Leute vor allem zu vollendeten Reitern erziehen, die Kürassiere müssen ebenso wendig und geschickt zu Pferd sein wie ein Husar und mit dem Gebrauch des Säbels wohlvertraut sein.“ [2]

Dieser Abschnitt aus Friedrichs Instruktionen zeigt sehr deutlich die Verschiebung der Gewichtung und gibt einen Hinweis auf die notwendige Rittigkeit der Pferde.

Die französische Kavallerie war – obwohl Frankreich nach de la Guérinière reich an Reiterpersönlichkeiten war – die wohl schlechteste Kavallerie der großen Nationen. Ausgestattet mit ungenügendem „Pferdematerial“ und noch unbegabteren Reitern (man musste manche Attacken in langsamerer Gangart reiten, bestand doch die Gefahr, dass die Reiter aus dem Sattel fallen konnten) konnte sie allenfalls durch Kühnheit und Mut brillieren [2], Wissen über die Reitkunst kam aber nicht zum Einsatz.

Hinzu kam auch noch, dass die französische Kavallerie zur Zeit Napoleons zunächst keinen so hohen Stellenwert mehr in der Armee hatte und von oft inkompetenten Generälen verheizt wurde. Dies änderte sich auch nicht durch die Einrichtung der Cadre Noir in Saumur 1814.

Eine große Ausnahme allerdings stellten die „Chasseurs d’Afrique“ (erstmals 1830 in Algerien aufgestellte leichte Kavallerie) dar. Diese waren in Gänze mit hervorragenden Berberpferden ausgestattet. Da diese Pferde schon „in Haltung“ gingen, beschäftigte man sich allerdings auch hier nicht besonders mit der Reitkunst.

Die Preußen dagegen hatten zwar Anfangs des 19. Jahrhunderts ebenfalls den Nachteil schlechteren „Pferdematerials“, doch machten sie diesen „Nachteil“ durch intensiverer Beschäftigung mit dem Wissen um die Reitkunst mehr als wett.

Ab wann nun stritten die „Gelehrten“?

Einen heftigen „Gelehrtenstreit“ dürfte es damals aber nicht gegeben haben, gleichwohl es durchaus Nicklichkeiten zwischen einzelnen Schulen und Stallmeistern gegeben hat, welche man getrost unter dem Begriff „Handwerks-Neid“ [6] abwerten kann. Auch trennten sich nach de la Guérinière die Wege der akademischen und der militärischen Reiterei, doch gestritten wurde zwischen diesen beiden Fakultäten – dies aber durchaus sehr kontrovers – fast ausschließlich um den Sitz des Reiters [5].

Die größeren und grundsätzlicheren „Streitigkeiten“ begann erst – und jetzt wird es hypothetisch – mit Francois Baucher!

Er, der sicherlich durchaus ein Erneuerer war, fand sich nicht entsprechend gewürdigt und sein „empfindliches Temperament“ [3] welches ihn oft übermannte gab ihm Veranlassung zu „menschenverachtenden Stimmungen“ [3]. Wenn man dagegen aber die sehr große Schar seiner Bewunderer betrachtet (zu der ich mich lange, trotz dieser kritischeren Worte, mit mancher Einschränkung auch zählte), hätte es für ihn eigentlich keine Veranlassungen zu derartigen Reaktionen geben müssen.

Baucher wurde zwar durchaus heftig kritisiert – ja – was aber sicherlich auch eine Ursache in seiner überzogenen Selbstdarstellung hatte. Die Stallmeister vor ihm waren bedeutend demütiger und fühlten sich mehr der Sache (der Reitkunst) als der eigenen Person verpflichtet. Auch kam hinzu, dass Vieles, was Baucher als NEU propagierte und mit Nachdruck als solches vertrat, schon lange vor ihm, insbesondere in Preußen, gelebte Praxis war! Ein weiterer Aspekt der zu durchaus berechtigter Kritik an seiner Person führte.

Mit Baucher kam – meiner Ansicht nach – eine, nennen wir es einmal, unschöne Stimmung, in die Diskussionen.

Auch wenn viele deutsche Autoren (Seeger [8], Seidler [7], von Knorr, Steinbrecht …) kritische Worte zu Bauchers Methode fanden, hatte dies keine, wie häufig gerne behauptet wird, nationalistische Hintergründe gehabt, sondern es waren eher reiterliche Bewertungen.

Im Jahre 1842 wurde ein komplettes Quedlinburger Kavallerieregiment (7. Kürassier-Regiment) für ein Jahr abkommandiert, um Bauchers Methode zu erproben [4]. Die haben das nicht gemacht um Baucher zu kritisieren, sondern um festzustellen, ob seine Methode für die preußische Kavallerie von Nutzen sein könnte – ganz pragmatisch! Diese Arbeit, welche „1843 nach dem grossen Kavalleriemanöver unter Wrangel bei Berlin so eklatante Misserfolge zeitigte, dass diese unbedingte Beizäumungsmethode für ewige Zeiten untersagt wurde, denn die Pferde schnellten sich aus derselben heraus, keinem Zügel mehr gehorchend“ [4], wurde danach nicht mehr weiter verfolgt.

Ähnliche kritische Worte fanden auch seine Landsleute, so dass ihm letztendlich die offizielle Tür nach Saumur (Cadre Noir) verschlossen blieb. Nun gut, das hatte sicher auch seine Gründe in der sich, wie an anderen Orten, ebenso in Frankreich ab 1815 stark verbreitenden „schneidigen“ anglomanen Reiterei. So kann man beispielsweise den Vicomte d´Aure (er leitete Saumur von 1847–1854), Bauchers größten Gegner in Frankreich, getrost zu dieser reiterlichen Spezies zählen.

Baucher hatte viele renommierte Stallmeister sehr sauer gemacht. Nicht durch seine „neue“ Methode! Über diese hätte man sicher gesittet diskutiert, so wie es sonst auch geschah. Nein, es war seine unangenehm anmaßende und insbesondere in seiner Anfangszeit durch nichts gerechtfertigte Überheblichkeit, die er dem Wissen und der Leistung anderen gegenüber an den Tag legte.

Eine besonders scharfe Kritik an Baucher möchte ich hier einmal zitieren:

Noch niemals ist mir ein Buch zu Gesicht gekommen, welches mit gleicher Anmaßung, Verachtung alles außer ihm Bestehenden und Aufschneiderei sein Thema behandelt. Dies möchte ich dem Autor aber noch nachsehen; denn er ist Franzose, und hat sich als solcher vielleicht die Sprache der bekannten Bülletins Napoleons zum Muster genommen. Herr Baucher bringt uns aber auch nichts Neues, was gut wäre.“ (F.von Knorr) [9]

Aber nun gut – wieder zurück zu den Diskussionen zwischen den Reitlehren

Ich glaube mit Baucher haben sich die Sachthemen immer stärker vermischt mit persönlichen Befindlichkeiten der einzelnen Protagonisten. Je weiter man sich dabei der Neuzeit annähert, desto ausgeprägter und unqualifizierter wurden die Differenzen.

Offensichtliche IGNORANZ hielt in breiter Front Einzug. „Ich will mich nicht mit der anderen Seite beschäftigen, denn die andere Seite ist BÖSE!“ könnte als Überschrift darüber stehen. Auch hier sind persönliche Befindlichkeiten die Haupttriebfeder und behindern jede objektive Betrachtung und jeden konstruktiven Austausch.

Na ja, und dann darf man ja auch die anglomane Reiterei nicht vergessen, sie eroberte Kontinentaleuropa in großen Schritten. Sie stellte die Abkehr von nahezu allem dar, was man unter REITKUNST verstehen kann.

Nach dem Frieden von 1815 legte man in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, der größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur Gangart des Angriffs. Diese Punkte wurde nahezu ausnahmslos in jeder Armee als Verbesserung angesehen [2] und prägten entsprechend die Reitvorschriften, in Deutschland wie in Frankreich (eben u.a. durch d’Aure).

Das was in Deutschland, auch schon mit der Reitvorschrift von 1912, aber ganz extrem mit der HDv. 12 von 1937 zu Papier gebracht wurde und in noch vereinfachterer Form in der aktuellen Deutschen Reitlehre gelandet ist, lieferte nun fast grenzenloses Material für Diskussionen. Die neuzeitlichen Bilder der „Reiterei“ gießen nur noch mehr Öl ins Feuer des „Gelehrtenstreits“ und so kann die eine Seite (französische Lehre) sich als gut darstellen, während die andere Seite (deutsche Lehre) als schlecht betrachtet wird et vice versa.

Und hier kommen meine Eingangsworte „scheinbare UNWISSENHEIT“ und „FAULHEIT“ zur Bedeutung.

Baucher mit der aktuellen Deutschen Reitlehre zu vergleichen, ist genauso, als würde man eine Birne (Baucher) mit einem verfaulten Apfel vergleichen. Ein solcher Vergleich, gerne von neuzeitlichen „Baucheristen“ herangezogen, ist unseriös, birgt unnötigen Konfliktstoff und deutet entweder auf UNWISSENHEIT oder bewusstes (deshalb „scheinbar“) Unterschlagen hin. Bei einigen Protagonisten die sich im „Gelehrtenstreit“ sonnen, spielt möglicherweise auch FAULHEIT (in der Wissensfindung) eine Rolle!

ICH HOFFE, DASS WIR ALLE UNS IRGENDWANN EINMAL WIEDER AUF SCHÖNES, FEINES REITEN BESINNEN, WO PFERDE WICHTIGER SIND ALS MENSCHEN UND DER SINNLOSE „GELEHRTENSTREIT“ DER VERGANGENHEIT ANGEHÖRT.

Bedauerlicherweise erfordert dies von der aktuellen Deutschen Reitdoktrin – vor allem in der Form ihrer Umsetzung – ein besonders starkes, aber im Augenblick nicht erkennbares Umdenken! Aber auch den „Baucheristen“ täte es gut ihren Meister deutlich kritischer zu hinterfragen!

[1] de la Guérinière, Reitkunst, Vorrede des Übersetzers
[2] Friedrich Engels – 1858 – Kavallerie
[3] General Alexis l´Hotte, Ein Offizier der Cavallerie
[4] Otto von Monteton, „Unsere Pferde“ 7. Heft – über stätische Pferde – Zusammengefasst im Werk „Über Reitinstruktionen“
[5] von Oettingen -1885 – „Über die Geschichte und die verschiedenen Formen der Reitkunst“
[6] von Hochstätter – 1839 – „Militär und Civilreiterschule neuerer Zeit …“
[7] E.F. Seidler – 1844 – „Unparteiische Ansichten über das Bauchersche System der Pferde-Dressur“
[8] Louis Seeger – 1852 – „Herr Baucher und seine Künste. Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter“
[9] F.von Knorr – 1843 – „Ansichten eines Nichtüberzeugten von Bauchers Methode“

 

Autor: Richard Vizethum
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