Gewichtsverteilung Vor- und Hinterhand – ein Versuch

Ein Kernziel einer korrekten Dressur ist die Veränderung der Gewichtsverteilung zwischen Vorhand und Hinterhand des Pferdes. Wobei der Hinterhand mehr Gewicht zugeschoben werden muss.

Gerade in der heutigen Zeit, in der es Mode geworden ist Pferde – für diese ungesund – verstärkt auf der Vorhand laufen zu lassen, ist es wichtig diese Ausbildungsnotwendigkeit wieder verstärkt in den Fokus zu rücken.

Trust-your-Horse - Gewichtsverteilung Vorhand - Hinterhand beim Pferd

Hierzu möchte ich auf die höchst interessanten Versuche verweisen, die die Herren Baucher und Morries in Paris angestellt haben um ein genaueres Bild über die Gewichtsverteilung zwischen Vor- und Hinterhand zu erhalten. Freiherr von Krane hat die Ergebnisse 1856 in seinem Werk über „Die Dressur des Reitpferdes[1] dokumentiert. Wobei er die Daten aus dem Baumeister’schen Werke: „Anleitung zur Kenntniß des Aeussern des Pferdes[2] entnommen und dessen Kilogrammwerte in Pfund übertragen hat. Zum besseren Verständnis wurde an dieser Stelle wieder auf die ursprünglichen Kilogrammangaben von Baumeister zurückgegriffen.

Baucher und Morris stellten ein gut- und symmetrisch gebautes Pferd mit Vor- und Hinterhand auf je eine Brückenwage, um zu prüfen, wie viel Gewicht auf Vor- und Hinterhand kam. Eine Gewichtsverlagerung von 3-5 Kilogramm wurde dabei den Bewegungen der Gedärme und dem Atmen gezollt. Freiherr von Krane fragte sich dabei aber, ob diese Gewichtsveränderung nicht „auch eine geringe dem Auge unbemerkbare veränderte Körperhaltung“ ausgelöst haben könnte.

Doch nun zu den gewonnenen Erkenntnissen …

VERSUCH 1

Zunächst wurde das Pferd (ohne Reiter) in eine gewöhnliche, eher niedrige als hohe Hals/Kopf-Einstellung (es darf davon ausgegangen werden, dass die Nase des Pferdes dabei auf Höhe Hüftgelenk oder geringgradig darunter war [3]) gebracht.

  • 384 Kg. Gesamtgewicht
  • 210 Kg. Vorhand
  • 174 Kg. Hinterhand
  • 36 Kg. ÜBERLASTUNG VORHAND (9,4%)

VERSUCH 2

Danach wurde der Kopf (Nase) des Pferdes bis zur Bugspitze abgesenkt. Diese erniedrigte Stellung ergab folgende Werte:

  • 384 Kg. Gesamtgewicht
  • 218 Kg. Vorhand
  • 166 Kg. Hinterhand
  •  52 Kg. ÜBERLASTUNG VORHAND (13,5%)

VERSUCH 3

Schließlich wurde der Kopf so weit erhöht, dass die Nase auf Höhe des Widerrists stand, diese hohe Einstellung führte zu folgenden Ergebnissen

  • 384 Kg. Gesamtgewicht
  • 200 Kg. Vorhand
  • 184 Kg. Hinterhand
  • 16 Kg. ÜBERLASTUNG VORHAND (4,2%)

Somit wurden Mehrbelastungen der Vorhand des Pferdes (ohne Reiter) im Zustand der Ruhe ermittelt, welche in den beiden Extremen eine Differenz von 36 Kilogramm ergab. Der Einfluss der Halsposition auf die Schwerpunktverlagerung darf also als gegeben betrachtet werden!

VERSUCH 4

Anschließend bestieg Francois Baucher (64 Kilogramm) das Pferd. Er nahm einen „schulgerechten Sitz“ (von Krane) ein. Hals und Kopf des Pferdes wurde in eine gewöhnliche, mittlere Haltung gebracht – analog Versuch 1.

Durch den Reiter wurden die Gewichtsverhältnisse wie folgt verändert. Die Zahlen in Klammern stellen das Gewicht des Reiters dar:

  • 448 Kg. Gesamtgewicht (64 kg)
  • 251 Kg. Vorhand (41 Kg)
  • 197 Kg. Hinterhand (23 Kg)
  • 54 Kg. ÜBERLASTUNG VORHAND (18 Kg)

D.h. die Vorhand des Pferdes trug bei diesem Versuch (4) ca. 12,1% mehr Gewicht als die Hinterhand. Zu beachten ist, dass das Pferd sich dabei in Ruhe befand.

Der Faktor Bewegung dürfte diesen Wert durchaus nicht unerheblich ansteigen lassen – insbesondere im (nicht versammelten) Galopp. Denn in dieser Gangart wird das Reitergewicht deutlich der Vorhand zugeworfen.

Ein trainingstechnisches Verstärken dieser Vorhandlastigkeit – beispielsweise durch aktives Vorwärts-Abwärts (hierzu zählt auch die der Show geschuldete tiefe Einstellung von Kopf und Hals, wie dies in der Westernreiterei der heutigen Zeit intensiv praktiziert wird) – ist im günstigsten Fall  NUR kontraproduktiv im ungünstigsten Fall aber gesundheitsschädlich für das Pferd.

Quellangaben:

  • [1] von Krane – 1856 – „Die Dressur des Reitpferdes“ – Verlag Coppenrath‘sche Buch- und Kunsthandlung – Seite 70f
  • [2] W. Baumeister – 1863 – „Anleitung zur Kenntnis des Äußeren des Pferdes“ (5.Auflage – 1. Auflage 1852) – Verlag Ebner und Seubert – Seite 205
  • [3] Anmerkung des Verfassers.

Autor: Richard Vizethum
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Gleichgewicht Basis der Balance

Letzte Korrektur: 06.12.2017

Unter dem GLEICHGEWICHT im physikalischen Sinne versteht man die gleichmäßige Verteilung einer Masse im Stand auf die vorhandenen Stützflächen. Bei Lebewesen, in deren natürlicher Grunddisposition, wird dieses Ideal nicht erreicht. Es gilt aber: Je weniger Stützflächen vorhanden sind, desto näher kommt die Masseverteilung diesem Ideal.

In der Bewegung spricht man sinnvollerweise im günstigen Fall von einem kontrolliertem Ungleichgewicht, welches man auch treffend mit dem Begriff BALANCE umschreiben kann.

Trust-your-Horse - Gleichgewicht - Basis der Balance

Das Gleichgewicht stellt bei Lebewesen so etwas wie die Referenzgröße für dessen sensomotorisches System dar. Dieses System ist, vor allem dann, wenn das Lebewesen sich bewegt, bestrebt das jeweilige Lebewesen, an dieser Gleichgewichtsvorgabe ausrichtend, in der Balance zu halten.

In seiner natürlichen Disposition ist das Pferd weit von dem oben beschriebenen Gleichgewichtsideal entfernt. Zwei maßgebliche Faktoren tragen hier wesentlich dazu bei.

Zum einen die starke Vorhandüberlastung, welche es dem Fluchttier Pferd ermöglicht, hohe Geschwindigkeiten bei vergleichsweise geringem Energieeinsatz zu erreichen.

Zum anderen die „natürliche Biegung“ (ich vermeide die Begrifflichkeit „natürliche Schiefe“, denn diese vertauscht Ursache und Wirkung) oder Händigkeit des Pferdes. Dessen Ursache dürfte, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, mit der Lage des Fötus im Mutterleib in Zusammenhang stehen, also einen eher logistischen Grund haben.

Ein Pferd als Pferd ist in einem naürlichem Gleichgewicht

Dennoch spricht man auch beim Pferd von einem Gleichgewicht, einschränkend als „natürliches Gleichgewicht“ bezeichnet.
Für die Nutzung des Pferdes als Reitpferd allerdings ist dieses natürliche Gleichgewicht problematisch.

Einerseits begünstigten die Faktoren dieses Gleichgewichts die instinktiven Kräfte des Pferdes – gegen den Reiter. Dieser muss weit mehr „Hilfen“ zu deren Korrektur einsetzen – was wiederum das Pferd belästigt.

Andererseits sorgt das Gewicht des Reiters und dessen Masse für eine ungünstige Belastung der Struktur des Pferdes (Knochen, Muskeln …), was dessen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Motivation in der Konstellation des natürlichen Gleichgewichts ungünstig beeinflusst.

Ein Pferd braucht man nicht in die Balance bringen, dass macht es von ganz allein. Man muss ihm nur das neue Gleichgewicht für ein Reitpferd vermitteln.

In jedem Abschnitt steigender Dressur erlangt das Pferd eine besondere Art von Gleichgewicht
(E.F. Seidler – 1837)

Trainingstechnisch gilt es nun ein „neues Gleichgewicht“ im Pferd zu etablieren. Dies geschieht dadurch, dass man bestehende Bewegungs- und Haltungsmuster durch häufiges Wiederholen von „neuen“ Bewegungsabläufen langsam verändert.

Gleichzeitig damit wird sich automatisch auch das sensomotorische System des Pferdes auf das veränderte Gleichgewicht einstellen und an dieser Referenz das Pferd neu ausbalancieren.

Zwei wesentliche Muster müssen dabei vorrangig „reprogrammiert“ werden:

  • Die „natürliche Biegung“: Das Pferd ist geradezurichten;
  • Die Vorhandüberlastung: Das Pferd ist verstärkt auf die Hinterhand umzulasten.

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
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