Das Pferd hat immer Recht!

Wie oft hört man Sätze wie „Mein Pferd verarscht mich doch schon wieder!“ oder „Der Gaul will mal wieder nicht!“. Solchen und ähnlichen Aussagen ist eines gemeinsam:

Sie geben dem Pferd die Schuld an einer Situation

Old-Rose - Das Pferd hat immer Recht

Da Pferde aber nicht, wie wir, über die Zukunft nachdenken, sind sie auch nicht zu arglistigen Gedanken fähig. Pferde handeln im Hier und Jetzt und sie reagieren IMMER angemessen auf die gegebene Situation. Dabei spielt natürlich auch der Selbstschutz eine große Rolle.

Das was wir Denken bestimmt unser Handeln!

Wenn man davon ausgeht, dass das Pferd schuld an einer Situation ist, dann wird man auch entsprechend korrigieren, denn das Denken („DAS PFERD ist schuld!“) bestimmt unser Handeln („Ich muss DAS PFERD korrigieren!“). Die Folge: Man korrigiert falsch und die Situation verschlechtert sich.

Verschlimmert wird dieses Denken auch dadurch, dass man den, von vielen Trainern immer wieder gerne verwendeten Begriff von „Dominanz“ im Hinterkopf hat und „Dominanzprobleme“ unterstellt. Bei Pferden geht es so gut wie nie um Dominanz, sondern immer nur um Vertrauen.

Eine falsche Korrektur aber stört dieses Vertrauen

Deshalb hört auf, solche Sätze wie oben auch nur zu denken. Fragt euch stets: „Was habe ICH falsch gemacht!“. Dann werdet ihr auch richtig und angemessen korrigieren und das Vertrauen eures Pferdes behalten.

Binde Dein Pferd am Boden fest

„Ground tying“, dieser Begriff kommt aus der Arbeit der Cowboys und bedeutet soviel wie „Etwas am Boden festbinden“.

In der Rancharbeit eines Cowboys gab es viele Situationen, in denen er vom Pferd absteigen musste (Rind untersuchen, Zaun reparieren …) aber keine Möglichkeit und Zeit hatte, währenddessen sein Pferd irgendwo anzubinden. Also „band“ er es einfach am Boden fest.

Dazu ließ er einen Zügel, der im Westernreiten üblichen geteilten Zügel (Split Reins) oder den Führstrick am Bosal (klassische Hackamore), beim Absteigen zu Boden fallen. Für das Pferd bedeutet dies „Stehenbleiben!“. Und zwar so lange, bis der Cowboy wieder zurückkam.

Das „ground tying“ sollte man jedem Pferd beibringen (Halfter und Führstrick), damit es ruhig stehenbleibt, während man beispielsweise den Sattel holt oder das Pferd putzt.

Trust-your-Horse - Binde Dein Pferd am Boden fest

Die wichtigsten Voraussetzungen, die man als Mensch für das Training des „ground tying“ mitbringen muss sind:

  • Vertraue Deinem Pferd und
  • Geduld.

Wie geht man vor?

Man stellt sein Pferd in der Reitbahn ab und lässt den Führstrick zu Boden fallen. Dabei sollte das Pferd möglichst im natürlichen Gleichgewicht stehen, also nicht in Schrittposition. Dann geht man um das Pferd herum. Die eigene Körperhaltung sollte dabei Selbstsicherheit und Ruhe ausstrahlen. Ein ständiges zum Pferd blicken ist nur ein Zeichen von Unsicherheit und der Wunsch die Kontrolle zu behalten und verbietet sich.

Geht das Pferd nun los – was am Anfang häufiger vorkommt – dann holt man es sehr ruhig und souverän wieder zurück und stellt es genau wieder an dem Ort ab, von dem es losgegangen ist und beginnt erneut in einem Abstand von 2-3 m um das Pferd herumzugehen.

Bleibt es irgendwann für eine komplette Umrundung stehen, dann lobt man es sehr intensiv und vor allem ehrlich.

Mit der Zeit kann man die Distanz zum Pferd vergrößern und nach einigem Üben bleibt das Pferd auch dann auf der Stelle stehen, wenn man mal die Reitbahn verlässt.

Wieder ein Stück Weg zum coolen Pferd geschafft!

Atme!!!

Schlüsselelement Atmung
OHNE RICHTIGE ATMUNG KEIN GUTER SITZ UND KEIN GEGENSEITIGES VERTRAUEN!

Natürlich wird man jetzt sagen: „Ich atme doch – würde ja sonst ersticken!“

Das ist grundsätzlich richtig, doch immer dann wenn unser Körper unter Stress gesetzt wird, sei es physischer oder psychischer Stress, dann beginnt er – um sich auf Verteidigung vorzubereiten – Funktionen „herunterzufahren“. Die Atmung gehört dazu.

Es kommt zu Unterbrechungen des Atemrhythmus…

Die Atmung steht für Momente still, der Körper wird nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Diese Unterversorgung führt – selbst ohne subjektives Empfinden – zu Fehleistungen und Anspannungen.

… oder aber man atmet hastig und flach

Dabei atmet man meist mehr ein als aus. Die Folge ist ein Sauerstoffüberschuss, mit dem der Körper nichts anzufangen weiß – bestehende Blockaden und Verspannungen verstärken sich.

DU BIST NICHT MEHR IM (BEWEGUNGS)FLUSS DEINES PFERDES

Ganz konkret bedeutet dies, dass Du auf jedem Fall nicht mehr im Bewegungsfluss mit Deinem Pferd sein kannst. Du wirst mehr geworfen, die Unsicherheit wächst und der Körper wird noch stärker unter Stress gesetzt, mit den beschriebenen Folgen – ein Teufelskreislauf.

Aber auch das Pferd reagiert darauf – es beginnt zu eilen oder aber es spannt seinen Rücken an und die Tritte werden kürzer. Ein harmonischer Gleichklang ist nicht mehr gegeben.

UNTERBRICH DIESEN KREISLAUF – ATME

So wie ein Erregungszustand die Atmung beeinflusst, so kann man über eine bewusste Atmung seine Erregung steuern. Wer gleichmäßig und ruhig über den Bauch atmet, wird die beruhigende Kraft der Atmung in Form von psychischem Wohlbefinden und Entspannung erleben. Die Fähigkeit seine Atmung zu kontrollieren aber muss durch regelmäßiges Training stetig verbessert werden, so dass man in Stresssituationen auf ein automatisiertes Repertoire zurückgreifen kann.

TRAINIERE REGELMÄSSIG DEINE ATMUNG

Setze Dich auf Dein Pferd und lasse es im Schritt gehen. Schließe die Augen. ATME DABEI TIEF IN DEN BAUCH EIN UND NOCH TIEFER AUS. Lege eine Hand auf Deinen Bauch und FÜHLE WIE SICH DER BAUCH AUFWÖLBT beim Einatmen. „Beobachte Deine Atmung, achte auch auf den kurzen Atemstillstand am Ende des Ausatmens und spreche in Gedanken mit „EIN-AUS-RUHE“ … Fühle die Bewegung Deines Pferdes. Unterbricht es den Fluss konzentriere Dich stärker auf das Gleichmaß Deiner Atmung.

IM TRAB IST ES ANDERS

Der Trab lässt keine tiefe Atmung (Nase ein – Mund aus) zu. ATME RUHIG DURCH DIE NASE EIN UND AUCH WIEDER AUS. Nimm diese Atmung bereits kurz vor dem Wechsel in den Trab auf. Du bleibst damit besser im Fluss des Trabes und vermeidest Verspannungen.

Vertraue Deinem Pferd!

Wenn man das Wort „Vertrauen“ in der Beziehung zum Pferd gebraucht, dann verbindet man damit in der Regel, dass Vertrauen des Pferdes in den Menschen. Man erwartet, dass einem das Pferd vertrauensvoll folgt, das der Vertrauensvorschuss vom Pferd kommen müsse. Doch warum sollte das Pferd dies tun?

Vertrauen in die Führung (der Leitstute) ist für das Pferd von existenzieller Bedeutung. Grundsätzlich wird das Pferd sich gerne darauf einlassen, denn geführt zu werden ist bequemer als selbst zu führen. Doch dieses Vertrauen ist an Voraussetzungen geknüpft, welche die Führung erfüllen muss.

UM VERTRAUEN ZU ERHALTEN MUSS MAN VERTRAUEN INVESTIEREN!

Souveränität und Authentizität sind zwei dieser Voraussetzungen, die als Kompetenzen in der Führungsfigur vorhanden sein müssen, und sie sind auch die Grundlagen für diese Investition, die der Mensch tätigen muss um das Vertrauen seines Pferdes zu gewinnen.

Was bedeutet dies nun für den vertrauensvollen Umgang mit dem Pferd?

  • VERTRAUE DEINEM PFERD! – lange bevor es Dir zu vertrauen beginnt.
  • SEI BERECHENBAR! – Der Unberechenbare, der Launenhafte und Ungerechte wird nie das Vertrauen seines Pferdes bekommen.
  • ACHTE AUF DEINE EMOTIONEN! – Handle Emotionslos – atme tief durch, wenn der Stresspegel einmal situationsbedingt ansteigt – Du musst schneller wieder runterkommen als Dein Pferd.
  • KONTROLLIERE NICHT STÄNDIG DAS VERHALTEN DEINES PFERDES! – wer immer kontrolliert der vertraut nicht.
  • ACHTE AUF DEINE KÖRPERSPANNUNG! – sie ist der Gradmesser Deiner Souveränität
  • GIB DEM WORT „DOMINANZ“ KEINE SO GROSSE BEDEUTUNG! – Es geht immer um Vertrauen – selten um Dominanz.

Autor: Richard Vizethum
Notizen zu „Die Grammatik des Reitens“

Exponentialfunktion und Reiten

Was hat Mathematik mit Reiten zu tun, wird man sich fragen? Nur so viel, dass in der Natur nahezu alles exponentiell abläuft. Wirkungen von Maßnahmen werden nicht immer unmittelbar sichtbar, ganz im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass sich gar nichts verändert. Diese Erkenntnis ist elementar wichtig beim Training eines Pferdes.

Trust-your-Horse - Exponentialfunktion und Reiten

WER DIE GEDULD VERLIERT VERLIERT

Plötzlich aber, scheinbar überraschend, zeigt sich eine starke Entwicklung, ein starker Fortschritt. So wie man das auch in graphischen Darstellungen einer Exponentialfunktion sehen kann.

Wir Menschen neigen aber dazu, vor allem auch unter Gruppenzwang, die Geduld zu verlieren, wenn sich scheinbar nichts bewegt. Nicht nur in der Ausbildung eines Pferdes ist dies eines der allergrößten Fehler überhaupt.

Noch bevor sinnvolle (vorausgesetzt) Trainingsschritte ihre Wirkung zeigen können, wird die Methode geändert um „schneller“ vorwärts zu kommen. All das, was vorher erarbeitet wurde und möglicherweise auf dem richtigen Weg (exponentiell) war, wird konterkariert. Mitunter laufen die Methoden auch gegeneinander, so dass letztendlich ein sinnloses Mehr an Arbeit erforderlich wird.

EXPONENTIELLES TRAINING FORDERT PERSÖNLICHKEIT

Der Umgang mit exponentiellen Entwicklungen fordert vom Menschen Souveränität, Ruhe, Durchhaltevermögen und vor allem Geduld und Vertrauen.

Lässt man sich nicht anstecken von der dummen Hektik unserer Zeit – die uns so gerne als Dynamik verkauft wird – dann kommt man schneller zu einem nachhaltigeren Ergebnis, als es diejenigen erreichen können, die Sätze gerne mit „Was, Dein Pferd kann noch nicht …?“ beginnen.

Der besseren Lesbarkeit wegen wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
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