Wie TIEF ist TIEF eigentlich?

Das was wir in der heutigen Zeit unter „VORWÄRTS-ABWÄRTS“ kennen, hängt sehr eng mit dem Begriff der TIEFE zusammen. So wird davon gesprochen, dass das Pferd „Anlehnung in der TIEFE finde müsse“ (sinngemäß: D.V.E. Nr. 12 von 1912) oder dass man dem Pferd „den Weg in die TIEFE zeigen müsse“ (ebenda), so es nicht bereit wäre, diese von selbst aufzusuchen.

Trust-your-Horse - TIEF und UNTERIRDISCH

In unterschiedlichen Beiträgen habe ich versucht den Ort TIEFE räumlich zu lokalisieren (siehe Bild TIEFE/Unterirdisch). Heute nun möchte ich mich auch einmal den Gründen, die zur Nutzung dieses Begriffs geführt haben, annähern.

Dazu muss man tief in die Vergangenheit der Reiterei zurückgehen und einen Zeitraum betrachten, der mit dem Ende des 18. Jahrhunderts beginnt und in die Neuzeit hineinreicht.

Die alten Stallmeister haben uns unwissentlich mit der Verwendung des Begriffs TIEFE ein ziemliches Ei ins Nest gelegt, suggeriert er uns neuzeitlichen Menschen (beginnend mit Anfang 20. Jahrhundert) doch eine Position (der Pferdenase) knapp über dem Boden.

Doch in der Zeit dieser Stallmeister bedeutete ein TIEF EINGESTELLTES PFERD, ein Pferd, welches, in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG gehend, die Nase etwa auf Höhe des HÜFTGELENKES (!!!) trug (siehe Beitragsbild oben)!

Diese für uns möglicherweise unverständliche räumliche Festlegung hatte im Wesentlichen zwei Ursachen:

  1. Die STERNENGUCKER beim Anreiten und
  2. das Bild HOCH AUFGERICHTETER PFERDE.

1. DIE STERNENGUCKER BEIM ANREITEN

Wurden die Pferde zum ersten Mal mit dem Reitergewicht konfrontiert, so spannten sie, nach einem kurzen Aufwölben des Rückens, dessen Muskulatur an, was zu einem Wegdrücken desselben führte und ein durchaus deutlichen Anheben von Hals und Kopf zur Folge haben konnte (s. Bild).

Trust-your-Horse - Sternengucker

Diese HÖHE der Nase war keineswegs gewünscht (Ausnahme: Aufricht-Entartungen in der Reiterei  – s. Punkt 2). Sodas das Bestreben des Reiters darin liegen musste, das Pferd wieder zurück in die TIEFE zu bringen. Jener TIEFE, die ich oben (siehe auch Eingangsbild) beschrieben habe! Unter Umständen musste man dem Pferd dabei auch „den Weg in die Tiefe zeigen“.

2. DAS BILD HOCHAUFGERICHTETER PFERDE

Aufrichten ist jeher ein wichtiger Aspekt in der Pferdeausbildung gewesen, insbesondere in der Schulreiterei. Das Bild eines HOCHAUFGERICHTETEN Pferdes geisterte durch die Köpfe der damaligen Reiterwelt (Ende 18. und Anfang 19. Jahrhundert).

Die SCHULREITEREI lieferte das Vorbild und hochaufgerichtete Pferde waren Mode!

Deshalb entlehnten sich viele damalige Reiter das AUFRICHTVERFAHREN aus der Schulreiterei und wandten dieses bereits in der Anfangsdressur an, ohne dass die Pferde entsprechend darauf vorbereitet (Rücken, Hinterhand …) gewesen wären.

Trust-your-Horse - Entartungen aus der Schulreiterei

So hoben sie die Nase des Pferdes „bedeutend bis über die Rückenlinie hinauf, drückten bei WAAGERECHTER Kopfstellung mit dem Oberhauptbein (Hinterkopf des Pferdes) die Oberhalswirbel und den ganzen Hals soweit zurück, bis der Rücken sinkt, und erst in später Zeit“ bemühten „sie (die Anhänger dieses Aufrichtverfahrens) sich, die Nase des Pferdes herabzustimmen und dem Pferde GenickBIEGUNG zu geben“ (E.F. Seidler). Dabei setzten sie die Pferde mitunter sehr gewaltsam auf die Hinterhand. Die Pferde reagierten auf diese Behandlungen mit entsprechenden Widersetzlichkeiten.

SO, WIE KAM ES NUN ZUM BEGRIFF TIEFE?

Ganz schlicht gesprochen:

Alles was nicht hoch (im Sinne der Mode) war, galt damals als tief, mitunter sogar als ZU TIEF! Die tolerierte und in der seriösen Ausbildung von damals temporär angewandte TIEFE war die NATÜRLICHE HALTUNG des Pferdes (Nase Höhe Hüftgelenk!).

WAS WURDE DARAUS GEMACHT?

Der neuzeitliche Mensch hat, wie bei so vielen Begriffen, auch diesen aus dem Zusammenhang gerissen und falsch interpretiert. Leider nicht unbedingt zu Gunsten der Pferde! Sicherlich hat zu diesem neuzeitlichen Missverständnis auch die vermehrt aufkommende anglomane Reiterei, welche sich in Sport-, Jagd- und Rennreiterei ausdrückte und sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts rasend schnell auf dem Kontinent verbreitete, beigetragen. Hier waren, und das kam auch schon bei de la Guérinière (auch wenn der anglomane Virus zu dessen Zeit erst langsam seine Ausbreitung fand) zum Ausdruck, die Köpfe der Pferde grundsätzlich etwas tiefer eingestellt.

Nach dem 2. Weltkrieg hatte dann sicherlich keiner mehr eine Erinnerung an die extrem hoch aufgerichteten Schulpferde früherer Zeiten (Ende 18. und Anfang 19. Jahrhundert), welche u.a. (siehe oben) die Definitionsgrundlage für den Ausdruck TIEFE waren. Als HOCHAUFGERICHTET galt jetzt eine Position knapp oberhalb der Gebrauchshaltung. Entsprechend TIEF wurde daraus abgeleitet die TIEFE definiert. Man hatte also die Begrifflichkeit übernommen und belassen, nur war die inhaltliche Beschreibung nicht mehr so wie in dessen Ursprungszeit – mit entsprechenden Konsequenzen!

Hinzu kam wahrscheinlich die Bequemlichkeit mancher Kavalleristen (Anfang 20. Jahrhundert), die letztendlich u.a. in der absolut fehlgeleiteten Idee der „Jagdhundschnüffelei“ mündete. 

Warum die TIEFE nicht tiefer als Nase auf Höhe Hüftgelenk sein darf, kann man sich, mit etwas Physikkenntnissen, versuchen selbst vorzustellen!

Entgleisungen wie die „Jagdhundschnüffelei“ oder der Showeffekt der tiefen Kopf/Halseinstellung bei den Westernreitern haben weder einen trainingstechnischen Nutzen, noch tragen sie wirklich zur Entspannung der Pferde bei!

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Autor: Richard Vizethum
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