Vorwärts-Abwärts – eine Story

Vor ein paar Wochen konnte ich, während der Arbeit mit einer Reitschülerin, parallel eine Reiterin beobachten, die mit ihrem Pferd Lektionen ritt. Das Pferd, war ein Warmblut, mit wunderbaren Gängen, welche man allerdings mehr erahnen als sehen konnte.

Trust-your-Horse - Vorwärts-Abwärts - noch eine Geschichte

Die junge Dame begann  nach einer sehr kurzen Schrittphase zu traben, dabei, wie auch im später folgenden Galopp, ließ sie ihr Pferd Vorwärts-Abwärts gehen, mitunter in einer sehr tiefen Einstellung.

Es wäre wirklich lohnenswert gewesen, diesen Ritt auf Video aufzuzeichnen, denn man konnte eine ganze Menge herauslesen, was Vorwärts-Abwärts (in welcher Variante auch immer) in Frage stellt! Hier ein paar Punkte:

  1. Der hohe Bewegungsdruck aus der Hinterhand musste vom Pferd mit stark stützenden Vorderbeinen abgefangen werden. Diese (die Vorderbeine) mussten dabei einen „Spagatschritt“ (in Bewegungsrichtung) machen!
  2. Durch die vermehrt stützende Funktion kamen die Vorderbeine nicht schnell genug aus dem Boden, so dass sich das Pferd ab und zu in die Unterseiten der Vorderhufe trat oder es seitliche Ausweichschritte vollführte.
  3. Die Kruppe wurde hinten ausgestellt und machte hüpfende Aufwärtsbewegungen!
  4. Sattel und Reiter wurden der Vorhand zugeworfen und drückten zwangsläufig in den Trapezmuskelbereich. Ein „Selbsttragen“ des Pferdes wird damit massiv eingeschränkt oder gar unmöglich gemacht.
  5. Ab einem bestimmten Tempo stellte das Pferd die Beschleunigung ein, da es sonst in ernstliche Schwierigkeiten gekommen wäre. In solchen Momenten wird oft durch den Reiter nachgetrieben und so das Pferd weiter unter Stress gesetzt.
  6. Als die junge Dame das Pferd wieder aufnehmen wollte, ging es sofort hinter die Hand und der Hals zeigte einen deutlichen „falschen Knick“. D.h. das Pferd legte sich zunächst auf die Hand (was man ihm ja durch V/A „beigebracht“ hat) und wich dem sich damit verstärkenden Druck auf Zunge und Lade schließlich nach hinten aus. Dies wurde – und das sei hier auch ausgeführt – durch den Sperrriemen, den das Pferd trug begünstigt. Welche Möglichkeiten der Artikulation hätte das Pferd denn auch sonst noch gehabt – außer Bocken vielleicht, wozu diese Hals-/Kopfposition geradezu als Einladung an das Pferd aufgefasst werden konnte.
  7. Insgesamt war das Pferd zu JEDEM Zeitpunkt, bei jeder Übung oder Lektion deutlich auf der Vorhand!

Ein reelles Aufrichten eines solchermaßen trainierten Pferdes ist schlicht unmöglich oder allenfalls ein Produkt des Zufalls oder der Kraft in den Armen des Reiters.

Ergänzend sei noch angemerkt, dass diese Art zu Reiten für den modernen Pferdetyp – dem Rechteckpferd im Quadratformat mit enormer Schubkraft und großer Aktion – nahezu einer grob fahrlässigen Körperverletzung gleichkommt!

Autor: Richard Vizethum
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(Foto: fotolia.com)

Sperrriemen und kein Ende

Der Sperrriemen hatte zu keinem Zeitpunkt eine sinnvolle Nutzanwendung.

Im Grunde muss man attestieren, das er, so wie er in der heutigen Form gebraucht wird (in Kombination mit dem Englischen Reithalfter – auch als Irisches Reithalfter bezeichnet), von schlechten Reitern für schlechte Reiter entwickelt wurde.

Trust-your-Horse - Kombiniertes Reithalfter

„Wenn das Pferd jedoch versucht das Maul aufzusperren, so hat das irgendeinen Grund, den man finden und abstellen sollte – einfaches Zusperren des Maules ist Selbstbetrug“
(Paalman Anthony – Springreiten – 1989)

Die Idee, die sich allerdings dahinter verbergen dürfte, war der Versuch, die vermeindlichen Vorteile des Hannoverschen Sperrhalfters und des Englischen Reithalfters zu vereinigen. Diesen fragwürdigen Versuch, der vermutlich auf die Experimentierfreude von Springreitern zurückging, kann man getrost als misslungen bezeichnen.

Dennoch wird an dieser Halfterform weiter festgehalten – sehr zum Leidwesen der Pferde. Eine sehr merkwürdige und sichtbar unüberlegte Aussage zu diesem kombinierten Reithalfter liefert die Richtlinie für Reiten und Fahren Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung:

„Für Pferde mit guter Maultätigkeit und genügender Durchlässigkeit ist dieses Reithalfter zweckmäßig.“ 1

Hatte das Militär einen Anteil an der Entwicklung des Sperrriemens?

Nach dem 1. Weltkrieg konnte die deutsche Militärreiterei zunächst aus dem Vollen schöpfen. Eingebettet in einem 100.000 Mann starkem Heer, waren die Reiterregimenter viel zu hoch angesetzt. Der berittene Infantrist wurde ins Leben gerufen. Hinzu kam noch, dass die Reichswehr ein Berufsheer sein musste. Die lange Dienstzeit von 12 Jahren bei Mannschaften und Unteroffizieren und 25 Jahren bei Offizieren sorgte in den Reiterregimentern für ein sehr hohes Ausbildungsniveau.

1934/35 war das Ende der Reichswehr und die Wehrmacht wurde aufgebaut. Im Zuge dessen wurde auch die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Die Wehrdienstzeit betrug 2 Jahre, unabhängig von der truppendienstlichen Verwendung. Vor Ende des ersten Weltkriegs dauerte die Wehrdienstzeit für die Reiterei 3 Jahre, für die übrigen Truppenteile 2 Jahre. Das reiterliche Niveau sank ab (dem wurde auch in der H.Dv. Rechnung getragen).

Möglicherweise ein Grund, warum man schließlich 1934 den Reitmeister Otto Lörke, neben weiteren Zivilreiteren, wie Stensbeck (dieser schon 1926 auf Veranlassung von Gustav Rau berufen) und Wätjen, an die Kavallerieschule Hannover berief. Sie sollten dort zum einen für eine Verbesserung der reiterlichen Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren im Schulstall sorgen und legten zum anderen die Basis für die Olympia-Erfolge der deutschen Reiter bei den Olympischen Sommerspielen 1936. Sie unterstützten damit sicherlich auch Felix Bürkners Arbeit, der die deutsche Dressurmannschaft für die Spiele vorbereitete.

Trust-your-Horse - Sperrriemen und kein Ende

In der Heeresdienstvorschrift D.V.E. Nr. 12 von 1912 gab es – bei der Zäumung auf Trense – weder Sperrriemen noch Nasenriemen (Bild1) – . Gleiches gilt für die Fassung von 1926 (H.Dv. 12). In der Ausgabe der H.Dv. 12 von 1937 war dies schon anders, hier kam das Hannoversche Sperrhalfter zum Einsatz (Bild 2).

Das Hannoversche Sperrhalfter

Dieses Sperrhalfter wurde an der Kavallerieschule in Hannover entwickelt, um zu verhindern, dass das Pferd das Maul aufsperrt und das Gebiss verrutscht. Als Erfinder gilt wohl der Herr von Oeynhausen.

Das die Erfindung des Sperrhalfters, respektive des Sperrriemens, seine Begründung in der Vermeidung von Kieferbrüchen hätte, gehört in den Bereich der reiterlichen Mythen. Udo Bürger (leitender Veterinäroffizier an der Kavallerieschule Hannover) fasste lediglich eigene Beobachtungen dahingegen zusammen, dass vor Einführung des Hannoverschen Sperrhalfters, er „des öfteren Unterkieferbrüche und Kiefergelenksentzündungen gesehen“ hätte. „Seit der Einführung des Hannoverschen Reithalfters aber nicht mehr„. Daraus zog er seine Schlüsse.

Bei diesem Sperrhalfter wird, bei Pferden mit kurzer Maulspalte die Lufttrompete beengt. Muss ein Pferd heftig atmen, dann reichen auch die – bei „korrekter Verschnallung“ – zwei Finger Luft zwischen Pferdekopf und Sperrhalfter nicht aus – das Pferd bekommt nur sehr schwer Luft. Verschnallt man die Zügel dabei allerdings so, dass sie Trensen und Halfterringe umfassen, dann wird der Druck auf die Kinnlade vermindert und ein Teil der Wirkung geht auf die Nase.

Da die Rekruten an der Kavallerieschule zur damaligen Zeit (s.o.) nicht unbedingt zu den begnadetsten Reitern mit weichen Händen gehört haben dürften, mag die Entwicklung dieses Halfters folgerichtig gewesen sein.

Worcester-Reithalfter

Der Sperrriemen, so wie er eben heute gebraucht wird (in Kombination mit dem Englischen Reithalfter), wurde vermutlich aus dem Pull(er)riemen des Worcester-Reithalfters entwickelt (Bild 4)2. Bild 3 zeigt eine provisorische Form davon, so wie ich sie mitunter zur Korrektur einsetze. Zur besseren Positionierung empfiehlt es sich, wie hier dargestellt, eine dünne Schnur vom Pullriemen zum Nackenriemen verlaufen zu lassen.

Beim Worcester-Reithalfter kann das Pferd unbehindert kauen, das Gebiss liegt ruhiger und etwas höher im Maul. Die Wirkung, auch eines zu tiefen Zügels, geht zunächst auf die Nase, dann aufs Maul und dort mehr auf die Mundwinkel. Es wird Druck von Zunge und Lade genommen.

Ich nutze diese Form (in der provisorischen Variante – s. Bild 3) bei Pferden, die gelernt haben die Zunge über das Gebiss zu legen oder die stark mit dem Gebiss „spielen“, zur Korrektur.

  • 1) FN-Richtlinie für Reiten und Fahren – Band 1 | Seite 27
  • 2) Miriam Röseler | Ihr Nachbau eines Worchester Reithalfters, so wie es im Reitzentrum Reken noch zur Korrektur benutzt wurde.
  • D.V.E. Nr. 12 von 1912 | Digitalisierte Fassung
  • Die Reitvorschriften der berittenen deutschen Truppenteile | Wolfgang Klepzig
  • Mehr zu Reitvorschriften hier im Blog.

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