Der TAKT – ein paar Worte dazu

Neben einem schwingenden und möglichst aufgewölbten Rücken wird in der heutigen Zeit immer wieder die Wichtigkeit des TAKTES hervorgehoben und nachdrücklich betont.

Trust-your-Horse - Der Takt

Was aber ist dieser Takt und wie wichtig ist er wirklich?

Von vielen wird, insbesondere im deutschsprachigen Raum, darunter die Unterscheidung der Gangarten verstanden (Schritt ist ein 4-Takt, Trab ein 2-Takt und der Galopp ein 3-Takt …). Der Engländer sagt zu dieser Gangartenunterscheidung „Rhythm“ und differiert damit sinnvollerweise zu dem Takt in seinem eigentlichen Sinne.

Dieser Takt in seinem eigentlichen Sinne muss nochmal unterschieden werden in ein räumliches und ein zeitliches Gleichmaß der Tritte.

Räumliches Gleichmaß

Das räumliche Gleichmaß definiert sich durch die gleiche Trittlänge der Beine des Pferdes! Ein schiefes Pferd („natürliche Schiefe“) kann deshalb niemals im räumlichen Gleichmaß gehen. Auch in Kurven, auf Volten oder Zirkel etc. kann sich ein Pferd nicht im räumlichen Gleichmaß bewegen.

Zeitliches Gleichmaß

Hierbei handelt es sich um die Reinheit und das zeitliche Gleichmaß der Bewegungen. Man könnte auch hörbaren Takt dazu sagen. Bei einem „klar“ gehenden Pferd kommen die Hufschläge der einzelnen Beine immer im selben (hörbaren) Abstand auch wenn das räumliche Gleichmaß nicht gegeben ist. Lahmheiten oder Verspannungen sorgen für HÖRBARE Taktunreinheiten. Das zeitliche Gleichmaß ist also gewissermaßen EIN Indikator für die, auf die Bewegung bezogene körperliche Verfassung des Pferdes.

WELCHER TAKT IST NUN VON BEDEUTUNG?

Geht man in der Geschichte etwas zurück, ist der Takt in seiner massiven Präsenz erst ein relativ neuzeitliches Problem.

Ursprünglich war das GLEICHGEWICHT, welches in der heutigen Richtlinie ein Schattendasein führt, ein vorrangiges Ausbildungsziel. Im Verlauf der Ausbildung wurde dabei die Gleichgewichtssituation des Pferdes dergestalt verändert, dass man von Anfang an am Geraderichten des Pferdes arbeitete und schon unmittelbar nach der Gewöhnung an das Reitergewicht, damit begann das Pferd auf die Hinterhand zu setzen. Das Pferd zu „biegen“ beinhaltete damals u.a. auch das „Falten der Hanken“!

Damit wird natürlich auch der messbare Takt, das Gleichmaß der Schritte, verbessert. In diesem Zusammenhang aber spielte das Wort „Takt“ keine Rolle!

TAKT bekam aber seine Wichtigkeit in einem anderen Kontext, nämlich, wie oben schon beschrieben, als Indikator für die körperliche Verfassung des Pferdes im Zusammenhang mit der Bewegung.

Insbesondere bei der Ausbildung der Remonten – im Stadium der Gewöhnung an das Reitergewicht – war dies eine wichtige Größe, da das Pferd zu Beginn dieser Phase häufig die Rückenmuskeln anspannte und so der Rücken weggedrückt, sowie Hals und Kopf angehoben wurden. Ein solcher Art verspanntes Pferd konnte nur noch eingeschränkt korrekt im Sinne des HÖRBAREN TAKTES gehen.

Vorrangige Ziel war es an dieser Stelle die verspannten Rückenmuskeln zu LÖSEN, so dass das Pferd sich auch unter dem Reiter wieder in seiner NATÜRLICHEN POSITION (nicht wie „ein Jagdhund am Boden schnüffelnd“) frei vorwärts bewegte. Erkennbar am hörbar gleichen Abstand der Hufschläge.

Die Verbindung zwischen LOSGELASSENHEIT und HÖRBAREM Takt ist also korrekt, ABER Losgelassenheit ist Voraussetzung für einen klaren hörbaren Takt und nicht umgekehrt!

Leider hat man bereits in der HDv.12 – aus welcher Verwirrung heraus auch immer – neben dem zeitlichen Gleichmaß auch vom RÄUMLICHEN Gleichmaß gesprochen und diesen Sachstand, zu allem Überfluss, auch noch gedankenlos (wie so vieles) in die aktuelle Skala der Ausbildung übernommen.

Dies ist nicht korrekt und dem Ausbildungsstand nicht angemessen!

Autor: Richard Vizethum
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VORWÄRTS-ABWÄRTS und (k)ein Ende

Nach einigen kritischen Posts auf Facebook habe ich mir noch einmal (zum wiederholten Male) die Reitvorschriften D.V.E. Nr. 12 von 1912 und H.Dv. Nr. 12 von 1937 angesehen um näher an den Ursprung des Vorwärts-Abwärts heranzukommen.

Folgende Erkenntnisse

Zunächst gilt festzustellen, dass das Vorwärts-Abwärts, so wie wir es heute kennen, in KEINER der beiden Reitvorschriften beschrieben steht, weder in der Form, noch der neuzeitlichen, sehr intensiven Nutzung bei Pferden jeden Ausbildungsstandes!

Des Weiteren ist festzuhalten, dass immer dann wenn in den Reitvorschriften von Vorwärts-Abwärts gesprochen wurde, sich dies auf die Nase des Pferdes bezog („mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“). Dies ist eine durchaus bedeutsame Feststellung, denn aus dieser Formulierung kann nicht zwingend eine tiefe Halshaltung abgeleitet werden.

Die Varianten

Folgende „Varianten“, bei denen die Nase des Pferdes tiefer als bei der Gebrauchshaltung kommt, wurden – vor allem in der H.Dv. Nr. 12 von 1937 – erwähnt.

  • am (völlig) hingegebenen Zügel
  • am langen Zügel (Schritt)
  • die Zügel aus der Hand kauen lassen (in allen Gangarten)
  • das Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase
  • Anlehnung in die Tiefe (D.V.E. Nr. 12 von 1912)

Im Wesentlichen kamen alle diese „Varianten“ ausschließlich bei der Ausbildung von Remonten oder bei der Korrektur von Pferden zum Einsatz. Die einzige Ausnahme stellte das „die Zügel aus der Hand kauen lassen“ dar. Diese wurde immer wieder, auch beim fertig ausgebildeten Pferd zum Zwecke der Verprobung der Losgelassenheit eingesetzt.

Am hingegebenen Zügel

 „Die jungen Remonten sind zunächst so lange im Schritt mit vollkommen hingegebenen Zügeln zu reiten, bis der Schritt ganz ruhig, raumgreifend und gleichmäßig ist. Erst dann kann eine geringe Anlehnung angestrebt werden“ (H.Dv. Nr. 12 – Seite 141)

Dabei strecken die Pferde die Nase weiter nach vorne und haben natürlich auch die Möglichkeit in die Tiefe zu gehen. Diese Phase war vergleichsweise kurz und man begann danach erste Anlehnung anzustreben (siehe „Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“).

Unabhängig von dieser ersten Phase wurde diese Vorgehensweise (am „hingegebenen Zügel“) in den ersten Monaten der Ausbildung einer Remonte immer wieder einmal durchgeführt. Zum Ende dieser ersten Monate sogar im Arbeitsgalopp.

Dieser Hinweis wurde aus dem „Ausbildungsplan für junge Remonten“ der H.Dv. Nr. 12 von 1937  entnommen. Im eigentlichen Regelwerk findet sich kein Hinweis oder genaue Beschreibung für einen „hingegebenen Zügel“ und dessen Nutzen insbesondere in Verbindung mit dem Arbeitsgalopp. Zumindest habe ich keinen gefunden. Es ist aber davon auszugehen, dass auch dadurch die Losgelassenheit der Remonten festgestellt werden sollte und dass dies nur in kurzen Reprisen durchgeführt wurde.

Am langen Zügel

Im Gegensatz zum „hingegebenen Zügel“ besteht beim „langen Zügel“ Kontakt („Anlehnung“) mit dem Pferdemaul.
Laut Ausbildungsplan und auch in Hinweisen im eigentlichen Regelwerk wurde dieser nur im Schritt zur Anwendung gebracht.

Trust-your-Horse Am langen Zügel
(Bild: Losgelassenheit im freien Schritt am langen Zügel)

Auf diesem Bild sieht man, dass das Pferd dabei, in seiner „natürlichen Haltung“ gehend, das Genick deutlich über Widerristhöhe trägt.

Zügel aus der Hand kauen lassen

Das, „Zügel aus der Hand kauen lassen“, wurde in jeder Ausbildungsstufe des Pferdes zur Verprobung der Losgelassenheit gefordert.
„Das Pferd muss dabei mit nach vorne gedehntem Halse, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.“

Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase

Diese Vorgehensweise der H.Dv. Nr. 12 von 1937 entspricht der „Anlehnung in die Tiefe“ der D.V.E. Nr. 12 von 1912.

Auch wenn – insbesondere die Begrifflichkeit der D.V.E. Nr. 12 von 1912 – suggeriert, dass das Pferd im Hals und Kopf sehr tief eingestellt worden wäre, ist festzustellen, das dem nicht so ist (siehe Bild aus der D.V.E. Nr. 12 von 1912 – dies entspricht der „Anlehnung in die Tiefe“). Der Remonte trug dabei Kopf und Hals in einer „natürlichen Haltung“.

Trust-your-Horse - Anlehnung in die Tiefe 1912

Für Steinbrecht wäre diese Einstellung wahrscheinlich schon zu tief gewesen. Er forderte die Zügel schon beim ersten Anreiten „kürzer“ zu fassen und erwartete schnell VOLLE Anlehnung. Diese beiden Sachverhalte führen in der Regel zu einer etwas höheren Einstellung der Pferdenase.

ZWISCHENFAZIT

Von all den erwähnten Varianten dürfte nur das „Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“ respektive die „Anlehnung in die Tiefe“ unter Vorwärts-Abwärts subsummiert werden.

Zum Einsatz kam diese Vorgehensweise („Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“) AUSSCHLIESSLICH bei Remonten und Korrekturpferden!

Kurt Albrecht von Ziegner merkte hierzu an:

„Junge Pferde, die ihren Rücken nicht korrekt einsetzen, müssen ‚vorwärts-abwärts‘ geritten werden, damit sie die notwendige Muskulatur entwickeln können. Hat das Pferd jedoch gelernt, den Reiter bei steter Verbindung zur Reiterhand problemlos zu tragen, wäre es FALSCH, in dieser Weise (vorwärts-abwärts) weiterzureiten. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, vom Pferd ein verstärktes Untertreten der Hinterhand zu fordern, wodurch es sich vorne etwas mehr aufrichtet, da wir unsere Pferde nicht unnötigerweise ‚auf der Vorhand‘ reiten wollen!“

GESTERN und HEUTE

Vergleicht man die Ausführungen der damaligen Zeit mit denen der Neuzeit (ab den 1960er Jahren), dann lässt sich bezogen auf HEUTE Folgendes feststellen:

  1. „Vorwärts-Abwärts“ kommt nicht nur bei Remonten oder Korrekturpferden zum Einsatz, sondern ist generelles Mittel der Ausbildung geworden. Ein Ziel jeder Ausbildung eines Pferdes muss es sein, dass Pferd vermehrt auf die Hinterhand zu setzen. Nach der „Vorwärts-Abwärts-Arbeit“ mit Remonten ging man damals relativ schnell dazu über, die Pferde in Richtung Hinterhand auszubilden und Vorwärts-Abwärts war obsolet (Ausnahme: Zum Zwecke der Korrektur).
  2. Anstelle von meist kurzen Reprisen werden heute lange Passagen im „Vorwärts-Abwärts“ geritten.
  3. Die Pferde sind zu einem großen Teil viel tiefer eingestellt als damals. Früher gingen die REMONTEN in GERINGER ANLEHNUNG nicht tiefer mit der Nase als max. Buggelenk und das nur, weil man sie noch in ihrer „natürlichen Haltung“ belassen wollte, damit sie sich an die neue Belastung durch den Reiter gewöhnen konnten.
  4. „Vorwärts-Abwärts“ wird in der heutigen Zeit zu einem sinnlosen Showeffekt degradiert (Westernreiten). Während in den Dienstvorschriften das „Vorwärts-Abwärts“ im Zusammenhang mit Remonten und Korrekturpferden (das sei nochmals erwähnt) und in der Art wie es geritten wurde, Sinn gemacht hatte, ist die zum Teil extrem tiefe Einstellung von Hals und Kopf bei Westernpferden absolut sinnfrei!

Wenn man dabei von einem „falsch interpretierten Vorwärts-Abwärts“ spricht, dann sind dies genau diese Punkte!

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