KLASSIK – ein paar Caféhaus-Gedanken dazu

In der Reiterei wird man häufig mit Begriffen wie „klassisches Reiten“, „klassische Reitkunst“, „klassische Reitlehre“ oder ähnliches konfrontiert. Es kommt durchaus zu kontroversen Diskussionen, tauscht man sich über diese Begrifflichkeiten aus.
Ich möchte hier einmal ein paar meiner Caféhaus-Gedanken (Pausen zwischen Reitstunden) dazu äußern, in der Hoffnung, etwas zur Aufklärung oder zum Nachdenken beizutragen.

Trust-your-Horse - der Begriff KLASSIK

Versucht man sich Klarheit durch eine schlichte Internet-Recherche zu verschaffen, so findet man den Begriff „KLASSIK“ in zweifacher Weise definiert: als Anspruchs- und als Zeitdimension (ich nenne es einfach mal Dimension).

Die Anspruchsdimension

Mit dem Begriff „Klassik“ verbindet man in dessen Beschreibung einen durchaus hohen Anspruch, ein hohes Qualitätsniveau. Neben Definitionen wie: „herkömmlich“, „traditionell“ findet man da auch „als Vorbild geltend“, oder umgangssprachlich: super, klasse. Weiter steht da „vollendet“ und „zeitlos geformt“. D.h. den Anspruch, den man aus dem Begriff „klassisch“ ableiten kann ist schlicht ausgedrückt folgender: BESSER GEHT ES NICHT (Zumindest für eine gewisse Zeit)!

Die Zeitdimension

Klassik definiert sich hier in seiner historisch zeitlichen Einordnung. So steht der Begriff u.a. für die Kultur und Kunst der griechischen und römischen Antike. In der Literatur wird die Schaffensperiode von Goethe und Schiller als Klassik bezeichnet, auf die Zeit von 1786-1832 eingegrenzt. In der Musik wird hier eine etwas längere Periode von 1730 bis 1830 angenommen. Daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer als „Klassik“ bezeichneter Zeitperioden.

Betrachtet man nun die verschiedenen Epochen (Kultur, Kunst etc.) genauer, die den Titel „Klassik“ im Namen mitführen, kann man erkennen, dass die Zeitdimension durch die Anspruchsdimension definiert wird. Jede als „Klassik“ bezeichnete Zeitperiode hatte in dieser Zeit das vermeintliche „besser geht es nicht“ erreicht und man wertete diese Epoche mit dem Titel „Klassik“. Solange eben nicht eine Weiterentwicklung die vorherigen Qualitäten toppte.

Wieder zurück zum Reiten

Ich greife mal einfach beispielhaft eine Institution „klassischer Reitkunst“ heraus: die Spanische Hofreitschule in Wien. Mit dem Ziel den Begriff „Klassik“ im Zusammenhang mit Reiten näher zu erläutern.

„Die Spanische Hofreitschule Wien ist die älteste Reitschule und die einzige Institution der Welt, an der die klassische Reitkunst in der Renaissancetradition der „Hohen Schule“ seit mehr als 450 Jahren lebt und unverändert weiter gepflegt wird – was auch zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit zählt.“ (Quelle: http://www.srs.at/)

Die Hofreitschule beschreibt sich in ihrem Intro als Institution, die eine Reitkunst zelebriert, die in der Tradition der Renaissance steht.

„Als Kernzeitraum der Renaissance wird das 15. (Quattrocento) und 16. Jahrhundert (Cinquecento) angesehen. Die Spätrenaissance wird auch als Manierismus bezeichnet. Das Ende der Epoche vollzieht sich im beginnenden 17. Jahrhundert in Italien durch den neu hervortretenden Stil des Barock.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance)

Dies bedeutet, dass an der Spanischen Hofreitschule das Wissen einiger Meister dieser Zeitepoche quasi „eingefroren“ wurde – „seit mehr als 450 Jahren“, um damit deren Schaffen für Gegenwart und Zukunft zu erhalten. Bewahrung ist auch der Grund, warum die Spanische Hofreitschule in Wien zum „UNESCO Kulturerbe der Menschheit“ zählt. Einen bis dato verdienten Titel, den die Hofreitschule durch die aktuellen Entwicklungen massiv gefährdet – nebenbei bemerkt.

Nun kann man fragen, ob diese Reitkunst von vor über 450 Jahren als non plus ultra für alle Zeiten gelten darf, was den Begriff „klassische Reitkunst“ ohne weiteren Zusatz rechtfertigen würde.

Das dem in Gänze nicht so ist, drückt sogar die Hofreitschule dergestalt aus, dass sie ihre klassische Reitkunst auf die Zeit der Renaissance beschränkt und damit aber auch Weiterentwicklungen – auch im positiven Sinne – für sich ausschließen müsste.

Da die Anspruchsdimension auch die Zeitdimension des Begriffs „Klassik“ bestimmt, kann man den Titel „klassische Reitkunst“ nur dann für sich – ohne Zusatz – reklamieren, wenn es gelingt, durch positive Weiterentwicklungen ein Reitkonzept zu schaffen, welches Fehler und Unzulänglichkeiten der Reitkunst der letzten 450 Jahren beseitigt und damit eine insgesamt qualitativ verbesserte Reitlehre hervorbringt.

Betrachtet man die aktuellen Entwicklungen verschiedener Reitlehren, dann muss man allerdings attestieren, dass keine einzige davon das Recht hat, unter dem Titel „Klassische Reitkunst“ oder „Klassische Reitlehre“ zu firmieren, allenfalls mit einem Zusatz wie z.B. „des Barock“. Dies bedeutet aber auch, dass eine Reitlehre, die sich „klassische Reitkunst des Barock“ nennen würde, keine Neuerungen über das in dieser Epoche zulässige Methoden-Wissen hinaus, berücksichtigen darf.

Weiterentwicklungen im positiven Sinne hat es zwar durchaus  gegeben, die letzte durch Francois Baucher. Aber es wurden auch viele verschlechternde Eingriffe vorgenommen, so dass man leider feststellen muss, dass sich die Qualität der Reitkonzepte gegenüber der Vergangenheit eher verschlechtert hat.

EINE Reitlehre für ALLE

Würde man, ausgehend von den alten Meistern der Renaissance und der danach gekommenen Meistern, konsequent weiterdenken und folgende Grundsätze als unumstößliche Rahmenbedingungen für dieses Denken akzeptieren, dann könnte es irgendwann gelingen, dass man jenen EINEN Weg herausarbeitet. Jene EINZIGE Reitlehre für alle Reiter, alle Pferde. Machbar ist das!

Diese 4 Grundsätze sind es, die mein Nachdenken über jenen EINEN Weg leiten und bestimmen:

  • Behandle das Pferd stets mit größter Wertschätzung und Respekt
  • Das Konzept muss absolut logisch und stringent aufgebaut sein
  • Das Konzept muss eine hohe Effizienz aufweisen
  • Das Konzept muss minimalistisch angelegt sein

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Faverot de Kerbrech (François Nicolas Guy Napoléon )

* 24. Februar 1837 in Caudan
† 21. Dezember 1905 in Paris

Als Capitaine war Faverot de Kerbrech in den 1860er Jahren einer von Bauchers bevorzugten Schülern.
Als solcher hat er wohl am meisten dazu beigetragen, dessen Lehre der Nachwelt weiterzugeben. „Die systematische Ausbildung des Reitpferdes“ von 1891 gilt bei manchem Experten als die präziseste Darstellung der letzten Forschungsergebnisse und -einsichten von Baucher, als das klarste Exposé von Theorie und Praxis seiner „Zweiten Manier„.Trust-your-Horse - Faverot de Kerbrech

Dem mag ich so nicht ganz zustimmen.

Nimmt man die letzte von Baucher selbst verfasste 13. Auflage seiner Methode (1864) als Maßstab, so mag das durchaus zutreffen. Doch das Baucher ab 1864 alle Pferde nur noch auf Trense gearbeitet hat und diese Ausschließlichkeit mit Sicherheit auch bei den Flexionsübungen zur Anwendung kam (s. Rul – „Der Aufbau der systematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes„) fand keine Würdigung bei Faverot de Kerbrech.

Dagegen hat man diese „Weiterentwicklung“ der Abkau- und Biegeübungen, möglicherweise aus anderen Gründen oder ebenso konsequent gedacht, etwas verändert, in die H.Dv. 12 von 1937 aufgenommen.

LEHRER von Faverot de Kerbrech

SCHÜLER von Faverot de Kerbrech

  • Étienne Beudant | 1863 – 1949 | Hier gibt es allerdings widersprüchliche Angaben ob dem Sachverhalt, das Beudant tatsächlich ein Schüler von de Kerbrech war oder nicht.

VERÖFFENTLICHUNGEN von Faverot de Kerbrech

Quellen

  • François Baucher – Enfant terrible oder Genie | Jean-Claude Racinet | Olms-Verlag | 2009
  • Die systematische Ausbildung des Reitpferdes | Faverot de Kerbrech | Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Cadmos-Verlag
  • Der Aufbau der sytematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes | Louis Joseph Gabriel Rul | Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Cadmos-Verlag
  • Schulpferd und Gebrauchspferd | Cadmos-Verlag
  • H.Dv. 12 (Ausgabe von 1937) | Seite 100 | „Abkau und Biegeübungen an der Hand

Autor: Richard Vizethum
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Griso (Grisone) Frederigo

* 1507 † 1570

Griso lehrte an der 1532 gegründeten und damals in Westeuropa einflussreichen Neapolitanischen Reitschule. Von seinen Zeitgenossen erhielt er den Beinamen „Vater der Reitkunst“.

Trust-your-Horse - Reitmeister Frederigo Griso

Griso hatte Xenophons Werk genau studiert. Vor allem die Vorschriften des Griechen über den Sitz des Reiters und die Hilfen hat er nahezu wörtlich übernommen.

Seine Reitlehre Ordini di Cavalcare erschien 1550. Griso vertrat die Auffassung, dass Strafe das beste Mittel zur Ausbildung des Pferdes sei. Das Pferd sollte vor dem Reiter mehr Angst als vor allem anderen haben und aus dieser Angst heraus unter allen Umständen bedingungslos gehorchen.

Er wurde zum Begründer der italienischen Gewaltschule und über seinen Nachfolger Giovanni Pignatelli und dessen Schüler Salomon de la Broue indirekt auch der französischen.

Er erfand mit seinem Schüler Giovanni Pignatelli verschiedene extrem scharfe Zäumungen, vor allem Kandaren, die der gewaltsamen Unterwerfung des Pferdes dienten.

Schüler von Griso

Datenquellen:

  • Wikipedia
  • Klassische Reitkunst – Alois Podhajsky

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Ich reite nach Baucher!

Auszug aus eigenen Notizen

ICH REITE NACH BAUCHER! Solche Aussagen liest oder hört man öfter und mitunter quittiert mit Anmerkungen wie „Nicht überall wo Baucher draufsteht ist auch Baucher drin!“.

Trust-your-Horse - Ich reite nach Baucher

WANN ABER REITET MAN NACH BAUCHER?

Wenn man sich akribisch an den Ausbildungsplan in der Erstfassung seiner „Methode der Reitkunst“ hält? Wenn man bestimmte Regeln einhält wie z.B. „Hand ohne Beine und Beine ohne Hand“?

WER RITT ODER REITET NACH BAUCHER?

Racinet, Oliveira oder Philippe Karl?

Ist es nicht eigentlich so, dass wir stehenbleiben, indem wir uns dogmatisch an Bauchers Veröffentlichungen halten und sagen „Ich reite nach Baucher!“?

Denn gerade dieses Stehenbleiben und im Wissen verharren, ist nicht Baucher. Er zeichnete sich stets dadurch aus, dass er bis zu seinem letzten Atemzug darüber nachdachte, wie man das Reiten verbessern, effektiver machen konnte.

So hat beispielsweise Baucher, dem es gelungen war die Kandare zu vebessern, in seinen letzten Tagen zu General l´Hotte gesagt:

„Sehen Sie, die Trense hat soviele Möglichkeiten. Setzen Sie sie folgerichtig ein, Sie werden sehen, sie steckt voller Schönheit. Wenn Widersetzlichkeit von oben, unten, rechts oder links kommt, immer liefert die Trense das Mittel sie zu beherrschen.“

NACH BAUCHER ZU REITEN BEDEUTET NACHDENKEN

Ich denke, nach Baucher zu reiten bedeutet in erster Linie einmal nachzudenken. Eine, im Zeitalter von Google und Wikipedia, stark in Vergessenheit geratene Fähigkeit.

Es ist die lebenslange Aufgabe, sich methodisch weiterzuentwickeln, Lehrmeinungen im Sattel (nicht nur theoretisch) zu hinterfragen und von allem unnötigen, das Pferd nutzlos belastenden, zu befreien. Nach Baucher zu reiten ist die stete Suche nach der Essenz des Reitens.

Reiter wie Racinet, Oliveira, Karl ritten oder reiten nicht nach Baucher im Sinne seiner Veröffentlichungen, sie sind aber Baucheristen im Sinne seiner Grundhaltung und Philosophie.

Wenn man mich als Baucheristen bezeichnet, dann erfüllt es mich mit demütigem Stolz und ich sage innerlich „Danke“, selbst dann, wenn derjenige, der es aussprach, es eher herablassend gemeint hat.

Autor: Richard Vizethum
Eigene Notizen
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VORWÄRTS-ABWÄRTS – ein paar Worte dazu

Auszug aus „Die Grammatik des Reitens“

Es wird immer wieder viel darüber diskutiert, welchen Beitrag das sogenannte „vorwärts-abwärts“ für das sinnvolle Training eines Pferdes hat. Ich möchte an dieser Stelle meine Sicht der Dinge darlegen.

Pferde als Bewegungs- und vor allem Fluchttiere sind auf eine hohe Fluchtgeschwindigkeit angewiesen. Aus diesem Grund kam es bei ihnen im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte zu einem körperlichen Umbau, der eine vermehrte Lastaufnahme auf die Vorhand mit sich brachte. Durch diese Lastverteilung nach vorne erreichen sie eine höhere Laufgeschwindigkeit.

PFERDE BEVORZUGEN DIE VORHAND

Grundsätzlich werden Pferde immer versuchen verstärkt auf die Vorhand zu kommen, denn neben dem Geschwindigkeitsaspekt, ist für Pferde, als energiesparende Lebewesen, die Nutzung der Vorhand energieeffizienter als eine vermehrte Nutzung der Hinterhand. Die Struktur der Hinterhand fordert bei verstärkter Beugung der Gelenke deutlich mehr Energie, als die vergleichsweise einfache Struktur der Vorhand.

Damit wir aber, wenn wir das Pferd zum Reitpferd ausbilden wollen, dieses auch über sehr lange Zeit gesund und leistungsbereit erhalten, ist eine verstärkte Nutzung der weit belastbareren Hinterhand unabdingbar.

Des Weiteren müssen bei einem Reitpferd vermehrt Muskelgruppen trainiert werden, welche es als Pferd nicht zwingend explizit trainiert, die wir aber bei ihm als Reitpferd benötigen. Als Beispiel sei der Trapezmuskel, jenes kleine Dreieck unterhalb des Widerrists genannt. Gerade dort findet man bei vielen Pferden eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Kuhle, welche in Verbindung mit nicht durchgezogen konvex geschwungener Oberhalslinie, ein Zeichen dafür ist, dass das Pferd sich nicht „selber trägt„.

Gerade bei Pferden, welche häufig (im Wortsinn) „vorwärts-abwärts“ geritten werden, findet man derartige Muskeldefizite. Welche sich dann noch – und das sei nicht unerwähnt – durch den Sattel verstärken.

Vielleicht würde diese – falsche – Art sein Pferd zu reiten nicht passieren, hätte man anstelle von „vorwärts-abwärts“ besser „aufwärts-vorwärts“ gesagt.

DEHNUNGSHALTUNG – DER BESSERE WEG?

Trust-your-Horse Korrekte VORWÄRTSabwärts

Eine korrekte DEHNUNGSHALTUNG (s.Bild: durchgezogen konvex geschwungene Oberhalslinie, offenes Genick, Genick ist der höchste Punkt und etwa 20-30 cm über Widerrist) setzt zunächst einmal voraus, dass das Pferd, bevor es in die Dehnung (vorwärts) geschickt wird, sich im Widerrist per Muskelkraft angehoben (aufwärts) hat. Dieses Anheben des Widerrists wiederum geht immer einher mit einem leichten Setzen auf die Hinterhand.

Also muss man beim Pferd, für eine korrekte Dehnungshaltung, eine gewisse Versammlungsfähigkeit zum einen und Kraft in der Hinterhand zum anderen voraussetzen. Hier sei darauf hingewiesen, dass man Kraft nicht durch vorwärtslaufen, sondern nur durch verstärkte Lastaufnahme (auf die Hinterhand) trainieren kann.

Diese notwendige Versammlungsfähigkeit, welche das Pferd aufgrund der oben angeführten Rahmenbedingungen (Fluchttier und Geschwindigkeit; Pferd ist Energiesparer) unter normalen Umständen nicht selbstständig anbieten wird, kann nur durch Training erreicht werden. Damit schließt sich AUCH DIE Dehnungshaltung – da nicht korrekt durchführbar – bei jungen Pferden absolut aus.

Die Dehnungshaltung, so wie ich sie hier beschrieben habe, hat mit dem „Lösen„, welches man in diesem Zusammenhang argumentativ immer wieder vorbringt, nichts zu tun. Zwar fächern sich die Dornfortsätze am Widerrist geringfügig auf und auch die Halswirbelsäule wird „gedehnt“, doch u.a. aufgrund der konvexen Oberhalslinie muss das Pferd ein hohes Maß an Muskelarbeit im Bereich von Oberhals und Trapezmuskel leisten. Die Dehnungshaltung ist also harte Arbeit für das Pferd! Auch Entspannung kann man damit nicht erreichen!

Dieses „Lösen“ wird bei mir ausschließlich im Stehen durchgeführt (siehe hierzu: Parkposition als Lösungsmittel). Das Reiten in der „korrekten“ Dehnungshaltung nutze ich zur Entwicklung und Verbesserung eines korrekten Raumgriffs.

VORWÄRTS-ABWÄRTS DAS NATÜRLICHE BESTREBEN DES PFERDES

Selbst wenn das Pferd gelernt hat, sich im Widerrist anzuheben und auf die Hinterhand zu setzten, so wird es dennoch immer wieder instinktiv das Bestreben haben auf die Vorhand zu kommen um sich zu „entlasten“ und Energie zu sparen.

Lässt man nun also sein Pferd vermehrt und auch noch längere Strecken „vorwärts-abwärts“ gehen, so kommt das dem natürlichen Wunsch des Pferdes, vermehrt die Vorhand zu belasten, mit all den schädlichen Folgen für ein Reitpferd, deutlich entgegen.

Das, was man meist als „vorwärts-abwärts“ zu sehen bekommt – und dazu zähle ich auch das in der Westernreiterei immer stärker gewünschte Bild eines Pferdes mit der Nase knapp über Boden – ist der dauerhaften Gesunderhaltung des Pferdes massiv abträglich.

Das man durch vermehrtes Aktivieren der Hinterhand, trotz tiefer Kopfeinstellung, den Rücken anheben kann und das Pferd sich „selber trägt“, ist ein Mythos, der biomechanisch aus meiner Sicht nicht haltbar ist.

DIE ALTEN MEISTER UND VORWÄRTS-ABWÄRTS

Zieht man auf der Suche nach dem Ursprung des Vorwärts-Abwärts die „alten Meister“ zu Rate, so kann man feststellen, das diese beim Anreiten (z.B. Steinbrecht) oder zum Zwecke der Korrektur eines Pferdes so etwas ähnliches wie Vorwärts-Abwärts durchführten – allerdings mit dem deutlichen Schwerpunkt VORWÄRTS.

Dazu wurde das Gewicht des Pferdes etwas mehr in Richtung Schultern verlegten. Hals und Kopf wurden dabei in einer „natürlichen Haltung“ belassen. Das Pferd sollte sich an das Gebiss „herandehnen“, wobei man durchaus bestrebt war „volle Anlehnung zu gewinnen“ Dies beschreibt Steinbrecht wie folgt: „Der Reiter führe daher die Zügel verhältnismäßig kurz …“. Dabei soll der Reiter nicht die Anlehnung suchen, sondern er soll darauf warten, bis das Pferd „sie [die Anlehnung] infolge der vortreibenden Hilfen und des dadurch bewirkten Streckens des Halses an das Gebiss von selbst nimmt“ [1].

Ein wesentlicher weiterer Aspekt einer ETWAS tieferen Einstellung von Hals und Kopf des Pferdes diente dem Zwecke der BIEGUNG (Seuning, Seeger …). Mit dem Mittel der Biegung wurde zum einen am GERADERICHTEN des Pferdes gearbeitet und zum anderen um Spannungen und Verspannungen (Korrektur) bei diesem aufzulösen.

Weiterlesen:
Vorwärts-Abwärts und kein Ende

[1] Steinbrecht – Gymnasium des Pferdes – S.70

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
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Reitkunst – ein paar Worte dazu

Unter dem Begriff Reitkunst versteht durchaus jeder etwas anderes. Der eine sieht darin den Weg, Bilder klassischer Reitmeister wiederaufleben zu lassen und sie möglichst detailgetreu nachzuzeichnen. Mancher vermeint eine eigenständige Reitweise zu erblicken, wenn er an Reitkunst denkt oder stellt sich die sportliche Betätigung mit dem Pferd vor. Solche und manch andere Inhalte subsummieren sich wie selbstverständlich unter dem Begriff Reitkunst.

Trust-your-Horse - Reitkunst ein paar Worte dazu

An dieser Stelle möchte ich gerne einmal meine Definition von Reitkunst darlegen. Man muss diese nicht als allgemeinverbindlich ansehen, aber sie definiert meinen Weg mit Pferd und Mensch zu arbeiten. Einem Weg, der von Beobachten, Infragestellen und Nachdenken getragen ist.

KUNST HEISST ABSTRAKTION

Nimmt man den Begriff „Kunst“, und dass habe ich für mich erst durch die Werke von Picasso erfahren dürfen, dann geht es immer um Reduktion. Informationen werden solange reduziert und von jeder unnützen Ballast befreit, bis am Ende eine klar verständliche und interpretationsfreie Botschaft übrigbleibt.

Je höher der Grad der Abstraktion ist und je klarer die Botschaft zutage tritt, desto eher kann man bei einem Werk von Kunst sprechen. Davor ist es „nur“ schlichtes Handwerk.

Überträgt man es auf das Reiten, dann bedeutet dies für mich, ein Bild von Pferd und Reiter entstehen zu lassen, dessen Botschaft Feinheit, Anmut, Eleganz, Harmonie und Vertrauen ausstrahlt. Einer Botschaft, die auf ihrem Weg immer klarer zutage tritt, die entledigt ist von allen nutzlosen Zierrat und allem menschlichen Ehrgeiz.

EIN KUNSTWERK ENTSTEHT

Das Kunstwerk, das daraus entstehen soll, ist nicht nur das Ergebnis, sondern der gesamte Weg dahin. Schon im Training muss das Wesentliche im Fokus stehen, alles weggelassen werden, was nur der persönlichen Eitelkeit, aber nicht dem Training des Pferdes dient. All das, was an Ausrüstung oder Elementen des Trainings zur Anwendung kommt, muss einen wahrhaftigen Nutzen haben, nicht dem Zeitgeist folgen und darf das Pferd nicht unnötig belasten oder gar behindern.

Die Schritte auf diesem Weg sind kleine Schritte und folgen dem exponentiellen Charakter der Natur. Die Ausdrucksstärke des Kunstwerkes, das entsteht, misst sich nicht an Showeffekten, sondern daran, wie Pferd und Mensch harmonieren, ob in der Bahn oder im Gelände.

Lieber Reiter werde zum „Künstler“ und lass ein schönes Bild von Dir und Deinem Pferd entstehen.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
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Schulterherein – das Aspirin der Reitkunst

Schulterherein, das „Aspirin der Reitkunst“ wie Nuno Oliveira es bezeichnete, ist ein Heilmittel bei vielen reiterlichen Problemen. So eignet sich das Schulterherein – besser als dies das Vorwärts-/Abwärts kann – dazu ein Pferd zu lösen. Verspannte Pferde finden den Weg in die Tiefe. Beim Schulterherein wird eine Vielzahl von Muskeln gleichzeitig und intensiv trainiert.

Trust-your-Horse - Schulterherein,das Aspirin der Reitkunst

Das Konzept des Schulterherein war schon beim Herzog von Newcastle, dessen Lieblingsübung der Zirkel war, durch das „Kopf in die Volta“ vorgezeichnet.

Diese Übung, bei der auf einem Zirkel der Kopf des Pferdes einwärts und die Kruppe hinaus gestellte wurde, sorge nach Meinung La Guérinière dafür, dass „die Teile der Vorhand mehr im Zwang“ seien, „als jene der Hinterhand, und dass diese Übung ein Pferd auf die Vorhand“ brächte. Dabei stütze er sich auf ein Zitat des Herzogs von Newcastle. Dieser führte unter anderem aus, dass „die Schultern nicht gelenksam werden, wenn nicht der innere hintere Schenkel, im Arbeiten (sprich in der Bewegung) dem äusseren hinteren Schenkel vorgeht und nahe ist.“

Dies brachte La Guérinière zur Erfindung der Schule „Schulter einwärts“ (l’épaule en dedans), welche er im Jahre 1731 zum ersten Mal formell beschrieb.

Legt man seine folgenden Angaben: „Die Linie der Hanken muss nahe an der Mauer und die der Schultern muss ungefähr anderthalb bis zwei Schuhe (Längenmaß) davon entfernt sehn, wobei man es nach der Hand, worauf es geht gebogen hält…“ zu Grunde, so wurde dieses Schulterherein auf 4 Hufspuren mit einem Abstellwinkel von 30-40 Grad geritten.

Trust-your-Horse - Schulterherein Abstellungswinkel
PF = Pariser Fuß (Längenmaß um 1799)

La Guérinière sieht so viele nutzbringende Vorteile darin, dass er sie „als die erste und letzte von allen denen Schulen ansehe, in denen man ein Pferd unterrichten muss, um ihm eine Gelenksamkeit und vollkommene Freiheit in allen seinen Theilen zu verschaffen.“

Dieses Schulterherein unterstützt die Verbesserung von Balance und Gleichgewicht und es ist ein Mittel, um gegen die natürliche Schiefe beim Pferd zu arbeiten. Das Kiefergelenk des Pferdes wird entspannt, dass Pferd beginnt zu kauen und wird im Genick locker. Ein weiterer Erfolg des Schulterherein – in Vorbereitung auf die Versammlung – liegt in der vermehrten Hankenbeugung durch Absenkung der inneren Hüfte und der daraus resultierenden freien Bewegung der äußeren Schulter. Es kommt zu einem Anheben des Widerrists, wobei der Trapezmuskel im Bereich des Widerrists intensiv trainiert wird. Hankenbeugung und Anheben des Widerrists sind wesentliche Elemente der Versammlung.

Um aber diese Erfolge zu erzielen, ist es wichtig, das Schulterherein richtig auszuführen – andernfalls ist es nur ein verdrehter Seitengang, der das Gewicht auf die äußere Schulter des Pferdes bringt anstatt dieses geschmeidig zu machen. Beide Schultern müssen einwärts gedreht sein, die eine etwas mehr als die andere. Aus diesem Grund meinte Nuno Oliveira auch, dass es eigentlich „Schulternherein“ anstelle von „Schulterherein“ heißen müsse.

Es ist darauf zu achten, dass das Schulterherein im langsamen Schritt geritten wird. Dieser darf auch nicht zu ausgreifend sein, da aufgrund seines Bewegungsablaufs der Rücken sonst hohl wird. Das Gewicht des Pferdes muss auf dem inneren Hinterbein ruhen, nicht auf der äußeren Schulter.

Um einen maximalen Trainingseffekt zu erreichen, sollte das Schulterherein in der klassischen Variante nach La Guérinière mit einer Abstellung von 30-40 Grad und angemessener Biegung geritten werden, so dass das Pferd auf 4 Hufspuren läuft. Nur so bekommt diese Übung einen lösenden Charakter.

Das Schulterherein gemäß der Richtline für Reiten und Fahren (Band 2) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung weicht hiervon deutlich ab.

Entgegen der Ansichten de la Guérinières darf danach die Vorhand nur noch so weit hereingenommen werden, dass sich das äußere Vorder- und das innere Hinterbein auf einer Linie vorwärts bewegen, also auf drei Hufspuren. Dabei wird ein Abstellwinkel von ca. 30 Grad vorgegeben.

Alois Podhajsky, der ehemalige Leiter der Wiener Hofreitschule kritisierte in seinen Buch „Die klassische Reitkunst“ die Variante auf 3 Hufspuren. Für ihn ging der eigentliche Zweck dieser Übung „… das Biegen der Hanken, Freiwerden der Schultern und Verbessern der Anlehnung sowie die Erhöhung von Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit vollkommen verloren.“

Darüber hinaus geht das Schulterherein gemäß Richtlinie von einem idealisierten Bild einer Längsbiegung beim Pferd aus, welches in der Realität auf Grund der geringen Längsbiegbarkeit der Brustwirbelsäule nicht möglich ist. Um überhaupt auf 3-Hufspuren gehen zu können, kann – aus biomechanischer Sicht – die Abstellung nur zwischen 13,5 und 19 Grad betragen, nicht aber die geforderten 30 Grad.

Der besseren Lesbarkeit wegen wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
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