BAUCHER – Wie gut war er wirklich?

TEXT IST EINE ARBEITSNOTIZ ZUM BUCH „GRAMMATIK DES REITENS“

François Baucher war der Reitmeister, der mich in einem besonderen Maße dazu inspiriert hat, über das Reiten, die Reitkunst und ganz speziell über die Ausbildung von Pferd und Reiter nachzudenken. Also zu dem zu werden, was Max Ritter von Weyrother den „denkenden Reiter“ nannte.

Baucher - Wie gut war er wirklich?

In meiner Beschäftigung mit François Baucher habe ich mich gedanklich sehr tief in seine Zeit hineinversetzt, mich auf seiner Methode und sein Leben eingelassen. Er wies mir dabei den Weg zur Effizienz. Einen Weg, den ich sehr konsequent beschreite, wenngleich nicht zwingend in den Punkten und der Art, wie er es tat.

Ich vertrat seine Lehre, dennoch kann man mich nicht als BAUCHERISTEN bezeichnen. Denn nicht eine Lehre treibt mich an, sondern die REINE LEHRE und davon, dass musste ich relativ schnell feststellen, war selbst Baucher noch weit entfernt. Anders gesprochen, er hat sich in gewisser Weise sogar vom Pfad der reinen Lehre weg, auf Nebenwege begeben.

Dies wurde mir erst klar, als ich mich sehr viel intensiver damit zu beschäftigen begann, die so vermeintlich zerstrittenen Lehren dies und jenseits des Rheins, objektiv auf Vereinbarkeiten hin abzuprüfen.

Sich damit zu beschäftigen ist eine sehr intensive Arbeit, welche alleine auf Basis theoretischen Wissens nicht funktionieren kann! Es bedarf dazu auch einer sehr großen praktischen Erfahrung, erworben durch die Arbeit mit VIELEN verschiedenen Pferden, die jeden Tag das Nachdenken über das eigene Tun herausfordern und auf ihre Art, den Weg zur Logik des Reitens öffnen.

Baucher war ein Reitmeister, der, wie E.F. Seidler (1846) es ausdrückte, „… in arrogantester Sprache sämtliche Stallmeister alter und neuer Zeit, nicht nur Frankreichs, sondern aller Staaten, als unwissende und nichtdenkend Reiter schildert, sich als die Sonne der Reiterwelt aufstellt und alle bisher bestandenen Prinzipien umzustoßen bemüht war…„.

Insbesondere sah Baucher sich von seinen eigenen Landsleuten angegriffen:
„Wackere Landsleute, die eine der eigenen Nation nützliche Neuerung weit lieber einem Fremden, als ihrem eigenen Landsmanne verdanken wollen!“

Anfangs konnte ich Baucher hier noch verstehen, da es ja immer wieder das gleiche Problem ist: Macht man etwas anders, dann zieht man sich die Feinde und Neider an. Baucher sah sich – aus seiner Sicht sicherlich zu Recht – von einer Heerschar von Feinden umgeben. Entsprechend harsch war auch seine Ausdrucksweise.

Doch wie berechtigt war seine Reaktion wirklich?

Dazu muss man sich die Frage nach dem Zweck der Ausbildung von Pferd und Reiter zur damaligen Zeit stellen – bezogen auf die Reitkunst.

De la Guérinière beispielsweise, der einen maßgeblichen Einfluss auf die Reiterei der damaligen Zeit hatte, arbeitet für den Adel. Die Ausbildung der Pferde, die ihren Grundzweck sicherlich aus dem militärischen Aspekt abgeleitet hatte, stellte zwar Reitkunst in „Vollendung“ dar, diente aber mehr dem Amüsement und nicht der Gebrauchsreiterei.

Die einzigen Institutionen, die Reitkunst mit Gebrauchsreiterei zu vereinen wussten, weil dies eine Notwendigkeit darstellte, war das Militär, die Kavallerie (als Sammelbegriff gebraucht).

Und hier muss man attestieren, dass, was die Qualität anbelangte, die preußische Kavallerie zur damaligen Zeit das Maß aller Dinge war. Die französische Militärreiterei – auch durch Saumur repräsentiert – hatte zwar das bessere „Pferdematerial“, war aber aus diesem „Bequemlichkeitsgrund“ nicht so gefordert sich intensivste Gedanken über das Pferd und dessen Ausbildung zu machen, wie dies auf preußischer Seite notwendig war.

Wieder zurück zu Baucher

Nimmt man die Ausbildungsstufen eines Militärpferdes (noch bis vor ein paar Jahren an der Hofreitschule in Wien gelebt), so sind diese:
1. Remonte
2. Kampagnen-/Gebrauchspferd
3. Schulpferd (incl. Schulen über der Erde)

Würde man diese Stufen nun auf die schulische Ausbildung eines Menschen umlegen, so würde ich diese Zuordnungen treffen wollen:
1. REMONTE: Grund-, Mittel und Realschule (Ansätze);
2. KAMPAGNEN-/GEBRAUCHSPFERD: Mittlere Reife, Abitur, Diplomabschluss Universität
3. SCHULPFERD: Promotion

François BAUCHER hat, betrachtet man seine Arbeit intensiv, einen Schnelldurchlauf Grund-, Mittel- und Realschule gemacht. Dies lässt sich allerdings nicht genau sagen, da über die Ausbildung von Remonten durch Baucher so gut wie gar nichts bekannt ist (Man sagt aber, dass gerade junge Pferde weniger empfänglich für den Baucherismus sind [5]). Mittlere Reife und Abitur hat er links liegen gelassen und ist nach einer kurzen Diplomarbeit sofort zur Promotion übergegangen.

Solche Form der Ausbildung zeigt zwar schnelle Erfolge, allerdings ohne umfassendes Fundament. Diese „Hochgeschwindigkeitsausbildung“ zog sich hinein bis in seine sogenannte 2. Manier. Erst in seinen letzten Lebensjahren machte er sich Gedanken über einen solideren Weg.

Einen soliden Weg, der in den Werken einiger deutscher Stall- und Reitmeister – vor 1848 – tatsächlich sehr präzise beschrieben und erklärt wurde. Einen Sachverhalt, den Baucher in seiner 1. Manier nachdrücklich negierte. Allerdings tat er dies in einer allgemein formuliert Form und nicht auf eine spezielle Nation bezogen [1].

Im Gegensatz zu seinen (Bauchers) Pferden waren die Pferde, die nach dem soliden Weg ausgebildet wurden, AUCH Kampagnen- und Gebrauchspferde, welche vermutlich sogar noch bedeutend feiner an den Hilfen standen (Stichwort: Sekundengehorsam).

Irgendwann (verm. in den Jahren 1842/43) war Baucher für einige Monate in Berlin und hatte dort, wie er es selbst ausdrückte „völligen Einblick in die deutsche Reitweise“ [4]. In dieser Zeit (1842) erhielt ein Husarenregiment aus Quedlinburg den Auftrag, ihre Pferde nach der Methode Bauchers auszubilden. Nach einem großen Kavalleriemanöver unter General Friedrich von Wrangel bei Berlin (1843) entschied man sich allerdings, lange vor Louis Seegers Warnung vor Baucher [7], nachdem die Methode „eklatante Misserfolge zeitigte, dass die unbedingte Beizäumungsmethode für ewige Zeiten untersagt“ wird. [3]

Während seines Aufenthalts in Berlin kam Baucher zu der Erkenntnis, „das die in Preußen geübten Grundsätze“ seinen „diametral entgegenstehen“ würden. Als Beispiel führte er hierzu die Meinungen einiger Offiziere an, welche in Deutschland, seiner Aussage nach, „ein hohes Ansehen als Reiter genießen“. Diese sagten ihm, dass „sie ihre Pferde VOR der Hand haben möchten“, worauf Baucher antwortete, dass er seine Pferde gerne „HINTER der Hand (Gebiss) und VOR den Beinen“ haben wolle. [4]

Hätte sich Baucher wirklich intensiv mit der preußischen Reiterei und dem reiterlichen Zeitgeist auseinandergesetzt, dann hätte ihm auffallen müssen, dass er in diesen Offizieren, Reiter vor sich hatte, die bereits stark vom anglomanen Virus infiziert waren. Auch das hohe Ansehen dieser Reiter spricht für diese „Erkrankung“, denn die anglomane Reiterei war – und ist es insbesondere auch heute noch – sehr „publikumswirksam“.

Wäre er auf alte Stallmeister der preußischen Reiterei getroffen, hätte er wahrscheinlich überrascht zu Kenntnis nehmen müssen, dass diese, was seine Aussage „HINTER der Hand (Gebiss) und VOR den Beinen“ betrifft, ihm zugestimmt hätten.

Baucher und Gebrauchspferde

Auch wenn man landläufig manchmal hört, dass man mit Bauchers Methode auch Gebrauchspferde ausbilden könnte, so möchte ich hier meine Bedenken anmelden.
Überall dort, wo Bauchers Methode mit der Gebrauchsreiterei in Berührung kam – beispielsweise bei der russischen und amerikanischen Kavallerie, handelte es sich um eine modifizierte Form dieser Methode.

James Fillis, ein Schüler-Schüler von Baucher, der für die Regelwerke der beiden genannten Militärreitereien verantwortlich zeigte, nahm vielfältige Anpassungen vor, um Bauchers Methode Gebrauchsreitereifähig zu machen.

WIE GUT WAR NUN BAUCHER WIRKLICH?

Baucher hat sich sicherlich sehr große Verdienste um die Reiterei gemacht. Dennoch hat er im Grunde eine abgespeckte Variante bereits vorhandenen Wissens etwas modifiziert und angereichert um neue, eigene, Erkenntnisse dargestellt. Man darf ihn aber desshalb keinesfalls als Plagiator anklagen! Das war er mit Sicherheit nicht! Denn jeder, der über das Reiten in seiner Essenz nachdenkt und mit Passion an der reinen Lehre arbeitet, wird letztendlich zu gleicher Erkenntnis gelangen – früher oder später. Es gibt nur EINEN Weg!

Auch muss man sich die Zeit betrachten, in der Baucher seine Erkenntnisse sammelte. Die Reitkunst war im Niedergang begriffen. In allen Ländern Europas griff die anglomane Reiterei rasend schnell umsich. Der Sport, die Jagd und das Rennen wurden wichtiger und erfreuten sich mehr und mehr der Popularität der Massen. Die Reitkunst mit ihren Bildern begann zu verblassen. Die letzten Wissenden in Form von Pferd und Mensch waren im Begriff auszusterben (im wahrsten Sinne des Wortes). Otto von Monteton ermittelte 1848 als eine Zäsur! [6]

Die Schulreiterei war vielen, insbesondere jungen Reitern („Die Jugend macht viel, kann aber nichts!“ – Otto von Monteton), zu schwierig geworden und so wandte man sich der zwar kühnen, aber schlichten und Pferde verheizenden anglomanen Reiterei zu und die, die wiederum damit unzufrieden waren, versuchten sich an Bauchers Methode.

Alles getreu nach den Worten  des Rittmeisters von W:

„Alles was lebt ist faul!“

IRGENDWIE WIEDERHOLT SICH DOCH ALLES

Quellen:

  • [1] Baucher: Methode der Reitkunst nach neuen Methoden (8.Auflage)
  • [2] Seidler: Die Dressur diffiziler Pferde (1846)
  • [3] von Monteton: „Über stätische Pferde“ (1899) – hippologische Abhandlung
  • [4] Baucher: Euvres complètes (1884)
  • [5] Racinet: Francois Baucher – Enfant terrible oder Genie?
  • [6] von Monteton: „Über die Reitkunst“ (1877)
  • [7] Seeger: Herr Baucher und seine Künste – Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter (1852)

Autor: Richard Vizethum
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Mogelpackung KLASSISCH

Es zeugt schon von sehr großer Unkenntnis der Reitgeschichte, wenn man die aktuelle Deutschen Reitlehre mit dem Attribut „KLASSISCH“ aufwertet. In der Produktwerbung würde man von einer „Mogelpackung“ sprechen.

Trust-your-Horse - Mogelpackung KLASSISCH

Zunächst einmal gilt festzuhalten: Die aktuelle Deutsche Reitlehre basiert auf der HDv.12 von 1937! Fakt ist, das diese Version der Deutschen Reitvorschriften alles sein kann, nur eines nicht: KLASSISCH!

Neben einer Zeitdimension hat der Begriff KLASSISCH auch eine Anspruchsdimension (siehe auch: KLASSIK – ein paar Caféhaus-Gedanken dazu):

Neben Begriffsdefinitionen wie: „herkömmlich“, „traditionell“ findet man da auch „als Vorbild geltend“, oder umgangssprachlich: super, klasse. Weiter steht da „vollendet“ und „zeitlos geformt“. D.h. den Anspruch, den man aus dem Begriff „klassisch“ ableiten kann ist schlicht ausgedrückt folgender: BESSER GEHT ES NICHT (Zumindest für eine gewisse Zeit – bis es halt jemand besser macht)!

Geht man in der Geschichte zurück, so lässt sich wohl durchaus sagen, dass die Reitkunst (also das, was man als KLASSISCH“ bezeichnen kann) so um das Jahr 1848 (Otto von Monteton) final der anglomanen Reiterei zum Opfer gefallen ist. Der Reiterei, die auch heute noch das Reiten dominiert. Dies lässt sich durchaus auch in den darauf folgenden Reitvorschriften erkennen, in denen z.T. grausamstes Reiten propagiert wurde.

Mit der Reitvorschrift HDv. 12 von 1926 flackerte noch einmal so etwas wie Reitkultur und Reitkunst auf, erreichte aber vermutlich ebenfalls nicht das Niveau von vor 1848, was auch der Veränderung in der strategischen und taktischen Ausrichtung der Kavallerie geschuldet sein dürfte. Explizit wurde in dieser Reitvorschrift von 1926 darauf hingewiesen, dass der Anhang, welcher sich u.a. mit Elementen der Hohen Schule befasst „nicht etwa eine erschöpfende Ausbildungsvorschrift zum Erlernen der hohen Schule sei“. Es ging dort vielmehr darum aufzuzeigen, „wie weiter fortgeschrittene Reiter ihre und ihrer Pferde Leistungen über den Rahmen der Gebrauchsreiterei hinaus fördern können“.

Mit der HDv. 12 von 1937 hat man so etwas wie die REITERLICHE BILDZEITUNG geschaffen. Alles was der einfache Reiter nicht verstehen konnte, wurde weggelassen (das hat man den Ausbildern überlassen – ist nun mal so beim Militär), auch die 1926 noch vorhandenen Elemente der „Hohen Schule“ fielen weg! Reduzierte Gebrauchsreiterei in ihrer Essenz.

Und auf Basis dieser BILDZEITUNG (die man noch um alles militärische abspeckte) entstand nun also die aktuelle Deutsche Reitlehre, der man dann quasi – mit dem Attribut „KLASSISCH“ – völlig zu Unrecht – den REITERLICHEN PULITZER-PREIS verlieh. Damit nicht genug, setzte man sich selbst noch die göttliche Krone auf, indem man die UNUMSTÖSSLICHKEIT der Lehre feststellte.

Wollen wir nun feststellen was wirklich KLASSISCH ist, dann muss man sich als objektiver Sucher auf den Weg in die Vergangenheit machen und die Scheuklappen des bisherigen eigenen Denkens ablegen.

Autor: Richard Vizethum
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