Gleichgewicht Basis der Balance

Letzte Korrektur: 06.12.2017

Unter dem GLEICHGEWICHT im physikalischen Sinne versteht man die gleichmäßige Verteilung einer Masse im Stand auf die vorhandenen Stützflächen. Bei Lebewesen, in deren natürlicher Grunddisposition, wird dieses Ideal nicht erreicht. Es gilt aber: Je weniger Stützflächen vorhanden sind, desto näher kommt die Masseverteilung diesem Ideal.

In der Bewegung spricht man sinnvollerweise im günstigen Fall von einem kontrolliertem Ungleichgewicht, welches man auch treffend mit dem Begriff BALANCE umschreiben kann.

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Das Gleichgewicht stellt bei Lebewesen so etwas wie die Referenzgröße für dessen sensomotorisches System dar. Dieses System ist, vor allem dann, wenn das Lebewesen sich bewegt, bestrebt das jeweilige Lebewesen, an dieser Gleichgewichtsvorgabe ausrichtend, in der Balance zu halten.

In seiner natürlichen Disposition ist das Pferd weit von dem oben beschriebenen Gleichgewichtsideal entfernt. Zwei maßgebliche Faktoren tragen hier wesentlich dazu bei.

Zum einen die starke Vorhandüberlastung, welche es dem Fluchttier Pferd ermöglicht, hohe Geschwindigkeiten bei vergleichsweise geringem Energieeinsatz zu erreichen.

Zum anderen die „natürliche Biegung“ (ich vermeide die Begrifflichkeit „natürliche Schiefe“, denn diese vertauscht Ursache und Wirkung) oder Händigkeit des Pferdes. Dessen Ursache dürfte, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, mit der Lage des Fötus im Mutterleib in Zusammenhang stehen, also einen eher logistischen Grund haben.

Ein Pferd als Pferd ist in einem naürlichem Gleichgewicht

Dennoch spricht man auch beim Pferd von einem Gleichgewicht, einschränkend als „natürliches Gleichgewicht“ bezeichnet.
Für die Nutzung des Pferdes als Reitpferd allerdings ist dieses natürliche Gleichgewicht problematisch.

Einerseits begünstigten die Faktoren dieses Gleichgewichts die instinktiven Kräfte des Pferdes – gegen den Reiter. Dieser muss weit mehr „Hilfen“ zu deren Korrektur einsetzen – was wiederum das Pferd belästigt.

Andererseits sorgt das Gewicht des Reiters und dessen Masse für eine ungünstige Belastung der Struktur des Pferdes (Knochen, Muskeln …), was dessen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Motivation in der Konstellation des natürlichen Gleichgewichts ungünstig beeinflusst.

Ein Pferd braucht man nicht in die Balance bringen, dass macht es von ganz allein. Man muss ihm nur das neue Gleichgewicht für ein Reitpferd vermitteln.

In jedem Abschnitt steigender Dressur erlangt das Pferd eine besondere Art von Gleichgewicht
(E.F. Seidler – 1837)

Trainingstechnisch gilt es nun ein „neues Gleichgewicht“ im Pferd zu etablieren. Dies geschieht dadurch, dass man bestehende Bewegungs- und Haltungsmuster durch häufiges Wiederholen von „neuen“ Bewegungsabläufen langsam verändert.

Gleichzeitig damit wird sich automatisch auch das sensomotorische System des Pferdes auf das veränderte Gleichgewicht einstellen und an dieser Referenz das Pferd neu ausbalancieren.

Zwei wesentliche Muster müssen dabei vorrangig „reprogrammiert“ werden:

  • Die „natürliche Biegung“: Das Pferd ist geradezurichten;
  • Die Vorhandüberlastung: Das Pferd ist verstärkt auf die Hinterhand umzulasten.

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
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Schultervor gerade

Wie der Mensch Rechts- oder Linkshänder ist, so sind dies alle Säugetiere – also auch das Pferd. Bei dieser als „natürliche Schiefe“ (besser wäre „natürliche Biegung“) bezeichnete Händigkeit ist das Pferd auf der einen Seite hohl (verkürzte Muskulatur).

Um dennoch geradeaus gehen zu können, muss es mit dem Vorderbein der anderen Seite weiter vorgreifen. Nach diesem weiter vorgreifenden Bein wird die jeweilige Händigkeit benannt (Rechtshänder beispielsweise ist auf der linken Seite hohl et vice versa).

Diese Händigkeit führt zur Überlastung der händigen Schulter (Rechtshänder = rechte Schulter) und stellt eine Diagonalverschiebung dar.

Der Reiter verschärft diese ungünstige Belastungs-situation. Um das Pferd auch als Reitpferd gesund zu erhalten muss deshalb ein Trainingsziel sein, das Pferd geradezurichten.

In der Skala (Stufenleiter) der Ausbildung steht das Geraderichten erst an fünfter Stelle, unmittelbar vor der Versammlung. Dabei ist das „Geraderichten“ des Pferdes eine elementar wichtige Übung auf dem Weg vom Pferd zum Reitpferd.

Ein Pferd welches nicht geradegerichtet ist – die Vorhand in gerader Linienführung vor der Hinterhand steht – kann weder den Rücken seriös geben, noch ist es zur korrekten Aufrichtung fähig.

Das Geraderichten sollte deshalb von Anfang der Ausbildung an ein wichtiges Element des Trainings eines Pferdes sein.

Es gibt sicherlich viele Übungen, mit deren Hilfe man ein Pferd geraderichten kann (z.B. Schulterherein), doch aus meiner Sicht ist das SCHULTERVOR die geeignetste Übung.

Es ist die Möglichkeit die verkürzte Muskulatur auf der hohlen Seite nicht durch zu starkes Stellen des Pferdes in die andere Richtung zu überlasten (Verspannungen, Muskelkater …).

WIE GEHT MAN VOR? (Beispiel: Rechtshänder)

Die Korrektur der „Natürlichen Schiefe“ im Schultervor erfolgt NUR auf der händigen Seite. Um das Pferd mit Hilfe des SCHULTERVOR geradezurichten muss man die weiter vorgreifende Vorhand (in diesem Fall rechte Vorhand) im Vorgriff etwas reduzieren.

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Dazu reitet man das Pferd auf einer geraden Linie. Dann nimmt man die eigene RECHTE Schulter etwas zurück, hebt den RECHTEN Zügel an, um die RECHTE Schulter des Pferdes anzuheben und stellt es vorsichtig nach RECHTS. Es ist darauf zu achten, dass man die Schultern und nicht nur Hals und Kopf des Pferdes nach rechts stellt. Der restliche Pferdekörper ist dabei geradegerichtet. Eine zu starke Überstellung von Hals und Kopf des Pferdes ist zu vermeiden.

Auf der händigen Hand wird das Pferd nun versuchen dem stellenden Zügel zu folgen und nach rechts zu weichen. Dies verhindert der Reiter, indem er mit seinem RECHTEN Knie in Richtung der rechten Pferdeschulter drückt um die Vorhand wieder nach links vor die Hinterhand zu setzen.

GERADERICHTEN IST KEINE EINMALSACHE

Das Geraderichten des Pferdes ist nicht etwas, was man ein paarmal übt und dann „funktioniert“ es, nein, es muss zum Bestandteil der täglichen Arbeit gemacht werden. Nur das häufige „Wiederholen“ kann das Muster verändern und das Pferd auch „im Kopf geraderichten“.

Ob auf dem Reitplatz oder im Gelände – GERADERICHTEN KANN MAN ÜBERALL.

Schulterherein – das Aspirin der Reitkunst

Schulterherein, das „Aspirin der Reitkunst“ wie Nuno Oliveira es bezeichnete, ist ein Heilmittel bei vielen reiterlichen Problemen. So eignet sich das Schulterherein – besser als dies das Vorwärts-/Abwärts kann – dazu ein Pferd zu lösen. Verspannte Pferde finden den Weg in die Tiefe. Beim Schulterherein wird eine Vielzahl von Muskeln gleichzeitig und intensiv trainiert.

Trust-your-Horse - Schulterherein,das Aspirin der Reitkunst

Das Konzept des Schulterherein war schon beim Herzog von Newcastle, dessen Lieblingsübung der Zirkel war, durch das „Kopf in die Volta“ vorgezeichnet.

Diese Übung, bei der auf einem Zirkel der Kopf des Pferdes einwärts und die Kruppe hinaus gestellte wurde, sorge nach Meinung La Guérinière dafür, dass „die Teile der Vorhand mehr im Zwang“ seien, „als jene der Hinterhand, und dass diese Übung ein Pferd auf die Vorhand“ brächte. Dabei stütze er sich auf ein Zitat des Herzogs von Newcastle. Dieser führte unter anderem aus, dass „die Schultern nicht gelenksam werden, wenn nicht der innere hintere Schenkel, im Arbeiten (sprich in der Bewegung) dem äusseren hinteren Schenkel vorgeht und nahe ist.“

Dies brachte La Guérinière zur Erfindung der Schule „Schulter einwärts“ (l’épaule en dedans), welche er im Jahre 1731 zum ersten Mal formell beschrieb.

Legt man seine folgenden Angaben: „Die Linie der Hanken muss nahe an der Mauer und die der Schultern muss ungefähr anderthalb bis zwei Schuhe (Längenmaß) davon entfernt sehn, wobei man es nach der Hand, worauf es geht gebogen hält…“ zu Grunde, so wurde dieses Schulterherein auf 4 Hufspuren mit einem Abstellwinkel von 30-40 Grad geritten.

Trust-your-Horse - Schulterherein Abstellungswinkel
PF = Pariser Fuß (Längenmaß um 1799)

La Guérinière sieht so viele nutzbringende Vorteile darin, dass er sie „als die erste und letzte von allen denen Schulen ansehe, in denen man ein Pferd unterrichten muss, um ihm eine Gelenksamkeit und vollkommene Freiheit in allen seinen Theilen zu verschaffen.“

Dieses Schulterherein unterstützt die Verbesserung von Balance und Gleichgewicht und es ist ein Mittel, um gegen die natürliche Schiefe beim Pferd zu arbeiten. Das Kiefergelenk des Pferdes wird entspannt, dass Pferd beginnt zu kauen und wird im Genick locker. Ein weiterer Erfolg des Schulterherein – in Vorbereitung auf die Versammlung – liegt in der vermehrten Hankenbeugung durch Absenkung der inneren Hüfte und der daraus resultierenden freien Bewegung der äußeren Schulter. Es kommt zu einem Anheben des Widerrists, wobei der Trapezmuskel im Bereich des Widerrists intensiv trainiert wird. Hankenbeugung und Anheben des Widerrists sind wesentliche Elemente der Versammlung.

Um aber diese Erfolge zu erzielen, ist es wichtig, das Schulterherein richtig auszuführen – andernfalls ist es nur ein verdrehter Seitengang, der das Gewicht auf die äußere Schulter des Pferdes bringt anstatt dieses geschmeidig zu machen. Beide Schultern müssen einwärts gedreht sein, die eine etwas mehr als die andere. Aus diesem Grund meinte Nuno Oliveira auch, dass es eigentlich „Schulternherein“ anstelle von „Schulterherein“ heißen müsse.

Es ist darauf zu achten, dass das Schulterherein im langsamen Schritt geritten wird. Dieser darf auch nicht zu ausgreifend sein, da aufgrund seines Bewegungsablaufs der Rücken sonst hohl wird. Das Gewicht des Pferdes muss auf dem inneren Hinterbein ruhen, nicht auf der äußeren Schulter.

Um einen maximalen Trainingseffekt zu erreichen, sollte das Schulterherein in der klassischen Variante nach La Guérinière mit einer Abstellung von 30-40 Grad und angemessener Biegung geritten werden, so dass das Pferd auf 4 Hufspuren läuft. Nur so bekommt diese Übung einen lösenden Charakter.

Das Schulterherein gemäß der Richtline für Reiten und Fahren (Band 2) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung weicht hiervon deutlich ab.

Entgegen der Ansichten de la Guérinières darf danach die Vorhand nur noch so weit hereingenommen werden, dass sich das äußere Vorder- und das innere Hinterbein auf einer Linie vorwärts bewegen, also auf drei Hufspuren. Dabei wird ein Abstellwinkel von ca. 30 Grad vorgegeben.

Alois Podhajsky, der ehemalige Leiter der Wiener Hofreitschule kritisierte in seinen Buch „Die klassische Reitkunst“ die Variante auf 3 Hufspuren. Für ihn ging der eigentliche Zweck dieser Übung „… das Biegen der Hanken, Freiwerden der Schultern und Verbessern der Anlehnung sowie die Erhöhung von Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit vollkommen verloren.“

Darüber hinaus geht das Schulterherein gemäß Richtlinie von einem idealisierten Bild einer Längsbiegung beim Pferd aus, welches in der Realität auf Grund der geringen Längsbiegbarkeit der Brustwirbelsäule nicht möglich ist. Um überhaupt auf 3-Hufspuren gehen zu können, kann – aus biomechanischer Sicht – die Abstellung nur zwischen 13,5 und 19 Grad betragen, nicht aber die geforderten 30 Grad.

Der besseren Lesbarkeit wegen wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
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