ANLEHNUNG – ein paar Worte dazu

Als ich mich auf meinen Theoriekurs „Vorwärts-Abwärts – Sinn oder Unsinn“ vorbereitete begegneten mir, wie schon so oft, Begrifflichkeiten wie „Anlehnung“, „An das Gebiss herandehnen“ oder „Vom Gebiss abstoßen“.

Wie bei den allermeisten Begriffen hat auch bei diesen Begrifflichkeiten jeder Leser mitunter ein anderes Bild im Kopf. Will man sie aber wirklich-wirklich verstehen, dann muss man sich von den – mitunter falschen Bildern – neuzeitlicher Definitionen lösen und sich auf den Weg in die Vergangenheit machen.

Trust-your-Horse - Anlehnung

Ich möchte mich zunächst einmal auf den Begriff ANLEHNUNG konzentrieren. Die beiden anderen Begrifflichkeiten lassen sich darunter subsummieren.

Nimmt man sich die Meister der letzten paar hundert Jahre vor, bei denen ANLEHNUNG thematisiert wurde, dann bleibt als Quintessenz folgende Aussage stehen:

„ANLEHNUNG ist IMMER Druck auf die Laden des Pferdes. Dieser kann sanft aber auch sehr stark sein. Die Entscheidung über die Stärke des Drucks hat das Pferd!“
(Richard Vizethum)

Mehr gibt es darüber nicht zu sagen!

Und „politisch korrekt“ sollte man hier auch nicht versuchen zu formulieren, dies würde nur zu realitätsfernen Formulierungen führen.

Formulierungen wie beispielsweise in der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Diese sind verwirrend und nicht zielführend:

„Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Das Pferd soll durch das taktmäßige, losgelassene Vorwärtsgehen, wofür der Reiter mit seinen treibenden Hilfen verantwortlich ist, die Anlehnung an das Gebiss suchen und somit an die Hand des Reiters herantreten … sie muss das Ergebnis der richtig entwickelten Schubkraft sein.“
(Richtlinie für Reiten und Fahren Bd.1 Seite 171)

Diese Aussage beinhaltet eine ganze Menge Voraussetzungen, die so von den Altvorderen, wenn sie über Anlehnung sprachen, nicht in diesem Zusammenhang thematisiert wurden und die auch nicht zu jedem Ausbildungsstand eines Pferdes erfüllbar sind.

Volle Anlehnung“ wurde beispielsweise bei Steinbrecht schon beim Anreiten einer Remonte erwartet. Zu einem Zeitpunkt, wo man weit davon entfernt ist, von einem taktmäßig und losgelassen vorwärtsgehendem Pferd sprechen zu können. Einem Pferd, dem man seine Schubkraft erst einmal unter dem Reitergewicht wieder zurückgeben muss um sie dann zu entwickeln.

Auch stellt die Formulierung
Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul
ein nicht zu erreichendes Optimum dar, zumal der Kontakt ja vom Pferd ausgehen soll!

In diesem Zusammenhang sind wir dann auch bei den Begrifflichkeiten „An das Gebiss herandehnen“ und „Vom Gebiss abstoßen“.

Im Grunde genommen darf man sich das wie folgt vorstellen:

Dem Pferd wird das Gebiss „hingestellt“. Dabei dürfen die Zügel nicht zu lang sein, dies dürfte sich von selbst verstehen, zumindest hat das u.a. Steinbrecht so verstanden. Das Pferd wird motiviert vorwärts zu gehen und soll sich nun an die „Grenze“ Gebiss herandehnen – und zwar nach vorwärts.

Erreicht es bei diesem Dehnen die Grenze und „dehnt“ es sich weiter, wird der Druck auf die Laden immer stärker. Das Pferd hat nun die Möglichkeit sich tiefer in den Schmerz rein und auf die Zügel zu legen oder vom Schmerz zu weichen, sich also „vom Gebiss abzustoßen“.

Der lose Zügel scheidet die Reitlehren

Streng genommen müsste dabei ein „loser Zügel“ entstehen, also jener Hauch von Kontakt, den man sich doch in allen Reitlehren wünscht.

Genau! Das klingt doch alles so ähnlich wie die „unverrückbare Hand“ (siehe General L`Hotte) bei François Baucher – „Main fixe“. Diese stellt ein zentrales Element dessen Zügelführung dar. Leider wird dies häufig mit „fester Hand“ übersetzt, was zwangsläufig ein anderes, falsches Bild erzeugt.

Baucher macht damit genau das gleiche wie Steinbrecht und andere. Er zeigt dem Pferd eine klare Grenze auf. Und auch er erwartet, dass sich das Pferd von dieser Grenze, dem „Gebiss, abstößt“.

Dennoch gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied, nämlich eben diesen losen Zügel!

Während bei Baucher der lose Zügel ein gewünschtes Ergebnis ist, das Pferd soll „hinter die Hand“ (nicht zu verwechseln mit „hinter die Senkrechte“!) gehen – sich also auch vom „Gebiss abstoßen“, ist dieser „lose Zügel“ bei der deutschen Reiterei absolut nicht erwünscht.

So kritisierte beispielsweise Louis Seeger in seinem Pamphlet „Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter“ Francois Baucher wie folgt:
… weil sein Pferd auch hierin hinter dem Zügel geht, also nicht die bedingte leichte, sondern gar keine Anlehnung hat“.

Er ging sogar so weit, in diesem Zusammenhang auch gleich noch Erklärungen für die Nutzung des Nasenriemens beim englischen Reithalfter, sowie über eine mögliche Stärke der Anlehnung mitzuliefern:

Den Nasenriemen kann Herr Baucher entbehren, weil er nie das Pferd andauernd mit steter ZügelANLEHNUNG führt, es mithin keine Gelegenheit erhält, sich der STRENGEN Wirkung der Gebisse durch zu freie Bewegungen der Unterkinnlade zu entziehen, welches der NASENRIEMEN zu verhindern bestimmt ist.

Der Unterschied zwischen Baucher und Vertretern der Deutschen Reitlehre (die aktuelle Deutsche Reitlehre sei hier mal ausgeklammert) ist also schlicht nur ein Hauch von Druck mehr (lässt man jetzt mal Seegers „STRENGE Wirkung der Gebisse“ beiseite) bei der Deutschen Reitlehre. Gerittenes Optimum (jede Seite reitet im Wortsinne ihrer Regeln) unterstellt …

Druck Baucher = 0 / Druck Deutsche Lehre = >1

Sieht nach einem kleinen Unterschied aus – oder?

Allerdings ist anzumerken, dass man bei Baucher die 0 SIEHT, während man bei der Deutschen Reitlehre kaum erkennen kann, ob der Druck nun 1 oder 1+x ist.

Weiterlesen:
ANLEHNUNG – noch ein paar Worte

Autor: Richard Vizethum
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Spanische Hofreitschule – ein paar Worte dazu

„Die Spanische Hofreitschule Wien ist die älteste Reitschule und die einzige Institution der Welt, an der die klassische Reitkunst in der Renaissancetradition der „Hohen Schule“ seit mehr als 450 Jahren lebt und unverändert weiter gepflegt wird – was auch zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit zählt.“ [1]

Trust-your-Horse - Spanische Hofreitschule Quo Vadis

Doch was man in den letzten paar Jahren von der Spanischen Hofreitschule zu hören und zu sehen bekam, widerspricht dieser „Kulturpflege“.
Fragwürdige Entwicklungen in den Ausbildungsmethoden der Sportreiterei haben auch bei ihr Einzug gehalten. Wo früher Schönheit und Ausdruck das Bild bestimmten, hat man sich auch in der Vorstellung der Pferde optisch dem Zeitgeist angepasst.

Dies kann für die Zukunft dieses Institutes und für die gesamte Reiterei durchaus fatale Folgen haben.

Bis zum heutigen Tag basiert dort die Kenntnis über die Reitkunst der Renaissance und das daraus resultierende Methodenwissen auf mündlichen Überlieferungen. Die jungen Reiter haben von den alten und erfahrenen Bereitern und Oberbereitern gelernt und so wurde das Wissen über 450 Jahre nahezu unverändert weitergetragen.

Dieser Transfer wurde nicht nur unterbrochen, sondern das „neue Wissen“ welches gerade eingebaut wird, wird das sein, welches in Zukunft mehr oder weniger transportiert werden wird. Falls durch die stattfindende Reduzierung des Dialogs zwischen Alt und Jung überhaupt noch ein Wissenstransfer wie in der Vergangenheit stattfindet kann.

Einer Vergangenheit, bei der Reitmeister wie de la Guérinière, Max Ritter von Weyrother, Louis Seeger und der Freiherr von Oeynhausen neben dem k.u.k. Exerzierreglement für die Kavallerie die inhaltlichen Vorgaben für die Ausbildung von Reiter und Pferd an der Spanischen Hofreitschule darstellten [2] und nicht niederländische Gedankenlosigkeit.

Ich hoffe sehr, man besinnt sich und kehrt zurück zu dem Weg, der auch dazu führte, das die Hofreitschule es zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit gebracht hat.

Aus Büchern kann man sich das Wissen der Vergangenheit erlesen, aber ob das, was wir herauslesen auch das ist, was der jeweilige Autor gemeint hat, wage ich zu bezweifeln.

Die Hofreitschule „war“ DIE Institution, quasie „die Hochschule des Reitens“, wie Oberst Alois Podhajsky sie nannte [2], die durch einen praktischen Wissenstransfer dafür gesorgt hat, dass diese, für die Reiterei so wichtigen Erfahrungen der Vergangenheit bis in unsere Zeit „so wie gemeint“ überdauern konnten.

Darum brauchen wir die ALTE Spanische Hofreitschule wieder!

Autor: Richard Vizethum
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Quellen:

 

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VORWÄRTS-ABWÄRTS – ein paar Worte dazu

Auszug aus „Die Grammatik des Reitens“

Es wird immer wieder viel darüber diskutiert, welchen Beitrag das sogenannte „vorwärts-abwärts“ für das sinnvolle Training eines Pferdes hat. Ich möchte an dieser Stelle meine Sicht der Dinge darlegen.

Pferde als Bewegungs- und vor allem Fluchttiere sind auf eine hohe Fluchtgeschwindigkeit angewiesen. Aus diesem Grund kam es bei ihnen im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte zu einem körperlichen Umbau, der eine vermehrte Lastaufnahme auf die Vorhand mit sich brachte. Durch diese Lastverteilung nach vorne erreichen sie eine höhere Laufgeschwindigkeit.

PFERDE BEVORZUGEN DIE VORHAND

Grundsätzlich werden Pferde immer versuchen verstärkt auf die Vorhand zu kommen, denn neben dem Geschwindigkeitsaspekt, ist für Pferde, als energiesparende Lebewesen, die Nutzung der Vorhand energieeffizienter als eine vermehrte Nutzung der Hinterhand. Die Struktur der Hinterhand fordert bei verstärkter Beugung der Gelenke deutlich mehr Energie, als die vergleichsweise einfache Struktur der Vorhand.

Damit wir aber, wenn wir das Pferd zum Reitpferd ausbilden wollen, dieses auch über sehr lange Zeit gesund und leistungsbereit erhalten, ist eine verstärkte Nutzung der weit belastbareren Hinterhand unabdingbar.

Des Weiteren müssen bei einem Reitpferd vermehrt Muskelgruppen trainiert werden, welche es als Pferd nicht zwingend explizit trainiert, die wir aber bei ihm als Reitpferd benötigen. Als Beispiel sei der Trapezmuskel, jenes kleine Dreieck unterhalb des Widerrists genannt. Gerade dort findet man bei vielen Pferden eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Kuhle, welche in Verbindung mit nicht durchgezogen konvex geschwungener Oberhalslinie, ein Zeichen dafür ist, dass das Pferd sich nicht „selber trägt„.

Gerade bei Pferden, welche häufig (im Wortsinn) „vorwärts-abwärts“ geritten werden, findet man derartige Muskeldefizite. Welche sich dann noch – und das sei nicht unerwähnt – durch den Sattel verstärken.

Vielleicht würde diese – falsche – Art sein Pferd zu reiten nicht passieren, hätte man anstelle von „vorwärts-abwärts“ besser „aufwärts-vorwärts“ gesagt.

DEHNUNGSHALTUNG – DER BESSERE WEG?

Trust-your-Horse Korrekte VORWÄRTSabwärts

Eine korrekte DEHNUNGSHALTUNG (s.Bild: durchgezogen konvex geschwungene Oberhalslinie, offenes Genick, Genick ist der höchste Punkt und etwa 20-30 cm über Widerrist) setzt zunächst einmal voraus, dass das Pferd, bevor es in die Dehnung (vorwärts) geschickt wird, sich im Widerrist per Muskelkraft angehoben (aufwärts) hat. Dieses Anheben des Widerrists wiederum geht immer einher mit einem leichten Setzen auf die Hinterhand.

Also muss man beim Pferd, für eine korrekte Dehnungshaltung, eine gewisse Versammlungsfähigkeit zum einen und Kraft in der Hinterhand zum anderen voraussetzen. Hier sei darauf hingewiesen, dass man Kraft nicht durch vorwärtslaufen, sondern nur durch verstärkte Lastaufnahme (auf die Hinterhand) trainieren kann.

Diese notwendige Versammlungsfähigkeit, welche das Pferd aufgrund der oben angeführten Rahmenbedingungen (Fluchttier und Geschwindigkeit; Pferd ist Energiesparer) unter normalen Umständen nicht selbstständig anbieten wird, kann nur durch Training erreicht werden. Damit schließt sich AUCH DIE Dehnungshaltung – da nicht korrekt durchführbar – bei jungen Pferden absolut aus.

Die Dehnungshaltung, so wie ich sie hier beschrieben habe, hat mit dem „Lösen„, welches man in diesem Zusammenhang argumentativ immer wieder vorbringt, nichts zu tun. Zwar fächern sich die Dornfortsätze am Widerrist geringfügig auf und auch die Halswirbelsäule wird „gedehnt“, doch u.a. aufgrund der konvexen Oberhalslinie muss das Pferd ein hohes Maß an Muskelarbeit im Bereich von Oberhals und Trapezmuskel leisten. Die Dehnungshaltung ist also harte Arbeit für das Pferd! Auch Entspannung kann man damit nicht erreichen!

Dieses „Lösen“ wird bei mir ausschließlich im Stehen durchgeführt (siehe hierzu: Parkposition als Lösungsmittel). Das Reiten in der „korrekten“ Dehnungshaltung nutze ich zur Entwicklung und Verbesserung eines korrekten Raumgriffs.

VORWÄRTS-ABWÄRTS DAS NATÜRLICHE BESTREBEN DES PFERDES

Selbst wenn das Pferd gelernt hat, sich im Widerrist anzuheben und auf die Hinterhand zu setzten, so wird es dennoch immer wieder instinktiv das Bestreben haben auf die Vorhand zu kommen um sich zu „entlasten“ und Energie zu sparen.

Lässt man nun also sein Pferd vermehrt und auch noch längere Strecken „vorwärts-abwärts“ gehen, so kommt das dem natürlichen Wunsch des Pferdes, vermehrt die Vorhand zu belasten, mit all den schädlichen Folgen für ein Reitpferd, deutlich entgegen.

Das, was man meist als „vorwärts-abwärts“ zu sehen bekommt – und dazu zähle ich auch das in der Westernreiterei immer stärker gewünschte Bild eines Pferdes mit der Nase knapp über Boden – ist der dauerhaften Gesunderhaltung des Pferdes massiv abträglich.

Das man durch vermehrtes Aktivieren der Hinterhand, trotz tiefer Kopfeinstellung, den Rücken anheben kann und das Pferd sich „selber trägt“, ist ein Mythos, der biomechanisch aus meiner Sicht nicht haltbar ist.

DIE ALTEN MEISTER UND VORWÄRTS-ABWÄRTS

Zieht man auf der Suche nach dem Ursprung des Vorwärts-Abwärts die „alten Meister“ zu Rate, so kann man feststellen, das diese beim Anreiten (z.B. Steinbrecht) oder zum Zwecke der Korrektur eines Pferdes so etwas ähnliches wie Vorwärts-Abwärts durchführten – allerdings mit dem deutlichen Schwerpunkt VORWÄRTS.

Dazu wurde das Gewicht des Pferdes etwas mehr in Richtung Schultern verlegten. Hals und Kopf wurden dabei in einer „natürlichen Haltung“ belassen. Das Pferd sollte sich an das Gebiss „herandehnen“, wobei man durchaus bestrebt war „volle Anlehnung zu gewinnen“ Dies beschreibt Steinbrecht wie folgt: „Der Reiter führe daher die Zügel verhältnismäßig kurz …“. Dabei soll der Reiter nicht die Anlehnung suchen, sondern er soll darauf warten, bis das Pferd „sie [die Anlehnung] infolge der vortreibenden Hilfen und des dadurch bewirkten Streckens des Halses an das Gebiss von selbst nimmt“ [1].

Ein wesentlicher weiterer Aspekt einer ETWAS tieferen Einstellung von Hals und Kopf des Pferdes diente dem Zwecke der BIEGUNG (Seuning, Seeger …). Mit dem Mittel der Biegung wurde zum einen am GERADERICHTEN des Pferdes gearbeitet und zum anderen um Spannungen und Verspannungen (Korrektur) bei diesem aufzulösen.

Weiterlesen:
Vorwärts-Abwärts und kein Ende

[1] Steinbrecht – Gymnasium des Pferdes – S.70

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
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