STREIT DER REITLEHREN – ein paar Gedanken dazu

Letzte Korrektur: 10.12.2017

Der ganze „moderne“ Streit – insbesondere zwischen den DEUTSCHEN (Deutsche Reitlehre) und FRANZÖSISCHEN (Baucher) reiterlichen Fakultäten – basiert, ketzerisch gesprochen – schlicht und ergreifend auf offensichtlicher Ignoranz, scheinbarer Unwissenheit und eines gewissen Maßes an Faulheit!

Trust-your-Horse - Reitlehrenstreit

So ziemlich alles, was an guter Reiterei in Europa existierte (bewusst in der Vergangenheitsform geschrieben), findet im Wesentlichen seine Grundlagen in dem Werk  des Franzosen de la Guérinière (* 8. Mai 1688; † 2. Juli 1751).

Von ihm wurde auf beiden Seiten des Rheins mit großer Hochachtung gesprochen, war er es doch nach dem mittelalterlichen Pluvinel (* 1555; † 1620) DER Reitmeister mit dem größten und nachhaltigsten Einfluss auf die Reitkunst ab dem 18. Jahrhundert.

Der Übersetzter des Werkes der „Reitkunst …“ von de la Guérinière, J. Daniel Knöll (Fürstlicher oranien-nassauischer Bereiter) ging nicht nur davon aus, dass die meisten seiner reiterlichen Fachkollegen de la Guérinière´s Werk im Original gelesen haben (!), sondern er merkte auch sehr deutlich an:

„Denn wo ist das deutsche Reitbuch, welches auf einige Gründlichkeit Anspruch machen kann, worinnen de la Guérinière nicht mit seinen Grundsätzen paradieren muß?“ [1]

Will heißen, kein deutscher Autor eines Reitbuches in der damaligen Zeit (Mitte bis Ende 18. und Anfang 19. Jahrhundert), welcher für sein Werk den Anspruch auf Gründlichkeit reklamieren wollte, kam an de la Guérinière vorbei!

Auch das Wissen der Wiener Hofreitschule in der Vergangenheit (denn heute ist man ja auf anderen Wegen unterwegs) basierte auf dem Werk von  de la Guérinière, ergänzt und erweitert von Max Ritter von Weyrother, Louis Seeger und dem Freiherr von Oeynhausen.
Der Vollständigkeit wegen sind auch noch zu erwähnen die sogenannten „Directiven“ von Franz von Holbein-Holbeinsberg und das k.u.k.Exerzierreglement für die Kavallerie.

Ja, bei diesem Wissensfundament war man sich lange Zeit einig – auf beiden Seiten des Rheins!

Die besseren Stallmeister (in der, und für die Breite) in der Zeit um und nach de la Guérinière fanden sich wahrscheinlich auf deutscher Seite, insbesondere auch in der preußischen Kavallerie.Die deutsche „Reitweise“ dominierte die Reiterei Europas [6].

Friedrich der Große (* 24. Januar 1712 in Berlin; † 17. August 1786 in Potsdam) und sein großer Kavalleriegeneral Seydlitz (* 3. Februar 1721 in Kalkar; † 8. November 1773 in Ohlau) hatten die vorher „plumpe“ preußische Kavallerie unmittelbar nach Ende des 1. Schlesischen Krieges (1740-1742) umfangreich reformiert und zur besten und vorbildlichsten Kavallerie der damaligen Zeit gemacht. Schießen und Fußdienst wurden in den Hintergrund gedrängt und dem Reiten mehr Beachtung geschenkt [2].

„Alle taktischen Manöver sind mit größter Schnelligkeit, alle Schwenkungen in kurzem Galopp auszuführen. Die Kavallerieoffiziere müssen die Leute vor allem zu vollendeten Reitern erziehen, die Kürassiere müssen ebenso wendig und geschickt zu Pferd sein wie ein Husar und mit dem Gebrauch des Säbels wohlvertraut sein.“ [2]

Dieser Abschnitt aus Friedrichs Instruktionen zeigt sehr deutlich die Verschiebung der Gewichtung und gibt einen Hinweis auf die notwendige Rittigkeit der Pferde.

Die französische Kavallerie war – obwohl Frankreich nach de la Guérinière reich an Reiterpersönlichkeiten war – die wohl schlechteste Kavallerie der großen Nationen. Ausgestattet mit ungenügendem „Pferdematerial“ und noch unbegabteren Reitern (man musste Attacken in langsamerer Gangart reiten, bestand doch die Gefahr, dass die Reiter aus dem Sattel fallen konnten) konnte sie allenfalls durch Kühnheit und Mut brillieren [2], Wissen über die Reitkunst kam aber nicht zum Einsatz.

Hinzu kam auch noch, dass die französische Kavallerie zur Zeit Napoleons zunächst keinen so hohen Stellenwert mehr in der Armee hatte und von oft inkompetenten Generälen verheizt wurde. Dies änderte sich auch nicht durch die Einrichtung der Cadre Noir in Saumur 1814.

Eine große Ausnahme allerdings stellten die „Chasseurs d’Afrique“ (erstmals 1830 in Algerien aufgestellte leichte Kavallerie) dar. Diese waren in Gänze mit hervorragenden Berberpferden ausgestattet. Da diese Pferde schon „in Haltung“ gingen, beschäftigte man sich allerdings auch hier nicht besonders mit der Reitkunst.

Die Preußen dagegen hatten zwar Anfangs des 19. Jahrhunderts ebenfalls den Nachteil schlechteren „Pferdematerials“, doch machten sie diesen „Nachteil“ durch intensiverer Beschäftigung mit dem Wissen um die Reitkunst mehr als wett.

Ab wann nun stritten die „Gelehrten“?

Einen heftigen „Gelehrtenstreit“ dürfte es damals aber nicht gegeben haben, gleichwohl es durchaus Nicklichkeiten zwischen einzelnen Schulen und Stallmeistern gegeben hat, welche man getrost unter dem Begriff „Handwerks-Neid“ [6] abwerten kann. Auch trennten sich nach de la Guérinière die Wege der akademischen und der militärischen Reiterei, doch gestritten wurde zwischen diesen beiden Fakultäten – dies aber durchaus sehr kontrovers – fast ausschließlich um den Sitz des Reiters [5].

Die größeren und grundsätzlicheren „Streitigkeiten“ begann erst – und jetzt wird es hypothetisch – mit Francois Baucher!

Er, der sicherlich durchaus ein Erneuerer war, fand sich nicht entsprechend gewürdigt und sein „empfindliches Temperament“ [3] welches ihn oft übermannte gab ihm Veranlassung zu „menschenverachtenden Stimmungen“ [3]. Wenn man dagegen aber die sehr große Schar seiner Bewunderer betrachtet (zu der ich mich – trotz dieser kritischeren Worte – mit mancher Einschränkung auch zähle), hätte es für ihn eigentlich keine Veranlassungen zu derartigen Reaktionen geben müssen.

Baucher wurde zwar durchaus heftig kritisiert – ja – was aber sicherlich auch eine Ursache in seiner überzogenen Selbstdarstellung hatte. Die Meister vor ihm waren bedeutend demütiger und fühlten sich mehr der Sache (der Reitkunst) als der eigenen Person verpflichtet. Auch kam hinzu, dass Vieles, was Baucher als NEU propagierte und mit Nachdruck als solches vertrat, schon lange vor ihm, insbesondere in Preußen, gelebte Praxis war! Ein weiterer Aspekt der zu durchaus berechtigter Kritik an seiner Person führte.

Mit Baucher kam – meiner Ansicht nach – eine, nennen wir es einmal, unschöne Stimmung, in die Diskussionen.

Auch wenn viele deutsche Autoren (Seeger, Seidler, von Knorr, Steinbrecht …) kritische Worte zu Bauchers Methode fanden, hatte dies keine, wie häufig gerne behauptet wird, nationalistische Hintergründe gehabt, sondern es waren eher reiterliche Bewertungen.

Im Jahre 1842 wurde ein komplettes Quedlinburger Kavallerieregiment (verm. Husaren) für ein Jahr abkommandiert, um Bauchers Methode zu erproben [4]. Die haben das nicht gemacht um Baucher zu kritisieren, sondern um festzustellen, ob seine Methode für die preußische Kavallerie von Nutzen sein könnte – ganz pragmatisch! Diese Arbeit, welche „1843 nach dem grossen Kavalleriemanöver unter Wrangel bei Berlin so eklatante Misserfolge zeitigte, dass diese unbedingte Beizäumungsmethode für ewige Zeiten untersagt wurde, denn die Pferde schnellten sich aus derselben heraus, keinem Zügel mehr gehorchend“ [4], wurde danach nicht mehr weiter verfolgt.

Ähnliche kritische Worte fanden auch seine Landsleute, so dass ihm letztendlich die offizielle Tür nach Saumur (Cadre Noir) verschlossen blieb. Nun gut, das hatte sicher auch seine Gründe in der sich, wie an anderen Orten, ebenso in Frankreich ab 1815 stark verbreitenden „schneidigen“ anglomanen Reiterei. So kann man beispielsweise den Vicomte d´Aure (er leitete Saumur von 1847–1854), Bauchers größten Gegner in Frankreich, getrost zu dieser reiterlichen Spezies zählen.

Baucher hatte viele renommierte Stallmeister sehr sauer gemacht. Nicht durch seine „neue“ Methode! Über diese hätte man sicher gesittet diskutiert, so wie es sonst auch geschah. Nein, es war seine unangenehm anmaßende und insbesondere in seiner Anfangszeit durch nichts gerechtfertigte Überheblichkeit, die er dem Wissen und der Leistung anderen gegenüber an den Tag legte.

Eine besonders scharfe Kritik an Baucher möchte ich hier einmal zitieren:

Noch niemals ist mir ein Buch zu Gesicht gekommen, welches mit gleicher Anmaßung, Verachtung alles außer ihm Bestehenden und Aufschneiderei sein Thema behandelt. Dies möchte ich dem Autor aber noch nachsehen; denn er ist Franzose, und hat sich als solcher vielleicht die Sprache der bekannten Bülletins Napoleons zum Muster genommen. Herr Baucher bringt uns aber auch nichts Neues, was gut wäre.
(F.von Knorr – 1843 – „Ansichten eines Nichtüberzeugten …“)

Aber nun gut – wieder zurück zu den Diskussionen zwischen den Reitlehren

Ich glaube mit Baucher haben sich die Sachthemen immer stärker vermischt mit persönlichen Befindlichkeiten der einzelnen Protagonisten. Je weiter man sich dabei der Neuzeit annähert, desto ausgeprägter und unqualifizierter wurden die Differenzen.

Offensichtliche IGNORANZ hielt in breiter Front Einzug. „Ich will mich nicht mit der anderen Seite beschäftigen, denn die andere Seite ist BÖSE!“ könnte als Überschrift darüber stehen. Auch hier sind persönliche Befindlichkeiten die Haupttriebfeder und behindern jede objektive Betrachtung und jeden konstruktiven Austausch.

Na ja, und dann darf man ja auch die anglomane Reiterei nicht vergessen, sie eroberte Kontinentaleuropa in großen Schritten. Sie stellte die Abkehr von nahezu allem dar, was man unter REITKUNST verstehen kann.

Nach dem Frieden von 1815 legte man in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, der größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur Gangart des Angriffs. Diese Punkte wurde nahezu ausnahmslos in jeder Armee als Verbesserung angesehen [2] und prägten entsprechend die Reitvorschriften, in Deutschland wie in Frankreich (eben u.a. durch d’Aure).

Das was in Deutschland, auch schon mit der Reitvorschrift von 1912, aber ganz extrem mit der HDv. 12 von 1937 zu Papier gebracht wurde und in noch vereinfachterer Form in der aktuellen Deutschen Reitlehre gelandet ist, lieferte nun fast grenzenloses Material für Diskussionen. Die neuzeitlichen Bilder der „Reiterei“ gießen nur noch mehr Öl ins Feuer des „Gelehrtenstreits“ und so kann die eine Seite (französische Lehre) sich als gut darstellen, während die andere Seite (deutsche Lehre) als schlecht betrachtet wird et vice versa.

Und hier kommen meine Eingangsworte „scheinbare UNWISSENHEIT“ und „FAULHEIT“ zur Bedeutung.

Baucher mit der aktuellen Deutschen Reitlehre zu vergleichen, ist genauso, als würde man eine Birne (Baucher) mit einem verfaulten Apfel vergleichen. Dieser Vergleich, gerne von neuzeitlichen „Baucheristen“ herangezogen, ist unseriös, birgt unnötigen Konfliktstoff und deutet entweder auf UNWISSENHEIT oder bewusstes (deshalb „scheinbar“) Unterschlagen hin. Bei einigen Protagonisten die sich im „Gelehrtenstreit“ sonnen, spielt möglicherweise auch FAULHEIT (in der Wissensfindung) eine Rolle!

ICH HOFFE, DASS WIR ALLE UNS IRGENDWANN EINMAL WIEDER AUF SCHÖNES, FEINES REITEN BESINNEN, WO PFERDE WICHTIGER SIND ALS MENSCHEN UND DER SINNLOSE „GELEHRTENSTREIT“ DER VERGANGENHEIT ANGEHÖRT.

Bedauerlicherweise erfordert dies von der aktuellen Deutschen Reitdoktrin – vor allem in der Form ihrer Umsetzung – ein besonders starkes, aber im Augenblick nicht erkennbares Umdenken! Aber auch den „Baucheristen“ täte es gut ihren Meister kritisch zu hinterfragen!

[1] de la Guérinière, Reitkunst, Vorrede des Übersetzers
[2] Friedrich Engels – 1858 – Kavallerie
[3] General Alexis l´Hotte, Ein Offizier der Cavallerie
[4] Otto von Monteton, „Unsere Pferde“ 7. Heft – über stätische Pferde – Zusammengefasst im Werk „Über Reitinstruktionen“
[5] von Oettingen -1885 – „Über die Geschichte und die verschiedenen Formen der Reitkunst“
[6] von Hochstätter – 1839 – „Militär und Civilreiterschule neuerer Zeit …“

 

Autor: Richard Vizethum
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ANLEHNUNG – ein paar Worte dazu

Als ich mich auf meinen Theoriekurs „Vorwärts-Abwärts – Sinn oder Unsinn“ vorbereitete begegneten mir, wie schon so oft, Begrifflichkeiten wie „Anlehnung“, „An das Gebiss herandehnen“ oder „Vom Gebiss abstoßen“.

Wie bei den allermeisten Begriffen hat auch bei diesen Begrifflichkeiten jeder Leser mitunter ein anderes Bild im Kopf. Will man sie aber wirklich-wirklich verstehen, dann muss man sich von den – mitunter falschen Bildern – neuzeitlicher Definitionen lösen und sich auf den Weg in die Vergangenheit machen.

Trust-your-Horse - Anlehnung

Ich möchte mich zunächst einmal auf den Begriff ANLEHNUNG konzentrieren. Die beiden anderen Begrifflichkeiten lassen sich darunter subsummieren.

Nimmt man sich die Meister der letzten paar hundert Jahre vor, bei denen ANLEHNUNG thematisiert wurde, dann bleibt als Quintessenz folgende Aussage stehen:

„ANLEHNUNG ist IMMER Druck auf die Laden des Pferdes. Dieser kann sanft aber auch sehr stark sein. Die Entscheidung über die Stärke des Drucks hat das Pferd!“
(Richard Vizethum)

Mehr gibt es darüber nicht zu sagen!

Und „politisch korrekt“ sollte man hier auch nicht versuchen zu formulieren, dies würde nur zu realitätsfernen Formulierungen führen.

Formulierungen wie beispielsweise in der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Diese sind verwirrend und nicht zielführend:

„Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Das Pferd soll durch das taktmäßige, losgelassene Vorwärtsgehen, wofür der Reiter mit seinen treibenden Hilfen verantwortlich ist, die Anlehnung an das Gebiss suchen und somit an die Hand des Reiters herantreten … sie muss das Ergebnis der richtig entwickelten Schubkraft sein.“
(Richtlinie für Reiten und Fahren Bd.1 Seite 171)

Diese Aussage beinhaltet eine ganze Menge Voraussetzungen, die so von den Altvorderen, wenn sie über Anlehnung sprachen, nicht in diesem Zusammenhang thematisiert wurden und die auch nicht zu jedem Ausbildungsstand eines Pferdes erfüllbar sind.

Volle Anlehnung“ wurde beispielsweise bei Steinbrecht schon beim Anreiten einer Remonte erwartet. Zu einem Zeitpunkt, wo man weit davon entfernt ist, von einem taktmäßig und losgelassen vorwärtsgehendem Pferd sprechen zu können. Einem Pferd, dem man seine Schubkraft erst einmal unter dem Reitergewicht wieder zurückgeben muss um sie dann zu entwickeln.

Auch stellt die Formulierung
Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul
ein nicht zu erreichendes Optimum dar, zumal der Kontakt ja vom Pferd ausgehen soll!

In diesem Zusammenhang sind wir dann auch bei den Begrifflichkeiten „An das Gebiss herandehnen“ und „Vom Gebiss abstoßen“.

Im Grunde genommen darf man sich das wie folgt vorstellen:

Dem Pferd wird das Gebiss „hingestellt“. Dabei dürfen die Zügel nicht zu lang sein, dies dürfte sich von selbst verstehen, zumindest hat das u.a. Steinbrecht so verstanden. Das Pferd wird motiviert vorwärts zu gehen und soll sich nun an die „Grenze“ Gebiss herandehnen – und zwar nach vorwärts.

Erreicht es bei diesem Dehnen die Grenze und „dehnt“ es sich weiter, wird der Druck auf die Laden immer stärker. Das Pferd hat nun die Möglichkeit sich tiefer in den Schmerz rein und auf die Zügel zu legen oder vom Schmerz zu weichen, sich also „vom Gebiss abzustoßen“.

Der lose Zügel scheidet die Reitlehren

Streng genommen müsste dabei ein „loser Zügel“ entstehen, also jener Hauch von Kontakt, den man sich doch in allen Reitlehren wünscht.

Genau! Das klingt doch alles so ähnlich wie die „unverrückbare Hand“ (siehe General L`Hotte) bei François Baucher – „Main fixe“. Diese stellt ein zentrales Element dessen Zügelführung dar. Leider wird dies häufig mit „fester Hand“ übersetzt, was zwangsläufig ein anderes, falsches Bild erzeugt.

Baucher macht damit genau das gleiche wie Steinbrecht und andere. Er zeigt dem Pferd eine klare Grenze auf. Und auch er erwartet, dass sich das Pferd von dieser Grenze, dem „Gebiss, abstößt“.

Dennoch gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied, nämlich eben diesen losen Zügel!

Während bei Baucher der lose Zügel ein gewünschtes Ergebnis ist, das Pferd soll „hinter die Hand“ (nicht zu verwechseln mit „hinter die Senkrechte“!) gehen – sich also auch vom „Gebiss abstoßen“, ist dieser „lose Zügel“ bei der deutschen Reiterei absolut nicht erwünscht.

So kritisierte beispielsweise Louis Seeger in seinem Pamphlet „Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter“ Francois Baucher wie folgt:
… weil sein Pferd auch hierin hinter dem Zügel geht, also nicht die bedingte leichte, sondern gar keine Anlehnung hat“.

Er ging sogar so weit, in diesem Zusammenhang auch gleich noch Erklärungen für die Nutzung des Nasenriemens beim englischen Reithalfter, sowie über eine mögliche Stärke der Anlehnung mitzuliefern:

Den Nasenriemen kann Herr Baucher entbehren, weil er nie das Pferd andauernd mit steter ZügelANLEHNUNG führt, es mithin keine Gelegenheit erhält, sich der STRENGEN Wirkung der Gebisse durch zu freie Bewegungen der Unterkinnlade zu entziehen, welches der NASENRIEMEN zu verhindern bestimmt ist.

Der Unterschied zwischen Baucher und Vertretern der Deutschen Reitlehre (die aktuelle Deutsche Reitlehre sei hier mal ausgeklammert) ist also schlicht nur ein Hauch von Druck mehr (lässt man jetzt mal Seegers „STRENGE Wirkung der Gebisse“ beiseite) bei der Deutschen Reitlehre. Gerittenes Optimum (jede Seite reitet im Wortsinne ihrer Regeln) unterstellt …

Druck Baucher = 0 / Druck Deutsche Lehre = >1

Sieht nach einem kleinen Unterschied aus – oder?

Allerdings ist anzumerken, dass man bei Baucher die 0 SIEHT, während man bei der Deutschen Reitlehre kaum erkennen kann, ob der Druck nun 1 oder 1+x ist.

Weiterlesen:
ANLEHNUNG – noch ein paar Worte

Autor: Richard Vizethum
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Spanische Hofreitschule – ein paar Worte dazu

„Die Spanische Hofreitschule Wien ist die älteste Reitschule und die einzige Institution der Welt, an der die klassische Reitkunst in der Renaissancetradition der „Hohen Schule“ seit mehr als 450 Jahren lebt und unverändert weiter gepflegt wird – was auch zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit zählt.“ [1]

Trust-your-Horse - Spanische Hofreitschule Quo Vadis

Doch was man in den letzten paar Jahren von der Spanischen Hofreitschule zu hören und zu sehen bekam, widerspricht dieser „Kulturpflege“.
Fragwürdige Entwicklungen in den Ausbildungsmethoden der Sportreiterei haben auch bei ihr Einzug gehalten. Wo früher Schönheit und Ausdruck das Bild bestimmten, hat man sich auch in der Vorstellung der Pferde optisch dem Zeitgeist angepasst.

Dies kann für die Zukunft dieses Institutes und für die gesamte Reiterei durchaus fatale Folgen haben.

Bis zum heutigen Tag basiert dort die Kenntnis über die Reitkunst der Renaissance und das daraus resultierende Methodenwissen auf mündlichen Überlieferungen. Die jungen Reiter haben von den alten und erfahrenen Bereitern und Oberbereitern gelernt und so wurde das Wissen über 450 Jahre nahezu unverändert weitergetragen.

Dieser Transfer wurde nicht nur unterbrochen, sondern das „neue Wissen“ welches gerade eingebaut wird, wird das sein, welches in Zukunft mehr oder weniger transportiert werden wird. Falls durch die stattfindende Reduzierung des Dialogs zwischen Alt und Jung überhaupt noch ein Wissenstransfer wie in der Vergangenheit stattfindet kann.

Einer Vergangenheit, bei der Reitmeister wie de la Guérinière, Max Ritter von Weyrother, Louis Seeger und der Freiherr von Oeynhausen neben dem k.u.k. Exerzierreglement für die Kavallerie [2] und den „Directiven“ von  Franz von Holbein-Holbeinsberg [3] die inhaltlichen Vorgaben für die Ausbildung von Reiter und Pferd an der Spanischen Hofreitschule darstellten und nicht niederländische Gedankenlosigkeit.

Ich hoffe sehr, man besinnt sich und kehrt zurück zu dem Weg, der auch dazu führte, das die Hofreitschule es zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit gebracht hat.

Aus Büchern kann man sich das Wissen der Vergangenheit erlesen, aber ob das, was wir herauslesen auch das ist, was der jeweilige Autor gemeint hat, wage ich zu bezweifeln.

Die Hofreitschule „war“ DIE Institution, quasie „die Hochschule des Reitens“, wie Oberst Alois Podhajsky sie nannte [2], die durch einen praktischen Wissenstransfer dafür gesorgt hat, dass diese, für die Reiterei so wichtigen Erfahrungen der Vergangenheit bis in unsere Zeit „so wie gemeint“ überdauern konnten.

Darum brauchen wir die ALTE Spanische Hofreitschule wieder!

Autor: Richard Vizethum
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Quellen:

  • [1] Spanische Hofreitschule Wien – Website
  • [2] Alois Podhajsky, Die klassische Reitkunst –
  • [3] Bernhard A. Macek, Franz von Holbein-Holbeinsberg: „Directiven“ der Spanischen Hofreitschule. Reitkunst, Militär und Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Wien 2007 (= Historica-Austria Bd. 7).

 

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VORWÄRTS-ABWÄRTS – ein paar Worte dazu

Auszug aus „Die Grammatik des Reitens“

Es wird immer wieder viel darüber diskutiert, welchen Beitrag das sogenannte „vorwärts-abwärts“ für das sinnvolle Training eines Pferdes hat. Ich möchte an dieser Stelle meine Sicht der Dinge darlegen.

Pferde als Bewegungs- und vor allem Fluchttiere sind auf eine hohe Fluchtgeschwindigkeit angewiesen. Aus diesem Grund kam es bei ihnen im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte zu einem körperlichen Umbau, der eine vermehrte Lastaufnahme auf die Vorhand mit sich brachte. Durch diese Lastverteilung nach vorne erreichen sie eine höhere Laufgeschwindigkeit.

PFERDE BEVORZUGEN DIE VORHAND

Grundsätzlich werden Pferde immer versuchen verstärkt auf die Vorhand zu kommen, denn neben dem Geschwindigkeitsaspekt, ist für Pferde, als energiesparende Lebewesen, die Nutzung der Vorhand energieeffizienter als eine vermehrte Nutzung der Hinterhand. Die Struktur der Hinterhand fordert bei verstärkter Beugung der Gelenke deutlich mehr Energie, als die vergleichsweise einfache Struktur der Vorhand.

Damit wir aber, wenn wir das Pferd zum Reitpferd ausbilden wollen, dieses auch über sehr lange Zeit gesund und leistungsbereit erhalten, ist eine verstärkte Nutzung der weit belastbareren Hinterhand unabdingbar.

Des Weiteren müssen bei einem Reitpferd vermehrt Muskelgruppen trainiert werden, welche es als Pferd nicht zwingend explizit trainiert, die wir aber bei ihm als Reitpferd benötigen. Als Beispiel sei der Trapezmuskel, jenes kleine Dreieck unterhalb des Widerrists genannt. Gerade dort findet man bei vielen Pferden eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Kuhle, welche in Verbindung mit nicht durchgezogen konvex geschwungener Oberhalslinie, ein Zeichen dafür ist, dass das Pferd sich nicht „selber trägt„.

Gerade bei Pferden, welche häufig (im Wortsinn) „vorwärts-abwärts“ geritten werden, findet man derartige Muskeldefizite. Welche sich dann noch – und das sei nicht unerwähnt – durch den Sattel verstärken.

VORWÄRTS-ABWÄRTS DAS NATÜRLICHE BESTREBEN DES PFERDES

Selbst wenn das Pferd vermehrt gelernt hat, sich im Widerrist anzuheben und auf die Hinterhand zu setzten, so wird es dennoch immer wieder instinktiv das Bestreben haben auf die Vorhand zu kommen um sich zu „entlasten“ und Energie zu sparen.

Lässt man nun also sein Pferd vermehrt und auch noch längere Strecken „vorwärts-abwärts“ gehen, so kommt das dem natürlichen Wunsch des Pferdes, vermehrt die Vorhand zu belasten, mit all den schädlichen Folgen für ein Reitpferd, deutlich entgegen.

Das, was man meist als „vorwärts-abwärts“ zu sehen bekommt – und dazu zähle ich auch das in der Westernreiterei immer stärker gewünschte Bild eines Pferdes mit der Nase knapp über Boden – ist der dauerhaften Gesunderhaltung des Pferdes massiv abträglich.

Das man durch vermehrtes Aktivieren der Hinterhand, trotz tiefer Kopfeinstellung, den Rücken anheben kann und das Pferd sich „selber trägt“, ist ein Mythos, der physikalisch nicht haltbar ist!

DIE ALTEN MEISTER UND VORWÄRTS-ABWÄRTS

Zieht man auf der Suche nach dem Ursprung des Vorwärts-Abwärts die „alten Meister“ zu Rate, so kann man feststellen, das diese beim Anreiten (z.B. Steinbrecht) oder zum Zwecke der Korrektur eines Pferdes so etwas ähnliches wie Vorwärts-Abwärts durchführten – allerdings mit dem deutlichen Schwerpunkt VORWÄRTS.

Dazu wurde das Gewicht des Pferdes etwas mehr in Richtung Schultern verlegten. Hals und Kopf wurden dabei in einer „natürlichen Haltung“ belassen. Das Pferd sollte sich an das Gebiss „herandehnen“, wobei man durchaus bestrebt war „volle Anlehnung zu gewinnen“ Dies beschreibt Steinbrecht wie folgt: „Der Reiter führe daher die Zügel verhältnismäßig kurz …“. Dabei soll der Reiter nicht die Anlehnung suchen, sondern er soll darauf warten, bis das Pferd “ sie [die Anlehnung] infolge der vortreibenden Hilfen und des dadurch bewirkten Streckens des Halses an das Gebiss von selbst nimmt“ [1].

Ein wesentlicher weiterer Aspekt einer ETWAS tieferen Einstellung von Hals und Kopf des Pferdes diente dem Zwecke der BIEGUNG (Seuning, Seeger …). Mit dem Mittel der Biegung wurde zum einen am GERADERICHTEN des Pferdes gearbeitet und zum anderen um Spannungen und Verspannungen (Korrektur) bei diesem aufzulösen.

Bei diesem Begriff muss man allerdings sehr vorsichtig sein, denn es handelt sich dabei nur im geringen Maße um eine laterale Biegung, sondern mehr noch um das Beugen (biegen) der Hinterhand, sowie das Aufrichten und Beizäumen!

Weiterlesen:
Wiedereinmal Vorwärts-Abwärts
Vorwärts-Abwärts und kein Ende

[1] Steinbrecht – Gymnasium des Pferdes – S.70

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
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