Keine positive Verstärkung ohne negative Verstärkung

In der Arbeit mit Tieren werden positive und negative Verstärkungen als Mittel der Ausbildung angewandt. Dabei wird häufig hervorgehoben, wie „wertvoll“ und wichtig die positive Verstärkung ist und wir negieren allzugern die Notwendigkeit und den elementaren Nutzen negativer Verstärkung.

Die Natur kennt (in der Konditionierung) keine isolierte „positive Verstärkung“ in dem Maße, wie wir Menschen dies gerne sehen möchten. Erziehung arbeitet „dort“ immer mit negative Verstärkung, der ggf. eine positive Verstärkung (Lob) folgt.

Keine positive Verstärkung ohne negative Verstärkung

Trust-your-Horse - keine positive ohne negative Verstärkung

Sehr häufig liest man Angebote von Ausbildern, die von sich behaupten ausschließlich mit positiver Verstärkung zu arbeiten. Hier darf festgestellt werden, dass diese entweder bewusst die Unwahrheit verkünden oder schlicht ein falsches Bild von dem haben, was man unter positiver und negativer Verstärkung versteht.

Bei jeder Form der kontrollierten Konditionierung und diese ist das Haupteinsatzgebiet von Verstärkungen, geht der positiven Verstärkung immer eine negative Verstärkung voraus.

Will man beispielsweise einem Pferd den Spanischen Schritt vermitteln, dann tippt man mit der Gerte solange ein Vorderbein an, bis das Pferd dieses leicht anhebt. In diesem Moment lässt man die Gertenwirkung aufhören (negative Verstärkung).
Ein daraufhin erfolgtes Lob oder eine Futtergabe (positive Verstärkung) verstärkt den Lerneffekt, hat die gewünschte Reaktion aber nicht ausgelöst.

Denkfehler positiv versus negativ

VERSTÄRKUNG (Reinforcement) ist ein Begriff aus der Lernpsychologie und dem Behaviorismus. Die Verstärkung beschreibt ein Ereignis, welches die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt und die Auftretenswahrscheinlichkeit gesteigert wird. Es wird dabei unterschieden zwischen „positiver“ und „negativer“ Verstärkung.

Immer aber, wenn die Worte „positiv“ und „negativ“ auftauchen, neigen wir Menschen dazu diese, aufgrund unserer Wert- und Moralvorstellungen, vorschnell und unüberlegt in gut (positiv) und schlecht (negativ) zu kategorisieren. Im Zusammenhang mit dem Konditionierungsmittel „Verstärkung“ ist dies ein großer Denkfehler.

Die korrekte Bedeutung hier von NEGATIV ist „etwas weglassen“ (beispielsweise das Antippen mit der Gerte) und von POSITIV „etwas hinzufügen“ (z.B. Leckerli oder Lob).

Nochmal zurück zum Beispiel „Spanischer Schritt“

Aber es geht doch auch NUR mit positiver Verstärkung! Ich warte halt, bis das Pferd ein Vorderbein hebt und belohne es dann!

Ja, kann man machen, wenn man sehr viel Zeit mitbringt. Aber auch dazu sei noch gesagt:
Wenn ich mich stundenlang neben mein Pferd stelle und darauf warte, dass es das Vorderbein hebt und dies dann –  irgendwann, vielleicht – auch  tatsächlich geschieht und ich begeistert lobe und Leckerli verabreiche, dann habe ich nichts anderes gemacht, als mit negativer Verstärkung gearbeitet, auf der ich dann wieder eine positive Verstärkung folgen ließ.

Die negative Verstärkung in diesem Beispiel war schlicht das „Wegnehmen“ meiner lästigen Anwesenheit und das Auflösen sinnlosen Herumstehens.

Dazu sei noch erwähnt, dass man in diesem Moment sogar eine „Widersetzlichkeit“ positiv verstärkt hat, denn das Pferd wollte durch das Anheben des Vorderbeins wahrscheinlich nur anzeigen, dass es dem Herumstehens überdrüssig geworden sei.

Sollte man nun auf den Gedanken kommen, sich neben sein Pferd zu stellen, um diesem durch Anheben eines eigenen Beins, das Tun „vorzumachen“, auch dann würde man mit „negativer Verstärkung“ arbeiten. Hebt das Pferd wie gewünscht das Vorderbein, dann würde man ja das Anheben des eigenen Beins einstellen, also etwas weg lassen.

Es lohnt sich immer über Begriffe intensiver nachzudenken, statt diese möglicherweise in die falsche Schublade abzulegen.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
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Binde Dein Pferd am Boden fest

Ground tying„, dieser Begriff kommt aus der Arbeit der Cowboys und bedeutet soviel wie „Etwas am Boden festbinden“.

In der Rancharbeit eines Cowboys gab es viele Situationen, in denen er vom Pferd absteigen musste (Rind untersuchen, Zaun reparieren …) aber keine Möglichkeit und Zeit hatte, währenddessen sein Pferd irgendwo anzubinden.

Also „band“ er es einfach am Boden fest.

Dazu ließ er einen Zügel, der im Westernreiten üblichen geteilten Zügel (Split Reins) oder den Führstrick am Bosal (klassische Hackamore), beim Absteigen zu Boden fallen. Für das Pferd bedeutet dies „Stehenbleiben!“. Und zwar so lange, bis der Cowboy wieder zurückkam.

Das „ground tying“ sollte man jedem Pferd beibringen (Halfter und Führstrick), damit es ruhig stehenbleibt, während man beispielsweise den Sattel holt oder das Pferd putzt.

Trust-your-Horse - Binde Dein Pferd am Boden fest

Die wichtigsten Voraussetzungen, die man als Mensch für das Training des „ground tying“ mitbringen muss sind:

  • Vertraue Deinem Pferd,
  • Emotionslosigkeit und
  • Geduld.

Wie geht man vor?

Man stellt sein Pferd in der Reitbahn ab und lässt den Führstrick zu Boden fallen. Dabei sollte das Pferd möglichst im natürlichen Gleichgewicht stehen, also geschlossen und nicht in Schrittposition. Dann geht man um das Pferd herum. Die eigene Körperhaltung sollte dabei Selbstsicherheit und Ruhe ausstrahlen. Ein ständiges zum Pferd umschauen ist nur ein Zeichen von Unsicherheit und der Wunsch die Kontrolle zu behalten und nicht zielführend. VERTRAUE DEINEM PFERD!

Geht das Pferd nun los – was am Anfang häufiger vorkommt – dann holt man es sehr ruhig und souverän wieder zurück und stellt es genau wieder an dem Ort ab, von dem es losgegangen ist und beginnt erneut in einem Abstand von 2-3 m um das Pferd herumzugehen.

Bleibt es irgendwann für eine komplette Umrundung stehen, dann lobt man es sehr intensiv und vor allem ehrlich. Ehrliches Lob klappt nur, wenn man die Erwartungshaltung in das Pferd nicht zu hoch angesetzt hat.

ZIEL: Pferd soll stehenbleiben  + ERWARTUNG: Keine = Viel Grund zu loben!

Mit der Zeit kann man die Distanz zum Pferd vergrößern und nach einigem Üben bleibt das Pferd auch dann auf der Stelle stehen, wenn man mal die Reitbahn verlässt.

Und wieder hat man ein Stück Weg zum coolen Pferd geschafft und dabei auch an der eigenen Persönlichkeit gearbeitet!

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