Warum MÜSSEN wir Pferde aufrichten?

Ja, warum überhaupt ist es notwendig, dass wir Pferde in eine AUFRICHTUNG bringen?

Der größte Teil der Reiterwelt findet doch sein Vergnügen darin, die Pferde häufig in Dehnungshaltung oder darunter zu reiten. Dies aber ist der FALSCHE Weg. Wir müssen Pferde aufrichten. Aber gut, ich versuchs mal zu erklären …

Trust-your-Horse - Warum müssen wir Pferde aufrichten?

Betrachten wir uns doch einmal die
GEWICHTSVERTEILUNG DES PFERDES IN SEINER NATÜRLICHEN HALTUNG

Ein Pferd von 500 Kg Gewicht, ohne Reiter, in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG bzw. Aufrichtung, (Nase in etwa Höhe Hüftgelenk) bringt in dieser Haltung etwa 46 Kg mehr Gewicht auf die Vorhand als auf die Hinterhand. Als Grundlage für diese Aussage wurden Messungen von Baucher/Morris (etwa um 1840) herangezogen und auf ein 500 Kg Pferd umgerechnet.

Die Natur hat das Pferd als Fluchttier mit dieser Vorhandlastigkeit ausgestattet, um bei Bedarf – energiesparend – höhere Fluchtgeschwindigkeiten zu erreichen. Wir merken uns hier schon mal HÖHERE FLUCHTGESCHWINDIGKEITEN.

Mitunter bringt – beispielsweise auf der Flucht – das Pferd, durch weiteres Absenken des Kopfes bzw. Brustkorbs noch mehr Gewicht auf die Vorhand und erzeugt damit – durch den Balanceverlust nach vorne – zusätzliche Geschwindigkeitssteigerungen. Dies aber i.d.R. nur für eine sehr kurze Distanz, denn tieferer Kopf bedeutet WENIGER SEHEN = HÖHERES RISIKO.

Also:
Kopf tiefer = höhere Geschwindigkeit = höheres Risiko = höherer Stress und bedeutet für den Reiter im Zweifelfall Kontrollverlust, da das Pferd seine instinktiven Kräfte zur vollen Entfaltung bringen kann.

SO, UND NUN SETZEN WIR DEN REITER DRAUF

Nehmen wir einen Reiter mit einem Gewicht von 60 Kg. Ebenfalls aufgrund der Messungen von Baucher/Morris kann man davon ausgehen, dass der Reiter mit 2/3 also 40 Kg die Vorhand und mit 1/3 also 20 Kg die Hinterhand stärker belastet. Eine Dissertation an der veterinärmedizinischen Fakultät Wien kommt zu etwas anderen Ergebnissen, basiert aber auf falschen Grundannahmen, wie im Übrigen viele aktuelle Studien nicht ganz frei von Fehlannahmen sind.

Unterstellen wir nun, dass das Pferd weiterhin in seiner NATÜRLICHEN HALTUNG steht, dann sind jetzt 66 Kg. mehr Gewicht auf der Vorhand. In der Bewegung würde die Beschleunigungsfähigkeit quasi steigen.

Geht das Pferd jetzt beispielsweise in der DEHNUNGSHALTUNG (Nase Höhe Buggelenk, konvexe Oberlinie und offener Genickwinkel) dann würde das Pferd OHNE Reiter 68 Kg mehr Gewicht auf die Vorhand bringen, MIT REITER sogar 88 Kg!

Ein Gewicht, welches in dieser Haltung (Dehnungshaltung) nicht durch das vorgreifende Vorderbein abgestützt wäre. Der Teil, der über das Vorderbein kommt, liegt dem Reiter komplett in der Hand. Dies bedeutet: DAS PFERD IST DEUTLICHER AUS DER BALANCE nach vorne. Privat kann es das kurzzeitig mal so machen – unterm Reiter ist das keine gute Idee, kann zu massiven Kontrollverlusten führen!

Erwähnt sein noch, dass diese Gewichtsmessungen im STEHEN erfolgt sind, kommt Bewegungsdruck dazu – der ja in der Dehnungshaltung konsequent VORWÄRTS-ABWÄRTS geht – reden wir von anderen Größenordnungen.

Zurück zur Frage warum wir unbedingt AUFRICHTEN MÜSSEN …

DAS REITERGEWICHT MUSS KOMPENSIERT WERDEN

Nun gut. Wir setzten also einen Reiter auf das Pferd.
Nachdem sich das Pferd an diesen gewöhnt hat, was heißt: der STERNENGUCKER hat den Weg in die (korrekte) TIEFE (= Nase etwa Höhe Hüftgelenk) gefunden, der Rücken, der kurzzeitig etwas nach unten gegangen war hat sich wieder in seine URSPRÜNGLICHE POSITION aufgewölbt und das Pferd ist VERTRAUENSVOLL AM GEBISS und nicht wie beim STERNENGUCKER über dem Gebiss.

Das war damals, als man die Pferde noch NICHT durch sinnvolle Bodenarbeit vorbereitet hat, nach maximal einer Woche erledigt und das primäre Ziel wurde ins Auge gefasst – dieses war (und sollte noch immer sein):

DER HINTERHAND MEHR GEWICHT ZUZUSCHIEBEN. Dies hat – neben der Verbesserung der Sicherheit – primär mit der Gesund- und Leistungsbereiterhaltung des Pferdes zu tun.

Zunächst geschieht dies einfach nur dadurch, dass man das nach vorne überhängende Reitergewicht gleichmäßig (schlicht 50:50) auf Vorder- und Hinterbeine des Pferdes verteilt. D.h. bei dem 60 Kg-Reiter der mit 40 Kg die Vor- und mit 20 Kg die Hinterhand belastet, müssten 10 Kg nach hinten verschoben werden.

Und wie macht man das?

Alternative 1:

MAN SETZT DEN REITER WEITER NACH HINTEN. Diese dumme Idee gab es vor knapp 200 Jahren schon mal, wurde zum Glück für die Pferde wieder verworfen (na ja, nicht ganz: Die Islandreiterei praktiziert dies mitunter noch).

Alternative 2:

WIR RICHTEN DAS PFERD AUF. Dies tun wir ausgehend von seiner NATÜRLICHEN HALTUNG!!!

Und dabei brauchen wir noch nicht an „Hankenbeugung“ denken, wie die Herrschaften, die glauben, man könnte ein Pferd in diesem Stadium von HINTEN NACH VORNE reitend RELATIV aufrichten.

NEIN, wir müssen das Pferd zunächst von VORNE NACH HINTEN arbeiten und OHNE HANKENBEUGUNG aufrichten. Das WIE lasse ich an dieser Stelle offen (da werde ich an anderer Stelle extra drauf eingehen – vielleicht). Wichtig ist zunächst nur das man es TUN MUSS und noch wichtiger ist, dass man das Pferd NICHT UNTER SEINE NATÜRLICHE HALTUNG lässt – also auch KEINE DEHNUNGSHALTUNG!

Mit diesem AUFRICHTEN einher geht im Training ein MUSKELUMBAU der die Oberlinie des Pferdes stärkt und es dem Pferd möglich macht – OHNE ANSTREGUNG – eine höhere Haltung (mit entsprechender Beizäumung) einzunehmen und diese sehr LANGE zu halten. Viele so gearbeitet Pferde laufen auch auf der Koppel mit mehr Aufrichtung.

Arbeitete man aber öfter in Dehnungshaltung oder darunter, verzögert sich dieser Muskelumbau deutlich, bis hin zu dessen Unmöglichkeit – reitet man Vorwärts-Abwärts aktiv. Korrekturen solchermaßen in Grund und Boden gerittener Pferde gestalten sich sehr schwierig und für Pferd und Reiter anstrengend (nimmt man diese Korrekturen ernst).

Jetzt hab ich ein bisschen über das WARUM MÜSSEN WIR AUFRICHTEN gesprochen. Nun stellt sich aber die Frage

WARUM ARBEITEN WIR IN DER REITEREI EIGENTLICH SO INTENSIV GEGEN DIESEN MUSKELAUFBAU?

Immer wieder höre ich die Argumentation:
Man muss doch mal ein in Aufrichtung gearbeitetes Pferd dehnen lassen!„, sozusagen als Gegenpart zur Aufrichtung.

JA, man muss es schon mal STRECKEN lassen – WENN, JA WENN man das Pferd FALSCH AUFGERICHTET und ZU ENG GENOMMEN hat, was heute in allen Fakultäten – mit wenigen Ausnahmen – zu sehen ist. Die Kandare spielt bei dieser fehlerhaften Arbeit eine nicht ganz unwesentliche Rolle – von wegen feines Instrument.

Aber auch zum Zwecke des Streckens wäre die DEHNUNGSHALTUNG völlig falsch. Das Pferd kommt vom Regen in die Traufe. Die Belastung der Muskulatur bleibt. Lediglich (bei falscher Aufrichtung/Beizäumung) würde sich die Luftzufuhr einer nicht mehr gequetschten Luftröhre verbessern. Da schnauben dann die Pferde auch schon mal gerne ab.

Ein korrekt aufgerichtetes Pferd dagegen geht NIE ZU ENG!

WAS ERREICHEN WIR DURCH DEHNUNGSHALTUNG UND SONSTIGEN VORWÄRTS-ABWÄRTS VARIANTEN?

Zum POSITIVEN hin:
Einfach gesprochen ABSOLUT NICHTS!

Zum NEGATIVEN hin:
Wir bringen das Pferd vermehrt auf die Vorhand. Wir erhöhen für das Pferd die Möglichkeiten seine instinktiven Kräfte noch stärker zu nutzen, statt diese zu reduzieren. Stichwort: HÖHERE FLUCHTGESCHWINDIGKEIT. Wir verzögern (im günstigsten Fall) den notwendigen Muskelumbau. Und … und … und …

SCHLUSSWORTE

So, ich beende den Text an dieser Stelle und hoffe sehr dass man diesen bis hierher gelesen hat. Großartig wäre es, wenn es mir damit gelingen würde, zum Nachdenken anzuregen.

Dies wäre insbesondere wichtig, da die heute gelehrte und auch von „renommierten“ Herrschaften und Fakultäten vertretene Biomechanik in vielen Teilen falsch ist, bzw. wichtige biomechanische Sachverhalte aus Unkenntnis und Unwissenheit nicht dargestellt werden. Was in seiner Konsequenz zu völlig falschen Trainingskonzepten und zu Lasten der Pferde geht!

Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachtet
Autor: Richard Vizethum
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Gewichtsverteilung Vor- und Hinterhand – ein Versuch

Ein Kernziel einer korrekten Dressur ist die Veränderung der Gewichtsverteilung zwischen Vorhand und Hinterhand des Pferdes. Wobei der Hinterhand mehr Gewicht zugeschoben werden muss.

Gerade in der heutigen Zeit, in der es Mode geworden ist Pferde – für diese ungesund – verstärkt auf der Vorhand laufen zu lassen, ist es wichtig diese Ausbildungsnotwendigkeit wieder verstärkt in den Fokus zu rücken.

Trust-your-Horse - Gewichtsverteilung Vorhand - Hinterhand beim Pferd

Hierzu möchte ich auf die höchst interessanten Versuche verweisen, die die Herren Baucher und Morries in Paris angestellt haben um ein genaueres Bild über die Gewichtsverteilung zwischen Vor- und Hinterhand zu erhalten. Freiherr von Krane hat die Ergebnisse 1856 in seinem Werk über „Die Dressur des Reitpferdes[1] dokumentiert. Wobei er die Daten aus dem Baumeister’schen Werke: „Anleitung zur Kenntniß des Aeussern des Pferdes[2] entnommen und dessen Kilogrammwerte in Pfund übertragen hat. Zum besseren Verständnis wurde an dieser Stelle wieder auf die ursprünglichen Kilogrammangaben von Baumeister zurückgegriffen.

Baucher und Morris stellten ein gut- und symmetrisch gebautes Pferd mit Vor- und Hinterhand auf je eine Brückenwage, um zu prüfen, wie viel Gewicht auf Vor- und Hinterhand kam. Eine Gewichtsverlagerung von 3-5 Kilogramm wurde dabei den Bewegungen der Gedärme und dem Atmen gezollt. Freiherr von Krane fragte sich dabei aber, ob diese Gewichtsveränderung nicht „auch eine geringe dem Auge unbemerkbare veränderte Körperhaltung“ ausgelöst haben könnte.

Doch nun zu den gewonnenen Erkenntnissen …

VERSUCH 1

Zunächst wurde das Pferd (ohne Reiter) in eine gewöhnliche, eher niedrige als hohe Hals/Kopf-Einstellung (es darf davon ausgegangen werden, dass die Nase des Pferdes dabei auf Höhe Hüftgelenk oder geringgradig darunter war [3]) gebracht.

  • 384 Kg. Gesamtgewicht
  • 210 Kg. Vorhand
  • 174 Kg. Hinterhand
  •   36 Kg. MEHRBELASTUNG VORHAND (9,4%)

VERSUCH 2

Danach wurde der Kopf (Nase) des Pferdes bis zur Bugspitze abgesenkt. Diese erniedrigte Stellung ergab folgende Werte:

  • 384 Kg. Gesamtgewicht
  • 218 Kg. Vorhand
  • 166 Kg. Hinterhand
  •  52 Kg. MEHRBELASTUNG VORHAND (13,5%)

VERSUCH 3

Schließlich wurde der Kopf so weit erhöht, dass die Nase auf Höhe des Widerrists stand, diese hohe Einstellung führte zu folgenden Ergebnissen

  • 384 Kg. Gesamtgewicht
  • 200 Kg. Vorhand
  • 184 Kg. Hinterhand
  • 16 Kg. MEHRBELASTUNG VORHAND (4,2%)

Somit wurden Mehrbelastungen der Vorhand des Pferdes (ohne Reiter) im Zustand der Ruhe ermittelt, welche in den beiden Extremen eine Differenz von 36 Kilogramm ergab. Der Einfluss der Halsposition auf die Schwerpunktverlagerung darf also als gegeben betrachtet werden!

VERSUCH 4

Anschließend bestieg Francois Baucher (64 Kilogramm) das Pferd. Er nahm einen „schulgerechten Sitz“ (von Krane) ein. Hals und Kopf des Pferdes wurde in eine gewöhnliche, mittlere Haltung gebracht – analog Versuch 1.

Durch den Reiter wurden die Gewichtsverhältnisse wie folgt verändert. Die Zahlen in Klammern stellen das Gewicht des Reiters dar:

  • 448 Kg. Gesamtgewicht (64 kg)
  • 251 Kg. Vorhand (41 Kg)
  • 197 Kg. Hinterhand (23 Kg)
  •   54 Kg. MEHRBELASTUNG (18 Kg)

D.h. die Vorhand des Pferdes trug bei diesem Versuch (4) ca. 12,1% mehr Gewicht als die Hinterhand. Zu beachten ist, dass das Pferd sich dabei in Ruhe befand.

Der Faktor Bewegung dürfte diesen Wert durchaus nicht unerheblich ansteigen lassen – insbesondere im (nicht versammelten) Galopp. Denn in dieser Gangart wird das Reitergewicht deutlich der Vorhand zugeworfen.

Ein trainingstechnisches Verstärken dieser Vorhandlastigkeit – beispielsweise durch aktives Vorwärts-Abwärts (hierzu zählt auch die der Show geschuldete tiefe Einstellung von Kopf und Hals, wie dies in der Westernreiterei der heutigen Zeit intensiv praktiziert wird) – ist im günstigsten Fall  NUR kontraproduktiv im ungünstigsten Fall aber gesundheitsschädlich für das Pferd.

Quellangaben:

  • [1] von Krane – 1856 – „Die Dressur des Reitpferdes“ – Verlag Coppenrath‘sche Buch- und Kunsthandlung – Seite 70f
  • [2] W. Baumeister – 1863 – „Anleitung zur Kenntnis des Äußeren des Pferdes“ (5.Auflage – 1. Auflage 1852) – Verlag Ebner und Seubert – Seite 205
  • [3] Anmerkung des Verfassers.

Autor: Richard Vizethum
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