Dehnungshaltung und MEHR

Dieses Thema ist nicht so ganz einfach in ein paar Sätzen erklärt. Ich versuche es trotzdem mal wieder:

1 | Natürliche Haltung

In seiner NATÜRLICHEN HALTUNG, die für jedes Pferd individuell festgestellt werden muss – welche aber i.d.R. meist auf Nase Höhe Hüftgelenk ist – können die Muskeln, Bänder und das Skelett OPTIMAL harmonieren und auch die Last des Reiters kompensieren.

Das Erkennen der „natürlichen Haltung“ stellt eine wichtige Aufgabe für den Ausbilder eines Pferdes dar, ist aber nicht immer so ganz einfach. Viele Pferde haben ja schon eine Vorgeschichte, einen bestimmten Ausbildungsstand, in dem man sie dieser Haltung „entfremdet“ hat – sei es nach OBEN – oder noch schlimmer: nach UNTEN.

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2 | Der Weg nach Oben

Grundsätzlich sollte man im Training von der „natürlichen Haltung“ ausgehend, nach OBEN arbeiten, denn zu den Hauptaufgaben der Ausbildung eines Pferdes gehört es der Hinterhand mehr Last zuzuschieben und damit die BEWEGUNGSFLEXIBILITÄT des Pferdes zu erhöhen, was letztendlich auch einen Sicherheitsfaktor darstellt. Zu jedem Zeitpunkt dieser Arbeit ist darauf zu achten, dass der Rücken sich NICHT unter die Horizontale der Rückenwirbelsäule absenkt (geringgradige Absenkungen stellen kein Problem dar).

3 | „Aufwölbung des Rückens“

Eine „Aufwölbung“ des Rückens, von der man oft zu träumen scheint, über die horizontale Linie der Rückenwirbelsäule (im Kontext der „natürlichen Haltung“) hinaus, ist so gut wie nicht möglich und das Pferd müsste dazu Beugemuskeln „missbrauchen“, was zu Verspannungen führt.

4 | Die „korrekte“ Dehnungshaltung

Die DEHNUNGSHALTUNG an sich stellt zunächst einmal kein Problem dar, so sich diese wie folgt definiert:

  • konvexe Oberhalslinie
  • Nase ÜBER Buggelenk
  • das Genick muss offen sein und die Nase vor der Senkrechten
  • das vorfußende Vorderbein MUSS unter das Nasenlot (gedachte lotrechte Linie von der Pferdenase zum Boden) treten.

ABER:

Der Punkt „vorfußendes Vorderbein unter Nasenlot„, dem heute keine Beachtung geschenkt wird, ist so gut wie nie in der Dehnungshaltung zu erreichen, was bedeutet, dass das Gewicht welches über das vorfußende Vorderbein hinausragt, vollständig in der Reiterhand liegt! Schon aus diesem Grund ist die Dehnungshaltung nicht anzuraten.

Der Reiter sollte, auch um dies (Gewichtsüberhang) festzustellen, sich grundsätzlich um eine „stillstehenden Hand“ bemühen. Folgt man aber stattdessen mit einer „mitgehenden Hand“ noch sehr übertrieben, den Bewegungen des Pferdekopfes, dann bekommt man von diesem Gewichtszuwachs in den eigenen Händen fast gar nichts mit. Das Pferd kann jetzt schauen, wie es mit dem Gewichtsüberhang selbst fertig wird. Einem Gewichtsüberhang, der durch eifriges Nachtreiben stetig erhalten und sogar gemehrt wird.

5 | Dehnungshaltung und Remonten

Die DEHNUNGSHALTUNG ist darüber hinaus für junge Pferde (Remonten) völlig ungeeignet, da, wenn man sie so ausgeführt wie oben (Punkt 4) dargestellt, die Oberlinie ziemlich unter Druck steht, eine Belastung, die noch nicht dem Ausbildungsstand entsprechend wäre. Das Pferd des Weiteren die Hilfen (vor allem die Beinhilfe) gut annehmen muss.

6 | Dehnungshaltung und der „moderne“ Pferdetyp

Bei, vor allem kurzen Pferden (u.a. der moderne Pferdetyp), die meist auch mit den Vorderbeinen etwas rückständig stehen und sich bewegen (den Torso quasi über die Vorderbeine schieben – flapsig ausgedrück) oder bei hinten überbauten Pferden, verbietet sich AUCH die DEHNUNGSHALTUNG absolut! Denn bei diesen Pferden schadet sie nachhaltig deren Gesundheit! Weil das nicht erkannt wird (oder man es nicht erkennen will) schmipft man lieber auf die Zucht, statt das (ungeeignete) Trainingskonzept zu überdenken!

7 | Dehnungshaltung und Entspannung

Aus der dargestellten Art der Ausführung lässt sich auch sehr einfach schließen, das die DEHNUNGSHALTUNG keinesfalls dem Zwecke der Entspannung dienen kann. Ich persönlich lasse die Pferde im STEHEN Pause machen (siehe Parkposition als Lösungsmittel), sich dehnen und entspannen. Das hat noch den zusätzlichen Nutzen, dass sie STEHEN lernen – selbst der Zappeligste – auch wenn die Welt um sie herum tobt!

8 | Das Pferd muss sich doch mal strecken dürfen!

Als weiterer Punkt wird oft angeführt: Das Pferd muss sich doch mal strecken (dehnen) dürfen. Diese Aussage bringt man dann auch noch in Zusammenhang mit dem LÖSEN. Doch DEHNUNGSHALTUNG und LÖSEN haben, wie schon unter dem Aspekt der Entspannung angesprochen, im Grunde nichts gemein. LÖSEN heißt lockern. Doch in der Dehnungshaltung stehen manche Muskelgruppen ziemlich unter Druck – von Lösen also kaum eine Spur.

Auch ist es völlig kontraproduktiv ständig und beinahe schon reflexartig lösen zu wollen. Käme ein Pferd während des Trainings immer wieder in eine (vom Reiter) unkontrollierte Spannungssituation, dann wäre es für den Reiter sehr dringend an der Zeit sich einmal Gedanken über seine eigene Emotionalität und die Sinnhaftigkeit seines Trainingskonzeptes zu machen.

An dieser Stelle sei auch einmal auf die Arbeitsbelastung unserer Pferde verwiesen. Die allermeisten unserer Pferde sind Couch-Potatos. Wo werden Pferde denn noch mehr als 1 Std. pro Tag intensiv gearbeitet und das 6 Tage die Woche? Ich habe Aussagen von Therapeuten und Reiter/innen gehört, die mit Inbrunst der Überzeugung gefordert haben, dass man ein Pferd nicht mehr als drei Tage hintereinander arbeiten dürfe, dann wäre ein Pausentag notwendig, damit die Muskeln sich wieder erholen könnten! Erholen von WAS bitte?

Na gut, einen Grund hätte ich: SCHLECHTES REITEN!

9 | Ein Pferd ohne Not auf die Vorhand zu bringen ist trainingstechnisch kontraproduktiv

Alles was die Pferde im Laufe der Ausbildung auf die Vorhand bringt, behindert die korrekte Ausbildung! Wenn man nun auch noch sieht, welcher Aufwand z.T. betrieben wird, um den Pferden den Weg in die (VÖLLIG FALSCH VERSTANDENE UND UNSINNIGE) TIEFE zu zeigen, dann stellt sich die Sinnfrage erst recht! Insbesondere auch unter dem Aspekt, dass man diese Pferde schwer wieder hoch bringt! Ich korrigiere sehr, sehr häufig derart verrittene Pferde, arbeite daran, sie wieder nach oben und zum „sich selber tragen“ zu bringen! Das ist ein harter Job! Und vor allem wäre er nicht nötig, würde man korrekt (wie es die „Alten“ machten) ausbilden!

10 | Die Beliebigkeit der Kopf-/Halsposition bei korrekter Arbeit

Wenn man davon spricht, dass jedes Pferd in jeder Kopf-/Halsposition reitbar sein muss, so ist dies RICHTIG! Jede Gangart und jedes Tempo fordern eine etwas andere Kopf-/Halsposition. Arbeitet man die Pferde – ausgehend von der „natürlichen Haltung“ – nach OBEN, so ist das Erreichen dieses Ziels zu keinem Zeitpunkt ein Problem. Die Pferde müssen die verschiedenen Positionen nicht lernen! Also effizientes Arbeiten!
Arbeitet man – insbesondere zu Beginn der Ausbildung verstärkt nach UNTEN, so ist dies NICHT im gleichen Maße und der gleichen Feinheit mehr möglich!

Ein KORREKT nach OBEN trainiertes Pferd wird jede beliebige Hals-/Kopfposition nach Aufforderung einnehmen können, ein nach UNTEN trainiertes Pferd dagegen NICHT (ohne Kraftaufwand durch den Reiter)!

11 | Zusammenfassung

Das war jetzt schnell mal runter geschrieben. Da fehlen noch viele Punkte. Nur so viel: Die Dehnungshaltung (Punkt 4) stellt sicher für die Gesundheit des Pferdes kein größeres Problem dar, macht aber trainingstechnisch keinen Sinn!

Jede tiefere Einstellung als diese ist noch sinnloser und gefährdet dazu aber durchaus auch noch die Gesundheit des Pferdes. Solche Positionierungen sind daher abzulehnen. Man kann schon mal, zum Ende des Trainings „alle Fünfe gerade sein lassend“ und die Zügel hingeben. Das schadet dem Pferd nicht, vorausgesetzt es darf dabei SEIN (SCHRITT)TEMPO gehen – kein Nachtreiben durch den Reiter!

Oben habe ich von BEWEGUNGSFLEXIBILITÄT gesprochen. Ein Pferd, welches mit hoher Aufrichtung auf der Hinterhand arbeitet ist gut in der Balance und besitzt eine hohe Bewegungsflexibilität. Solche Pferde können sich auch in einem Raum von 12,5 m x 12,5 m TUMMELN. Vorwärts-Abwärts trainierte Pferde können das NICHT!

BEWEGUNGSFLEXIBILITÄT ist ein SICHERHEITSFAKTOR!

Autor: Richard Vizethum
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Ein kleiner „technischer“ Vergleich

In diesem Vergleich geht es um die „Lenkbarkeit“ eines Pferdes.

Die Fähigkeit ein Pferd in jeder Situation sicher steuern zu können ist ein wesentlicher Faktor, der zur Sicherheit des Reitens beiträgt, ich denke, da wird mir jeder zustimmen.

Interessanterweise scheint man darauf keinen wirklich großen Wert zu legen.

Aber zunächst zurück zum Vergleich

Trust-your-Horse - Ein kleiner technischer Vergleich

Auf dem Bild sind verschiedene Kopf-Halspositionen grob skizziert. Die rote Linie stellt in etwa die Höhe des Hüftgelenks beim Pferd dar.

Von links nach rechts sind folgende Haltungen dargestellt:

  • „Jagdhundschnüffler“
  • Dehnungshaltung
  • Natürliche Haltung
  • Gebrauchshaltung
  • Klassische (max.) Aufrichtung

Nun kann jeder einmal darüber nachdenken, bei welcher Hals-/Kopfposition wohl die maximalste Lenkwirkung erreicht wird?!

Und wenn ich von LENKEN spreche, dann meine ich nicht das „gerade-mal-so-um-die-Ecke-kommen-ohne-das-die-Kruppe-nach-Außen-weicht“ (quasi das Dressur-/Springpferdemodell), sondern eine blitzschnelle Drehung nur ausgelöst durch eine Körperbewegung des Reiters – ohne Aktivitäten der Zügel und der Beine! Also das Reiten auf engstem Raum (weil das Thema gerade ja so eifrig diskutiert wird).

Ich will es mal abkürzen…

Je senkrechter der Hals steht, desto besser kann das Pferd auf engstem Raum blitzschnell bewegt werden – was ja einen riesigen Sicherheitsfaktor darstellen würde. Die KLASSISCHE AUFRICHTUNG wäre also das Modell mit maximaler SERVO-UNTERSTÜTZUNG – und jetzt sind wir beim Vergleich (zur Lenkung eines Autos).

Je tiefer Hals und Kopf eingestellt werden, desto geringer ist diese Servo-Unterstützung. Unterhalb der „natürlichen Haltung“ ist diese „Unterstützung“ so gut wie nicht mehr existent – insbesondere bei der „Jagdhundschnüffelei“. Hier muss man die Lenkachse selber drehen – will heißen: der Reiter muss mit Hand und Bein nachhelfen. Auch ist der Wendekreis – freundlich ausgedrückt – eher suboptimal.

Warum also sollten wir die Pferde unter ihre „natürliche Haltung“ zwingen, Lenkfähigkeit und damit Sicherheit aufgeben?

Anzumerken sei noch:
Jedes Tempo / jede Gangart hat ihre optimale Kopf-Halshaltung und in der sollte das Pferd auch gehen dürfen.

DOCH ALLES UNTER DER NATÜRLICHEN HALTUNG GEHÖRT NICHT DAZU!

Autor: Richard Vizethum
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Vorwärts-Abwärts – eine Story

Vor ein paar Wochen konnte ich, während der Arbeit mit einer Reitschülerin, parallel eine Reiterin beobachten, die mit ihrem Pferd Lektionen ritt. Das Pferd, war ein Warmblut, mit wunderbaren Gängen, welche man allerdings mehr erahnen als sehen konnte.

Trust-your-Horse - Vorwärts-Abwärts - noch eine Geschichte

Die junge Dame begann  nach einer sehr kurzen Schrittphase zu traben, dabei, wie auch im später folgenden Galopp, ließ sie ihr Pferd Vorwärts-Abwärts gehen, mitunter in einer sehr tiefen Einstellung.

Es wäre wirklich lohnenswert gewesen, diesen Ritt auf Video aufzuzeichnen, denn man konnte eine ganze Menge herauslesen, was Vorwärts-Abwärts (in welcher Variante auch immer) in Frage stellt! Hier ein paar Punkte:

  1. Der hohe Bewegungsdruck aus der Hinterhand musste vom Pferd mit stark stützenden Vorderbeinen abgefangen werden. Diese (die Vorderbeine) mussten dabei einen „Spagatschritt“ (in Bewegungsrichtung) machen!
  2. Durch die vermehrt stützende Funktion kamen die Vorderbeine nicht schnell genug aus dem Boden, so dass sich das Pferd ab und zu in die Unterseiten der Vorderhufe trat oder es seitliche Ausweichschritte vollführte.
  3. Die Kruppe wurde hinten ausgestellt und machte hüpfende Aufwärtsbewegungen!
  4. Sattel und Reiter wurden der Vorhand zugeworfen und drückten zwangsläufig in den Trapezmuskelbereich. Ein „Selbsttragen“ des Pferdes wird damit massiv eingeschränkt oder gar unmöglich gemacht.
  5. Ab einem bestimmten Tempo stellte das Pferd die Beschleunigung ein, da es sonst in ernstliche Schwierigkeiten gekommen wäre. In solchen Momenten wird oft durch den Reiter nachgetrieben und so das Pferd weiter unter Stress gesetzt.
  6. Als die junge Dame das Pferd wieder aufnehmen wollte, ging es sofort hinter die Hand und der Hals zeigte einen deutlichen „falschen Knick“. D.h. das Pferd legte sich zunächst auf die Hand (was man ihm ja durch V/A „beigebracht“ hat) und wich dem sich damit verstärkenden Druck auf Zunge und Lade schließlich nach hinten aus. Dies wurde – und das sei hier auch ausgeführt – durch den Sperrriemen, den das Pferd trug begünstigt. Welche Möglichkeiten der Artikulation hätte das Pferd denn auch sonst noch gehabt – außer Bocken vielleicht, wozu diese Hals-/Kopfposition geradezu als Einladung an das Pferd aufgefasst werden konnte.
  7. Insgesamt war das Pferd zu JEDEM Zeitpunkt, bei jeder Übung oder Lektion deutlich auf der Vorhand!

Ein reelles Aufrichten eines solchermaßen trainierten Pferdes ist schlicht unmöglich oder allenfalls ein Produkt des Zufalls oder der Kraft in den Armen des Reiters.

Ergänzend sei noch angemerkt, dass diese Art zu Reiten für den modernen Pferdetyp – dem Rechteckpferd im Quadratformat mit enormer Schubkraft und großer Aktion – nahezu einer grob fahrlässigen Körperverletzung gleichkommt!

Autor: Richard Vizethum
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(Foto: fotolia.com)