ANLEHNUNG – noch ein paar Worte

Im Grunde ist ANLEHNUNG ein stehender Begriff seit einigen Jahrhunderten. Schon bei de la Guérinière (* 8. Mai 1688; † 2. Juli 1751)  fand er seine Erwähnung (Appui). Dennoch ist es einer der am meisten diskutierten UND missverstandenen Begriffen in der Reiterei.

In der heutigen Zeit kommt erschwerend hinzu, dass man versucht „politisch korrekt“ zu formulieren und nicht müde wird, Anlehnung neu zu benennen. Das geht von  naheliegenden Worten wie „Kontakt“ über bildsprachliche Begriffe bis hin zu fast mystisch verklärenden Umschreibungen.

Dabei ist alles eigentlich doch ganz einfach …

„ANLEHNUNG ist IMMER Druck auf die Laden des Pferdes. Dieser kann sanft aber auch sehr stark sein. Die Entscheidung über die Stärke des Drucks hat das Pferd!“

(Unterstellt, dass die Zügel in korrekter Grundposition gehalten werden)

Betrachtet man neuzeitliche Beschreibungen des Begriffs, so kann man feststellen, dass man immer von  einem hehren Idealzustand ausgeht. Dieser bedarf aber eines top ausgebildeten Pferdes und eines hochbefähigten Reiters mit einem völlig losgelassenen, ausbalancierten Sitz. Doch auch in dieser Konstellation ist dieser Idealzustand nicht ständig aufrecht zu erhalten.

Da das Pferd die Stärke des Drucks bestimmt – nimmt man die Aussagen der jeweiligen Reitlehre wirklich ernst – dann kann der Reiter nur den korrekten Rahmen liefern – die „stete Hand“ – an welchem sich das Pferd ausrichtet.

Da unterscheiden sich Baucher (exemplarisch) und die Deutschen Reitlehren der Vergangenheit (bis etwa 1930) im Grunde gar nicht soweit. Das Bauchersche „Main fixe“ ist eigentlich nichts anderes als die „stete Hand“ der Deutschen Lehre.

YOGA zeigt was ANLEHNUNG bedeutet

Trust-you-Horse - ANLEHNUNG und kein Ende

Eine liebe Reitschülerin und Freundin, die intensiv Yoga betreibt hat mir ein wunderschönes Bild zum Begriff ANLEHNUNG geliefert …

YOGA: Übt man im Yoga eine Gleichgewichtsübung, wie z.B. den „Yoga-Baum“ (Vrksasana) ein, dann nutzt man anfangs mitunter eine Wand, an die man sich (dezent) ANLEHNT. Die Stärke der Anlehnung bestimmt der Mensch.

PFERD: Für das Pferd ist das Gebiss die Wand an das es sich ANLEHNT! Wie stark es dies tut ist seine Entscheidung!

YOGA: Man löst sich langsam von der Wand und steht nun frei. In diesem Moment „trägt man sich selbst“, man befindet sich im Gleichgewicht. Es mag noch ein Hauch vom Kleidungsstoff die Wand berühren, dennoch steht man frei.

PFERD: Das Pferd zieht sich (minimal) vom Gebiss zurück, löst sich also von der Stütze und „trägt sich selber“, ist also im Gleichgewicht.

YOGA: Kommt man nun wieder aus dem Gleichgewicht, verliert man also die Balance, dann sucht man erneut den Kontakt mit der Wand, um sich wieder anzulehnen.

PFERD: Verliert das Pferd das Gleichgewicht, dann sucht es wieder die Stütze auf dem Gebiss, lehnt sich an.

Ein Wechselspiel, das sich sowohl beim YOGA als auch beim Pferd stetig wiederholt. Mit einem, durch Training verbessertem Gleichgewicht, lassen sich die Phase des „SELBER TRAGENS“ bei Mensch und Pferd immer weiter ausdehnen.

Während beim YOGA die Wand das stabilisierende Moment ist, so ist es beim Reiten die „stete Hand“ / „Main fixe“. Würde diese Wand/Hand die Bewegungen mitmachen, dann käme dies für den, der sich anlehnen möchte, dem Versuch gleich, sich auf einem Schiff bei hohem Seegang an eine Wand lehnen zu wollen. Ein Unterfangen, das im günstigsten Fall Unsicherheit beschert.

Betrachtet man dieses YOGA-Beispiel genau, dann wird man feststellen, das ANLEHNUNG ein völlig zurecht gebrauchter und korrekter Begriff ist. Ihn ersetzen zu wollen, auch beispielsweise durch die Worte „Kontakt“ oder „Berührung“ ist absolut unnötig und wenig zielführend.

Autor: Richard Vizethum
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ANLEHNUNG – ein paar Worte dazu

Als ich mich auf meinen Theoriekurs „Vorwärts-Abwärts – Sinn oder Unsinn“ vorbereitete begegneten mir, wie schon so oft, Begrifflichkeiten wie „Anlehnung“, „An das Gebiss herandehnen“ oder „Vom Gebiss abstoßen“.

Wie bei den allermeisten Begriffen hat auch bei diesen Begrifflichkeiten jeder Leser mitunter ein anderes Bild im Kopf. Will man sie aber wirklich-wirklich verstehen, dann muss man sich von den – mitunter falschen Bildern – neuzeitlicher Definitionen lösen und sich auf den Weg in die Vergangenheit machen.

Trust-your-Horse - Anlehnung

Ich möchte mich zunächst einmal auf den Begriff ANLEHNUNG konzentrieren. Die beiden anderen Begrifflichkeiten lassen sich darunter subsummieren.

Nimmt man sich die Meister der letzten paar hundert Jahre vor, bei denen ANLEHNUNG thematisiert wurde, dann bleibt als Quintessenz folgende Aussage stehen:

„ANLEHNUNG ist IMMER Druck auf die Laden des Pferdes. Dieser kann sanft aber auch sehr stark sein. Die Entscheidung über die Stärke des Drucks hat das Pferd!“
(Richard Vizethum)

Mehr gibt es darüber nicht zu sagen!

Und „politisch korrekt“ sollte man hier auch nicht versuchen zu formulieren, dies würde nur zu realitätsfernen Formulierungen führen.

Formulierungen wie beispielsweise in der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Diese sind verwirrend und nicht zielführend:

„Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Das Pferd soll durch das taktmäßige, losgelassene Vorwärtsgehen, wofür der Reiter mit seinen treibenden Hilfen verantwortlich ist, die Anlehnung an das Gebiss suchen und somit an die Hand des Reiters herantreten … sie muss das Ergebnis der richtig entwickelten Schubkraft sein.“
(Richtlinie für Reiten und Fahren Bd.1 Seite 171)

Diese Aussage beinhaltet eine ganze Menge Voraussetzungen, die so von den Altvorderen, wenn sie über Anlehnung sprachen, nicht in diesem Zusammenhang thematisiert wurden und die auch nicht zu jedem Ausbildungsstand eines Pferdes erfüllbar sind.

Volle Anlehnung“ wurde beispielsweise bei Steinbrecht schon beim Anreiten einer Remonte erwartet. Zu einem Zeitpunkt, wo man weit davon entfernt ist, von einem taktmäßig und losgelassen vorwärtsgehendem Pferd sprechen zu können. Einem Pferd, dem man seine Schubkraft erst einmal unter dem Reitergewicht wieder zurückgeben muss um sie dann zu entwickeln.

Auch stellt die Formulierung
Anlehnung ist die stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul
ein nicht zu erreichendes Optimum dar, zumal der Kontakt ja vom Pferd ausgehen soll!

In diesem Zusammenhang sind wir dann auch bei den Begrifflichkeiten „An das Gebiss herandehnen“ und „Vom Gebiss abstoßen“.

Im Grunde genommen darf man sich das wie folgt vorstellen:

Dem Pferd wird das Gebiss „hingestellt“. Dabei dürfen die Zügel nicht zu lang sein, dies dürfte sich von selbst verstehen, zumindest hat das u.a. Steinbrecht so verstanden. Das Pferd wird motiviert vorwärts zu gehen und soll sich nun an die „Grenze“ Gebiss herandehnen – und zwar nach vorwärts.

Erreicht es bei diesem Dehnen die Grenze und „dehnt“ es sich weiter, wird der Druck auf die Laden immer stärker. Das Pferd hat nun die Möglichkeit sich tiefer in den Schmerz rein und auf die Zügel zu legen oder vom Schmerz zu weichen, sich also „vom Gebiss abzustoßen“.

Der lose Zügel scheidet die Reitlehren

Streng genommen müsste dabei ein „loser Zügel“ entstehen, also jener Hauch von Kontakt, den man sich doch in allen Reitlehren wünscht.

Genau! Das klingt doch alles so ähnlich wie die „unverrückbare Hand“ (siehe General L`Hotte) bei François Baucher – „Main fixe“. Diese stellt ein zentrales Element dessen Zügelführung dar. Leider wird dies häufig mit „fester Hand“ übersetzt, was zwangsläufig ein anderes, falsches Bild erzeugt.

Baucher macht damit genau das gleiche wie Steinbrecht und andere. Er zeigt dem Pferd eine klare Grenze auf. Und auch er erwartet, dass sich das Pferd von dieser Grenze, dem „Gebiss, abstößt“.

Dennoch gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied, nämlich eben diesen losen Zügel!

Während bei Baucher der lose Zügel ein gewünschtes Ergebnis ist, das Pferd soll „hinter die Hand“ (nicht zu verwechseln mit „hinter die Senkrechte“!) gehen – sich also auch vom „Gebiss abstoßen“, ist dieser „lose Zügel“ bei der deutschen Reiterei absolut nicht erwünscht.

So kritisierte beispielsweise Louis Seeger in seinem Pamphlet „Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter“ Francois Baucher wie folgt:
… weil sein Pferd auch hierin hinter dem Zügel geht, also nicht die bedingte leichte, sondern gar keine Anlehnung hat“.

Er ging sogar so weit, in diesem Zusammenhang auch gleich noch Erklärungen für die Nutzung des Nasenriemens beim englischen Reithalfter, sowie über eine mögliche Stärke der Anlehnung mitzuliefern:

Den Nasenriemen kann Herr Baucher entbehren, weil er nie das Pferd andauernd mit steter ZügelANLEHNUNG führt, es mithin keine Gelegenheit erhält, sich der STRENGEN Wirkung der Gebisse durch zu freie Bewegungen der Unterkinnlade zu entziehen, welches der NASENRIEMEN zu verhindern bestimmt ist.

Der Unterschied zwischen Baucher und Vertretern der Deutschen Reitlehre (die aktuelle Deutsche Reitlehre sei hier mal ausgeklammert) ist also schlicht nur ein Hauch von Druck mehr (lässt man jetzt mal Seegers „STRENGE Wirkung der Gebisse“ beiseite) bei der Deutschen Reitlehre. Gerittenes Optimum (jede Seite reitet im Wortsinne ihrer Regeln) unterstellt …

Druck Baucher = 0 / Druck Deutsche Lehre = >1

Sieht nach einem kleinen Unterschied aus – oder?

Allerdings ist anzumerken, dass man bei Baucher die 0 SIEHT, während man bei der Deutschen Reitlehre kaum erkennen kann, ob der Druck nun 1 oder 1+x ist.

Weiterlesen:
ANLEHNUNG – noch ein paar Worte

Autor: Richard Vizethum
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KLASSIK – ein paar Caféhaus-Gedanken dazu

In der Reiterei wird man häufig mit Begriffen wie „klassisches Reiten“, „klassische Reitkunst“, „klassische Reitlehre“ oder ähnliches konfrontiert. Es kommt durchaus zu kontroversen Diskussionen, tauscht man sich über diese Begrifflichkeiten aus.
Ich möchte hier einmal ein paar meiner Caféhaus-Gedanken (Pausen zwischen Reitstunden) dazu äußern, in der Hoffnung, etwas zur Aufklärung oder zum Nachdenken beizutragen.

Trust-your-Horse - der Begriff KLASSIK

Versucht man sich Klarheit durch eine schlichte Internet-Recherche zu verschaffen, so findet man den Begriff „KLASSIK“ in zweifacher Weise definiert: als Anspruchs- und als Zeitdimension (ich nenne es einfach mal Dimension).

Die Anspruchsdimension

Mit dem Begriff „Klassik“ verbindet man in dessen Beschreibung einen durchaus hohen Anspruch, ein hohes Qualitätsniveau. Neben Definitionen wie: „herkömmlich“, „traditionell“ findet man da auch „als Vorbild geltend“, oder umgangssprachlich: super, klasse. Weiter steht da „vollendet“ und „zeitlos geformt“. D.h. den Anspruch, den man aus dem Begriff „klassisch“ ableiten kann ist schlicht ausgedrückt folgender: BESSER GEHT ES NICHT (Zumindest für eine gewisse Zeit)!

Die Zeitdimension

Klassik definiert sich hier in seiner historisch zeitlichen Einordnung. So steht der Begriff u.a. für die Kultur und Kunst der griechischen und römischen Antike. In der Literatur wird die Schaffensperiode von Goethe und Schiller als Klassik bezeichnet, auf die Zeit von 1786-1832 eingegrenzt. In der Musik wird hier eine etwas längere Periode von 1730 bis 1830 angenommen. Daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer als „Klassik“ bezeichneter Zeitperioden.

Betrachtet man nun die verschiedenen Epochen (Kultur, Kunst etc.) genauer, die den Titel „Klassik“ im Namen mitführen, kann man erkennen, dass die Zeitdimension durch die Anspruchsdimension definiert wird. Jede als „Klassik“ bezeichnete Zeitperiode hatte in dieser Zeit das vermeintliche „besser geht es nicht“ erreicht und man wertete diese Epoche mit dem Titel „Klassik“. Solange eben nicht eine Weiterentwicklung die vorherigen Qualitäten toppte.

Wieder zurück zum Reiten

Ich greife mal einfach beispielhaft eine Institution „klassischer Reitkunst“ heraus: die Spanische Hofreitschule in Wien. Mit dem Ziel den Begriff „Klassik“ im Zusammenhang mit Reiten näher zu erläutern.

„Die Spanische Hofreitschule Wien ist die älteste Reitschule und die einzige Institution der Welt, an der die klassische Reitkunst in der Renaissancetradition der „Hohen Schule“ seit mehr als 450 Jahren lebt und unverändert weiter gepflegt wird – was auch zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit zählt.“ (Quelle: http://www.srs.at/)

Die Hofreitschule beschreibt sich in ihrem Intro als Institution, die eine Reitkunst zelebriert, die in der Tradition der Renaissance steht.

„Als Kernzeitraum der Renaissance wird das 15. (Quattrocento) und 16. Jahrhundert (Cinquecento) angesehen. Die Spätrenaissance wird auch als Manierismus bezeichnet. Das Ende der Epoche vollzieht sich im beginnenden 17. Jahrhundert in Italien durch den neu hervortretenden Stil des Barock.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance)

Dies bedeutet, dass an der Spanischen Hofreitschule das Wissen einiger Meister dieser Zeitepoche quasi „eingefroren“ wurde – „seit mehr als 450 Jahren“, um damit deren Schaffen für Gegenwart und Zukunft zu erhalten. Bewahrung ist auch der Grund, warum die Spanische Hofreitschule in Wien zum „UNESCO Kulturerbe der Menschheit“ zählt. Einen bis dato verdienten Titel, den die Hofreitschule durch die aktuellen Entwicklungen massiv gefährdet – nebenbei bemerkt.

Nun kann man fragen, ob diese Reitkunst von vor über 450 Jahren als non plus ultra für alle Zeiten gelten darf, was den Begriff „klassische Reitkunst“ ohne weiteren Zusatz rechtfertigen würde.

Das dem in Gänze nicht so ist, drückt sogar die Hofreitschule dergestalt aus, dass sie ihre klassische Reitkunst auf die Zeit der Renaissance beschränkt und damit aber auch Weiterentwicklungen – auch im positiven Sinne – für sich ausschließen müsste.

Da die Anspruchsdimension auch die Zeitdimension des Begriffs „Klassik“ bestimmt, kann man den Titel „klassische Reitkunst“ nur dann für sich – ohne Zusatz – reklamieren, wenn es gelingt, durch positive Weiterentwicklungen ein Reitkonzept zu schaffen, welches Fehler und Unzulänglichkeiten der Reitkunst der letzten 450 Jahren beseitigt und damit eine insgesamt qualitativ verbesserte Reitlehre hervorbringt.

Betrachtet man die aktuellen Entwicklungen verschiedener Reitlehren, dann muss man allerdings attestieren, dass keine einzige davon das Recht hat, unter dem Titel „Klassische Reitkunst“ oder „Klassische Reitlehre“ zu firmieren, allenfalls mit einem Zusatz wie z.B. „des Barock“. Dies bedeutet aber auch, dass eine Reitlehre, die sich „klassische Reitkunst des Barock“ nennen würde, keine Neuerungen über das in dieser Epoche zulässige Methoden-Wissen hinaus, berücksichtigen darf.

Weiterentwicklungen im positiven Sinne hat es zwar durchaus  gegeben, die letzte durch Francois Baucher. Aber es wurden auch viele verschlechternde Eingriffe vorgenommen, so dass man leider feststellen muss, dass sich die Qualität der Reitkonzepte gegenüber der Vergangenheit eher verschlechtert hat.

EINE Reitlehre für ALLE

Würde man, ausgehend von den alten Meistern der Renaissance und der danach gekommenen Meistern, konsequent weiterdenken und folgende Grundsätze als unumstößliche Rahmenbedingungen für dieses Denken akzeptieren, dann könnte es irgendwann gelingen, dass man jenen EINEN Weg herausarbeitet. Jene EINZIGE Reitlehre für alle Reiter, alle Pferde. Machbar ist das!

Diese 4 Grundsätze sind es, die mein Nachdenken über jenen EINEN Weg leiten und bestimmen:

  • Behandle das Pferd stets mit größter Wertschätzung und Respekt
  • Das Konzept muss absolut logisch und stringent aufgebaut sein
  • Das Konzept muss eine hohe Effizienz aufweisen
  • Das Konzept muss minimalistisch angelegt sein

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Was wäre wohl aus der Reiterei geworden?

Welche Wendung hätte wohl die Geschichte der Reiterei genommen, wenn der Herzog von Orléans (Ferdinand Philippe d’Orléans, duc de Chartres) nicht am 13. Juli 1842 durch einen Kutschenunfall ums Leben gekommen wäre?

Trust-your-Horse - Herzog von Orléans

Der Herzog war ein Unterstützer und Förderer von François Baucher und ermöglichte diesem, als Oberkommandierender der Armee, seine Methode in der Armee zu erproben.
Alle Versuche, die stattfanden, zeigten die Überlegenheit der Methode von Baucher.

Das letzte und größte Experiment in Lunéville – Ostfrankreich, unter der Leitung von Bauchers Sohnes Henri, sollte nach 7 Wochen, mit einer großen Abschlussvorstellung (Caroussel) am 20. Juli 1842 enden. An diesem Experiment waren, u.a., zwei komplette Kavalleriekompanien beteiligt. Die eine Kompanie setzte sich dabei aus den besten Pferden zusammen, die nach der herkömmlichen Art ausgebildet waren. Die andere aus jungen Pferden mit nur wenigen Wochen Ausbildung, aber nach der Methode von Baucher.

Der Herzog von Orléans hatte mitgeteilt, dass er dieser Veranstaltung am 20. Juli 1842 vorstehen wolle. Diese Veranstaltung wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Bauchers größtem Triumph geworden. Doch dazu kam es nicht. Am 13. Juli 1842 kam der Herzog bei einem Kutschenunfall in Sablonville zu Tode.

Zu allem Übel wurde der Herzog an der Spitze der Armee durch seinen Bruder, dem Herzog von Nemours, einem Schüler von d’Aure, dem großen Gegner von Baucher, ersetzt. Der Herzog von Nemours entschied, dass alles zu verwerfen wäre, was sein Bruder an dieser Stelle eingeleitet habe.

Entgegen aller positiven und zum Teil begeisterten Schriftstücke, die von allen Offizieren über Bauchers Methode verfasst wurden, hielt der Herzog daran fest, Bauchers Methode bei der Armee nicht anzunehmen. Er sagte (zu Unrecht): „Ich möchte keine Methode, welche die Vorwärtsbewegung beeinträchtigt„.

„Je ne veux pas d’un systéme qui prend
sur l’impulsion des chevaux.“

(Duc de Nemours)

Ein Zitat, welches Louis Seegers aufgriff und zum Anlass nahm, sein Anti-Baucher-PamphletEin ernstes Wort an Deutschlands Reiter“ zu verfassen.

Als Baucher mit seiner Methode auch in Berlin für anfängliche Begeisterung sorgte – so das sich die örtlichen Berufsreiter gekränkt fühlten (die Zeiten ändern sich nie!) und diese angeführt von Seegers mit heftigen verbalen Breitseiten antworteten, gipfelnd in eben jenem Pamphlet – wurde Bauchers Zukunft in Deutschland zunichte gemacht.

Bahn frei für Steinbrecht.

Was nun aber wäre aus der Reiterei geworden, wenn der Herzog nicht ums Leben gekommen wäre?

Die Beantwortung überlasse ich dem geneigten Leser.

Quellen
  • Baucher et son Ecole – General Decarpentry
  • Francois Baucher – Enfant terrible oder Genie – J.C. Racinet
  • Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter – Louis Seeger

Autor: Richard Vizethum
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Faverot de Kerbrech (François Nicolas Guy Napoléon )

* 24. Februar 1837 in Caudan
† 21. Dezember 1905 in Paris

Als Capitaine war Faverot de Kerbrech in den 1860er Jahren einer von Bauchers bevorzugten Schülern.
Als solcher hat er wohl am meisten dazu beigetragen, dessen Lehre der Nachwelt weiterzugeben. „Die systematische Ausbildung des Reitpferdes“ von 1891 gilt bei manchem Experten als die präziseste Darstellung der letzten Forschungsergebnisse und -einsichten von Baucher, als das klarste Exposé von Theorie und Praxis seiner „Zweiten Manier„.Trust-your-Horse - Faverot de Kerbrech

Dem mag ich so nicht ganz zustimmen.

Nimmt man die letzte von Baucher selbst verfasste 13. Auflage seiner Methode (1864) als Maßstab, so mag das durchaus zutreffen. Doch das Baucher ab 1864 alle Pferde nur noch auf Trense gearbeitet hat und diese Ausschließlichkeit mit Sicherheit auch bei den Flexionsübungen zur Anwendung kam (s. Rul – „Der Aufbau der systematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes„) fand keine Würdigung bei Faverot de Kerbrech.

Dagegen hat man diese „Weiterentwicklung“ der Abkau- und Biegeübungen, möglicherweise aus anderen Gründen oder ebenso konsequent gedacht, etwas verändert, in die H.Dv. 12 von 1937 aufgenommen.

LEHRER von Faverot de Kerbrech

SCHÜLER von Faverot de Kerbrech

  • Étienne Beudant | 1863 – 1949 | Hier gibt es allerdings widersprüchliche Angaben ob dem Sachverhalt, das Beudant tatsächlich ein Schüler von de Kerbrech war oder nicht.

VERÖFFENTLICHUNGEN von Faverot de Kerbrech

Quellen

  • François Baucher – Enfant terrible oder Genie | Jean-Claude Racinet | Olms-Verlag | 2009
  • Die systematische Ausbildung des Reitpferdes | Faverot de Kerbrech | Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Cadmos-Verlag
  • Der Aufbau der sytematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes | Louis Joseph Gabriel Rul | Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Cadmos-Verlag
  • Schulpferd und Gebrauchspferd | Cadmos-Verlag
  • H.Dv. 12 (Ausgabe von 1937) | Seite 100 | „Abkau und Biegeübungen an der Hand

Autor: Richard Vizethum
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Bring Dein Pferd nicht zum Schwitzen!

„Sobald das Pferd zu schwitzen beginnt, ist dadurch bewiesen, dass der Reiter mit seinen Forderungen das Maß überschritten hat.“
(Faverot de Kerbrech)

Trust-your-Horse - Bring Dein Pferd nicht zum Schwitzen

Dieser Satz des Baucher-Schülers Faverot de Kerbrech hat seine Relevanz nicht nur jetzt im Sommer – wo die Tagestemperaturen manchmal die 30 Grad-Marke überschreiten, die Luftfeuchtigkeit ansteigt und Schwitzen vorprogrammiert zu sein scheint – nein, er gilt zu jeder Zeit, in der man mit einem Pferd trainiert.

Je besser ein Pferd trainiert ist, desto effizienter schwitzt es! Dies gilt für Pferd und Mensch gleichermaßen. Die erste Maßnahme ist also: RICHTIGES TRAINING!

Das Pferd hat eine geringere Hautoberfläche als der Mensch (pro kg Körpergewicht nur die halbe Oberfläche), was ihm zwar hilft, mit Kälte ganz gut zurecht zu kommen, das Herunterkühlen des Körpers bei Hitze aber nicht so leichtfällt. Hinzu kommt ein durch das Schwitzen bedingter hoher Salzverlust. Dieser Mangel reduziert u.a. die Leistungsbereitschaft des Pferdes.

Um Schwitzen zu vermeiden muss man nicht zwangsweise auf den frühen Morgen oder die Nacht ausweichen, um mit seinem Pferd zu arbeiten. Dies geht auch bei 30 Grad am Tage.

ENTSCHEIDEND IST DER TRAININGSAUFBAU!

  • ARBEITE VIEL IM SCHRITT Der Schritt, die „Mutter aller Gangarten“, trägt mehr zur Bildung des Pferdes bei, als man dies glauben mag. Voltenarbeit und Schulterherein im Schritt – beispielsweise – fördern die Balance und tragen zur breiten Entwicklung der Muskulatur bei.
  • VERMEIDE LANGE PASSAGEN IN HÖHEREN GANGARTEN Wechsle von kurzen Trab- oder Galoppreprisen immer wieder zurück in eine ausgiebige Schrittphase.
  • ACHTE AUF DIE ATMUNG DEINES PFERDES
  • FÜHLE WENN DEIN PFERD MÜDE WIRD Mache viele Pausen zwischen den Reprisen. Pausen, in denen sich das Pferd total entspannen kann (z.B. Parkposition).

Autor: Richard Vizethum
Notizen zu „Die Grammatik des Reitens“

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Ich reite nach Baucher!

Auszug aus eigenen Notizen

ICH REITE NACH BAUCHER! Solche Aussagen liest oder hört man öfter und mitunter quittiert mit Anmerkungen wie „Nicht überall wo Baucher draufsteht ist auch Baucher drin!“.

Trust-your-Horse - Ich reite nach Baucher

WANN ABER REITET MAN NACH BAUCHER?

Wenn man sich akribisch an den Ausbildungsplan in der Erstfassung seiner „Methode der Reitkunst“ hält? Wenn man bestimmte Regeln einhält wie z.B. „Hand ohne Beine und Beine ohne Hand“?

WER RITT ODER REITET NACH BAUCHER?

Racinet, Oliveira oder Philippe Karl?

Ist es nicht eigentlich so, dass wir stehenbleiben, indem wir uns dogmatisch an Bauchers Veröffentlichungen halten und sagen „Ich reite nach Baucher!“?

Denn gerade dieses Stehenbleiben und im Wissen verharren, ist nicht Baucher. Er zeichnete sich stets dadurch aus, dass er bis zu seinem letzten Atemzug darüber nachdachte, wie man das Reiten verbessern, effektiver machen konnte.

So hat beispielsweise Baucher, dem es gelungen war die Kandare zu vebessern, in seinen letzten Tagen zu General l´Hotte gesagt:

„Sehen Sie, die Trense hat soviele Möglichkeiten. Setzen Sie sie folgerichtig ein, Sie werden sehen, sie steckt voller Schönheit. Wenn Widersetzlichkeit von oben, unten, rechts oder links kommt, immer liefert die Trense das Mittel sie zu beherrschen.“

NACH BAUCHER ZU REITEN BEDEUTET NACHDENKEN

Ich denke, nach Baucher zu reiten bedeutet in erster Linie einmal nachzudenken. Eine, im Zeitalter von Google und Wikipedia, stark in Vergessenheit geratene Fähigkeit.

Es ist die lebenslange Aufgabe, sich methodisch weiterzuentwickeln, Lehrmeinungen im Sattel (nicht nur theoretisch) zu hinterfragen und von allem unnötigen, das Pferd nutzlos belastenden, zu befreien. Nach Baucher zu reiten ist die stete Suche nach der Essenz des Reitens.

Reiter wie Racinet, Oliveira, Karl ritten oder reiten nicht nach Baucher im Sinne seiner Veröffentlichungen, sie sind aber Baucheristen im Sinne seiner Grundhaltung und Philosophie.

Wenn man mich als Baucheristen bezeichnet, dann erfüllt es mich mit demütigem Stolz und ich sage innerlich „Danke“, selbst dann, wenn derjenige, der es aussprach, es eher herablassend gemeint hat.

Autor: Richard Vizethum
Eigene Notizen
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