François Baucher

* 16. Juni 1796 in Versailles – Rue de Boucheries;
† 14. März 1873 in Paris

François Baucher gilt als einer der genialsten, aber auch bis heute am meisten umstrittenen Reitmeister. Er vervollständigte und erneuerte die Grundideen der den Franzosen zugeschriebenen Tradition des Reitens in Légèreté und prägte damit die Reitkultur seines Landes aber auch weit darüber hinaus, so stark wie nur wenige vor ihm.

Sein System überdachte Baucher unermüdlich forschend immer wieder neu und revidierte es, wo nötig. Gegen Ende seines Lebens hatte er damit eine Lehre – mehr oder weniger aus sich selbst heraus – erarbeitet, die auf der artgerechten Behandlung des Pferdes und dem reiterlich verantwortungsbewussten Umgang mit diesem basierte und damit allen Reitern und Pferden gerecht werden konnte.

Trust-your-Horse - Reitmeister F. Baucher

Eine Klassifizierung seiner Methode in eine 1. und 2. Manier, wie es heute gerne geschieht um die Entwicklungsstufen seiner Reitlehre darzustellen, ist aus meiner Sicht so nicht haltbar und wird seinem Weg des ständigen Nachdenkens, Experimentierens und Veränderns, in keiner Weise gerecht.

Bis auf sein Sterbebett hat Baucher weitergedacht. Nur leider konnte er diese Erkenntnisse – altersbedingt – selbst nichts mehr weitergeben. Er sah es als die Aufgabe derjenigen an, die unter seiner direkten Leitung gelernt hatten, wie beispielsweise  Faverot de Kerbrech, Rul, Boisgilbert oder l´Hotte, diese „letzten“ Gedanken der Nachwelt zu erhalten und als Lehrer weiter zu verbreiten.

Im März 1855, im „Cirque Napoléon“, wurde Baucher Opfer eines schrecklichen Unfalls. Es geschah eines Nachmittags. Als er den Fuß in den Bügel setzte, um eine junge Stute zu besteigen, die er ausbildete, fiel ein riesiger Gasleuchter herab. Die Stute machte sich bei dem Krach frei und floh, aber Baucher geriet unter den Lüster.

Wie durch ein Wunder wurde der Kopf nicht erfasst, aber der Brustkorb, die Nieren, das linke Bein wurden grausam gequetscht, und das rechte Bein brach nahe am Fuß. Nach diesem Unfall ist Baucher nie mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten, aber konnte wieder reiten und dann und wann in Paris Kurse abhalten.

Ab dem Jahre 1864 ritt Baucher, der die Kandare ohne Kinnkette entwickelt hatte, seine Pferde nur noch ausschließlich auf Trense gezäumt. Maxim Gaussen bemerkte bereits 1840 in einem Vorwort zu Passe-Temps Equestres, dass Baucher alle seine Pferde auf einfacher Trense arbeitete würde. Außer Gaussens Aussage gibt es aber dafür keine Belege – ganz im Gegenteil, weit mehr Hinweise deuten darauf hin, dass Baucher noch lange auf Kandare gearbeitet habe.
.
Seine große Bewunderung für diese Gebissform brachte er noch auf dem Sterbebett (28. Februar 1873) gegenüber seinem Schüler l´Hotte zum Ausdruck:

Sehen Sie, die Trense hat so viel Möglichkeiten. Setzen Sie sie folgerichtig ein, Sie werden sehen, sie steckt voller Schönheiten. Wenn die Widersetzlichkeit von oben, unten, rechts oder links kommt, immer liefert die Trense das Mittel, sie zu beherrschen„.

Diese Ansicht teile ich persönlich voll und ganz.

Auch wenn man ihm gerne nachsagt, dass er es war, der die Trense in dieser Art und Weise favorisierte, so darf man aber feststellen, dass beispielsweise in der preußischen Kavallerie schon lange vor Baucher die Pferde ausschließlich auf Trense hoch aufgerichtet UND beigezäumt wurden.

Ganz besonders in seinen letzten Lebensabschnitten bestand Baucher auf einfachsten Bewegungen und deren Vollkommenheit „Einst fing ich sofort mit komplizierten Bewegungen an. Heute veranschlage ich sechs Monate, um meinen Pferde zum Geradegehen und zum sauberen Wenden zu bringen„.

Alleine diese Anmerkung von ihm selbst kann nicht als die Bemerkung eines Genies gewertet werden, denn diese Erkenntnis war an anderen Orten lange vor Baucher bereits gelebte Reitpraxis!

Im Jahre 1870, im Alter von 74 Jahren hörte Baucher mit dem Reiten auf.

Auch wenn Baucher im Zirkus auftrat, im Übrigen in der damaligen Zeit der einzige Ort, an dem Reiter ihr Können vorführen konnten, war er doch kein Mann des Publikums gewesen.
General l´Hotte schrieb: „So blieb er Abends, wenn er aufzutreten hatte, nicht minder seiner Kunst verhaftet, wie des Morgens, wenn er alleine ritt. Sein gesenktes Haupt bewahrte einen nachdenklichen Ausdruck, und wenig gab er auf die Feststellungen, die über seinen Sitz gemacht wurden„.

LEHRER von Baucher

Hierüber gibt es wenige Angaben.

  • Bauchers Onkel der den Marstall des Prinzen Bourghese in Mailand leitete und bei dem Baucher in die Lehre ging.
  • Federigo Mazzuchelli | * 1760; † 1830 | Gilt als Erfinder der Doppellongearbeit. Baucher lernt ihn in seiner Zeit in Mailand (ca. 1810-1814) kennen, und erlernte dort die Pilaren- und Handarbeit.

SCHÜLER von Baucher

  • General Alexis l´Hotte | * 25. März 1825; † 03. Februar 1904 | …
  • General Faverot de Kerbrech | * 1837 – † 1905 | Als Capitaine war er in den 1860er Jahren einer von Bauchers bevorzugten Schülern. Lehrer u.a. (indirekt) von Capitaine E. Beudant (dieser hat Baucher mehr aus dessen Veröffentlichungen – Schwerpunkt „2. Manier“ für sich erlernt).
  • Louis Joseph Gabriel Rul | * 1811 – † 1880 | Einer der aktivsten Verfechter der Lehren Bauchers und der einzige Schüler, dem von Baucher selbst ein „Diplom“ ausgestellt wurde. Er arbeitete als gefragter Kavallerieausbilder und Privatreitlehrer in ganz Europa;
  • Charles Hubert Raabe | *  03. Mai 1811 in Bayonne – † 29. Mai 1889 in Paris | Er war einer der eifrigsten Schüler von Baucher. 1845 veröffentlichte er sein erstes Buch „Manuel équestre“. Er versuchte in vereinfachter Form die Methode Bauchers zu erklären, damit diese einen breiteren Zuspruch vor allem in der Kavallerie finden würde;
  • Eugene Caron
    Ein früher Schüler von Baucher und Großvater von General Albert-Eugène Edouard Decarpentry (Baucherist und FEI-Richter);
  • François Caron | … | Chefhofstallmeister des Zaren und einer der Lehrer von James Fillis;
  • Boisgilbert (Jean-Charles Dubois) | * 1835 – † 1922 | Er absolvierte seine Ausbildung an der französischen Militärakademie von St.Cyr. Er war als Reitlehrer am Cadre Noir in Saumur tätig. Boisgilbert war Rittmeister bei den 2e Chasseurs und wurde zum Chevalier der Légion d´honneur ernannt;
  • Comte de Lancosme-Brèves | | Er ritt Géricault, einen dreijährigen Vollbluthengst, der bis dato alle seine Reiter abwarf und der sich im Besitz des Engländers Lord Seymour befand, aufgrund einer Wette die an Baucher gerichtet war, um den „Bois de Boulogne“. Er gewann diese Wette. Lord Seymour übergab ihm das Pferd, welches Lancosme-Brèves in Würdigung seines Meisters an Baucher weitergab. Verfasser des Buches: „De l’equitation et des haras“;
  • Madame Pauline Cuzent | … | Sie war Bauchers herausragendste Amazone und erwarb von ihm seine Pferde „Partisan“, „Buridan“ und „Neptune“, die sie im russischen Staatszirkus vorstellte. Pauline Cuzent wird auch von l´Hotte erwähnt im Zusammenhang mit dem Hengst Géricault, der im Zirkus einmal mit ihr durchging. Ihr Bruder, Paul Cruzent, komponierte für Bauchers Vorstellungen eigens auf die Darbietungen abgestimmte Stücke.
  • Marquis de Montegeu Wird von Heinze, der Unterrichtsstunden bei Baucher bewohnte, 1846 erwähnt und als ein bereits älterer Schüler bezeichnet.

WO FINDET MAN ÜBERALL Baucher

Diese Auflistung ist noch in der Verifizierung, da diverse Praktiken, die man Baucher als „Erfinder“ zuordnet, schon zu früheren Zeiten und an anderen Orten zur Anwendung kamen und dokumentiert wurden. Auch gilt anzumerken, dass der hier aufgeführte James Fillis kein direkter Schüler von Baucher war und er Bauchers Methode ziemlich deutlich für die Gebrauchsreiterei modifiziert hat, so dass man die berechtigte Frage stellen darf: Wieviel Baucher ist tatsächlich z.B. im Reglement der Russischen Kavallerie gelandet.

  • HDv 12 von 1912 und 1926 | noch geringfügig in der Fassung von 1937
  • Reglement der Russischen Kavallerie | in den 1960 Jahren beherrschten die Lehren von James Fillis durch die russischen Reiter das Dressurgeschehen.
  • Reitvorschrift der US-Kavallerie
  • Bei den Vorreitern der Horsemanship – wie beispielsweise bei Tom Dorrance, dem Lehrer von Ray Hunt, über die ehemaligen US-Kavallerieausbilder.

Mehr über Baucher

Baucher – Wie gut war er wirklich?

Datenquellen

  • Das Phänomen François Baucher“ | Stodulka Robert | WuWei-Verlag | Seite 23
  • Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Übersetzer und Herausgeber: Christian Kristen von Stetten | Cadmos-Verlag | Cover
  • François Baucher – Méthode d’équitation basée sur de nouveaux principes“ 13.Auflage (1867) – mit den letzten von Baucher selbst verfassten Formulierungen“ dt. Erstübersetzung | Cadmos-Verlag
  • Ein Offizier der Cavallerie“ | General Alexis l´Hotte | Olms-Verlag
  • François Baucher – Enfant terrible oder Genie?“ | Jean-Claude Racinet | Olms-Verlag
  • Die sytematische Ausbildung des Reitpferdes“ | General Faverot de Kerbrech | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“
  • Der Aufbau der systematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes“ | Louis Joseph Gabriel Rul | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“
  • Baucher und die Gebrauchsreiterei“ | Boisgilbert (Jean-Charles Dubois) | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“

Autor: Richard Vizethum
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved
www.trust-your-horse.com is a product of A.R.T. Leadership

Merken

Motivationsfaktor Lob

Es ist nun schon eine Weile her, da konnte ich dem Kurs eines bekannten Ausbilders beiwohnen. Dabei fiel mir ganz besonders ein Satz auf, den dieser Reitmeister immer und immer wieder zu den Reitschülerinnen sagte: „Loben Sie Ihr Pferd!“

Jetzt könnte man sagen, dass die Schülerinnen möglicherweise sehr konzentriert versuchten, die gestellten Aufgaben zu meistern und deshalb einfach nicht selbst daran gedacht hatten, ihre Pferde zu loben – nein, ein ähnliches Bild sieht man täglich in Reithallen und auf Reitplätzen.

LOBEN, LOBEN, LOBEN!

Ehrlich gemeinte Anerkennung ist eines der stärksten Bindeglieder, nicht nur zwischen Menschen, und ein mächtiger Motivationsfaktor. Doch auch Loben will „gelernt“ sein. Loben ist wie Dünger, welchen man auf dem Feld der Leistung ausstreut. Zuwenig lässt die Pflanzen der Leistung kümmern, zu viel davon kann aber auch die Ernte verderben.

Ein paar wichtige Punkte die man dabei unbedingt beachten sollte:

  1. NUR EHRLICHES LOB IST WIRKSAMES LOB! Ehrliches Lob kommt vom Herzen und ist kein, durch ständige Aufforderung des Reitlehrers, trainierter Reflex. Loben muss man wollen!
  2. LOBE ZEITNAH! Innerhalb von 1-2 Sekunden nach einer gewünschten Leistung des Pferdes muss das Lob erfolgen. Also, nicht zu lange darüber nachdenken – LOBEN!
  3. LOBE LEISTUNG! Dem Lob muss eine Leistung vorausgegangen sein. Beachte dabei: „Oftmals fordern; mit kleinen Resultaten zufrieden sein; das Pferd ausgiebig loben“ (Faverot de Kerbrech).
  4. LOBE GERECHT! Gerechtes Lob kennt keine „Lieblinge“. Wenn man mehrere Pferde arbeitet, sollte man nicht nach Sympathie, sondern nur der Leistung angemessen loben. Lob kennt auch keine „Tagesform“.
  5. LOBEN NICHT SCHLAGEN! Ein sanftes Streicheln, ein leise Wort wird als Lob wahrgenommen – das Schlagen auf den Hals ist ein agressiver Akt.

Und nun, habt Spaß mit euren Pferden und lobt UNAUFGEFORDERT!

Bring Dein Pferd nicht zum Schwitzen!

„Sobald das Pferd zu schwitzen beginnt, ist dadurch bewiesen, dass der Reiter mit seinen Forderungen das Maß überschritten hat.“
(Faverot de Kerbrech)

Trust-your-Horse - Bring Dein Pferd nicht zum Schwitzen

Dieser Satz des Baucher-Schülers Faverot de Kerbrech hat seine Relevanz nicht nur jetzt im Sommer – wo die Tagestemperaturen manchmal die 30 Grad-Marke überschreiten, die Luftfeuchtigkeit ansteigt und Schwitzen vorprogrammiert zu sein scheint – nein, er gilt zu jeder Zeit, in der man mit einem Pferd trainiert.

Je besser ein Pferd trainiert ist, desto effizienter schwitzt es! Dies gilt für Pferd und Mensch gleichermaßen. Die erste Maßnahme ist also: RICHTIGES TRAINING!

Das Pferd hat eine geringere Hautoberfläche als der Mensch (pro kg Körpergewicht nur die halbe Oberfläche), was ihm zwar hilft, mit Kälte ganz gut zurecht zu kommen, das Herunterkühlen des Körpers bei Hitze aber nicht so leichtfällt. Hinzu kommt ein durch das Schwitzen bedingter hoher Salzverlust. Dieser Mangel reduziert u.a. die Leistungsbereitschaft des Pferdes.

Um Schwitzen zu vermeiden muss man nicht zwangsweise auf den frühen Morgen oder die Nacht ausweichen, um mit seinem Pferd zu arbeiten. Dies geht auch bei 30 Grad am Tage.

ENTSCHEIDEND IST DER TRAININGSAUFBAU!

  • ARBEITE VIEL IM SCHRITT Der Schritt, die „Mutter aller Gangarten“, trägt mehr zur Bildung des Pferdes bei, als man dies glauben mag. Voltenarbeit und Schulterherein im Schritt – beispielsweise – fördern die Balance und tragen zur breiten Entwicklung der Muskulatur bei.
  • VERMEIDE LANGE PASSAGEN IN HÖHEREN GANGARTEN Wechsle von kurzen Trab- oder Galoppreprisen immer wieder zurück in eine ausgiebige Schrittphase.
  • ACHTE AUF DIE ATMUNG DEINES PFERDES
  • FÜHLE WENN DEIN PFERD MÜDE WIRD Mache viele Pausen zwischen den Reprisen. Pausen, in denen sich das Pferd total entspannen kann (z.B. Parkposition).

Autor: Richard Vizethum
Notizen zu „Die Grammatik des Reitens“

Merken

Merken

Merken

Merken