Die Sucht mit Pferden zu spielen

Ich bin ein Idealist – nicht nur was das Reiten anbelangt. Doch die Belastbarkeit idealistischen Denkens und Handelns wird auf immer stärkere Probe gestellt.

Ich mag stolze Pferde, die mit vier Füßen kraftvoll im Leben stehen, Pferde, die vor Selbstbewusstsein strotzen und dieses auch in allen Lebenssituationen ausstrahlen. Pferde die deshalb auch sicher sind, egal wie sicher der Reiter in ihrem Sattel ist.

T.Y.H. SuchtSpielen

Dorthin versuche ich diese wunderbaren Tiere zu entwickeln, unabhängig von deren bisherigen Lebenserfahrungen und körperlichen Voraussetzungen.

Reiter ermuntere ich dazu nachzudenken und das zu werden, was Max Ritter von Weyrother, einer der prägendsten Personen an der Wiener Hofreitschule,  den „denkenden Reiter“ nannte. Ich lehre sie, Teil einer wundervollen Partnerschaft, auf Augenhöhe mit dem Pferd zu werden.

Es ist aber unglaublich, wie schwer dieser Weg ist bzw. einem gemacht wird.

Von 100 Reitern, die über feines Reiten philosophieren und dieses für sich proklamieren, ist vermutlich gerade mal EINER dabei, der hauchzart in die Nähe dieser Art des Reitens kommt.

Von 100 Reitern, die über einen partnerschaftlichen, fairen Umgang mit dem Pferd reden, ist vermutlich gerade mal EINER dabei, der diesen in seiner letzten Konsequenz wirklich auch pflegt.

Diese Ernüchterung macht mich persönlich sehr traurig.

Wir trainieren Pferd nicht mehr um sie zu gesunden, leistungsbereiten Reitpferden zu machen, wir spielen lieber mit ihnen. Dabei vergessen wir, dass Pferde ernste Lebewesen sind. Ihnen muss man mit Ernst und Liebe begegnen. „Neckerei macht Pferde sogar böse“, wie Otto von Monteton 1899 schrieb.

Doch Spielen ist einfacher, weniger anstrengend, vor allem weniger anstrengend für das Gehirn. Und wir Menschen neigen, ganz besonders in dieser heutigen, dekadenten Zeit, zur Faulheit! Dafür degradieren wir diese wunderbaren Wesen zu Tanzpuppen und sind dabei auch noch der Meinung, ihnen was Gutes angedeihen zu lassen. Nebenbei befriedigen wir damit auch noch unsere Eitelkeiten („Guck mal, was mein Pferd so alles kann …“).

Die Pferde machen mit – na ja, es bleibt ihnen ja auch wenig anderes übrig.

Pferde müssen in diesem Spiel funktionieren!

Tun sie es nicht, dann gibt es Mittel und Wege sie dazu zu bringen – die Kataloge und Regale von Reitausstattern sind übervoll davon. Was man dabei leider sehr selten einsetzt, ist das eigene Gehirn. Wofür auch – zum Nachdenken vielleicht? Das bedeutet Arbeit! Aber wie gesagt, die Fleißigsten sind wir ja nun mal nicht. Oder wie es Rittmeister von W. ausdrückte „Alles was lebt ist faul!„.

Finden sich unter den Pferden dann ein paar starke Charaktere, die darauf bestehen, dass der Mensch die Dinge die er zu tun hat auch richtig tut – und das wäre gar nicht so viel verlangt – dann landen sie  schnell in einer Verkaufsanzeige und werden häufig zum Wanderpokal. Pseudoexperten probieren sich an ihnen aus – bis, ja bis sich diese tapferen Kreaturen entweder aufgeben oder völlig unberechenbar werden.

Würde ich nun auch noch über die verschiedenen nutzlosen, aber gerne angewandten Methoden sprechen, mit denen man Pferde heute ausbildet oder besser gesagt TRAKTIERT, bekommt dieser Text etwas Endloses.

Ich ende erstmal hier und hoffe, ihr investiert etwas Arbeit und denkt über diese Worte nach. Vielen Dank!

Autor: Richard Vizethum
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STREIT DER REITLEHREN – ein paar Gedanken dazu

Letzte Korrektur: 10.12.2017

Der ganze „moderne“ Streit – insbesondere zwischen den DEUTSCHEN (Deutsche Reitlehre) und FRANZÖSISCHEN (Baucher) reiterlichen Fakultäten – basiert, ketzerisch gesprochen – schlicht und ergreifend auf offensichtlicher Ignoranz, scheinbarer Unwissenheit und eines gewissen Maßes an Faulheit!

Trust-your-Horse - Reitlehrenstreit

So ziemlich alles, was an guter Reiterei in Europa existierte (bewusst in der Vergangenheitsform geschrieben), findet im Wesentlichen seine Grundlagen in dem Werk  des Franzosen de la Guérinière (* 8. Mai 1688; † 2. Juli 1751).

Von ihm wurde auf beiden Seiten des Rheins mit großer Hochachtung gesprochen, war er es doch nach dem mittelalterlichen Pluvinel (* 1555; † 1620) DER Reitmeister mit dem größten und nachhaltigsten Einfluss auf die Reitkunst ab dem 18. Jahrhundert.

Der Übersetzter des Werkes der „Reitkunst …“ von de la Guérinière, J. Daniel Knöll (Fürstlicher oranien-nassauischer Bereiter) ging nicht nur davon aus, dass die meisten seiner reiterlichen Fachkollegen de la Guérinière´s Werk im Original gelesen haben (!), sondern er merkte auch sehr deutlich an:

„Denn wo ist das deutsche Reitbuch, welches auf einige Gründlichkeit Anspruch machen kann, worinnen de la Guérinière nicht mit seinen Grundsätzen paradieren muß?“ [1]

Will heißen, kein deutscher Autor eines Reitbuches in der damaligen Zeit (Mitte bis Ende 18. und Anfang 19. Jahrhundert), welcher für sein Werk den Anspruch auf Gründlichkeit reklamieren wollte, kam an de la Guérinière vorbei!

Auch das Wissen der Wiener Hofreitschule in der Vergangenheit (denn heute ist man ja auf anderen Wegen unterwegs) basierte auf dem Werk von  de la Guérinière, ergänzt und erweitert von Max Ritter von Weyrother, Louis Seeger und dem Freiherr von Oeynhausen.
Der Vollständigkeit wegen sind auch noch zu erwähnen die sogenannten „Directiven“ von Franz von Holbein-Holbeinsberg und das k.u.k.Exerzierreglement für die Kavallerie.

Ja, bei diesem Wissensfundament war man sich lange Zeit einig – auf beiden Seiten des Rheins!

Die besseren Stallmeister (in der, und für die Breite) in der Zeit um und nach de la Guérinière fanden sich wahrscheinlich auf deutscher Seite, insbesondere auch in der preußischen Kavallerie.Die deutsche „Reitweise“ dominierte die Reiterei Europas [6].

Friedrich der Große (* 24. Januar 1712 in Berlin; † 17. August 1786 in Potsdam) und sein großer Kavalleriegeneral Seydlitz (* 3. Februar 1721 in Kalkar; † 8. November 1773 in Ohlau) hatten die vorher „plumpe“ preußische Kavallerie unmittelbar nach Ende des 1. Schlesischen Krieges (1740-1742) umfangreich reformiert und zur besten und vorbildlichsten Kavallerie der damaligen Zeit gemacht. Schießen und Fußdienst wurden in den Hintergrund gedrängt und dem Reiten mehr Beachtung geschenkt [2].

„Alle taktischen Manöver sind mit größter Schnelligkeit, alle Schwenkungen in kurzem Galopp auszuführen. Die Kavallerieoffiziere müssen die Leute vor allem zu vollendeten Reitern erziehen, die Kürassiere müssen ebenso wendig und geschickt zu Pferd sein wie ein Husar und mit dem Gebrauch des Säbels wohlvertraut sein.“ [2]

Dieser Abschnitt aus Friedrichs Instruktionen zeigt sehr deutlich die Verschiebung der Gewichtung und gibt einen Hinweis auf die notwendige Rittigkeit der Pferde.

Die französische Kavallerie war – obwohl Frankreich nach de la Guérinière reich an Reiterpersönlichkeiten war – die wohl schlechteste Kavallerie der großen Nationen. Ausgestattet mit ungenügendem „Pferdematerial“ und noch unbegabteren Reitern (man musste manche Attacken in langsamerer Gangart reiten, bestand doch die Gefahr, dass die Reiter aus dem Sattel fallen konnten) konnte sie allenfalls durch Kühnheit und Mut brillieren [2], Wissen über die Reitkunst kam aber nicht zum Einsatz.

Hinzu kam auch noch, dass die französische Kavallerie zur Zeit Napoleons zunächst keinen so hohen Stellenwert mehr in der Armee hatte und von oft inkompetenten Generälen verheizt wurde. Dies änderte sich auch nicht durch die Einrichtung der Cadre Noir in Saumur 1814.

Eine große Ausnahme allerdings stellten die „Chasseurs d’Afrique“ (erstmals 1830 in Algerien aufgestellte leichte Kavallerie) dar. Diese waren in Gänze mit hervorragenden Berberpferden ausgestattet. Da diese Pferde schon „in Haltung“ gingen, beschäftigte man sich allerdings auch hier nicht besonders mit der Reitkunst.

Die Preußen dagegen hatten zwar Anfangs des 19. Jahrhunderts ebenfalls den Nachteil schlechteren „Pferdematerials“, doch machten sie diesen „Nachteil“ durch intensiverer Beschäftigung mit dem Wissen um die Reitkunst mehr als wett.

Ab wann nun stritten die „Gelehrten“?

Einen heftigen „Gelehrtenstreit“ dürfte es damals aber nicht gegeben haben, gleichwohl es durchaus Nicklichkeiten zwischen einzelnen Schulen und Stallmeistern gegeben hat, welche man getrost unter dem Begriff „Handwerks-Neid“ [6] abwerten kann. Auch trennten sich nach de la Guérinière die Wege der akademischen und der militärischen Reiterei, doch gestritten wurde zwischen diesen beiden Fakultäten – dies aber durchaus sehr kontrovers – fast ausschließlich um den Sitz des Reiters [5].

Die größeren und grundsätzlicheren „Streitigkeiten“ begann erst – und jetzt wird es hypothetisch – mit Francois Baucher!

Er, der sicherlich durchaus ein Erneuerer war, fand sich nicht entsprechend gewürdigt und sein „empfindliches Temperament“ [3] welches ihn oft übermannte gab ihm Veranlassung zu „menschenverachtenden Stimmungen“ [3]. Wenn man dagegen aber die sehr große Schar seiner Bewunderer betrachtet (zu der ich mich – trotz dieser kritischeren Worte – mit mancher Einschränkung auch zähle), hätte es für ihn eigentlich keine Veranlassungen zu derartigen Reaktionen geben müssen.

Baucher wurde zwar durchaus heftig kritisiert – ja – was aber sicherlich auch eine Ursache in seiner überzogenen Selbstdarstellung hatte. Die Meister vor ihm waren bedeutend demütiger und fühlten sich mehr der Sache (der Reitkunst) als der eigenen Person verpflichtet. Auch kam hinzu, dass Vieles, was Baucher als NEU propagierte und mit Nachdruck als solches vertrat, schon lange vor ihm, insbesondere in Preußen, gelebte Praxis war! Ein weiterer Aspekt der zu durchaus berechtigter Kritik an seiner Person führte.

Mit Baucher kam – meiner Ansicht nach – eine, nennen wir es einmal, unschöne Stimmung, in die Diskussionen.

Auch wenn viele deutsche Autoren (Seeger, Seidler, von Knorr, Steinbrecht …) kritische Worte zu Bauchers Methode fanden, hatte dies keine, wie häufig gerne behauptet wird, nationalistische Hintergründe gehabt, sondern es waren eher reiterliche Bewertungen.

Im Jahre 1842 wurde ein komplettes Quedlinburger Kavallerieregiment (7. Kürassier-Regiment) für ein Jahr abkommandiert, um Bauchers Methode zu erproben [4]. Die haben das nicht gemacht um Baucher zu kritisieren, sondern um festzustellen, ob seine Methode für die preußische Kavallerie von Nutzen sein könnte – ganz pragmatisch! Diese Arbeit, welche „1843 nach dem grossen Kavalleriemanöver unter Wrangel bei Berlin so eklatante Misserfolge zeitigte, dass diese unbedingte Beizäumungsmethode für ewige Zeiten untersagt wurde, denn die Pferde schnellten sich aus derselben heraus, keinem Zügel mehr gehorchend“ [4], wurde danach nicht mehr weiter verfolgt.

Ähnliche kritische Worte fanden auch seine Landsleute, so dass ihm letztendlich die offizielle Tür nach Saumur (Cadre Noir) verschlossen blieb. Nun gut, das hatte sicher auch seine Gründe in der sich, wie an anderen Orten, ebenso in Frankreich ab 1815 stark verbreitenden „schneidigen“ anglomanen Reiterei. So kann man beispielsweise den Vicomte d´Aure (er leitete Saumur von 1847–1854), Bauchers größten Gegner in Frankreich, getrost zu dieser reiterlichen Spezies zählen.

Baucher hatte viele renommierte Stallmeister sehr sauer gemacht. Nicht durch seine „neue“ Methode! Über diese hätte man sicher gesittet diskutiert, so wie es sonst auch geschah. Nein, es war seine unangenehm anmaßende und insbesondere in seiner Anfangszeit durch nichts gerechtfertigte Überheblichkeit, die er dem Wissen und der Leistung anderen gegenüber an den Tag legte.

Eine besonders scharfe Kritik an Baucher möchte ich hier einmal zitieren:

Noch niemals ist mir ein Buch zu Gesicht gekommen, welches mit gleicher Anmaßung, Verachtung alles außer ihm Bestehenden und Aufschneiderei sein Thema behandelt. Dies möchte ich dem Autor aber noch nachsehen; denn er ist Franzose, und hat sich als solcher vielleicht die Sprache der bekannten Bülletins Napoleons zum Muster genommen. Herr Baucher bringt uns aber auch nichts Neues, was gut wäre.
(F.von Knorr – 1843 – „Ansichten eines Nichtüberzeugten …“)

Aber nun gut – wieder zurück zu den Diskussionen zwischen den Reitlehren

Ich glaube mit Baucher haben sich die Sachthemen immer stärker vermischt mit persönlichen Befindlichkeiten der einzelnen Protagonisten. Je weiter man sich dabei der Neuzeit annähert, desto ausgeprägter und unqualifizierter wurden die Differenzen.

Offensichtliche IGNORANZ hielt in breiter Front Einzug. „Ich will mich nicht mit der anderen Seite beschäftigen, denn die andere Seite ist BÖSE!“ könnte als Überschrift darüber stehen. Auch hier sind persönliche Befindlichkeiten die Haupttriebfeder und behindern jede objektive Betrachtung und jeden konstruktiven Austausch.

Na ja, und dann darf man ja auch die anglomane Reiterei nicht vergessen, sie eroberte Kontinentaleuropa in großen Schritten. Sie stellte die Abkehr von nahezu allem dar, was man unter REITKUNST verstehen kann.

Nach dem Frieden von 1815 legte man in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, der größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur Gangart des Angriffs. Diese Punkte wurde nahezu ausnahmslos in jeder Armee als Verbesserung angesehen [2] und prägten entsprechend die Reitvorschriften, in Deutschland wie in Frankreich (eben u.a. durch d’Aure).

Das was in Deutschland, auch schon mit der Reitvorschrift von 1912, aber ganz extrem mit der HDv. 12 von 1937 zu Papier gebracht wurde und in noch vereinfachterer Form in der aktuellen Deutschen Reitlehre gelandet ist, lieferte nun fast grenzenloses Material für Diskussionen. Die neuzeitlichen Bilder der „Reiterei“ gießen nur noch mehr Öl ins Feuer des „Gelehrtenstreits“ und so kann die eine Seite (französische Lehre) sich als gut darstellen, während die andere Seite (deutsche Lehre) als schlecht betrachtet wird et vice versa.

Und hier kommen meine Eingangsworte „scheinbare UNWISSENHEIT“ und „FAULHEIT“ zur Bedeutung.

Baucher mit der aktuellen Deutschen Reitlehre zu vergleichen, ist genauso, als würde man eine Birne (Baucher) mit einem verfaulten Apfel vergleichen. Ein solcher Vergleich, gerne von neuzeitlichen „Baucheristen“ herangezogen, ist unseriös, birgt unnötigen Konfliktstoff und deutet entweder auf UNWISSENHEIT oder bewusstes (deshalb „scheinbar“) Unterschlagen hin. Bei einigen Protagonisten die sich im „Gelehrtenstreit“ sonnen, spielt möglicherweise auch FAULHEIT (in der Wissensfindung) eine Rolle!

ICH HOFFE, DASS WIR ALLE UNS IRGENDWANN EINMAL WIEDER AUF SCHÖNES, FEINES REITEN BESINNEN, WO PFERDE WICHTIGER SIND ALS MENSCHEN UND DER SINNLOSE „GELEHRTENSTREIT“ DER VERGANGENHEIT ANGEHÖRT.

Bedauerlicherweise erfordert dies von der aktuellen Deutschen Reitdoktrin – vor allem in der Form ihrer Umsetzung – ein besonders starkes, aber im Augenblick nicht erkennbares Umdenken! Aber auch den „Baucheristen“ täte es gut ihren Meister deutlich kritischer zu hinterfragen!

[1] de la Guérinière, Reitkunst, Vorrede des Übersetzers
[2] Friedrich Engels – 1858 – Kavallerie
[3] General Alexis l´Hotte, Ein Offizier der Cavallerie
[4] Otto von Monteton, „Unsere Pferde“ 7. Heft – über stätische Pferde – Zusammengefasst im Werk „Über Reitinstruktionen“
[5] von Oettingen -1885 – „Über die Geschichte und die verschiedenen Formen der Reitkunst“
[6] von Hochstätter – 1839 – „Militär und Civilreiterschule neuerer Zeit …“

 

Autor: Richard Vizethum
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