STREIT DER REITLEHREN – ein paar Gedanken dazu

Letzte Korrektur: 10.12.2017

Der ganze „moderne“ Streit – insbesondere zwischen den DEUTSCHEN (Deutsche Reitlehre) und FRANZÖSISCHEN (Baucher) reiterlichen Fakultäten – basiert, ketzerisch gesprochen – schlicht und ergreifend auf offensichtlicher Ignoranz, scheinbarer Unwissenheit und eines gewissen Maßes an Faulheit!

Trust-your-Horse - Reitlehrenstreit

So ziemlich alles, was an guter Reiterei in Europa existierte (bewusst in der Vergangenheitsform geschrieben), findet im Wesentlichen seine Grundlagen in dem Werk  des Franzosen de la Guérinière (* 8. Mai 1688; † 2. Juli 1751).

Von ihm wurde auf beiden Seiten des Rheins mit großer Hochachtung gesprochen, war er es doch nach dem mittelalterlichen Pluvinel (* 1555; † 1620) DER Reitmeister mit dem größten und nachhaltigsten Einfluss auf die Reitkunst ab dem 18. Jahrhundert.

Der Übersetzter des Werkes der „Reitkunst …“ von de la Guérinière, J. Daniel Knöll (Fürstlicher oranien-nassauischer Bereiter) ging nicht nur davon aus, dass die meisten seiner reiterlichen Fachkollegen de la Guérinière´s Werk im Original gelesen haben (!), sondern er merkte auch sehr deutlich an:

„Denn wo ist das deutsche Reitbuch, welches auf einige Gründlichkeit Anspruch machen kann, worinnen de la Guérinière nicht mit seinen Grundsätzen paradieren muß?“ [1]

Will heißen, kein deutscher Autor eines Reitbuches in der damaligen Zeit (Mitte bis Ende 18. und Anfang 19. Jahrhundert), welcher für sein Werk den Anspruch auf Gründlichkeit reklamieren wollte, kam an de la Guérinière vorbei!

Auch das Wissen der Wiener Hofreitschule in der Vergangenheit (denn heute ist man ja auf anderen Wegen unterwegs) basierte auf dem Werk von  de la Guérinière, ergänzt und erweitert von Max Ritter von Weyrother, Louis Seeger und dem Freiherr von Oeynhausen.
Der Vollständigkeit wegen sind auch noch zu erwähnen die sogenannten „Directiven“ von Franz von Holbein-Holbeinsberg und das k.u.k.Exerzierreglement für die Kavallerie.

Ja, bei diesem Wissensfundament war man sich lange Zeit einig – auf beiden Seiten des Rheins!

Die besseren Stallmeister (in der, und für die Breite) in der Zeit um und nach de la Guérinière fanden sich wahrscheinlich auf deutscher Seite, insbesondere auch in der preußischen Kavallerie.Die deutsche „Reitweise“ dominierte die Reiterei Europas [6].

Friedrich der Große (* 24. Januar 1712 in Berlin; † 17. August 1786 in Potsdam) und sein großer Kavalleriegeneral Seydlitz (* 3. Februar 1721 in Kalkar; † 8. November 1773 in Ohlau) hatten die vorher „plumpe“ preußische Kavallerie unmittelbar nach Ende des 1. Schlesischen Krieges (1740-1742) umfangreich reformiert und zur besten und vorbildlichsten Kavallerie der damaligen Zeit gemacht. Schießen und Fußdienst wurden in den Hintergrund gedrängt und dem Reiten mehr Beachtung geschenkt [2].

„Alle taktischen Manöver sind mit größter Schnelligkeit, alle Schwenkungen in kurzem Galopp auszuführen. Die Kavallerieoffiziere müssen die Leute vor allem zu vollendeten Reitern erziehen, die Kürassiere müssen ebenso wendig und geschickt zu Pferd sein wie ein Husar und mit dem Gebrauch des Säbels wohlvertraut sein.“ [2]

Dieser Abschnitt aus Friedrichs Instruktionen zeigt sehr deutlich die Verschiebung der Gewichtung und gibt einen Hinweis auf die notwendige Rittigkeit der Pferde.

Die französische Kavallerie war – obwohl Frankreich nach de la Guérinière reich an Reiterpersönlichkeiten war – die wohl schlechteste Kavallerie der großen Nationen. Ausgestattet mit ungenügendem „Pferdematerial“ und noch unbegabteren Reitern (man musste Attacken in langsamerer Gangart reiten, bestand doch die Gefahr, dass die Reiter aus dem Sattel fallen konnten) konnte sie allenfalls durch Kühnheit und Mut brillieren [2], Wissen über die Reitkunst kam aber nicht zum Einsatz.

Hinzu kam auch noch, dass die französische Kavallerie zur Zeit Napoleons zunächst keinen so hohen Stellenwert mehr in der Armee hatte und von oft inkompetenten Generälen verheizt wurde. Dies änderte sich auch nicht durch die Einrichtung der Cadre Noir in Saumur 1814.

Eine große Ausnahme allerdings stellten die „Chasseurs d’Afrique“ (erstmals 1830 in Algerien aufgestellte leichte Kavallerie) dar. Diese waren in Gänze mit hervorragenden Berberpferden ausgestattet. Da diese Pferde schon „in Haltung“ gingen, beschäftigte man sich allerdings auch hier nicht besonders mit der Reitkunst.

Die Preußen dagegen hatten zwar Anfangs des 19. Jahrhunderts ebenfalls den Nachteil schlechteren „Pferdematerials“, doch machten sie diesen „Nachteil“ durch intensiverer Beschäftigung mit dem Wissen um die Reitkunst mehr als wett.

Ab wann nun stritten die „Gelehrten“?

Einen heftigen „Gelehrtenstreit“ dürfte es damals aber nicht gegeben haben, gleichwohl es durchaus Nicklichkeiten zwischen einzelnen Schulen und Stallmeistern gegeben hat, welche man getrost unter dem Begriff „Handwerks-Neid“ [6] abwerten kann. Auch trennten sich nach de la Guérinière die Wege der akademischen und der militärischen Reiterei, doch gestritten wurde zwischen diesen beiden Fakultäten – dies aber durchaus sehr kontrovers – fast ausschließlich um den Sitz des Reiters [5].

Die größeren und grundsätzlicheren „Streitigkeiten“ begann erst – und jetzt wird es hypothetisch – mit Francois Baucher!

Er, der sicherlich durchaus ein Erneuerer war, fand sich nicht entsprechend gewürdigt und sein „empfindliches Temperament“ [3] welches ihn oft übermannte gab ihm Veranlassung zu „menschenverachtenden Stimmungen“ [3]. Wenn man dagegen aber die sehr große Schar seiner Bewunderer betrachtet (zu der ich mich – trotz dieser kritischeren Worte – mit mancher Einschränkung auch zähle), hätte es für ihn eigentlich keine Veranlassungen zu derartigen Reaktionen geben müssen.

Baucher wurde zwar durchaus heftig kritisiert – ja – was aber sicherlich auch eine Ursache in seiner überzogenen Selbstdarstellung hatte. Die Meister vor ihm waren bedeutend demütiger und fühlten sich mehr der Sache (der Reitkunst) als der eigenen Person verpflichtet. Auch kam hinzu, dass Vieles, was Baucher als NEU propagierte und mit Nachdruck als solches vertrat, schon lange vor ihm, insbesondere in Preußen, gelebte Praxis war! Ein weiterer Aspekt der zu durchaus berechtigter Kritik an seiner Person führte.

Mit Baucher kam – meiner Ansicht nach – eine, nennen wir es einmal, unschöne Stimmung, in die Diskussionen.

Auch wenn viele deutsche Autoren (Seeger, Seidler, von Knorr, Steinbrecht …) kritische Worte zu Bauchers Methode fanden, hatte dies keine, wie häufig gerne behauptet wird, nationalistische Hintergründe gehabt, sondern es waren eher reiterliche Bewertungen.

Im Jahre 1842 wurde ein komplettes Quedlinburger Kavallerieregiment (verm. Husaren) für ein Jahr abkommandiert, um Bauchers Methode zu erproben [4]. Die haben das nicht gemacht um Baucher zu kritisieren, sondern um festzustellen, ob seine Methode für die preußische Kavallerie von Nutzen sein könnte – ganz pragmatisch! Diese Arbeit, welche „1843 nach dem grossen Kavalleriemanöver unter Wrangel bei Berlin so eklatante Misserfolge zeitigte, dass diese unbedingte Beizäumungsmethode für ewige Zeiten untersagt wurde, denn die Pferde schnellten sich aus derselben heraus, keinem Zügel mehr gehorchend“ [4], wurde danach nicht mehr weiter verfolgt.

Ähnliche kritische Worte fanden auch seine Landsleute, so dass ihm letztendlich die offizielle Tür nach Saumur (Cadre Noir) verschlossen blieb. Nun gut, das hatte sicher auch seine Gründe in der sich, wie an anderen Orten, ebenso in Frankreich ab 1815 stark verbreitenden „schneidigen“ anglomanen Reiterei. So kann man beispielsweise den Vicomte d´Aure (er leitete Saumur von 1847–1854), Bauchers größten Gegner in Frankreich, getrost zu dieser reiterlichen Spezies zählen.

Baucher hatte viele renommierte Stallmeister sehr sauer gemacht. Nicht durch seine „neue“ Methode! Über diese hätte man sicher gesittet diskutiert, so wie es sonst auch geschah. Nein, es war seine unangenehm anmaßende und insbesondere in seiner Anfangszeit durch nichts gerechtfertigte Überheblichkeit, die er dem Wissen und der Leistung anderen gegenüber an den Tag legte.

Eine besonders scharfe Kritik an Baucher möchte ich hier einmal zitieren:

Noch niemals ist mir ein Buch zu Gesicht gekommen, welches mit gleicher Anmaßung, Verachtung alles außer ihm Bestehenden und Aufschneiderei sein Thema behandelt. Dies möchte ich dem Autor aber noch nachsehen; denn er ist Franzose, und hat sich als solcher vielleicht die Sprache der bekannten Bülletins Napoleons zum Muster genommen. Herr Baucher bringt uns aber auch nichts Neues, was gut wäre.
(F.von Knorr – 1843 – „Ansichten eines Nichtüberzeugten …“)

Aber nun gut – wieder zurück zu den Diskussionen zwischen den Reitlehren

Ich glaube mit Baucher haben sich die Sachthemen immer stärker vermischt mit persönlichen Befindlichkeiten der einzelnen Protagonisten. Je weiter man sich dabei der Neuzeit annähert, desto ausgeprägter und unqualifizierter wurden die Differenzen.

Offensichtliche IGNORANZ hielt in breiter Front Einzug. „Ich will mich nicht mit der anderen Seite beschäftigen, denn die andere Seite ist BÖSE!“ könnte als Überschrift darüber stehen. Auch hier sind persönliche Befindlichkeiten die Haupttriebfeder und behindern jede objektive Betrachtung und jeden konstruktiven Austausch.

Na ja, und dann darf man ja auch die anglomane Reiterei nicht vergessen, sie eroberte Kontinentaleuropa in großen Schritten. Sie stellte die Abkehr von nahezu allem dar, was man unter REITKUNST verstehen kann.

Nach dem Frieden von 1815 legte man in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, der größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur Gangart des Angriffs. Diese Punkte wurde nahezu ausnahmslos in jeder Armee als Verbesserung angesehen [2] und prägten entsprechend die Reitvorschriften, in Deutschland wie in Frankreich (eben u.a. durch d’Aure).

Das was in Deutschland, auch schon mit der Reitvorschrift von 1912, aber ganz extrem mit der HDv. 12 von 1937 zu Papier gebracht wurde und in noch vereinfachterer Form in der aktuellen Deutschen Reitlehre gelandet ist, lieferte nun fast grenzenloses Material für Diskussionen. Die neuzeitlichen Bilder der „Reiterei“ gießen nur noch mehr Öl ins Feuer des „Gelehrtenstreits“ und so kann die eine Seite (französische Lehre) sich als gut darstellen, während die andere Seite (deutsche Lehre) als schlecht betrachtet wird et vice versa.

Und hier kommen meine Eingangsworte „scheinbare UNWISSENHEIT“ und „FAULHEIT“ zur Bedeutung.

Baucher mit der aktuellen Deutschen Reitlehre zu vergleichen, ist genauso, als würde man eine Birne (Baucher) mit einem verfaulten Apfel vergleichen. Dieser Vergleich, gerne von neuzeitlichen „Baucheristen“ herangezogen, ist unseriös, birgt unnötigen Konfliktstoff und deutet entweder auf UNWISSENHEIT oder bewusstes (deshalb „scheinbar“) Unterschlagen hin. Bei einigen Protagonisten die sich im „Gelehrtenstreit“ sonnen, spielt möglicherweise auch FAULHEIT (in der Wissensfindung) eine Rolle!

ICH HOFFE, DASS WIR ALLE UNS IRGENDWANN EINMAL WIEDER AUF SCHÖNES, FEINES REITEN BESINNEN, WO PFERDE WICHTIGER SIND ALS MENSCHEN UND DER SINNLOSE „GELEHRTENSTREIT“ DER VERGANGENHEIT ANGEHÖRT.

Bedauerlicherweise erfordert dies von der aktuellen Deutschen Reitdoktrin – vor allem in der Form ihrer Umsetzung – ein besonders starkes, aber im Augenblick nicht erkennbares Umdenken! Aber auch den „Baucheristen“ täte es gut ihren Meister kritisch zu hinterfragen!

[1] de la Guérinière, Reitkunst, Vorrede des Übersetzers
[2] Friedrich Engels – 1858 – Kavallerie
[3] General Alexis l´Hotte, Ein Offizier der Cavallerie
[4] Otto von Monteton, „Unsere Pferde“ 7. Heft – über stätische Pferde – Zusammengefasst im Werk „Über Reitinstruktionen“
[5] von Oettingen -1885 – „Über die Geschichte und die verschiedenen Formen der Reitkunst“
[6] von Hochstätter – 1839 – „Militär und Civilreiterschule neuerer Zeit …“

 

Autor: Richard Vizethum
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BAUCHER – Wie gut war er wirklich?

TEXT IST EINE ARBEITSNOTIZ ZUM BUCH „GRAMMATIK DES REITENS“

François Baucher war der Reitmeister, der mich in einem besonderen Maße dazu inspiriert hat, über das Reiten, die Reitkunst und ganz speziell über die Ausbildung von Pferd und Reiter nachzudenken. Also zu dem zu werden, was Max Ritter von Weyrother den „denkenden Reiter“ nannte.

Baucher - Wie gut war er wirklich?

In meiner Beschäftigung mit François Baucher habe ich mich gedanklich sehr tief in seine Zeit hineinversetzt, mich auf seiner Methode und sein Leben eingelassen. Er wies mir dabei den Weg zur Effizienz. Einen Weg, den ich sehr konsequent beschreite, wenngleich nicht zwingend in den Punkten und der Art, wie er es tat.

Ich vertrat seine Lehre, dennoch kann man mich nicht als BAUCHERISTEN bezeichnen. Denn nicht eine Lehre treibt mich an, sondern die REINE LEHRE und davon, dass musste ich relativ schnell feststellen, war selbst Baucher noch weit entfernt. Anders gesprochen, er hat sich in gewisser Weise sogar vom Pfad der reinen Lehre weg, auf Nebenwege begeben.

Dies wurde mir erst klar, als ich mich sehr viel intensiver damit zu beschäftigen begann, die so vermeintlich zerstrittenen Lehren dies und jenseits des Rheins, objektiv auf Vereinbarkeiten hin abzuprüfen.

Sich damit zu beschäftigen ist eine sehr intensive Arbeit, welche alleine auf Basis theoretischen Wissens nicht funktionieren kann! Es bedarf dazu auch einer sehr großen praktischen Erfahrung, erworben durch die Arbeit mit VIELEN verschiedenen Pferden, die jeden Tag das Nachdenken über das eigene Tun herausfordern und auf ihre Art, den Weg zur Logik des Reitens öffnen.

Baucher war ein Reitmeister, der, wie E.F. Seidler (1846) es ausdrückte, „… in arrogantester Sprache sämtliche Stallmeister alter und neuer Zeit, nicht nur Frankreichs, sondern aller Staaten, als unwissende und nichtdenkend Reiter schildert, sich als die Sonne der Reiterwelt aufstellt und alle bisher bestandenen Prinzipien umzustoßen bemüht war…„.

Insbesondere sah Baucher sich von seinen eigenen Landsleuten angegriffen:
„Wackere Landsleute, die eine der eigenen Nation nützliche Neuerung weit lieber einem Fremden, als ihrem eigenen Landsmanne verdanken wollen!“

Anfangs konnte ich Baucher hier noch verstehen, da es ja immer wieder das gleiche Problem ist: Macht man etwas anders, dann zieht man sich die Feinde und Neider an. Baucher sah sich – aus seiner Sicht sicherlich zu Recht – von einer Heerschar von Feinden umgeben. Entsprechend harsch war auch seine Ausdrucksweise.

Doch wie berechtigt war seine Reaktion wirklich?

Dazu muss man sich die Frage nach dem Zweck der Ausbildung von Pferd und Reiter zur damaligen Zeit stellen – bezogen auf die Reitkunst.

De la Guérinière beispielsweise, der einen maßgeblichen Einfluss auf die Reiterei der damaligen Zeit hatte, arbeitet für den Adel. Die Ausbildung der Pferde, die ihren Grundzweck sicherlich aus dem militärischen Aspekt abgeleitet hatte, stellte zwar Reitkunst in „Vollendung“ dar, diente aber mehr dem Amüsement und nicht der Gebrauchsreiterei.

Die einzigen Institutionen, die Reitkunst mit Gebrauchsreiterei zu vereinen wussten, weil dies eine Notwendigkeit darstellte, war das Militär, die Kavallerie (als Sammelbegriff gebraucht).

Und hier muss man attestieren, dass, was die Qualität anbelangte, die preußische Kavallerie zur damaligen Zeit das Maß aller Dinge war. Die französische Militärreiterei – auch durch Saumur repräsentiert – hatte zwar das bessere „Pferdematerial“, war aber aus diesem „Bequemlichkeitsgrund“ nicht so gefordert sich intensivste Gedanken über das Pferd und dessen Ausbildung zu machen, wie dies auf preußischer Seite notwendig war.

Wieder zurück zu Baucher

Nimmt man die Ausbildungsstufen eines Militärpferdes (noch bis vor ein paar Jahren an der Hofreitschule in Wien gelebt), so sind diese:
1. Remonte
2. Kampagnen-/Gebrauchspferd
3. Schulpferd (incl. Schulen über der Erde)

Würde man diese Stufen nun auf die schulische Ausbildung eines Menschen umlegen, so würde ich diese Zuordnungen treffen wollen:
1. REMONTE: Grund-, Mittel und Realschule (Ansätze);
2. KAMPAGNEN-/GEBRAUCHSPFERD: Mittlere Reife, Abitur, Diplomabschluss Universität
3. SCHULPFERD: Promotion

François BAUCHER hat, betrachtet man seine Arbeit intensiv, einen Schnelldurchlauf Grund-, Mittel- und Realschule gemacht. Dies lässt sich allerdings nicht genau sagen, da über die Ausbildung von Remonten durch Baucher so gut wie gar nichts bekannt ist (Man sagt aber, dass gerade junge Pferde weniger empfänglich für den Baucherismus sind [5]). Mittlere Reife und Abitur hat er links liegen gelassen und ist nach einer kurzen Diplomarbeit sofort zur Promotion übergegangen.

Solche Form der Ausbildung zeigt zwar schnelle Erfolge, allerdings ohne umfassendes Fundament. Diese „Hochgeschwindigkeitsausbildung“ zog sich hinein bis in seine sogenannte 2. Manier. Erst in seinen letzten Lebensjahren machte er sich Gedanken über einen solideren Weg.

Einen soliden Weg, der in den Werken einiger deutscher Stall- und Reitmeister – vor 1848 – tatsächlich sehr präzise beschrieben und erklärt wurde. Einen Sachverhalt, den Baucher in seiner 1. Manier nachdrücklich negierte. Allerdings tat er dies in einer allgemein formuliert Form und nicht auf eine spezielle Nation bezogen [1].

Im Gegensatz zu seinen (Bauchers) Pferden waren die Pferde, die nach dem soliden Weg ausgebildet wurden, AUCH Kampagnen- und Gebrauchspferde, welche vermutlich sogar noch bedeutend feiner an den Hilfen standen (Stichwort: Sekundengehorsam).

Irgendwann (verm. in den Jahren 1842/43) war Baucher für einige Monate in Berlin und hatte dort, wie er es selbst ausdrückte „völligen Einblick in die deutsche Reitweise“ [4]. In dieser Zeit (1842) erhielt ein Husarenregiment aus Quedlinburg den Auftrag, ihre Pferde nach der Methode Bauchers auszubilden. Nach einem großen Kavalleriemanöver unter General Friedrich von Wrangel bei Berlin (1843) entschied man sich allerdings, lange vor Louis Seegers Warnung vor Baucher [7], nachdem die Methode „eklatante Misserfolge zeitigte, dass die unbedingte Beizäumungsmethode für ewige Zeiten untersagt“ wird. [3]

Während seines Aufenthalts in Berlin kam Baucher zu der Erkenntnis, „das die in Preußen geübten Grundsätze“ seinen „diametral entgegenstehen“ würden. Als Beispiel führte er hierzu die Meinungen einiger Offiziere an, welche in Deutschland, seiner Aussage nach, „ein hohes Ansehen als Reiter genießen“. Diese sagten ihm, dass „sie ihre Pferde VOR der Hand haben möchten“, worauf Baucher antwortete, dass er seine Pferde gerne „HINTER der Hand (Gebiss) und VOR den Beinen“ haben wolle. [4]

Hätte sich Baucher wirklich intensiv mit der preußischen Reiterei und dem reiterlichen Zeitgeist auseinandergesetzt, dann hätte ihm auffallen müssen, dass er in diesen Offizieren, Reiter vor sich hatte, die bereits stark vom anglomanen Virus infiziert waren. Auch das hohe Ansehen dieser Reiter spricht für diese „Erkrankung“, denn die anglomane Reiterei war – und ist es insbesondere auch heute noch – sehr „publikumswirksam“.

Wäre er auf alte Stallmeister der preußischen Reiterei getroffen, hätte er wahrscheinlich überrascht zu Kenntnis nehmen müssen, dass diese, was seine Aussage „HINTER der Hand (Gebiss) und VOR den Beinen“ betrifft, ihm zugestimmt hätten.

Baucher und Gebrauchspferde

Auch wenn man landläufig manchmal hört, dass man mit Bauchers Methode auch Gebrauchspferde ausbilden könnte, so möchte ich hier meine Bedenken anmelden.
Überall dort, wo Bauchers Methode mit der Gebrauchsreiterei in Berührung kam – beispielsweise bei der russischen und amerikanischen Kavallerie, handelte es sich um eine modifizierte Form dieser Methode.

James Fillis, ein Schüler-Schüler von Baucher, der für die Regelwerke der beiden genannten Militärreitereien verantwortlich zeigte, nahm vielfältige Anpassungen vor, um Bauchers Methode Gebrauchsreitereifähig zu machen.

WIE GUT WAR NUN BAUCHER WIRKLICH?

Baucher hat sich sicherlich sehr große Verdienste um die Reiterei gemacht. Dennoch hat er im Grunde eine abgespeckte Variante bereits vorhandenen Wissens etwas modifiziert und angereichert um neue, eigene, Erkenntnisse dargestellt. Man darf ihn aber desshalb keinesfalls als Plagiator anklagen! Das war er mit Sicherheit nicht! Denn jeder, der über das Reiten in seiner Essenz nachdenkt und mit Passion an der reinen Lehre arbeitet, wird letztendlich zu gleicher Erkenntnis gelangen – früher oder später. Es gibt nur EINEN Weg!

Auch muss man sich die Zeit betrachten, in der Baucher seine Erkenntnisse sammelte. Die Reitkunst war im Niedergang begriffen. In allen Ländern Europas griff die anglomane Reiterei rasend schnell umsich. Der Sport, die Jagd und das Rennen wurden wichtiger und erfreuten sich mehr und mehr der Popularität der Massen. Die Reitkunst mit ihren Bildern begann zu verblassen. Die letzten Wissenden in Form von Pferd und Mensch waren im Begriff auszusterben (im wahrsten Sinne des Wortes). Otto von Monteton ermittelte 1848 als eine Zäsur! [6]

Die Schulreiterei war vielen, insbesondere jungen Reitern („Die Jugend macht viel, kann aber nichts!“ – Otto von Monteton), zu schwierig geworden und so wandte man sich der zwar kühnen, aber schlichten und Pferde verheizenden anglomanen Reiterei zu und die, die wiederum damit unzufrieden waren, versuchten sich an Bauchers Methode.

Alles getreu nach den Worten  des Rittmeisters von W:

„Alles was lebt ist faul!“

IRGENDWIE WIEDERHOLT SICH DOCH ALLES

Quellen:

  • [1] Baucher: Methode der Reitkunst nach neuen Methoden (8.Auflage)
  • [2] Seidler: Die Dressur diffiziler Pferde (1846)
  • [3] von Monteton: „Über stätische Pferde“ (1899) – hippologische Abhandlung
  • [4] Baucher: Euvres complètes (1884)
  • [5] Racinet: Francois Baucher – Enfant terrible oder Genie?
  • [6] von Monteton: „Über die Reitkunst“ (1877)
  • [7] Seeger: Herr Baucher und seine Künste – Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter (1852)

Autor: Richard Vizethum
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François Baucher

* 16. Juni 1796 in Versailles – Rue de Boucheries;
† 14. März 1873 in Paris

François Baucher gilt als einer der genialsten, aber auch bis heute am meisten umstrittenen Reitmeister. Er vervollständigte und erneuerte die Grundideen der den Franzosen zugeschriebenen Tradition des Reitens in Légèreté und prägte damit die Reitkultur seines Landes aber auch weit darüber hinaus, so stark wie nur wenige vor ihm.

Sein System überdachte Baucher unermüdlich forschend immer wieder neu und revidierte es, wo nötig. Gegen Ende seines Lebens hatte er damit eine Lehre – mehr oder weniger aus sich selbst heraus – erarbeitet, die auf der artgerechten Behandlung des Pferdes und dem reiterlich verantwortungsbewussten Umgang mit diesem basierte und damit allen Reitern und Pferden gerecht werden konnte.

Trust-your-Horse - Reitmeister F. Baucher

Eine Klassifizierung seiner Methode in eine 1. und 2. Manier, wie es heute gerne geschieht um die Entwicklungsstufen seiner Reitlehre darzustellen, ist aus meiner Sicht so nicht haltbar und wird seinem Weg des ständigen Nachdenkens, Experimentierens und Veränderns, in keiner Weise gerecht.

Bis auf sein Sterbebett hat Baucher weitergedacht. Nur leider konnte er diese Erkenntnisse – altersbedingt – selbst nichts mehr weitergeben. Er sah es als die Aufgabe derjenigen an, die unter seiner direkten Leitung gelernt hatten, wie beispielsweise  Faverot de Kerbrech, Rul, Boisgilbert oder l´Hotte, diese „letzten“ Gedanken der Nachwelt zu erhalten und als Lehrer weiter zu verbreiten.

Im März 1855, im „Cirque Napoléon“, wurde Baucher Opfer eines schrecklichen Unfalls. Es geschah eines Nachmittags. Als er den Fuß in den Bügel setzte, um eine junge Stute zu besteigen, die er ausbildete, fiel ein riesiger Gasleuchter herab. Die Stute machte sich bei dem Krach frei und floh, aber Baucher geriet unter den Lüster.

Wie durch ein Wunder wurde der Kopf nicht erfasst, aber der Brustkorb, die Nieren, das linke Bein wurden grausam gequetscht, und das rechte Bein brach nahe am Fuß. Nach diesem Unfall ist Baucher nie mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten, aber konnte wieder reiten und dann und wann in Paris Kurse abhalten.

Ab dem Jahre 1864 ritt Baucher, der die Kandare ohne Kinnkette entwickelt hatte, seine Pferde nur noch ausschließlich auf Trense gezäumt. Maxim Gaussen bemerkte bereits 1840 in einem Vorwort zu Passe-Temps Equestres, dass Baucher alle seine Pferde auf einfacher Trense arbeitete würde. Außer Gaussens Aussage gibt es aber dafür keine Belege – ganz im Gegenteil, weit mehr Hinweise deuten darauf hin, dass Baucher noch lange auf Kandare gearbeitet habe.
.
Seine große Bewunderung für diese Gebissform brachte er noch auf dem Sterbebett (28. Februar 1873) gegenüber seinem Schüler l´Hotte zum Ausdruck:

Sehen Sie, die Trense hat so viel Möglichkeiten. Setzen Sie sie folgerichtig ein, Sie werden sehen, sie steckt voller Schönheiten. Wenn die Widersetzlichkeit von oben, unten, rechts oder links kommt, immer liefert die Trense das Mittel, sie zu beherrschen„.

Diese Ansicht teile ich persönlich voll und ganz.

Auch wenn man ihm gerne nachsagt, dass er es war, der die Trense in dieser Art und Weise favorisierte, so darf man aber feststellen, dass beispielsweise in der preußischen Kavallerie schon lange vor Baucher die Pferde ausschließlich auf Trense hoch aufgerichtet UND beigezäumt wurden.

Ganz besonders in seinen letzten Lebensabschnitten bestand Baucher auf einfachsten Bewegungen und deren Vollkommenheit „Einst fing ich sofort mit komplizierten Bewegungen an. Heute veranschlage ich sechs Monate, um meinen Pferde zum Geradegehen und zum sauberen Wenden zu bringen„.

Alleine diese Anmerkung von ihm selbst kann nicht als die Bemerkung eines Genies gewertet werden, denn diese Erkenntnis war an anderen Orten lange vor Baucher bereits gelebte Reitpraxis!

Im Jahre 1870, im Alter von 74 Jahren hörte Baucher mit dem Reiten auf.

Auch wenn Baucher im Zirkus auftrat, im Übrigen in der damaligen Zeit der einzige Ort, an dem Reiter ihr Können vorführen konnten, war er doch kein Mann des Publikums gewesen.
General l´Hotte schrieb: „So blieb er Abends, wenn er aufzutreten hatte, nicht minder seiner Kunst verhaftet, wie des Morgens, wenn er alleine ritt. Sein gesenktes Haupt bewahrte einen nachdenklichen Ausdruck, und wenig gab er auf die Feststellungen, die über seinen Sitz gemacht wurden„.

LEHRER von Baucher

Hierüber gibt es wenige Angaben.

  • Bauchers Onkel der den Marstall des Prinzen Bourghese in Mailand leitete und bei dem Baucher in die Lehre ging.
  • Federigo Mazzuchelli | * 1760; † 1830 | Gilt als Erfinder der Doppellongearbeit. Baucher lernt ihn in seiner Zeit in Mailand (ca. 1810-1814) kennen, und erlernte dort die Pilaren- und Handarbeit.

SCHÜLER von Baucher

  • General Alexis l´Hotte | * 25. März 1825; † 03. Februar 1904 | …
  • General Faverot de Kerbrech | * 1837 – † 1905 | Als Capitaine war er in den 1860er Jahren einer von Bauchers bevorzugten Schülern. Lehrer u.a. (indirekt) von Capitaine E. Beudant (dieser hat Baucher mehr aus dessen Veröffentlichungen – Schwerpunkt „2. Manier“ für sich erlernt).
  • Louis Joseph Gabriel Rul | * 1811 – † 1880 | Einer der aktivsten Verfechter der Lehren Bauchers und der einzige Schüler, dem von Baucher selbst ein „Diplom“ ausgestellt wurde. Er arbeitete als gefragter Kavallerieausbilder und Privatreitlehrer in ganz Europa;
  • Charles Hubert Raabe | *  03. Mai 1811 in Bayonne – † 29. Mai 1889 in Paris | Er war einer der eifrigsten Schüler von Baucher. 1845 veröffentlichte er sein erstes Buch „Manuel équestre“. Er versuchte in vereinfachter Form die Methode Bauchers zu erklären, damit diese einen breiteren Zuspruch vor allem in der Kavallerie finden würde;
  • Eugene Caron
    Ein früher Schüler von Baucher und Großvater von General Albert-Eugène Edouard Decarpentry (Baucherist und FEI-Richter);
  • François Caron | … | Chefhofstallmeister des Zaren und einer der Lehrer von James Fillis;
  • Boisgilbert (Jean-Charles Dubois) | * 1835 – † 1922 | Er absolvierte seine Ausbildung an der französischen Militärakademie von St.Cyr. Er war als Reitlehrer am Cadre Noir in Saumur tätig. Boisgilbert war Rittmeister bei den 2e Chasseurs und wurde zum Chevalier der Légion d´honneur ernannt;
  • Comte de Lancosme-Brèves | | Er ritt Géricault, einen dreijährigen Vollbluthengst, der bis dato alle seine Reiter abwarf und der sich im Besitz des Engländers Lord Seymour befand, aufgrund einer Wette die an Baucher gerichtet war, um den „Bois de Boulogne“. Er gewann diese Wette. Lord Seymour übergab ihm das Pferd, welches Lancosme-Brèves in Würdigung seines Meisters an Baucher weitergab. Verfasser des Buches: „De l’equitation et des haras“;
  • Madame Pauline Cuzent | … | Sie war Bauchers herausragendste Amazone und erwarb von ihm seine Pferde „Partisan“, „Buridan“ und „Neptune“, die sie im russischen Staatszirkus vorstellte. Pauline Cuzent wird auch von l´Hotte erwähnt im Zusammenhang mit dem Hengst Géricault, der im Zirkus einmal mit ihr durchging. Ihr Bruder, Paul Cruzent, komponierte für Bauchers Vorstellungen eigens auf die Darbietungen abgestimmte Stücke.
  • Marquis de Montegeu Wird von Heinze, der Unterrichtsstunden bei Baucher bewohnte, 1846 erwähnt und als ein bereits älterer Schüler bezeichnet.

WO FINDET MAN ÜBERALL Baucher

Diese Auflistung ist noch in der Verifizierung, da diverse Praktiken, die man Baucher als „Erfinder“ zuordnet, schon zu früheren Zeiten und an anderen Orten zur Anwendung kamen und dokumentiert wurden. Auch gilt anzumerken, dass der hier aufgeführte James Fillis kein direkter Schüler von Baucher war und er Bauchers Methode ziemlich deutlich für die Gebrauchsreiterei modifiziert hat, so dass man die berechtigte Frage stellen darf: Wieviel Baucher ist tatsächlich z.B. im Reglement der Russischen Kavallerie gelandet.

  • HDv 12 von 1912 und 1926 | noch geringfügig in der Fassung von 1937
  • Reglement der Russischen Kavallerie | in den 1960 Jahren beherrschten die Lehren von James Fillis durch die russischen Reiter das Dressurgeschehen.
  • Reitvorschrift der US-Kavallerie
  • Bei den Vorreitern der Horsemanship – wie beispielsweise bei Tom Dorrance, dem Lehrer von Ray Hunt, über die ehemaligen US-Kavallerieausbilder.

Mehr über Baucher

Baucher – Wie gut war er wirklich?

Datenquellen

  • Das Phänomen François Baucher“ | Stodulka Robert | WuWei-Verlag | Seite 23
  • Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Übersetzer und Herausgeber: Christian Kristen von Stetten | Cadmos-Verlag | Cover
  • François Baucher – Méthode d’équitation basée sur de nouveaux principes“ 13.Auflage (1867) – mit den letzten von Baucher selbst verfassten Formulierungen“ dt. Erstübersetzung | Cadmos-Verlag
  • Ein Offizier der Cavallerie“ | General Alexis l´Hotte | Olms-Verlag
  • François Baucher – Enfant terrible oder Genie?“ | Jean-Claude Racinet | Olms-Verlag
  • Die sytematische Ausbildung des Reitpferdes“ | General Faverot de Kerbrech | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“
  • Der Aufbau der systematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes“ | Louis Joseph Gabriel Rul | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“
  • Baucher und die Gebrauchsreiterei“ | Boisgilbert (Jean-Charles Dubois) | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“

Autor: Richard Vizethum
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