Deutsche Reitvorschriften und der Weg zur Skala der Ausbildung

Da die Reiterei in Deutschland, mit ihrem großen Einfluss auf die internationale Reiterei, sehr stark geprägt wurde durch das Militär und deren Ausbildungsrichtlinien für Pferd und Reiter, möchte ich an dieser Stelle versuchen, alle relevanten Informationen über Deutsche Reitvorschriften nach und nach zusammenzutragen.

Trust-your-Horse - Reitvorschriften

1825 und 1826 | Instruction zum Reit-Unterricht für die Kgl.Preußische Kavallerie

Generalmajor Friedrich Georg Ludwig von Sohr erhielt als Direktor der 1816 in Berlin gegründeten preußischen „Militär-Reit-Anstalt“ den Auftrag eine Reitinstruktion auszuarbeiten, welche dem gesamten Reitunterricht in der Armee zugrunde gelegt werden sollte. Diese „Instruction zum Reit-Unterricht für die königlich preussische Kavallerie“ gelangte in den Jahren 1825 bis 1826 in vier Teilen zur Ausgabe und zur Einführung in die Truppe. Mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch stellte sie die bindende Regel für die gesamte Reit- und Pferdeausbildung der preußischen und der deutschen Kavallerie dar. Auch später erfolgte Neubearbeitungen haben an deren Inhalt nicht viel wesentliches geändert. Diese Reitinstruction diente nicht nur als Ausbildungsanweisung für die militärische Reitausbildung, sondern sie wirkte auch grundlegend auf die nichtmilitärische Reitausbildung.

  • Teil 1 der Instruction behandelte den Unterricht der Reiter der ersten Klasse (Kavalleristen mit nur 3-jähriger Dienstzeit). Die einzelnen Elemente waren hier: „Unterricht auf Decke und Trense“, „Unterricht auf Sattel und Trense„, „Unterricht auf Sattel und Kantare“ sowie den „Unterricht mit den Waffen und im Gliede„.
  • Teil 2 der Instruction thematisierte neben der Schulung von Reitern für das Unterrichten der Rekruten der Kavallerie das Zureiten der neu erworbenen Pferde, nämlich die „Remonten-Dressur„. Letzte Aufgabe bestand laut Instruktion darin, „aus einem rohen Remonte-Pferd ein brauchbares Dienstpferd zu bilden„.
  • Teil 3 der Instruction (Erschienen 1826) war „ausschließlich zum Gebrauch bei der Lehr-Eskadron bestimmt„. Er beschrieb den Ablauf des Unterrichts für die dritte Klasse der Reiter (Offiziere und besonders befähigte Unteroffiziere). Diese sollten in ihrem praktischen Können, wie in ihren theoretischen Kenntnissen gefördert werden. Zudem sollte sich diese Schulung in einer optimierten Ausbildung der Pferde dieser Reiter niederschlagen.

Diese Instruction schrieb eine zwingende Reihenfolge von Ausbildungszielen vor, die es unter „Berücksichtigung der Kräfte des Pferdes“ einzuhalten galt. Diese sind:

1. Gehorsam, 2. Aufrichtung (auf Basis Anlehnung), 3. Gleichgewicht und 4. Versammlung.

1850 | Reit-Instruction für die leichte Kavallerie

1850 publizierte der preussische Kavallerieoffizier E. Herstatt dieses Lehrbuch, welches weitgehend den Reitunterricht für die kurzzeitig dienenden Kavalleristen (Klasse 1 – mit nur 3-jähriger Dienstzeit) behandelte.

1851 | Kavallerie-Katechismus

In einer Art Repetitorium fasste Herstatt die aus seiner Sicht wichtigsten Inhalte seiner Instruction von 1850 in 82 Fragen und Antworten für den ersten Teil und 108 Fragen und Antworten für den zweiten Teil der Anweisung zusammen. Dabei gab Herstatt die relevanten Formulierungen der Instruktion von 1850 in der Regel wörtlich wieder.

1882 | Instruction zum Reitunterricht für die Kavallerie

Kaiser Wilhelm I. übergab diese Anweisung als D.V.E. No. 12 am 31. August 1882 dem Kriegsministerium und bestimmte diese als für das gesamte militärische Reiten verbindliche Vorschrift. Dieses zweibändige Werk umfasste knapp 400 Seiten. Alle früheren diesbezüglichen Edikte wurden durch diese Anweisung außer Kraft gesetzt.

1912 | Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12

Am 29. Juni 1912 genehmigte Wilhelm R.v. Heeringen die Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12. (Reitvorschrift zur Ausbildung von Pferd und Reiter für die deutschen Kavallerieregimenter). In Bayern, wo sie marginale Änderungen beinhaltete, trug diese Vorschrift die Bezeichnung D.V. 16.

Sie ersetzte die „Instruktion zum Reitunterricht für die Kavallerie“ vom 31.08.1882 und führte gleichzeitig deren beiden Teile in einer Vorschrift zusammen, was einen großen Verbesserung darstellte. Darüber hinaus wurde die Vorschrift mit besseren und aussagefähigeren Zeichnungen versehen.

Inhaltlich verantwortlich für die D.V.E. Nr. 12 zeichnete ein reiterlich sehr hochrangiges Gremium aus folgenden Personen:

  • Kgl. Bayrischer Generalmajor z.D. Max Freiherr von Redwitz;
  • Kgl. Preußischer Oberleutnant Felix Bürkner;
  • Kgl. Württembergischer Rittmeister Fritz Lauffer
  • Kgl. Preußischer Major Hans von Heydebreck

Gleichzeitig mit Einführung der D.V.E. Nr. 12 wurde die S-Kandare bei der Preußische Armee und in fast allen weiteren bundesstaatlichen Armeen des Deutschen Kaiserreiches eingeführt.

1926 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

1926 erschien eine weitere Ausgabe. Erstmalig wurde im Titel die Bezeichnung „H.Dv. 12“ (Heeresdienstvorschrift) ausgewiesen. Es gibt Meinungen, die besagen, dass diese Vorschrift das Beste war und ist, „welches für die Ausbildung von Pferd und Reiter jemals geschaffen wurde. Von den Grundlagen bis zur Hohen Schule und den Schulsprüngen wird alles erklärt„. Der Nachdruck von 1932 soll dabei weit über das Normale hinausgegangen sein – die Vorschrift erhielt ihre Vervollkommnung.

1934 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

Traditionell nahm das Pferd in der deutschen Kavallerie einen zentralen Platz auch hinsichtlich Pflege und Betreuung ein. Ein enges Verhältnis zwischen Reiter und Pferd wurde nicht nur erwartet, sondern geradezu vorausgesetzt. In dieser Ausgabe vom 18.Dezember 1934 über die Reitausbildung:

Dauernden Erfolg wird sie nur haben, wenn alle Vorgesetzten und Untergebenen von der Freude am Reiten und der Liebe zum Pferd beseelt sind.

1937 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

Eine überarbeitete Fassung (Reitvorschrift – H.Dv. 12) wurde am 18. August 1937 herausgegeben und vom Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, in Kraft gesetzt. Hierin waren teilweise deutliche Veränderungen gegenüber der Ursprungsfassung von 1912. Ihre Basis war ein Entwurf von 1934.

1939 | Die Ausbildung der Rekruten im Reiten

Siegried von Haugk, der sehr gerne als direkte Quelle für die Skala der Ausbildung genannt wird, schrieb in einem „Anhang für Reitlehrer“ zu seinem Werk „Die Ausbildung der Rekruten im Reiten“ – wohl auch in kritischer Anlehnung an die Darstellung in der H.Dv.12 von 1937 – über Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geradereichten und Versammlung. Dies tat er auch in dieser Reihenfolge. Er umriss diese Punkte als die „Ziele der Dressur„. Dabei war ihm das Nacheinander in der Erarbeitung dieser Ziele wichtig. Seiner Meinung nach konnten die später anzugehenden Ziele erst durch die zuvor verwirklichten angegangen werden. Die Begriffe „Skala“ oder „Reihenfolge“ gebrauchte er im Jahre 1939 allerdings nicht.

1978 | Das Dressurpferd

Erstmalig wurde durch Harry Boldt in seinem Buch „Das Dressurpferd“ (1978 S.112) eine „sogenannten Skala der Dressurausbildung“ erwähnt, die sich aus der Folge von Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geradereichten und Versammlung definierte.

Abkürzungen

  • D.V.E. Nr. | Druck-Vorschriften Etat-Nummer (Preussen)
  • D.V. | Druck-Vorschriften (Bayern)

Quellen

  • www.bundesarchiv.de
  • D.V.E. Nr. 12 von 1912 | Digitalisierte Fassung
  • Die Reitvorschriften der berittenen deutschen Truppenteile | Wolfgang Klepzig
  • Die Skala und das System der Ausbildung – eine kritische Interpretation | Heinz Meyer | Verlag WuWei
  • Wikipedia

Autor: Richard Vizethum
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Sperrriemen und kein Ende

Der Sperrriemen hatte zu keinem Zeitpunkt eine sinnvolle Nutzanwendung.

Im Grunde muss man attestieren, das er, so wie er in der heutigen Form gebraucht wird (in Kombination mit dem Englischen Reithalfter – auch als Irisches Reithalfter bezeichnet), von schlechten Reitern für schlechte Reiter entwickelt wurde.

Trust-your-Horse - Kombiniertes Reithalfter

„Wenn das Pferd jedoch versucht das Maul aufzusperren, so hat das irgendeinen Grund, den man finden und abstellen sollte – einfaches Zusperren des Maules ist Selbstbetrug“
(Paalman Anthony – Springreiten – 1989)

Die Idee, die sich allerdings dahinter verbergen dürfte, war der Versuch, die vermeindlichen Vorteile des Hannoverschen Sperrhalfters und des Englischen Reithalfters zu vereinigen. Diesen fragwürdigen Versuch, der vermutlich auf die Experimentierfreude von Springreitern zurückging, kann man getrost als misslungen bezeichnen.

Dennoch wird an dieser Halfterform weiter festgehalten – sehr zum Leidwesen der Pferde. Eine sehr merkwürdige und sichtbar unüberlegte Aussage zu diesem kombinierten Reithalfter liefert die Richtlinie für Reiten und Fahren Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung:

„Für Pferde mit guter Maultätigkeit und genügender Durchlässigkeit ist dieses Reithalfter zweckmäßig.“ 1

Hatte das Militär einen Anteil an der Entwicklung des Sperrriemens?

Nach dem 1. Weltkrieg konnte die deutsche Militärreiterei zunächst aus dem Vollen schöpfen. Eingebettet in einem 100.000 Mann starkem Heer, waren die Reiterregimenter viel zu hoch angesetzt. Der berittene Infantrist wurde ins Leben gerufen. Hinzu kam noch, dass die Reichswehr ein Berufsheer sein musste. Die lange Dienstzeit von 12 Jahren bei Mannschaften und Unteroffizieren und 25 Jahren bei Offizieren sorgte in den Reiterregimentern für ein gutes Ausbildungsniveau.

1934/35 war das Ende der Reichswehr und die Wehrmacht wurde aufgebaut. Im Zuge dessen wurde auch die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Die Wehrdienstzeit betrug 2 Jahre, unabhängig von der truppendienstlichen Verwendung. Vor Ende des ersten Weltkriegs dauerte die Wehrdienstzeit für die Reiterei 3 Jahre, für die übrigen Truppenteile 2 Jahre. Das reiterliche Niveau sank ab (dem wurde auch in der H.Dv. Rechnung getragen).

Möglicherweise ein Grund, warum man schließlich 1934 den Reitmeister Otto Lörke, neben weiteren Zivilreiteren, wie Stensbeck (dieser schon 1926 auf Veranlassung von Gustav Rau berufen) und Wätjen, an die Kavallerieschule Hannover berief. Sie sollten dort zum einen für eine Verbesserung der reiterlichen Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren im Schulstall sorgen und legten zum anderen die Basis für die Olympia-Erfolge der deutschen Reiter bei den Olympischen Sommerspielen 1936. Sie unterstützten damit sicherlich auch Felix Bürkners Arbeit, der die deutsche Dressurmannschaft für die Spiele vorbereitete.

Trust-your-Horse - Sperrriemen und kein Ende

In der Heeresdienstvorschrift D.V.E. Nr. 12 von 1912 gab es – bei der Zäumung auf Trense – weder Sperrriemen noch Nasenriemen (Bild1) – . Gleiches gilt für die Fassung von 1926 (H.Dv. 12). In der Ausgabe der H.Dv. 12 von 1937 war dies schon anders, hier kam das Hannoversche Sperrhalfter zum Einsatz (Bild 2).

Das Hannoversche Sperrhalfter

Dieses Sperrhalfter wurde an der Kavallerieschule in Hannover entwickelt, um zu verhindern, dass das Pferd das Maul aufsperrt und das Gebiss verrutscht. Als Erfinder gilt aber wohl der Herr von Oeynhausen.

Das die Erfindung des Sperrhalfters, respektive, später des Sperrriemens, seine Begründung in der Vermeidung von Kieferbrüchen hätte, gehört in den Bereich der reiterlichen Mythen.

Udo Bürger (leitender Veterinäroffizier an der Kavallerieschule Hannover) fasste lediglich eigene Beobachtungen dahingegen zusammen, dass vor Einführung des Hannoverschen Sperrhalfters, er „des öfteren Unterkieferbrüche und Kiefergelenksentzündungen gesehen“ hätte. „Seit der Einführung des Hannoverschen Reithalfters aber nicht mehr„. Daraus zog er SEINE Schlüsse.

Bei diesem Sperrhalfter wird, bei Pferden mit kurzer Maulspalte die Lufttrompete beengt. Muss ein Pferd heftig atmen, dann reichen auch die – bei „korrekter Verschnallung“ – zwei Finger Luft zwischen Pferdekopf und Sperrhalfter nicht aus – das Pferd bekommt nur sehr schwer Luft. Verschnallt man die Zügel dabei allerdings so, dass sie Trensen und Halfterringe umfassen, dann wird der Druck auf die Kinnlade vermindert und ein Teil der Wirkung geht auf die Nase.

Da die Rekruten an der Kavallerieschule zur damaligen Zeit (s.o.) nicht unbedingt zu den begnadetsten Reitern mit weichen Händen gehört haben dürften, mag die Entwicklung dieses Halfters nachvollziehbar gewesen sein.

Worcester-Reithalfter

Der SPERRRIEMEN, so wie er eben heute gebraucht wird (in Kombination mit dem Englischen Reithalfter), wurde vermutlich aus dem Pull(er)riemen des Worcester-Reithalfters entwickelt (Bild 4)2.

Bild 3 zeigt eine provisorische Form davon, so wie ich sie mitunter zur Korrektur einsetze. Welche aber deutlich besser als das Worcester-Reithalfter ist, läßt es die Lufttrompeten frei. Zur besseren Positionierung empfiehlt es sich, wie hier dargestellt, eine dünne Schnur vom Pullriemen zum Nackenriemen verlaufen zu lassen.

Beim Worcester-Reithalfter kann das Pferd ungehindert kauen, das Gebiss liegt ruhiger und etwas höher im Maul. Die Wirkung, auch eines zu tiefen Zügels, geht zunächst auf die Nase, dann aufs Maul und dort mehr auf die Mundwinkel. Es wird Druck von Zunge und Lade genommen.

Ich nutze diese Form (in der provisorischen Variante – s. Bild 3) bei Pferden, die gelernt haben die Zunge über das Gebiss zu legen oder die stark mit dem Gebiss „spielen“, AUSSCHLIESSLICH ZUR KORREKTUR!

  • 1) FN-Richtlinie für Reiten und Fahren – Band 1 | Seite 27
  • 2) Miriam Röseler | Ihr Nachbau eines Worchester Reithalfters, so wie es im Reitzentrum Reken noch zur Korrektur benutzt wurde.
  • D.V.E. Nr. 12 von 1912 | Digitalisierte Fassung
  • Die Reitvorschriften der berittenen deutschen Truppenteile | Wolfgang Klepzig
  • Mehr zu Reitvorschriften hier im Blog.

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