Emotionen und Reiten

Emotionen – ein missverstandener Begriff

Diskutiert man über den Begriff „Emotionen“ oder gar über „Emotionsloses Reiten„, dann wird es meist sehr schnell emotional. Die Vorstellung die eigenen Emotionen kontrollieren zu müssen, macht vielen Menschen Angst (Emotion).

Trust-your-Horse - Emotionslos Reiten

Doch, was sind „Emotionen“?

Emotionen sind Affekte, d.h. sie stoßen uns einfach so zu – ohne Vorwarnung und ohne das wir was dagegen tun können. Sie werden ausgelöst, durch die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung eines Ereignisses oder einer Situation. Das unterscheidet sie von Gefühlen. Diese sind „langfristiger“ angelegt.

Wir Menschen sind – im Gegensatz zu Tieren – in der Lage, uns Emotionen einzureden oder manche dieser Emotionen – ohne jeglichen realen Grund – zu verstärken. Dazu erzeugen wir mit Worten Bilder in unserem Kopf. Panik, die Steigerungsform von Angst, ist ein Beispiel dafür. Zur Panik sind nur wir Menschen fähig.

Wir wollen nicht auf unsere Emotionen verzichten

Ja, es wird sehr emotional, wenn man über Emotionen diskutiert und vor allem, wenn man von Menschen verlangt Emotionen zu kontrollieren um besser mit ihrem Pferd zurecht zu kommen. „Das möchte ich nicht! Ich bin ein emotionaler Mensch und auch das Reiten und der Umgang mit dem Pferd sind zutiefst emotional!„. Man lässt sich vielleicht gerade noch zu dem Zugeständnis hinreißen „… na gut, die negativen Emotionen sollte man vielleicht schon kontrollieren – ABER die positiven Emotionen möchte ich auch und ganz besonders mit meinem Pferd teilen!„.

Nächster menschlicher Fehler: Es gibt keine positiven (im Sinne von GUT) oder negativen (im Sinne von SCHLECHT) Emotionen! Zu dieser Wertung sind wieder nur wir Menschen fähig. Dabei spielen unsere jeweiligen Wert- und Moralvorstellungen (auch wieder etwas, von uns Menschen künstlich Geschaffenes) eine zentrale Rolle. Pferde werten nicht – Menschen tun diese mit großer Leidenschaft!

Wer die Situation nicht erlebt hat, kann die Emotion nicht (nach)empfinden

Da freut sich der Mensch, der an diesem Tag von seinem Chef eine Gehaltserhöhung bekommen hat, über alle Maßen und fährt mit diesem Glücksgefühl zu seinem Pferd. Und natürlich möchte er mit diesem, seinem Freizeitpartner seine Freude teilen.

Doch schaut man in die Augen des Pferdes und beachtet dessen Reaktionen objektiv, dann wird man von völligem Unverständnis bis zu starker Verunsicherung beim Pferd viel Emotion erkennen – nur eine nicht: FREUDE.

Nur wenn ein Tier die Situation, den Auslöser der Emotion, miterlebt hat und darüber hinaus die Situation auch noch genauso empfunden hat, kann es die Emotion (nach)empfinden. Wir Menschen allerdings können – wieder mittels Sprache – Bilder im eigenen Kopf, aber auch in den Köpfen anderer erzeugen, so das wir es auch anderen Menschen möglich machen können, unsere Emotionen – auch körperlich – nachzuempfinden. Bei Tieren funktioniert das nicht!

Kontrolliere Deine Emotionen – ein guter Sitz hat keine Emotionen

Um zu einem harmonischen Verhältnis und einer klareren Kommunikation mit Deinem Pferd zu gelangen, ist es sehr wichtig, dass Du kontrolliert mit Deinen Emotionen umgehst. Ein guter und sinnvoll kommunizierender Sitz ist nur dann möglich, wenn Du weitgehend frei von Emotionen bist.

Emotionen bedeuten Spannungen und Spannungen bedeuten Kommunikation. Das Pferd versucht bewusst oder unbewusst diese Spannungen zu interpretieren – auch dann, wenn sie emotional motiviert, völlig sinnfrei sind. Du wirst mitunter Reaktionen vom Pferd bekommen, die Du nicht erwartet und auch nicht gewünscht hast. In solchen Momenten kann man dann oft den Satz „Er verarscht mich doch schon wieder!“ hören. Ein Satz, welcher völlig gedankenlos und ungerecht ist.

Kontrolliere Deine Emotionen und Du erleben, dass manches, was Du vielleicht Deinem Pferd an problematischem  Verhalten angelastet hast, wie von selbst verschwindet. Denn die Ursache dafür war nicht in Deinem Pferd zu suchen, sondern bei Dir und Deinen Emotionen – unabhängig davon, ob Du diese Emotionen als „positiv“ oder „negativ“ einstufst.

Autor: Richard Vizethum
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Mehr über Emotionen und wie man diese kontrollieren kann, kannst Du in meinem Theoriekurs EMOTIONSLOS REITEN erfahren.

Es menschelt – ein durchaus zulässiger Vergleich

Mitunter ist es ganz hilfreich, wenn man versucht über den Tellerrand hinaus zu blicken, eine Situation von einem anderen Blickwinkel heraus zu betrachten. So unterschiedlich wie wir Menschen oft glauben, sind Mensch und Tier gar nicht. Eine kleine Geschichte mit Mensch und Pferd als Protagonisten soll dies illustrieren.

Trust-your-Horse - Es menschelt

Es menschelt – ein durchaus zulässiger Vergleich

DER MENSCH (1)
Dieser Mensch, beispielsweise ein Buchhalter, der tagaus, tagein Zahlen in ein Buchhaltungssystem einträgt. So unspektakulär dies sein mag, so verhilft es ihm dazu ein relativ entspanntes Leben zu führen. Dies strahlt auch auf sein Privatleben aus, wo er sich in einer harmonischen Beziehung befindet. Mitunter schielt er vielleicht doch etwas neidisch auf manch „Besserverdienenden“.

DAS PFERD (1)
Ein etwas rangniedrigeres Tier, beispielsweise ein Wallach, welches tagaus, tagein mit den anderen Herdenmitgliedern über die Weide zieht, Gras frisst, ein Nickerchen macht oder Sozialkontakte pflegt. Seine Wachsamkeit hält sich in Grenzen und damit auch der alltägliche Stress. Nur manchmal wünscht es sich vielleicht einen begünstigteren Schlafplatz. Es freut sich, wenn seine Reiterin am Abend kommt und für Abwechslung sorgt. Gerne lassen beide zusammen den Tag bei einem entspannten Geländeritt ausklingen.

DER MENSCH (2)
Natürlich hat dieser Buchhalter auch immer mal wieder den Gedanken seinen Status zu verbessern, mehr Verantwortung, mehr Geld, vielleicht ein größeres Büro zu bekommen.

DAS PFERD (2)
Es würde dem Pferd durchaus gefallen, einen günstiger gelegenen Schlafplatz oder die Möglichkeit zu erhalten, früher an gutes Futter zu kommen.

DER MENSCH (3)
Eines Tages erhält der Buchhalter eine, über seinen beruflichen Alltag hinausgehende Herausforderung. Man eröffnet ihm, dass eine Betriebsprüfung anstehen würde und er dafür Sorge zu tragen habe, dass den Prüfern alle Unterlagen klar strukturiert zur Verfügung zu stellen sind.

DAS PFERD (3)
In der Pferdeherde ergibt sich ein Wechsel. Es gehen ein paar Pferde – darunter auch ein ranghoher Wallach – und es kommen zwei neue Pferde dazu. Mit einem Mal sieht sich der Wallach aus unserer Geschichte völlig unvermittelt in einer relativ ranghohen Position.

DER MENSCH (4)
Diese neue Verantwortung macht den Menschen unsicher. In einer vergleichbaren Situation war er bisher noch nicht. Er verspürt Nervosität und sein Stresspegel steigt.

DAS PFERD (4)
Auch für das Pferd bringt diese plötzliche neue Herdenposition Verantwortung mit sich. Wo er früher entspannt grasen konnte, muss er sich nun mehr und mehr der Herde und dessen Umfeld zuwenden. Im Grunde aber ist es keine Führungspersönlichkeit (wie beispielsweise eine echte Leitstute) und damit bringt diese Verantwortung eine Zunahme der Nervosität und ein Ansteigen des Stresses mit sich.

DER MENSCH (5)
An diesem Abend kommt unser Buchhalter nach Hause, nicht so entspannt wie sonst. Ihm beschäftigen die neue Aufgabe und die damit verbundenen Herausforderungen. Unbewusst fühlt er sich dem nicht gewachsen. Seine Partnerin hatte dagegen einen guten und entspannenden Tag gehabt und ist voller Vorfreude, hat sie doch den Plan gefasst, mit ihrem Mann ins Kino zu gehen. Sie hat sich extra einen Film herausgesucht, den er schon lange sehen wollte.

DAS PFERD (5)
Das Pferd läuft in der Herde immer wieder auf und ab und findet nur wenige Momente in dem es ruhig grasen kann. Am Abend kommt seine Reiterin, völlig entspannt und in Vorfreude auf einen gemütlichen Ausritt vorbei. Ihr Plan ist eine Strecke, auf der beide sehr gerne unterwegs sind.

DER MENSCH (6)
Der Kinobesuch kommt unserem Buchhalter gar nicht gelegen und er reagiert etwas gereizt auf das Ansinnen seiner Partnerin. Er will eigentlich nicht ins Kino, hat er doch seine Gedanken ganz wo anders. Doch seine Partnerin, die sein Verhalten so gar nicht verstehen kann, bringt ihn schließlich doch dazu mitzukommen, auch wenn ihre Stimmung durch sein Sträuben nicht mehr ganz so euphorisch ist. Angespannt machen sie sich auf den Weg ins Kino. Sie hofft, dass der Film ihn wieder etwas entspannt.

DAS PFERD (6)
Am Anbinder kehren die Gedanken des Pferdes immer wieder zur Herde zurück. Unruhig trippelt es, sehr zum Erstaunen seiner Reiterin, immer wieder hin und her. Sie putzt und sattelt es dennoch. Als sie losgehen, versucht das Pferd noch einmal deutlich zu machen, dass es heute ganz und gar nicht von der Herde wegmöchte. Reiterin und Pferd verlassen schließlich etwas angespannt den Hof. Die Reiterin hofft, dass sich ihr Pferd auf den schönen Sandwegen wieder beruhigen wird.

DER MENSCH (7)
Der Film bringt unseren Buchhalter keineswegs auf andere Gedanken, ganz im Gegenteil, alles um ihn herum reizt ihn. Die laute musikalische Untermalung des Films ebenso wie ein Popcorn essender Zuschauer ein paar Plätze weiter. In diesem Moment will er einfach nur noch nach Hause. Dieses Anliegen macht er auch seiner Partnerin deutlich, was diese wiederum überhaupt nicht verstehen mag und so kommt es zu einem Disput, der damit endet, dass der Buchhalter aufsteht und das Kino gereizt verlässt – Ziel: nach Hause.

DAS PFERD (7)
Jedes Geräusch erschreckt unser sonst so unerschrockenes Pferd. Auch die sonst so entspannenden Galoppaden auf den langen Sandwegen kann es nicht wirklich genießen. Bei jeder Abzweigung, die zum Hof zurückführt, versucht es seiner Reiterin deutlich zu machen, dass es nach Hause in den Stall möchte. Die Reiterin, die sich auf diesen Ausritt gefreut hatte, kann das Verhalten ihres Pferdes nicht verstehen und reagiert entsprechend missbilligend. Doch schließlich gibt sie sehr verärgert aber auch resigniert auf und nimmt den nächsten Weg zurück. Das Pferd will nur noch nach Hause.

DAS FAZIT dieser beiden Geschichten kann der geneigte Leser gerne selber ziehen.

Vielleicht aber helfen Dir diese Geschichtchen dabei genauer hinzusehen, um das Verhalten Deines Pferdes besser zu verstehen. DAS PFERD HAT IMMER RECHT! JA! – aber nicht immer ist der Reiter der Grund, warum man sich manchmal nicht versteht.

Der besseren Lesbarkeit wegen wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Autor: Richard Vizethum
Eigene Notizen
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