Der TAKT – ein paar Worte dazu

Neben einem schwingenden und möglichst aufgewölbten Rücken wird in der heutigen Zeit immer wieder die Wichtigkeit des TAKTES hervorgehoben und nachdrücklich betont.

Trust-your-Horse - Der Takt

Was aber ist dieser Takt und wie wichtig ist er wirklich?

Von vielen wird, insbesondere im deutschsprachigen Raum, darunter die Unterscheidung der Gangarten verstanden (Schritt ist ein 4-Takt, Trab ein 2-Takt und der Galopp ein 3-Takt …). Der Engländer sagt zu dieser Gangartenunterscheidung „Rhythm“ und differiert damit sinnvollerweise zu dem Takt in seinem eigentlichen Sinne.

Dieser Takt in seinem eigentlichen Sinne muss nochmal unterschieden werden in ein räumliches und ein zeitliches Gleichmaß der Tritte.

Räumliches Gleichmaß

Das räumliche Gleichmaß definiert sich durch die gleiche Trittlänge der Beine des Pferdes! Ein schiefes Pferd („natürliche Schiefe“) kann deshalb niemals im räumlichen Gleichmaß gehen. Auch in Kurven, auf Volten oder Zirkel etc. kann sich ein Pferd nicht im räumlichen Gleichmaß bewegen.

Zeitliches Gleichmaß

Hierbei handelt es sich um die Reinheit und das zeitliche Gleichmaß der Bewegungen. Man könnte auch hörbaren Takt dazu sagen. Bei einem „klar“ gehenden Pferd kommen die Hufschläge der einzelnen Beine immer im selben (hörbaren) Abstand auch wenn das räumliche Gleichmaß nicht gegeben ist. Lahmheiten oder Verspannungen sorgen für HÖRBARE Taktunreinheiten. Das zeitliche Gleichmaß ist also gewissermaßen EIN Indikator für die, auf die Bewegung bezogene körperliche Verfassung des Pferdes.

WELCHER TAKT IST NUN VON BEDEUTUNG?

Geht man in der Geschichte etwas zurück, ist der Takt in seiner massiven Präsenz erst ein relativ neuzeitliches Problem.

Ursprünglich war das GLEICHGEWICHT, welches in der heutigen Richtlinie ein Schattendasein führt, ein vorrangiges Ausbildungsziel. Im Verlauf der Ausbildung wurde dabei die Gleichgewichtssituation des Pferdes dergestalt verändert, dass man von Anfang an am Geraderichten des Pferdes arbeitete und schon unmittelbar nach der Gewöhnung an das Reitergewicht, damit begann das Pferd auf die Hinterhand zu setzen. Das Pferd zu „biegen“ beinhaltete damals u.a. auch das „Falten der Hanken“!

Damit wird natürlich auch der messbare Takt, das Gleichmaß der Schritte, verbessert. In diesem Zusammenhang aber spielte das Wort „Takt“ keine Rolle!

TAKT bekam aber seine Wichtigkeit in einem anderen Kontext, nämlich, wie oben schon beschrieben, als Indikator für die körperliche Verfassung des Pferdes im Zusammenhang mit der Bewegung.

Insbesondere bei der Ausbildung der Remonten – im Stadium der Gewöhnung an das Reitergewicht – war dies eine wichtige Größe, da das Pferd zu Beginn dieser Phase häufig die Rückenmuskeln anspannte und so der Rücken weggedrückt, sowie Hals und Kopf angehoben wurden. Ein solcher Art verspanntes Pferd konnte nur noch eingeschränkt korrekt im Sinne des HÖRBAREN TAKTES gehen.

Vorrangige Ziel war es an dieser Stelle die verspannten Rückenmuskeln zu LÖSEN, so dass das Pferd sich auch unter dem Reiter wieder in seiner NATÜRLICHEN POSITION (nicht wie „ein Jagdhund am Boden schnüffelnd“) frei vorwärts bewegte. Erkennbar am hörbar gleichen Abstand der Hufschläge.

Die Verbindung zwischen LOSGELASSENHEIT und HÖRBAREM Takt ist also korrekt, ABER Losgelassenheit ist Voraussetzung für einen klaren hörbaren Takt und nicht umgekehrt!

Leider hat man bereits in der HDv.12 – aus welcher Verwirrung heraus auch immer – neben dem zeitlichen Gleichmaß auch vom RÄUMLICHEN Gleichmaß gesprochen und diesen Sachstand, zu allem Überfluss, auch noch gedankenlos (wie so vieles) in die aktuelle Skala der Ausbildung übernommen.

Dies ist nicht korrekt und dem Ausbildungsstand nicht angemessen!

Autor: Richard Vizethum
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved
(Darf bei Namensnennung gerne geteilt werden)
www.trust-your-horse.com is a product of A.R.T. Leadership

VORWÄRTS-ABWÄRTS und (k)ein Ende

Nach einigen kritischen Posts auf Facebook habe ich mir noch einmal (zum wiederholten Male) die Reitvorschriften D.V.E. Nr. 12 von 1912 und H.Dv. Nr. 12 von 1937 angesehen um näher an den Ursprung des Vorwärts-Abwärts heranzukommen.

Folgende Erkenntnisse

Zunächst gilt festzustellen, dass das Vorwärts-Abwärts, so wie wir es heute kennen, in KEINER der beiden Reitvorschriften beschrieben steht, weder in der Form, noch der neuzeitlichen, sehr intensiven Nutzung bei Pferden jeden Ausbildungsstandes!

Des Weiteren ist festzuhalten, dass immer dann wenn in den Reitvorschriften von Vorwärts-Abwärts gesprochen wurde, sich dies auf die Nase des Pferdes bezog („mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“). Dies ist eine durchaus bedeutsame Feststellung, denn aus dieser Formulierung kann nicht zwingend eine tiefe Halshaltung abgeleitet werden.

Die Varianten

Folgende „Varianten“, bei denen die Nase des Pferdes tiefer als bei der Gebrauchshaltung kommt, wurden – vor allem in der H.Dv. Nr. 12 von 1937 – erwähnt.

  • am (völlig) hingegebenen Zügel
  • am langen Zügel (Schritt)
  • die Zügel aus der Hand kauen lassen (in allen Gangarten)
  • das Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase
  • Anlehnung in die Tiefe (D.V.E. Nr. 12 von 1912)

Im Wesentlichen kamen alle diese „Varianten“ ausschließlich bei der Ausbildung von Remonten oder bei der Korrektur von Pferden zum Einsatz. Die einzige Ausnahme stellte das „die Zügel aus der Hand kauen lassen“ dar. Diese wurde immer wieder, auch beim fertig ausgebildeten Pferd zum Zwecke der Verprobung der Losgelassenheit eingesetzt.

Am hingegebenen Zügel

 „Die jungen Remonten sind zunächst so lange im Schritt mit vollkommen hingegebenen Zügeln zu reiten, bis der Schritt ganz ruhig, raumgreifend und gleichmäßig ist. Erst dann kann eine geringe Anlehnung angestrebt werden“ (H.Dv. Nr. 12 – Seite 141)

Dabei strecken die Pferde die Nase weiter nach vorne und haben natürlich auch die Möglichkeit in die Tiefe zu gehen. Diese Phase war vergleichsweise kurz und man begann danach erste Anlehnung anzustreben (siehe „Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“).

Unabhängig von dieser ersten Phase wurde diese Vorgehensweise (am „hingegebenen Zügel“) in den ersten Monaten der Ausbildung einer Remonte immer wieder einmal durchgeführt. Zum Ende dieser ersten Monate sogar im Arbeitsgalopp.

Dieser Hinweis wurde aus dem „Ausbildungsplan für junge Remonten“ der H.Dv. Nr. 12 von 1937  entnommen. Im eigentlichen Regelwerk findet sich kein Hinweis oder genaue Beschreibung für einen „hingegebenen Zügel“ und dessen Nutzen insbesondere in Verbindung mit dem Arbeitsgalopp. Zumindest habe ich keinen gefunden. Es ist aber davon auszugehen, dass auch dadurch die Losgelassenheit der Remonten festgestellt werden sollte und dass dies nur in kurzen Reprisen durchgeführt wurde.

Am langen Zügel

Im Gegensatz zum „hingegebenen Zügel“ besteht beim „langen Zügel“ Kontakt („Anlehnung“) mit dem Pferdemaul.
Laut Ausbildungsplan und auch in Hinweisen im eigentlichen Regelwerk wurde dieser nur im Schritt zur Anwendung gebracht.

Trust-your-Horse Am langen Zügel
(Bild: Losgelassenheit im freien Schritt am langen Zügel)

Auf diesem Bild sieht man, dass das Pferd dabei, in seiner „natürlichen Haltung“ gehend, das Genick deutlich über Widerristhöhe trägt.

Zügel aus der Hand kauen lassen

Das, „Zügel aus der Hand kauen lassen“, wurde in jeder Ausbildungsstufe des Pferdes zur Verprobung der Losgelassenheit gefordert.
„Das Pferd muss dabei mit nach vorne gedehntem Halse, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.“

Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase

Diese Vorgehensweise der H.Dv. Nr. 12 von 1937 entspricht der „Anlehnung in die Tiefe“ der D.V.E. Nr. 12 von 1912.

Auch wenn – insbesondere die Begrifflichkeit der D.V.E. Nr. 12 von 1912 – suggeriert, dass das Pferd im Hals und Kopf sehr tief eingestellt worden wäre, ist festzustellen, das dem nicht so ist (siehe Bild aus der D.V.E. Nr. 12 von 1912 – dies entspricht der „Anlehnung in die Tiefe“). Der Remonte trug dabei Kopf und Hals in einer „natürlichen Haltung“.

Trust-your-Horse - Anlehnung in die Tiefe 1912

Für Steinbrecht wäre diese Einstellung wahrscheinlich schon zu tief gewesen. Er forderte die Zügel schon beim ersten Anreiten „kürzer“ zu fassen und erwartete schnell VOLLE Anlehnung. Diese beiden Sachverhalte führen in der Regel zu einer etwas höheren Einstellung der Pferdenase.

ZWISCHENFAZIT

Von all den erwähnten Varianten dürfte nur das „Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“ respektive die „Anlehnung in die Tiefe“ unter Vorwärts-Abwärts subsummiert werden.

Zum Einsatz kam diese Vorgehensweise („Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“) AUSSCHLIESSLICH bei Remonten und Korrekturpferden!

Kurt Albrecht von Ziegner merkte hierzu an:

„Junge Pferde, die ihren Rücken nicht korrekt einsetzen, müssen ‚vorwärts-abwärts‘ geritten werden, damit sie die notwendige Muskulatur entwickeln können. Hat das Pferd jedoch gelernt, den Reiter bei steter Verbindung zur Reiterhand problemlos zu tragen, wäre es FALSCH, in dieser Weise (vorwärts-abwärts) weiterzureiten. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, vom Pferd ein verstärktes Untertreten der Hinterhand zu fordern, wodurch es sich vorne etwas mehr aufrichtet, da wir unsere Pferde nicht unnötigerweise ‚auf der Vorhand‘ reiten wollen!“

GESTERN und HEUTE

Vergleicht man die Ausführungen der damaligen Zeit mit denen der Neuzeit (ab den 1960er Jahren), dann lässt sich bezogen auf HEUTE Folgendes feststellen:

  1. „Vorwärts-Abwärts“ kommt nicht nur bei Remonten oder Korrekturpferden zum Einsatz, sondern ist generelles Mittel der Ausbildung geworden. Ein Ziel jeder Ausbildung eines Pferdes muss es sein, dass Pferd vermehrt auf die Hinterhand zu setzen. Nach der „Vorwärts-Abwärts-Arbeit“ mit Remonten ging man damals relativ schnell dazu über, die Pferde in Richtung Hinterhand auszubilden und Vorwärts-Abwärts war obsolet (Ausnahme: Zum Zwecke der Korrektur).
  2. Anstelle von meist kurzen Reprisen werden heute lange Passagen im „Vorwärts-Abwärts“ geritten.
  3. Die Pferde sind zu einem großen Teil viel tiefer eingestellt als damals. Früher gingen die REMONTEN in GERINGER ANLEHNUNG nicht tiefer mit der Nase als max. Buggelenk und das nur, weil man sie noch in ihrer „natürlichen Haltung“ belassen wollte, damit sie sich an die neue Belastung durch den Reiter gewöhnen konnten.
  4. „Vorwärts-Abwärts“ wird in der heutigen Zeit zu einem sinnlosen Showeffekt degradiert (Westernreiten). Während in den Dienstvorschriften das „Vorwärts-Abwärts“ im Zusammenhang mit Remonten und Korrekturpferden (das sei nochmals erwähnt) und in der Art wie es geritten wurde, Sinn gemacht hatte, ist die zum Teil extrem tiefe Einstellung von Hals und Kopf bei Westernpferden absolut sinnfrei!

Wenn man dabei von einem „falsch interpretierten Vorwärts-Abwärts“ spricht, dann sind dies genau diese Punkte!

Merken

Von der Wand weg

Sicher hat das jeder schon einmal erlebt, sein Pferd drängt über die äußere Schulter in Richtung auf eine Wand oder einen Gegenstand zu. Seinen Hals und Kopf hat es dabei nach innen, also weg von dem Gegenstand, gestellt.

Trust-your-Horse Pferd drängt nach Außen - Problem

Die Ursachen für dieses Verhalten können zwar vielfältig sein, doch sind in den allermeisten Fällen Fehler beim Sitz und/oder in der Hilfengebung des Reiters dafür verantwortlich, also nicht irgendwelche „Gespenster“ in irgendeiner Ecke.

Um nun aus dieser, mitunter problematischen Situation zu kommen, ist RICHTIGES und schnelles Reagieren notwendig. Die Lösung liegt dabei im Problem verborgen. Wenn das Pferd in Innenstellung nach Außen drängt, dann sollte es folglich auch in Außenstellung nach Innen weichen.

Trust-your-Horse - Pferd drängt nach Außen - Lösung

Und genau so ist es!

Der Reiter dreht sich dafür um seine Körperlängsachse ganz leicht mit Becken und Schultern nach außen. Diese Veränderung des Sitzes führt bereits zu einer mehr oder weniger starken Veränderung der Stellung des Pferdes in Richtung Außen. Da die Stellung für diese Korrektur eine zentrale Bedeutung hat, kann der äußere Zügel (auf der dem Gegenstand zugewandten Seite) durch leichtes Anheben diese Stellung nach außen etwas verstärken.
Nun kann sich das Pferd nicht mehr gegen das treibende Bein (nun das äußere Bein) stemmen.

Das Pferd weicht nach INNEN!

Natürlich funktioniert dies auch in der anderen Richtung!

Autor: Richard Vizethum
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved
(Darf bei Namensnennung gerne geteilt werden)
www.trust-your-horse.com is a product of A.R.T. Leadership

Caféhaus-Dialog gesucht

Gräben hat es in der Reiterei schon immer gegeben. Schulen und Lehrmeinungen, ja selbst Menschen und Nationen, haben sich gegeneinander abgegrenzt. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Das Massenphänomen „Reiten“ und die modernen Sozialen Medien haben gar zu einer massiven Verschärfung beigetragen.

Trust-your-Horse - Caféhausdialog

Wo zu früheren Zeiten noch Reiter, über alle Gegensätze hinweg, sich fachlich austauschten und dabei auf eigene Erfahrungen als Referenz zurückgreifen konnten, verkommt der „Dialog“ heute zu einer Zitatenschlacht: „X hat gesagt…“, „Y ist der Meinung …“, „Z widerspricht …“. Bildung, Erfahrungen und Selbstreflexionen spielen kaum noch eine Rolle.

Das eigene reiterliche Weltbild wird gehegt und gepflegt, die Wahrnehmung und Aufnahme von Wissen erfolgt selektiv – eben weltbildkonform.

Nun gut, das alles wäre kein Problem, würden wir über Radfahren philosophieren, doch wir haben es mit einem anderen Lebewesen zu tun. Einem Lebewesen, dem unsere Diskussionen nichts bedeuten, das aber darunter leiden muss.

Ich würde mir wünschen, dass weniger in sozialen Netzen geschrieben und sich mehr zum fachlichen Austausch getroffen wird, zu einem Austausch, bei dem Gedanken „entwickelt und nicht erarbeitet“ (Danke Dr. Hans-Walter Dörr) werden. Einem Austausch, bei dem das Pferd und dessen Wohl im Vordergrund stehen und nicht Olympiasiege das Ziel bestimmen.

Eigene Erfahrungen müssen dabei eine höhere Gewichtung haben als angelesenes Wissen. Denn häufig ist das was der Autor eines Schriftstückes mit einer bestimmten Aussage darstellen wollte, nicht das, was der geneigte Leser darunter auch versteht – denn man liest ja selektiv, dem eigenen Weltbild konform und dabei bleibt Erkenntnis auf der Strecke.

Lasst uns in Caféhäusern treffen und REDEN! Dann haben die Pferde vielleicht wieder eine Chance und wir geben der Bildung und nicht nutzlosen Informationen Raum.

Ich liebe Caféhäuser!

KLASSIK – ein paar Caféhaus-Gedanken dazu

In der Reiterei wird man häufig mit Begriffen wie „klassisches Reiten“, „klassische Reitkunst“, „klassische Reitlehre“ oder ähnliches konfrontiert. Es kommt durchaus zu kontroversen Diskussionen, tauscht man sich über diese Begrifflichkeiten aus.
Ich möchte hier einmal ein paar meiner Caféhaus-Gedanken (Pausen zwischen Reitstunden) dazu äußern, in der Hoffnung, etwas zur Aufklärung oder zum Nachdenken beizutragen.

Trust-your-Horse - der Begriff KLASSIK

Versucht man sich Klarheit durch eine schlichte Internet-Recherche zu verschaffen, so findet man den Begriff „KLASSIK“ in zweifacher Weise definiert: als Anspruchs- und als Zeitdimension (ich nenne es einfach mal Dimension).

Die Anspruchsdimension

Mit dem Begriff „Klassik“ verbindet man in dessen Beschreibung einen durchaus hohen Anspruch, ein hohes Qualitätsniveau. Neben Definitionen wie: „herkömmlich“, „traditionell“ findet man da auch „als Vorbild geltend“, oder umgangssprachlich: super, klasse. Weiter steht da „vollendet“ und „zeitlos geformt“. D.h. den Anspruch, den man aus dem Begriff „klassisch“ ableiten kann ist schlicht ausgedrückt folgender: BESSER GEHT ES NICHT (Zumindest für eine gewisse Zeit)!

Die Zeitdimension

Klassik definiert sich hier in seiner historisch zeitlichen Einordnung. So steht der Begriff u.a. für die Kultur und Kunst der griechischen und römischen Antike. In der Literatur wird die Schaffensperiode von Goethe und Schiller als Klassik bezeichnet, auf die Zeit von 1786-1832 eingegrenzt. In der Musik wird hier eine etwas längere Periode von 1730 bis 1830 angenommen. Daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer als „Klassik“ bezeichneter Zeitperioden.

Betrachtet man nun die verschiedenen Epochen (Kultur, Kunst etc.) genauer, die den Titel „Klassik“ im Namen mitführen, kann man erkennen, dass die Zeitdimension durch die Anspruchsdimension definiert wird. Jede als „Klassik“ bezeichnete Zeitperiode hatte in dieser Zeit das vermeintliche „besser geht es nicht“ erreicht und man wertete diese Epoche mit dem Titel „Klassik“. Solange eben nicht eine Weiterentwicklung die vorherigen Qualitäten toppte.

Wieder zurück zum Reiten

Ich greife mal einfach beispielhaft eine Institution „klassischer Reitkunst“ heraus: die Spanische Hofreitschule in Wien. Mit dem Ziel den Begriff „Klassik“ im Zusammenhang mit Reiten näher zu erläutern.

„Die Spanische Hofreitschule Wien ist die älteste Reitschule und die einzige Institution der Welt, an der die klassische Reitkunst in der Renaissancetradition der „Hohen Schule“ seit mehr als 450 Jahren lebt und unverändert weiter gepflegt wird – was auch zum immateriellen UNESCO Kulturerbe der Menschheit zählt.“ (Quelle: http://www.srs.at/)

Die Hofreitschule beschreibt sich in ihrem Intro als Institution, die eine Reitkunst zelebriert, die in der Tradition der Renaissance steht.

„Als Kernzeitraum der Renaissance wird das 15. (Quattrocento) und 16. Jahrhundert (Cinquecento) angesehen. Die Spätrenaissance wird auch als Manierismus bezeichnet. Das Ende der Epoche vollzieht sich im beginnenden 17. Jahrhundert in Italien durch den neu hervortretenden Stil des Barock.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Renaissance)

Dies bedeutet, dass an der Spanischen Hofreitschule das Wissen einiger Meister dieser Zeitepoche quasi „eingefroren“ wurde – „seit mehr als 450 Jahren“, um damit deren Schaffen für Gegenwart und Zukunft zu erhalten. Bewahrung ist auch der Grund, warum die Spanische Hofreitschule in Wien zum „UNESCO Kulturerbe der Menschheit“ zählt. Einen bis dato verdienten Titel, den die Hofreitschule durch die aktuellen Entwicklungen massiv gefährdet – nebenbei bemerkt.

Nun kann man fragen, ob diese Reitkunst von vor über 450 Jahren als non plus ultra für alle Zeiten gelten darf, was den Begriff „klassische Reitkunst“ ohne weiteren Zusatz rechtfertigen würde.

Das dem in Gänze nicht so ist, drückt sogar die Hofreitschule dergestalt aus, dass sie ihre klassische Reitkunst auf die Zeit der Renaissance beschränkt und damit aber auch Weiterentwicklungen – auch im positiven Sinne – für sich ausschließen müsste.

Da die Anspruchsdimension auch die Zeitdimension des Begriffs „Klassik“ bestimmt, kann man den Titel „klassische Reitkunst“ nur dann für sich – ohne Zusatz – reklamieren, wenn es gelingt, durch positive Weiterentwicklungen ein Reitkonzept zu schaffen, welches Fehler und Unzulänglichkeiten der Reitkunst der letzten 450 Jahren beseitigt und damit eine insgesamt qualitativ verbesserte Reitlehre hervorbringt.

Betrachtet man die aktuellen Entwicklungen verschiedener Reitlehren, dann muss man allerdings attestieren, dass keine einzige davon das Recht hat, unter dem Titel „Klassische Reitkunst“ oder „Klassische Reitlehre“ zu firmieren, allenfalls mit einem Zusatz wie z.B. „des Barock“. Dies bedeutet aber auch, dass eine Reitlehre, die sich „klassische Reitkunst des Barock“ nennen würde, keine Neuerungen über das in dieser Epoche zulässige Methoden-Wissen hinaus, berücksichtigen darf.

Weiterentwicklungen im positiven Sinne hat es zwar durchaus  gegeben, die letzte durch Francois Baucher. Aber es wurden auch viele verschlechternde Eingriffe vorgenommen, so dass man leider feststellen muss, dass sich die Qualität der Reitkonzepte gegenüber der Vergangenheit eher verschlechtert hat.

EINE Reitlehre für ALLE

Würde man, ausgehend von den alten Meistern der Renaissance und der danach gekommenen Meistern, konsequent weiterdenken und folgende Grundsätze als unumstößliche Rahmenbedingungen für dieses Denken akzeptieren, dann könnte es irgendwann gelingen, dass man jenen EINEN Weg herausarbeitet. Jene EINZIGE Reitlehre für alle Reiter, alle Pferde. Machbar ist das!

Diese 4 Grundsätze sind es, die mein Nachdenken über jenen EINEN Weg leiten und bestimmen:

  • Behandle das Pferd stets mit größter Wertschätzung und Respekt
  • Das Konzept muss absolut logisch und stringent aufgebaut sein
  • Das Konzept muss eine hohe Effizienz aufweisen
  • Das Konzept muss minimalistisch angelegt sein

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Parkposition als Lösungsmittel

Aus meiner Sicht hat „Lösen“ sowohl eine körperliche als auch geistige Komponente und ist insbesondere nach herausfordernden und körperlich anspruchsvolleren Übungselementen sinnvoll und notwendig.

Trust-your-Horse - Parkposition als Lösungsmittel
(Bild: Oldenburger-Wallach „Luis“ | Besitzerin: Birgit Gottschalk in vorbildlicher Parkposition)

Körperlich sollte das Pferd sich strecken können, so dass die Wirbelkörper im Halsbereich und die Dornfortsätze, insbesondere am Widerrist, sich etwas „auffächern“.

Mental sollte das Pferd wieder zur Ruhe kommen. Diese geistige Entspannung beim Pferd, ist für mich eigentlich noch wichtiger, als der rein körperliche Aspekt.

DOCH, IST DAZU BEWEGUNG NOTWENDIG UND SINNVOLL?

Als Mittel des „Lösens“ wird nun sehr häufig das Vorwärts-/Abwärts-Reiten empfohlen. An dieser Stelle möchte ich nicht in die Diskussion darüber einsteigen, ob Vorwärts-/Abwärts grundsätzlich Sinn macht.

Ein Pferd mit einem Gewicht von 600 Kg bringt im STEHEN in barocker Aufrichtung etwa 56 Kg Gewicht mehr auf die Vorhand als auf die Hinterhand. In einer Vorwärts-/Abwärtsposition sind dies schon 90 Kg.

Im Stehen stellt diese Überlastungssituation für das Pferd kein Problem dar. Es kann dieses Gewicht gut mit den Vorderbeinen abstützen.

Vorwärts-/Abwärts-Reiten und Lösen?

Kommt dagegen Bewegung hinzu (Vorwärts-/Abwärts-Reiten), dann nimmt der Belastungsdruck auf die Vorhand erheblich zu.
Ein „Lösen“ mag nun zwar körperlich in der Oberlinie (Wirbelsäule) stattfinden, aber findet seinen negativen Widerhall in den Vorderbeinen und der Schulter.
Ergo, ein körperliches und geistiges „Lösen“ ist eingeschränkt.

Bei einer korrekten Dehnungshaltung, bei welcher sich das Pferd im Widerrist anheben muss, damit das Wort „korrekt“ seine Gültigkeit hat, der Hals sich mit einer konvex nach oben gewölbten Oberlinie und offenem Genick nach vorne strecken soll, kann man ebenso nicht von einem vollständigen „Lösen“ sprechen.

Denn diese Haltung in der Bewegung ist Arbeit für das Pferd! Auch ein „geistiges Lösen“ ist hier kaum zu erwarten.

LÖSEN IN PARKPOSITON

Weit besser ist, aus meiner Sicht, dagegen das „Lösen“ dann, wenn man die Bewegung weglässt und das Pferd sich im Stehen (gleichmäßig auf allen vier Füßen) mit der Nase in Richtung Boden strecken kann.

Dies hat drei Effekte, einen körperlichen und zwei geistige:

  1. Wirbelkörper und Dornfortsätze werden ausreichende „gelöst“ ohne großen Belastungsdruck auf die Vorderbeine und Schulter (körperlicher Aspekt)
  2. Das Pferd begibt sich in diese Position reell nur, wenn es sich entspannt und sich sicher fühlt. Es verbietet sich ein „Hintrainieren“ dieser Position (häufig im Westernreiten). Das Pferd muss diese Dehnung freiwillig einnehmen.
  3. Dieses Lösen in der Parkposition zeigt auch den Stresszustand des Pferdes an. Geht das Pferd, auch nach einer sehr anspruchsvollen Übung, unmittelbar, freiwillig und ruhig in diese Dehnungshaltung, dann hat es sich durch die Übung vorher wenig gestresst gefühlt. Tut es das nicht oder erst nach einiger Zeit, dann war die Übung vorher schon sehr – im günstigsten Fall – herausfordernd für das Pferd gewesen.

WIE GEHT MAN VOR?

Man hält das Pferd ruhig an, achtet dabei darauf, dass es auf allen vier Beinen gleichmäßig steht, also nicht in Schrittposition beispielsweise.

Dann bringt man das Pferd durch leichtes wechselseitiges Ausdrehen der Handgelenke, verbunden mit einem seitlich/vorwärts Herausstellen der jeweiligen Hand und Nachgeben des Zügels, zum Strecken. Dieses Signal („Du kannst Dich strecken!“) wird, sollte sich das Pferd nicht strecken, nur noch einmal wiederholt. Streckt sich das Pferd dann immer noch nicht, dann akzeptiert man dies und fordert nicht weiter. Wie gesagt, dass Pferd soll sich freiwillig strecken!

Diese Parkposition kann man durchaus einige Minuten andauern lassen, bevor man weiterarbeitet oder die Trainingseinheit beendet.

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Gleichgewicht Basis der Balance

Unter dem GLEICHGEWICHT im physikalischen Sinne versteht man die gleichmäßige Verteilung einer Masse im Stand auf die vorhandenen Stützflächen. Bei Lebewesen, in deren natürlicher Grunddisposition, wird dieses Ideal nicht erreicht. Es gilt aber: Je weniger Stützflächen vorhanden sind, desto näher kommt die Masseverteilung diesem Ideal.

In der Bewegung spricht man sinnvollerweise im günstigen Fall von einem kontrolliertem Ungleichgewicht, welches man auch treffend mit dem Begriff BALANCE umschreiben kann.

Trust-your-Horse - Gleichgewicht - Basis der Balance

Das Gleichgewicht stellt bei Lebewesen so etwas wie die Referenzgröße für dessen sensomotorisches System dar. Dieses System ist, vor allem dann, wenn das Lebewesen sich bewegt, bestrebt das jeweilige Lebewesen, an dieser Gleichgewichtsvorgabe ausrichtend, in der Balance zu halten.

In seiner natürlichen Disposition ist das Pferd weit von dem oben beschriebenen Gleichgewichtsideal entfernt. Zwei maßgebliche Faktoren tragen hier wesentlich dazu bei.

Zum einen die starke Vorhandüberlastung, welche es dem Fluchttier Pferd ermöglicht, hohe Geschwindigkeiten bei vergleichsweise geringem Energieeinsatz zu erreichen.

Zum anderen die „natürliche Biegung“ (ich vermeide die Begrifflichkeit „natürliche Schiefe“, denn diese vertauscht Ursache und Wirkung) oder Händigkeit des Pferdes. Dessen Ursache dürfte, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, mit der Lage des Fötus im Mutterleib in Zusammenhang stehen, also einen eher logistischen Grund haben.

Ein Pferd als Pferd ist in einem naürlichem Gleichgewicht

Dennoch spricht man auch beim Pferd von einem Gleichgewicht, einschränkend als „natürliches Gleichgewicht“ bezeichnet.
Für die Nutzung des Pferdes als Reitpferd allerdings ist dieses natürliche Gleichgewicht problematisch.

Einerseits begünstigten die Faktoren dieses Gleichgewichts die instinktiven Kräfte des Pferdes – gegen den Reiter. Dieser muss weit mehr „Hilfen“ zu deren Korrektur einsetzen – was wiederum das Pferd belästigt.

Andererseits sorgt das Gewicht des Reiters und dessen Masse für eine ungünstige Belastung der Struktur des Pferdes (Knochen, Muskeln …), was dessen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Motivation in der Konstellation des natürlichen Gleichgewichts ungünstig beeinflusst.

Ein Pferd braucht man nicht in die Balance bringen, dass macht es von ganz allein. Man muss ihm nur das neue Gleichgewicht für ein Reitpferd vermitteln.

Trainingstechnisch gilt es nun ein „neues Gleichgewicht“ im Pferd zu etablieren. Dies geschieht dadurch, dass man bestehende Bewegungs- und Haltungsmuster durch häufiges Wiederholen von „neuen“ Bewegungsabläufen langsam verändert.

Gleichzeitig damit wird sich automatisch auch das sensomotorische System des Pferdes auf das veränderte Gleichgewicht einstellen und an dieser Referenz das Pferd neu ausbalancieren.

Zwei wesentliche Muster müssen dabei vorrangig „reprogrammiert“ werden:

  • Die „natürliche Biegung“: Das Pferd ist geradezurichten;
  • Die Vorhandüberlastung: Das Pferd ist verstärkt auf die Hinterhand umzulasten.

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved
www.trust-your-horse.com is a product of A.R.T. Leadership

Merken

Keine positive Verstärkung ohne negative Verstärkung

In der Arbeit mit Tieren werden positive und negative Verstärkungen als Mittel der Ausbildung angewandt. Dabei wird häufig hervorgehoben, wie „wertvoll“ und wichtig die positive Verstärkung ist und wir negieren allzugern die Notwendigkeit und den elementaren Nutzen negativer Verstärkung.

Die Natur kennt (in der Konditionierung) keine isolierte „positive Verstärkung“ in dem Maße, wie wir Menschen dies gerne sehen möchten. Erziehung arbeitet „dort“ immer mit negative Verstärkung, der ggf. eine positive Verstärkung (Lob) folgt.

Keine positive Verstärkung ohne negative Verstärkung

Trust-your-Horse - keine positive ohne negative Verstärkung

Sehr häufig liest man Angebote von Ausbildern, die von sich behaupten ausschließlich mit positiver Verstärkung zu arbeiten. Hier darf festgestellt werden, dass diese entweder bewusst die Unwahrheit verkünden oder schlicht ein falsches Bild von dem haben, was man unter positiver und negativer Verstärkung versteht.

Bei jeder Form der kontrollierten Konditionierung und diese ist das Haupteinsatzgebiet von Verstärkungen, geht der positiven Verstärkung immer eine negative Verstärkung voraus.

Will man beispielsweise einem Pferd den Spanischen Schritt vermitteln, dann tippt man mit der Gerte solange ein Vorderbein an, bis das Pferd dieses leicht anhebt. In diesem Moment lässt man die Gertenwirkung aufhören (negative Verstärkung).
Ein daraufhin erfolgtes Lob oder eine Futtergabe (positive Verstärkung) verstärkt den Lerneffekt, hat die gewünschte Reaktion aber nicht ausgelöst.

Denkfehler positiv versus negativ

VERSTÄRKUNG (Reinforcement) ist ein Begriff aus der Lernpsychologie und dem Behaviorismus. Die Verstärkung beschreibt ein Ereignis, welches die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt und die Auftretenswahrscheinlichkeit gesteigert wird. Es wird dabei unterschieden zwischen „positiver“ und „negativer“ Verstärkung.

Immer aber, wenn die Worte „positiv“ und „negativ“ auftauchen, neigen wir Menschen dazu diese, aufgrund unserer Wert- und Moralvorstellungen, vorschnell und unüberlegt in gut (positiv) und schlecht (negativ) zu kategorisieren. Im Zusammenhang mit dem Konditionierungsmittel „Verstärkung“ ist dies ein großer Denkfehler.

Die korrekte Bedeutung hier von NEGATIV ist „etwas weglassen“ (beispielsweise das Antippen mit der Gerte) und von POSITIV „etwas hinzufügen“ (z.B. Leckerli oder Lob).

Nochmal zurück zum Beispiel „Spanischer Schritt“

Aber es geht doch auch NUR mit positiver Verstärkung! Ich warte halt, bis das Pferd ein Vorderbein hebt und belohne es dann!

Ja, kann man machen, wenn man sehr viel Zeit mitbringt. Aber auch dazu sei noch gesagt:
Wenn ich mich stundenlang neben mein Pferd stelle und darauf warte, dass es das Vorderbein hebt und dies dann –  irgendwann, vielleicht – auch  tatsächlich geschieht und ich begeistert lobe und Leckerli verabreiche, dann habe ich nichts anderes gemacht, als mit negativer Verstärkung gearbeitet, auf der ich dann wieder eine positive Verstärkung folgen ließ.

Die negative Verstärkung in diesem Beispiel war schlicht das „Wegnehmen“ meiner lästigen Anwesenheit und das Auflösen sinnlosen Herumstehens.

Dazu sei noch erwähnt, dass man in diesem Moment sogar eine „Widersetzlichkeit“ positiv verstärkt hat, denn das Pferd wollte durch das Anheben des Vorderbeins wahrscheinlich nur anzeigen, dass es dem Herumstehens überdrüssig geworden sei.

Sollte man nun auf den Gedanken kommen, sich neben sein Pferd zu stellen, um diesem durch Anheben eines eigenen Beins, das Tun „vorzumachen“, auch dann würde man mit „negativer Verstärkung“ arbeiten. Hebt das Pferd wie gewünscht das Vorderbein, dann würde man ja das Anheben des eigenen Beins einstellen, also etwas weg lassen.

Es lohnt sich immer über Begriffe intensiver nachzudenken, statt diese möglicherweise in die falsche Schublade abzulegen.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved

Was wäre wohl aus der Reiterei geworden?

Welche Wendung hätte wohl die Geschichte der Reiterei genommen, wenn der Herzog von Orléans (Ferdinand Philippe d’Orléans, duc de Chartres) nicht am 13. Juli 1842 durch einen Kutschenunfall ums Leben gekommen wäre?

Trust-your-Horse - Herzog von Orléans

Der Herzog war ein Unterstützer und Förderer von François Baucher und ermöglichte diesem, als Oberkommandierender der Armee, seine Methode in der Armee zu erproben.
Alle Versuche, die stattfanden, zeigten die Überlegenheit der Methode von Baucher.

Das letzte und größte Experiment in Lunéville – Ostfrankreich, unter der Leitung von Bauchers Sohnes Henri, sollte nach 7 Wochen, mit einer großen Abschlussvorstellung (Caroussel) am 20. Juli 1842 enden. An diesem Experiment waren, u.a., zwei komplette Kavalleriekompanien beteiligt. Die eine Kompanie setzte sich dabei aus den besten Pferden zusammen, die nach der herkömmlichen Art ausgebildet waren. Die andere aus jungen Pferden mit nur wenigen Wochen Ausbildung, aber nach der Methode von Baucher.

Der Herzog von Orléans hatte mitgeteilt, dass er dieser Veranstaltung am 20. Juli 1842 vorstehen wolle. Diese Veranstaltung wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Bauchers größtem Triumph geworden. Doch dazu kam es nicht. Am 13. Juli 1842 kam der Herzog bei einem Kutschenunfall in Sablonville zu Tode.

Zu allem Übel wurde der Herzog an der Spitze der Armee durch seinen Bruder, dem Herzog von Nemours, einem Schüler von d’Aure, dem großen Gegner von Baucher, ersetzt. Der Herzog von Nemours entschied, dass alles zu verwerfen wäre, was sein Bruder an dieser Stelle eingeleitet habe.

Entgegen aller positiven und zum Teil begeisterten Schriftstücke, die von allen Offizieren über Bauchers Methode verfasst wurden, hielt der Herzog daran fest, Bauchers Methode bei der Armee nicht anzunehmen. Er sagte (zu Unrecht): „Ich möchte keine Methode, welche die Vorwärtsbewegung beeinträchtigt„.

„Je ne veux pas d’un systéme qui prend
sur l’impulsion des chevaux.“

(Duc de Nemours)

Ein Zitat, welches Louis Seegers aufgriff und zum Anlass nahm, sein Anti-Baucher-PamphletEin ernstes Wort an Deutschlands Reiter“ zu verfassen.

Als Baucher mit seiner Methode auch in Berlin für anfängliche Begeisterung sorgte – so das sich die örtlichen Berufsreiter gekränkt fühlten (die Zeiten ändern sich nie!) und diese angeführt von Seegers mit heftigen verbalen Breitseiten antworteten, gipfelnd in eben jenem Pamphlet – wurde Bauchers Zukunft in Deutschland zunichte gemacht.

Bahn frei für Steinbrecht.

Was nun aber wäre aus der Reiterei geworden, wenn der Herzog nicht ums Leben gekommen wäre?

Die Beantwortung überlasse ich dem geneigten Leser.

Quellen
  • Baucher et son Ecole – General Decarpentry
  • Francois Baucher – Enfant terrible oder Genie – J.C. Racinet
  • Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter – Louis Seeger

Autor: Richard Vizethum
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved
www.trust-your-horse.com is a product of A.R.T. Leadership

Nutze beim „Gespräch“ mit dem Pferd natürliche Reflexe

Die Kommunikation mit dem Pferd muss auf einer einfachen und verständlichen Sprache basieren. Ideal sind sprachliche Elemente, die beide Kommunikationspartner Pferd und Mensch verstehen und in Handlung umsetzen können oder sogar umsetzen müssen.

An dieser Stelle kommt die Nutzung sogenannter natürlicher Reflexe (bedingter Reflexe) zum Tragen. Bei einem „natürlichen Reflex“ erfolgt die Reaktion (Antwort) auf einen Reiz unterbewusst, unmittelbar und zwingend.

Trust-your-Horse - Nutze natürliche Reflexe

Einfach ausgedrückt: Das Pferd kann gar nicht anders als in einer gewünschten Art und Weise zu reagieren. Es ist lediglich in der Lage, den Reflex mehr oder weniger stark zu hemmen. Ein Beispiel …

Pikst uns jemand mit den Fingern in die Seite, wird man reflexartig stark zusammenzucken, sollte man nicht mit einer solch schändlichen Tat gerechnet haben. Ist man dagegen darauf vorbereitet und hat entsprechend Muskeln angespannt, kann man die Intensität des Reflexes reduzieren, also hemmen – aber zusammenzucken wird man dennoch – etwas abgeschwächter.

NATÜRLICHE REFLEXE SIND DIE MUTTERSPRACHE

Natürliche Reflexe könnte man vereinfacht als „Muttersprache“ bezeichnen. Während der Mensch seine Muttersprache durch die Umgebung, in der er aufwächst erlernt, sind die „natürlichen Reflexe“ allerdings genetisch verankert und gehören zu den sogenannten Urgefühlen des Pferdes. Nutzen wir also natürliche Reflexe, dann arbeiten wir mit diesen Urgefühlen wie z.B. das Empfinden der Muskelspannung und das Gleichgewichtsempfinden, des Pferdes. Das Pferd wird uns verstehen (müssen)!

NATÜRLICHE REFLEXE NUTZEN

Setzt man nun einen entsprechenden Reiz, beispielsweise durch eine Drehung des Beckens, reagiert das Pferd aufgrund des veränderten Muskeldrucks entsprechend. Diese Reaktion ist zwingend und unabhängig vom Ausbildungsstand und Alter des Pferdes.

Wir als Reiter müssen nun aber den Reiz korrekt setzen, um genau die eine, von uns gewünschte, Antwort vom Pferd zu erhalten. Oft aber stehen dem korrekten Tun unsere eigenen Bewegungs- und Haltungsmuster entgegen. Diese bringen uns zwar gut durchs Leben, wenn wir nur Mensch sind, behindern uns – und noch viel mehr das Pferd – aber mehr als wir ahnen, wenn wir uns als Reiter betätigen.

Will man natürliche Reflexe richtig nützen, muss man sich also als Mensch verändern. Lässt man sich darauf ein und nimmt diese Anstrengung auf sich (es ist eine Anstregung am Anfang), wird man mit seinem Pferd zur Harmonie finden, sich aber auch gleichzeitg körperlich und geistig weiterentwickeln. Eine sinnvolle Investition.

NATÜRLICHE REFLEXE LASSEN SICH STEIGERN

Gelingt es im Laufe der Ausbildung das Pferd – vor einer Aktion – nicht nur ins Gleichgewicht, sondern auch in eine positive Grundspannung zu versetzen, dann wird der Raum, indem natürliche Reflexe wirksam werden, deutlich ausgeweitet und Leichtigkeit erreicht.

Lieber Reiter, sei also bequem. Suche nach natürlichen Reflexen und Du wirst weniger arbeiten müssen und Dein Pferd weniger Belästigung erfahren.

Der besseren Lesbarkeit wegen wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
Copyright (c) A.R.T. Leadership – All rights reserved