Wieder einmal VORWÄRTS-ABWÄRTS

Da ich in meiner täglichen Arbeit wieder und wieder mit diesem leidigen Thema konfrontiert werde, möchte ich ERNEUT ein paar Worte über das VORWÄRTS-ABWÄRTS verlieren.

Trust-your-Horse - Wiedereinmal Vorwärts-Abwärts

NEIN, es wurde in der Geschichte der Reiterei ZU KEINER ZEIT in den heutigen Formen und der heutigen Intensität geritten!

NEIN, die Neuzeit hat KEINE besseren Erkenntnisse, die das Vorwärts-Abwärts begründen würden (Behauptung mancher Therapeuten)! Die Herrschaften von Damals verstanden WEIT MEHR von Biomechanik als man dies in der Neuzeit für sich in Anspruch nehmen darf.

NEIN, die sogenannten „Zeitzeugen“ die ihr Wissen von ihren Vätern haben, haben nicht Recht! Sie haben unreflektiert und gedankenlos FALSCHES übernommen. Das „Jagdhundschnüffeln“ ist blanker Unsinn!

NEIN, es gibt KEINE Form von etwas, was man heute als Vorwärts-Abwärts bezeichnet, dass aus der Vergangenheit (z.B. HDv.12 von 1937 …) abgeleitet werden kann!

NEIN, Vorwärts-Abwärts hat NICHTS mit Vertrauensbildung zu tun!

NEIN, Vorwärts-Abwärts (in seiner heutigen Ausprägung) hat keinen therapeutischen Nutzen!

NOCHEINMAL SEI GESAGT:

Das „Vorwärts-Abwärts der NASE“ oder auch das „Pferd in die Tiefe reiten“ wurde NUR in der REMONTEN-Ausbildung (bzw. bei KORREKTURPFERDEN) genutzt und auch NUR bei bestimmten Typen oder Verhalten von Pferden!
Dabei war IMMER die Nase oberhalb des Hüftgelenks (s.a.Bild)
Diese Höhe war die TIEFE!!!

DER ZWECK war es, das Pferd bei der Gewöhnung an das Reitergewicht zu unterstützen, gegen welches es zu Beginn UNTER UMSTÄNDEN (auch nicht immer) in unterschiedlicher Weise opponierte.

Die HÖHE DER KOPFSTELLUNG sollte sich nach der Richtung der Rückenwirbellinie (gestrichelte Linie a – siehe Bild) richten und die Nase nicht tiefer als diese Linie kommen (also i.d.R. Höhe Hüftgelenk). Auch wenn DIESE (Achtung Aufgepasst!) Kopf-/Halsstellung „in der ersten Zeit MITUNTER ETWAS TIEF ERSCHEINT“ (E.F. Seidler 1846). Diesen kleinen Hinweis von Seidler bitte intensiv lesen und richtig verstehen!

Die in der heutigen Zeit als korrektes Vorwärts-Abwärts definierte DEHNUNGSHALTUNG (konvexe Halsoberline, Nase Höhe Buggelenk) hatte damals – sinnvollerweise – ausschließlich den Zweck IMMER MAL WIEDER abzuprüfen, ob das Pferd sich beim Hingeben des Zügels an die Reiterhand „herandehnt“.

Diese Haltung wurde NICHT explizit als Dehnungshaltung bezeichnet (hätte man aufgrund der Form tun können – hat man aber nicht. Schließlich war sie kein eigenständiges Übungselement!), sondern entstand – in ähnlicher Form – am „hingegebenen Zügel“ oder am „langen Zügel“. Die TIEFE definierte dabei das Pferd (i.d.R. ging es nicht tiefer mit der Nase als Hüftgelenk).

Die DEHNUNGSHALTUNG heute – als aktiv betriebenes Übungselement gab es zu KEINER ZEIT und sie macht in dieser Intensität trainingstechnisch überhaupt KEINEN SINN! Ganz im Gegenteil sie ist KONTRAPRODUKTIV.
Übermäßig geritten macht es eine REELLE AUFRICHTUNG (welche man grundsätzlich hinterfragen sollte) unmöglich!

VORWÄRTS-ABWÄRTS IST DAS GEGENTEIL EINES HEILMITTELS!

Manche Formen schaden zwar nicht, sie haben aber auch keinen Nutzen.

Einige Formen schaden dagegen massiv. Wer sich über Rückenprobleme, Sehnenschäden, fehlende Trapezmuskulatur etc. etc. etc. bei seinem Pferd wundert, sollte bei der Ursachenforschung nicht unbedingt in die Ferne schweifen. Sehr, sehr häufig ist das Vorwärts-Abwärts und dessen trainingstechnische Folgen, die Ursache!

Die Therapeuten freut es und sie empfehlen munter weiter Vorwärts-Abwärts als Heilmittel.

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Autor: Richard Vizethum
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1848 – Die Herrschaft der Anglomanie begann

Letzte Korrektur: 29.11.2017

Am 14. Oktober 1806 verlor Preußen im „Vierten Koalitionskrieg“ insbesondere in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt gegen Napoleon, was den militärischen und politischen Zusammenbruch Preußens bedeutete und in dessen Folge, die preußische Kavallerie alle ihre gutgerittenen Pferde an die Franzosen verlor. Die Stärke der Kavallerie wurde auf 42.000 Mann reduziert.

Trust-your-Horse - 1848 - die Anglomanie übernahm das Ruder
Bild: James Seymour, A Horseman Galloping, © Tate Modern Gallery

Mit dem Frieden (1814/15) hatten die Preußen also keine Pferde mehr im Land und sie waren gezwungen ihre Remonten aus den „wilden polnischen Gestüten, den sogenannten Moldauern [zu] nehmen“ [1]. Pferde, die „über keine Brücke gingen, und in den Ställen alles zerrissen und zerschlugen“ [1] Diese Pferde waren so unberechenbar, dass sie vom Nebenstand aus gefüttert und mit Striegeln an der Stange geputzt werden mussten. Das Reiten auf diesen Tieren war durchaus lebensgefährlich.

So bitter dieser Sachstand war, so verhalf er doch der Reitkunst zu einen Aufschub.

Denn, diese „sehr widerspenstigen Remonten“ [1] machten das Studium der Reitkunst zwingend notwendig. Zur Verbreitung dieses Wissen standen glücklicherweise noch eine große Anzahl alter Offiziere mit dem Wissen über diese Kunst als Autoritäten zur Verfügung.

Dies sorgte dafür, dass die Reiterei in den Jahren von „1815-1830 stets im Wachsen gewesen ist und diejenigen Höhe erreicht haben muß, die überhaupt mit so schwierigem Material in einer Armee zu erreichen ist, und daß sie deshalb wohl vollständig der vor Jenaschen Zeit (vor 1806) an die Seite zu setzen war. Vom Rittmeister aufwärts waren alle Staffeln noch aus der Zeit vor 1806 groß geworden von Kindesbeinen an, denn die Regimener nahmen schon Junker von 12-13 Jahren an …“ [1]

Das Land war nach dem Kriege arm, die Kavallerie stand in kleinen, damals erbärmlichen Garnisonen, was aber dafür sorgte, dass wieder „stille ernste Arbeit, fern von den Zerstreuungen der Welt“ möglich wurde.

Da die Offiziere und Unteroffiziere, welche noch im Sinne der alten Reitkunst ausgebildet wurde, noch relativ jung waren, blieben diese der Kavallerie zu der Zeit noch 20 Jahre erhalten und konnten so das Niveau halten!

1830 kamen die letzten polnischen Remonten, da wie es schien, die polnische Revolution (1830) diesem Transfer ein Ende setzte. Darüber hinaus hatte sich auch in Preußen seit 1815 wieder viel in der Pferdezucht getan.

„Als 1840 die Ordre kam, daß außer durch das Kadetten-Korps kein Offizier mehr über den Etat angestellt werden sollte … kam es zu einem erschreckenden Stillstand in der Armee“ [1] Der Zuwachs an Offizieren in den Jahren 1840-47 war, was die Kavallerie anbelangte, sehr gering.

Dies änderte sich schlagartig mit der Revolution von 1848. Da diese der Aristokratie nicht wohl gesonnen war, drängten viele junge Adelige in die Armee. Dies ging, da die Zugangsbeschränkungen inzwischen wieder aufgehoben waren.

Diese jungen Leute, von denen viele schon studiert hatten, wurden von allen Seiten verzogen und so begannen sie eine Rolle zu spielen, die ihnen vom Alter her in früheren Zeiten nicht zugestanden hätte. „Die Unruhen von 48, 49, 50 kamen dazu, wo die ruhige Arbeit der Reitkunst immer unterbrochen wurde, die Wettrennen wurden immer allgemeiner, welche namentlich in so unruhiger Zeit dem menschlichen Herzen auch viel sympathischer sind als ruhige ernste Arbeit, und mit ihr verfiel ganz naturgemäß das Verständnis und die Vorliebe für die Reitkunst“ [1]

Die alten Herren verließen aus begreiflichen Gründen die Armee und die obere Führung neigte sich mehr und mehr der schneidigen anglomanen Reiterei zu. Anglomanen und Sparsamkeitsmänner versuchten der Reitkunst mehr und mehr die Etatmittel zu entziehen und waren auch geneigt diese in Gänze zu verändern und in Dilettantenhände zu übergeben [3]

Denn nach dem Frieden von 1815 legte man in den meisten Armeen verstärkt Wert auf Querfeldeinreiten, der größeren Angleichung an den Sattel und Sitz des Jagdreitens und vor allem auf die Verminderung der von den Pferden zu tragenden Last. Der Galopp wurde wieder zur Gangart des Angriffs. Diese Punkte wurde nahezu ausnahmslos in jeder Armee als Verbesserung angesehen [2] und prägten entsprechend die Reitvorschriften auch in Deutschland.

Diejenigen, die noch auf den Grundsätzen der alten, edlen Reitkunst beharrten, wurden belächelt.

„DIE HERRSCHAFT DER ANGLOMANIE WAR ERRUNGEN!“, das Wort „schneidig“ betrat die Bühne, und der Glaube an die Reitkunst war verloren.“ [1]

Die anglomane Reiterei begann ihren „Erfolgszug“, der bis heute anhält, sich gar noch deutlich verstärkt hat! Die aktuelle Deutsche Reitlehre, insbesondere in ihren reitlichen Auslegungen, ist durchaus Ausdruck dieser „schneidigen“ Form des „Reitens“.

[1] von Monteton: Über die Reitkunst (1877)
[2] Friedrich Engels: Kavallerie (1858)
[3] Theodor Heinze: Hippologische Reisen … (1846)

Autor: Richard Vizethum
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BAUCHER – Wie gut war er wirklich?

TEXT IST EINE ARBEITSNOTIZ ZUM BUCH „GRAMMATIK DES REITENS“

François Baucher war der Reitmeister, der mich in einem besonderen Maße dazu inspiriert hat, über das Reiten, die Reitkunst und ganz speziell über die Ausbildung von Pferd und Reiter nachzudenken. Also zu dem zu werden, was Max Ritter von Weyrother den „denkenden Reiter“ nannte.

Baucher - Wie gut war er wirklich?

In meiner Beschäftigung mit François Baucher habe ich mich gedanklich sehr tief in seine Zeit hineinversetzt, mich auf seiner Methode und sein Leben eingelassen. Er wies mir dabei den Weg zur Effizienz. Einen Weg, den ich sehr konsequent beschreite, wenngleich nicht zwingend in den Punkten und der Art, wie er es tat.

Ich vertrat seine Lehre, dennoch kann man mich nicht als BAUCHERISTEN bezeichnen. Denn nicht eine Lehre treibt mich an, sondern die REINE LEHRE und davon, dass musste ich relativ schnell feststellen, war selbst Baucher noch weit entfernt. Anders gesprochen, er hat sich in gewisser Weise sogar vom Pfad der reinen Lehre weg, auf Nebenwege begeben.

Dies wurde mir erst klar, als ich mich sehr viel intensiver damit zu beschäftigen begann, die so vermeintlich zerstrittenen Lehren dies und jenseits des Rheins, objektiv auf Vereinbarkeiten hin abzuprüfen.

Sich damit zu beschäftigen ist eine sehr intensive Arbeit, welche alleine auf Basis theoretischen Wissens nicht funktionieren kann! Es bedarf dazu auch einer sehr großen praktischen Erfahrung, erworben durch die Arbeit mit VIELEN verschiedenen Pferden, die jeden Tag das Nachdenken über das eigene Tun herausfordern und auf ihre Art, den Weg zur Logik des Reitens öffnen.

Baucher war ein Reitmeister, der, wie E.F. Seidler (1846) es ausdrückte, „… in arrogantester Sprache sämtliche Stallmeister alter und neuer Zeit, nicht nur Frankreichs, sondern aller Staaten, als unwissende und nichtdenkend Reiter schildert, sich als die Sonne der Reiterwelt aufstellt und alle bisher bestandenen Prinzipien umzustoßen bemüht war…„.

Insbesondere sah Baucher sich von seinen eigenen Landsleuten angegriffen:
„Wackere Landsleute, die eine der eigenen Nation nützliche Neuerung weit lieber einem Fremden, als ihrem eigenen Landsmanne verdanken wollen!“

Anfangs konnte ich Baucher hier noch verstehen, da es ja immer wieder das gleiche Problem ist: Macht man etwas anders, dann zieht man sich die Feinde und Neider an. Baucher sah sich – aus seiner Sicht sicherlich zu Recht – von einer Heerschar von Feinden umgeben. Entsprechend harsch war auch seine Ausdrucksweise.

Doch wie berechtigt war seine Reaktion wirklich?

Dazu muss man sich die Frage nach dem Zweck der Ausbildung von Pferd und Reiter zur damaligen Zeit stellen – bezogen auf die Reitkunst.

De la Guérinière beispielsweise, der einen maßgeblichen Einfluss auf die Reiterei der damaligen Zeit hatte, arbeitet für den Adel. Die Ausbildung der Pferde, die ihren Grundzweck sicherlich aus dem militärischen Aspekt abgeleitet hatte, stellte zwar Reitkunst in „Vollendung“ dar, diente aber mehr dem Amüsement und nicht der Gebrauchsreiterei.

Die einzigen Institutionen, die Reitkunst mit Gebrauchsreiterei zu vereinen wussten, weil dies eine Notwendigkeit darstellte, war das Militär, die Kavallerie (als Sammelbegriff gebraucht).

Und hier muss man attestieren, dass, was die Qualität anbelangte, die preußische Kavallerie zur damaligen Zeit das Maß aller Dinge war. Die französische Militärreiterei – auch durch Saumur repräsentiert – hatte zwar das bessere „Pferdematerial“, war aber aus diesem „Bequemlichkeitsgrund“ nicht so gefordert sich intensivste Gedanken über das Pferd und dessen Ausbildung zu machen, wie dies auf preußischer Seite notwendig war.

Wieder zurück zu Baucher

Nimmt man die Ausbildungsstufen eines Militärpferdes (noch bis vor ein paar Jahren an der Hofreitschule in Wien gelebt), so sind diese:
1. Remonte
2. Kampagnen-/Gebrauchspferd
3. Schulpferd (incl. Schulen über der Erde)

Würde man diese Stufen nun auf die schulische Ausbildung eines Menschen umlegen, so würde ich diese Zuordnungen treffen wollen:
1. REMONTE: Grund-, Mittel und Realschule (Ansätze);
2. KAMPAGNEN-/GEBRAUCHSPFERD: Mittlere Reife, Abitur, Diplomabschluss Universität
3. SCHULPFERD: Promotion

François BAUCHER hat, betrachtet man seine Arbeit intensiv, einen Schnelldurchlauf Grund-, Mittel- und Realschule gemacht. Dies lässt sich allerdings nicht genau sagen, da über die Ausbildung von Remonten durch Baucher so gut wie gar nichts bekannt ist (Man sagt aber, dass gerade junge Pferde weniger empfänglich für den Baucherismus sind [5]). Mittlere Reife und Abitur hat er links liegen gelassen und ist nach einer kurzen Diplomarbeit sofort zur Promotion übergegangen.

Solche Form der Ausbildung zeigt zwar schnelle Erfolge, allerdings ohne umfassendes Fundament. Diese „Hochgeschwindigkeitsausbildung“ zog sich hinein bis in seine sogenannte 2. Manier. Erst in seinen letzten Lebensjahren machte er sich Gedanken über einen solideren Weg.

Einen soliden Weg, der in den Werken einiger deutscher Stall- und Reitmeister – vor 1848 – tatsächlich sehr präzise beschrieben und erklärt wurde. Einen Sachverhalt, den Baucher in seiner 1. Manier nachdrücklich negierte. Allerdings tat er dies in einer allgemein formuliert Form und nicht auf eine spezielle Nation bezogen [1].

Im Gegensatz zu seinen (Bauchers) Pferden waren die Pferde, die nach dem soliden Weg ausgebildet wurden, AUCH Kampagnen- und Gebrauchspferde, welche vermutlich sogar noch bedeutend feiner an den Hilfen standen (Stichwort: Sekundengehorsam).

Irgendwann (verm. in den Jahren 1842/43) war Baucher für einige Monate in Berlin und hatte dort, wie er es selbst ausdrückte „völligen Einblick in die deutsche Reitweise“ [4]. In dieser Zeit (1842) erhielt ein Husarenregiment aus Quedlinburg den Auftrag, ihre Pferde nach der Methode Bauchers auszubilden. Nach einem großen Kavalleriemanöver unter General Friedrich von Wrangel bei Berlin (1843) entschied man sich allerdings, lange vor Louis Seegers Warnung vor Baucher [7], nachdem die Methode „eklatante Misserfolge zeitigte, dass die unbedingte Beizäumungsmethode für ewige Zeiten untersagt“ wird. [3]

Während seines Aufenthalts in Berlin kam Baucher zu der Erkenntnis, „das die in Preußen geübten Grundsätze“ seinen „diametral entgegenstehen“ würden. Als Beispiel führte er hierzu die Meinungen einiger Offiziere an, welche in Deutschland, seiner Aussage nach, „ein hohes Ansehen als Reiter genießen“. Diese sagten ihm, dass „sie ihre Pferde VOR der Hand haben möchten“, worauf Baucher antwortete, dass er seine Pferde gerne „HINTER der Hand (Gebiss) und VOR den Beinen“ haben wolle. [4]

Hätte sich Baucher wirklich intensiv mit der preußischen Reiterei und dem reiterlichen Zeitgeist auseinandergesetzt, dann hätte ihm auffallen müssen, dass er in diesen Offizieren, Reiter vor sich hatte, die bereits stark vom anglomanen Virus infiziert waren. Auch das hohe Ansehen dieser Reiter spricht für diese „Erkrankung“, denn die anglomane Reiterei war – und ist es insbesondere auch heute noch – sehr „publikumswirksam“.

Wäre er auf alte Stallmeister der preußischen Reiterei getroffen, hätte er wahrscheinlich überrascht zu Kenntnis nehmen müssen, dass diese, was seine Aussage „HINTER der Hand (Gebiss) und VOR den Beinen“ betrifft, ihm zugestimmt hätten.

Baucher und Gebrauchspferde

Auch wenn man landläufig manchmal hört, dass man mit Bauchers Methode auch Gebrauchspferde ausbilden könnte, so möchte ich hier meine Bedenken anmelden.
Überall dort, wo Bauchers Methode mit der Gebrauchsreiterei in Berührung kam – beispielsweise bei der russischen und amerikanischen Kavallerie, handelte es sich um eine modifizierte Form dieser Methode.

James Fillis, ein Schüler-Schüler von Baucher, der für die Regelwerke der beiden genannten Militärreitereien verantwortlich zeigte, nahm vielfältige Anpassungen vor, um Bauchers Methode Gebrauchsreitereifähig zu machen.

WIE GUT WAR NUN BAUCHER WIRKLICH?

Baucher hat sich sicherlich sehr große Verdienste um die Reiterei gemacht. Dennoch hat er im Grunde eine abgespeckte Variante bereits vorhandenen Wissens etwas modifiziert und angereichert um neue, eigene, Erkenntnisse dargestellt. Man darf ihn aber desshalb keinesfalls als Plagiator anklagen! Das war er mit Sicherheit nicht! Denn jeder, der über das Reiten in seiner Essenz nachdenkt und mit Passion an der reinen Lehre arbeitet, wird letztendlich zu gleicher Erkenntnis gelangen – früher oder später. Es gibt nur EINEN Weg!

Auch muss man sich die Zeit betrachten, in der Baucher seine Erkenntnisse sammelte. Die Reitkunst war im Niedergang begriffen. In allen Ländern Europas griff die anglomane Reiterei rasend schnell umsich. Der Sport, die Jagd und das Rennen wurden wichtiger und erfreuten sich mehr und mehr der Popularität der Massen. Die Reitkunst mit ihren Bildern begann zu verblassen. Die letzten Wissenden in Form von Pferd und Mensch waren im Begriff auszusterben (im wahrsten Sinne des Wortes). Otto von Monteton ermittelte 1848 als eine Zäsur! [6]

Die Schulreiterei war vielen, insbesondere jungen Reitern („Die Jugend macht viel, kann aber nichts!“ – Otto von Monteton), zu schwierig geworden und so wandte man sich der zwar kühnen, aber schlichten und Pferde verheizenden anglomanen Reiterei zu und die, die wiederum damit unzufrieden waren, versuchten sich an Bauchers Methode.

Alles getreu nach den Worten  des Rittmeisters von W:

„Alles was lebt ist faul!“

IRGENDWIE WIEDERHOLT SICH DOCH ALLES

Quellen:

  • [1] Baucher: Methode der Reitkunst nach neuen Methoden (8.Auflage)
  • [2] Seidler: Die Dressur diffiziler Pferde (1846)
  • [3] von Monteton: „Über stätische Pferde“ (1899) – hippologische Abhandlung
  • [4] Baucher: Euvres complètes (1884)
  • [5] Racinet: Francois Baucher – Enfant terrible oder Genie?
  • [6] von Monteton: „Über die Reitkunst“ (1877)
  • [7] Seeger: Herr Baucher und seine Künste – Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter (1852)

Autor: Richard Vizethum
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Mogelpackung KLASSISCH

Es zeugt schon von sehr großer Unkenntnis der Reitgeschichte, wenn man die aktuelle Deutschen Reitlehre mit dem Attribut „KLASSISCH“ aufwertet. In der Produktwerbung würde man von einer „Mogelpackung“ sprechen.

Trust-your-Horse - Mogelpackung KLASSISCH

Zunächst einmal gilt festzuhalten: Die aktuelle Deutsche Reitlehre basiert auf der HDv.12 von 1937! Fakt ist, das diese Version der Deutschen Reitvorschriften alles sein kann, nur eines nicht: KLASSISCH!

Neben einer Zeitdimension hat der Begriff KLASSISCH auch eine Anspruchsdimension (siehe auch: KLASSIK – ein paar Caféhaus-Gedanken dazu):

Neben Begriffsdefinitionen wie: „herkömmlich“, „traditionell“ findet man da auch „als Vorbild geltend“, oder umgangssprachlich: super, klasse. Weiter steht da „vollendet“ und „zeitlos geformt“. D.h. den Anspruch, den man aus dem Begriff „klassisch“ ableiten kann ist schlicht ausgedrückt folgender: BESSER GEHT ES NICHT (Zumindest für eine gewisse Zeit – bis es halt jemand besser macht)!

Geht man in der Geschichte zurück, so lässt sich wohl durchaus sagen, dass die Reitkunst (also das, was man als KLASSISCH“ bezeichnen kann) so um das Jahr 1848 (Otto von Monteton) final der anglomanen Reiterei zum Opfer gefallen ist. Der Reiterei, die auch heute noch das Reiten dominiert. Dies lässt sich durchaus auch in den darauf folgenden Reitvorschriften erkennen, in denen z.T. grausamstes Reiten propagiert wurde.

Mit der Reitvorschrift HDv. 12 von 1926 flackerte noch einmal so etwas wie Reitkultur und Reitkunst auf, erreichte aber vermutlich ebenfalls nicht das Niveau von vor 1848, was auch der Veränderung in der strategischen und taktischen Ausrichtung der Kavallerie geschuldet sein dürfte. Explizit wurde in dieser Reitvorschrift von 1926 darauf hingewiesen, dass der Anhang, welcher sich u.a. mit Elementen der Hohen Schule befasst „nicht etwa eine erschöpfende Ausbildungsvorschrift zum Erlernen der hohen Schule sei“. Es ging dort vielmehr darum aufzuzeigen, „wie weiter fortgeschrittene Reiter ihre und ihrer Pferde Leistungen über den Rahmen der Gebrauchsreiterei hinaus fördern können“.

Mit der HDv. 12 von 1937 hat man so etwas wie die REITERLICHE BILDZEITUNG geschaffen. Alles was der einfache Reiter nicht verstehen konnte, wurde weggelassen (das hat man den Ausbildern überlassen – ist nun mal so beim Militär), auch die 1926 noch vorhandenen Elemente der „Hohen Schule“ fielen weg! Reduzierte Gebrauchsreiterei in ihrer Essenz.

Und auf Basis dieser BILDZEITUNG (die man noch um alles militärische abspeckte) entstand nun also die aktuelle Deutsche Reitlehre, der man dann quasi – mit dem Attribut „KLASSISCH“ – völlig zu Unrecht – den REITERLICHEN PULITZER-PREIS verlieh. Damit nicht genug, setzte man sich selbst noch die göttliche Krone auf, indem man die UNUMSTÖSSLICHKEIT der Lehre feststellte.

Wollen wir nun feststellen was wirklich KLASSISCH ist, dann muss man sich als objektiver Sucher auf den Weg in die Vergangenheit machen und die Scheuklappen des bisherigen eigenen Denkens ablegen.

Autor: Richard Vizethum
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VORWÄRTS-ABWÄRTS und (k)ein Ende

Nach einigen kritischen Posts auf Facebook habe ich mir noch einmal (zum wiederholten Male) die Reitvorschriften D.V.E. Nr. 12 von 1912 und H.Dv. Nr. 12 von 1937 angesehen um näher an den Ursprung des Vorwärts-Abwärts heranzukommen.

Folgende Erkenntnisse

Zunächst gilt festzustellen, dass das Vorwärts-Abwärts, so wie wir es heute kennen, in KEINER der beiden Reitvorschriften beschrieben steht, weder in der Form, noch der neuzeitlichen, sehr intensiven Nutzung bei Pferden jeden Ausbildungsstandes!

Des Weiteren ist festzuhalten, dass immer dann wenn in den Reitvorschriften von Vorwärts-Abwärts gesprochen wurde, sich dies auf die Nase des Pferdes bezog („mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“). Dies ist eine durchaus bedeutsame Feststellung, denn aus dieser Formulierung kann nicht zwingend eine tiefe Halshaltung abgeleitet werden.

Die Varianten

Folgende „Varianten“, bei denen die Nase des Pferdes tiefer als bei der Gebrauchshaltung kommt, wurden – vor allem in der H.Dv. Nr. 12 von 1937 – erwähnt.

  • am (völlig) hingegebenen Zügel
  • am langen Zügel (Schritt)
  • die Zügel aus der Hand kauen lassen (in allen Gangarten)
  • das Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase
  • Anlehnung in die Tiefe (D.V.E. Nr. 12 von 1912)

Im Wesentlichen kamen alle diese „Varianten“ ausschließlich bei der Ausbildung von Remonten oder bei der Korrektur von Pferden zum Einsatz. Die einzige Ausnahme stellte das „die Zügel aus der Hand kauen lassen“ dar. Diese wurde immer wieder, auch beim fertig ausgebildeten Pferd zum Zwecke der Verprobung der Losgelassenheit eingesetzt.

Am hingegebenen Zügel

 „Die jungen Remonten sind zunächst so lange im Schritt mit vollkommen hingegebenen Zügeln zu reiten, bis der Schritt ganz ruhig, raumgreifend und gleichmäßig ist. Erst dann kann eine geringe Anlehnung angestrebt werden“ (H.Dv. Nr. 12 – Seite 141)

Dabei strecken die Pferde die Nase weiter nach vorne und haben natürlich auch die Möglichkeit in die „Tiefe“ (i.d.R. nicht tiefer als Hüftgelenk) zu gehen. Diese Phase war vergleichsweise kurz und man begann danach erste Anlehnung anzustreben (siehe „Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“).

Unabhängig von dieser ersten Phase wurde diese Vorgehensweise (am „hingegebenen Zügel“) in den ersten Monaten der Ausbildung einer Remonte immer wieder einmal durchgeführt. Zum Ende dieser ersten Monate sogar im Arbeitsgalopp.

Dieser Hinweis wurde aus dem „Ausbildungsplan für junge Remonten“ der H.Dv. Nr. 12 von 1937  entnommen. Im eigentlichen Regelwerk findet sich kein Hinweis oder genaue Beschreibung für einen „hingegebenen Zügel“ und dessen Nutzen insbesondere in Verbindung mit dem Arbeitsgalopp. Zumindest habe ich keinen gefunden. Es ist aber davon auszugehen, dass auch dadurch die Losgelassenheit der Remonten festgestellt werden sollte und dass dies nur in kurzen Reprisen durchgeführt wurde.

Am langen Zügel

Im Gegensatz zum „hingegebenen Zügel“ besteht beim „langen Zügel“ Kontakt („Anlehnung“) mit dem Pferdemaul.
Laut Ausbildungsplan und auch in Hinweisen im eigentlichen Regelwerk wurde dieser nur im Schritt zur Anwendung gebracht.

Trust-your-Horse Am langen Zügel
(Bild: Losgelassenheit im freien Schritt am langen Zügel)

Auf diesem Bild sieht man, dass das Pferd dabei, in seiner „natürlichen Haltung“ gehend, das Genick deutlich über Widerristhöhe trägt. Der Schritt dürfte ein sogenannter „Feldschritt“ sein, dass Pferd zieht dabei vermehrt nach vorne und kann so auch mit seiner Nase unterhalb der Hüftgelenkshöhe kommen.

Zügel aus der Hand kauen lassen

Das, „Zügel aus der Hand kauen lassen“, wurde in jeder Ausbildungsstufe des Pferdes zur Verprobung der Losgelassenheit gefordert.
„Das Pferd muss dabei mit nach vorne gedehntem Halse, die Kammlinie leicht nach oben gewölbt und vorwärts-abwärts gerichteter Nase völlig entspannt dahingehen und darf nicht eiliger treten.“

Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase

Diese Vorgehensweise der H.Dv. Nr. 12 von 1937 entspricht der „Anlehnung in die Tiefe“ der D.V.E. Nr. 12 von 1912.

Auch wenn – insbesondere die Begrifflichkeit der D.V.E. Nr. 12 von 1912 – suggeriert, dass das Pferd im Hals und Kopf sehr tief eingestellt worden wäre, ist festzustellen, das dem nicht so ist (siehe Bild aus der D.V.E. Nr. 12 von 1912 – dies entspricht der „Anlehnung in die Tiefe“). Der Remonte trug dabei Kopf und Hals in einer „natürlichen Haltung“.

Trust-your-Horse - Anlehnung in die Tiefe 1912

Für Steinbrecht wäre diese Einstellung wahrscheinlich schon zu tief gewesen. Er forderte die Zügel schon beim ersten Anreiten „kürzer“ zu fassen und erwartete schnell VOLLE Anlehnung. Diese beiden Sachverhalte führen in der Regel zu einer etwas höheren Einstellung der Pferdenase.

ZWISCHENFAZIT

Von all den erwähnten Varianten dürfte nur das „Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“ respektive die „Anlehnung in die Tiefe“ unter dem subsummiert werden, was man Heute als Vorwärts-Abwärts bezeichnet.

Zum Einsatz kam diese Vorgehensweise („Herandehnen an das Gebiss mit vorwärts-abwärts gerichteter Nase“) AUSSCHLIESSLICH bei Remonten und Korrekturpferden!

Kurt Albrecht von Ziegner merkte hierzu an:

„Junge Pferde, die ihren Rücken nicht korrekt einsetzen, müssen ‚vorwärts-abwärts‘ geritten werden, damit sie die notwendige Muskulatur entwickeln können. Hat das Pferd jedoch gelernt, den Reiter bei steter Verbindung zur Reiterhand problemlos zu tragen, wäre es FALSCH, in dieser Weise (vorwärts-abwärts) weiterzureiten. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, vom Pferd ein verstärktes Untertreten der Hinterhand zu fordern, wodurch es sich vorne etwas mehr aufrichtet, da wir unsere Pferde nicht unnötigerweise ‚auf der Vorhand‘ reiten wollen!“

GESTERN und HEUTE

Vergleicht man die Ausführungen der damaligen Zeit mit denen der Neuzeit (ab den 1960er Jahren), dann lässt sich bezogen auf HEUTE Folgendes feststellen:

  1. „Vorwärts-Abwärts“ kommt nicht nur bei Remonten oder Korrekturpferden zum Einsatz, sondern ist generelles Mittel der Ausbildung geworden. Ein Ziel jeder Ausbildung eines Pferdes muss es sein, dass Pferd vermehrt auf die Hinterhand zu setzen. Nach der „Vorwärts-Abwärts-Arbeit“ mit Remonten ging man damals relativ schnell dazu über, die Pferde in Richtung Hinterhand auszubilden und „Vorwärts-Abwärts“ war obsolet (Ausnahme: Zum Zwecke der Korrektur).
  2. Anstelle von meist kurzen Reprisen werden heute lange Passagen im „Vorwärts-Abwärts“ geritten.
  3. Die Pferde sind zu einem großen Teil viel tiefer eingestellt als damals. Früher gingen die REMONTEN in GERINGER ANLEHNUNG nicht tiefer mit der Nase als max. Buggelenk (normal Hüftgelenk) und das nur, weil man sie noch in ihrer „natürlichen Haltung“ belassen wollte, damit sie sich an die neue Belastung durch den Reiter gewöhnen konnten.
  4. „Vorwärts-Abwärts“ wird in der heutigen Zeit zu einem sinnlosen Showeffekt degradiert (Westernreiten). Während in den Dienstvorschriften das „Vorwärts-Abwärts“ im Zusammenhang mit Remonten und Korrekturpferden (das sei nochmals erwähnt) und in der Art wie es geritten wurde, Sinn gemacht hatte, ist die zum Teil extrem tiefe Einstellung von Hals und Kopf bei Westernpferden absolut sinnfrei!

Wenn man dabei von einem „falsch interpretierten Vorwärts-Abwärts“ spricht, dann sind dies genau diese Punkte!

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Deutsche Reitvorschriften und der Weg zur Skala der Ausbildung

Da die Reiterei in Deutschland, mit ihrem großen Einfluss auf die internationale Reiterei, sehr stark geprägt wurde durch das Militär und deren Ausbildungsrichtlinien für Pferd und Reiter, möchte ich an dieser Stelle versuchen, alle relevanten Informationen über Deutsche Reitvorschriften nach und nach zusammenzutragen.

Trust-your-Horse - Reitvorschriften

1825 und 1826 | Instruction zum Reit-Unterricht für die Kgl.Preußische Kavallerie

Generalmajor Friedrich Georg Ludwig von Sohr erhielt als Direktor der 1816 in Berlin gegründeten preußischen „Militär-Reit-Anstalt“ den Auftrag eine Reitinstruktion auszuarbeiten, welche dem gesamten Reitunterricht in der Armee zugrunde gelegt werden sollte. Diese „Instruction zum Reit-Unterricht für die königlich preussische Kavallerie“ gelangte in den Jahren 1825 bis 1826 in vier Teilen zur Ausgabe und zur Einführung in die Truppe. Mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch stellte sie die bindende Regel für die gesamte Reit- und Pferdeausbildung der preußischen und der deutschen Kavallerie dar. Auch später erfolgte Neubearbeitungen haben an deren Inhalt nicht viel wesentliches geändert. Diese Reitinstruction diente nicht nur als Ausbildungsanweisung für die militärische Reitausbildung, sondern sie wirkte auch grundlegend auf die nichtmilitärische Reitausbildung.

  • Teil 1 der Instruction behandelte den Unterricht der Reiter der ersten Klasse (Kavalleristen mit nur 3-jähriger Dienstzeit). Die einzelnen Elemente waren hier: „Unterricht auf Decke und Trense“, „Unterricht auf Sattel und Trense„, „Unterricht auf Sattel und Kantare“ sowie den „Unterricht mit den Waffen und im Gliede„.
  • Teil 2 der Instruction thematisierte neben der Schulung von Reitern für das Unterrichten der Rekruten der Kavallerie das Zureiten der neu erworbenen Pferde, nämlich die „Remonten-Dressur„. Letzte Aufgabe bestand laut Instruktion darin, „aus einem rohen Remonte-Pferd ein brauchbares Dienstpferd zu bilden„.
  • Teil 3 der Instruction (Erschienen 1826) war „ausschließlich zum Gebrauch bei der Lehr-Eskadron bestimmt„. Er beschrieb den Ablauf des Unterrichts für die dritte Klasse der Reiter (Offiziere und besonders befähigte Unteroffiziere). Diese sollten in ihrem praktischen Können, wie in ihren theoretischen Kenntnissen gefördert werden. Zudem sollte sich diese Schulung in einer optimierten Ausbildung der Pferde dieser Reiter niederschlagen.

Diese Instruction schrieb eine zwingende Reihenfolge von Ausbildungszielen vor, die es unter „Berücksichtigung der Kräfte des Pferdes“ einzuhalten galt. Diese sind:

1. Gehorsam, 2. Aufrichtung (auf Basis Anlehnung), 3. Gleichgewicht und 4. Versammlung.

1850 | Reit-Instruction für die leichte Kavallerie

1850 publizierte der preussische Kavallerieoffizier E. Herstatt dieses Lehrbuch, welches weitgehend den Reitunterricht für die kurzzeitig dienenden Kavalleristen (Klasse 1 – mit nur 3-jähriger Dienstzeit) behandelte.

1851 | Kavallerie-Katechismus

In einer Art Repetitorium fasste Herstatt die aus seiner Sicht wichtigsten Inhalte seiner Instruction von 1850 in 82 Fragen und Antworten für den ersten Teil und 108 Fragen und Antworten für den zweiten Teil der Anweisung zusammen. Dabei gab Herstatt die relevanten Formulierungen der Instruktion von 1850 in der Regel wörtlich wieder.

1882 | Instruction zum Reitunterricht für die Kavallerie

Kaiser Wilhelm I. übergab diese Anweisung als D.V.E. No. 12 am 31. August 1882 dem Kriegsministerium und bestimmte diese als für das gesamte militärische Reiten verbindliche Vorschrift. Dieses zweibändige Werk umfasste knapp 400 Seiten. Alle früheren diesbezüglichen Edikte wurden durch diese Anweisung außer Kraft gesetzt.

1912 | Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12

Am 29. Juni 1912 genehmigte Wilhelm R.v. Heeringen die Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12. (Reitvorschrift zur Ausbildung von Pferd und Reiter für die deutschen Kavallerieregimenter). In Bayern, wo sie marginale Änderungen beinhaltete, trug diese Vorschrift die Bezeichnung D.V. 16.

Sie ersetzte die „Instruktion zum Reitunterricht für die Kavallerie“ vom 31.08.1882 und führte gleichzeitig deren beiden Teile in einer Vorschrift zusammen, was einen großen Verbesserung darstellte. Darüber hinaus wurde die Vorschrift mit besseren und aussagefähigeren Zeichnungen versehen.

Inhaltlich verantwortlich für die D.V.E. Nr. 12 zeichnete ein reiterlich sehr hochrangiges Gremium aus folgenden Personen:

  • Kgl. Bayr. Generalmajor z.D. Max Freiherr von Redwitz;
  • Kgl. Pr. Oberleutnant Felix Bürkner;
  • Kgl. Pr. Hauptmann Lauffer
  • Kgl. Pr. Oberst Hans von Heydebreck

Gleichzeitig mit Einführung der D.V.E. Nr. 12 wurde die S-Kandare bei der Preußische Armee und in fast allen weiteren bundesstaatlichen Armeen des Deutschen Kaiserreiches eingeführt.

1926 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

1926 erschien eine weitere Ausgabe. Erstmalig wurde im Titel die Bezeichnung „H.Dv. 12“ (Heeresdienstvorschrift) ausgewiesen. Es gibt Meinungen, die besagen, dass diese Vorschrift das Beste war und ist, „welches für die Ausbildung von Pferd und Reiter jemals geschaffen wurde. Von den Grundlagen bis zur Hohen Schule und den Schulsprüngen wird alles erklärt„. Der Nachdruck von 1932 soll dabei weit über das Normale hinausgegangen sein – die Vorschrift erhielt ihre Vervollkommnung.

1934 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

Traditionell nahm das Pferd in der deutschen Kavallerie einen zentralen Platz auch hinsichtlich Pflege und Betreuung ein. Ein enges Verhältnis zwischen Reiter und Pferd wurde nicht nur erwartet, sondern geradezu vorausgesetzt. In dieser Ausgabe vom 18.Dezember 1934 über die Reitausbildung:

Dauernden Erfolg wird sie nur haben, wenn alle Vorgesetzten und Untergebenen von der Freude am Reiten und der Liebe zum Pferd beseelt sind.

1937 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

Eine überarbeitete Fassung (Reitvorschrift – H.Dv. 12) wurde am 18. August 1937 herausgegeben und vom Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, in Kraft gesetzt. Hierin waren teilweise deutliche Veränderungen gegenüber der Ursprungsfassung von 1912. Ihre Basis war ein Entwurf von 1934.

1939 | Die Ausbildung der Rekruten im Reiten

Siegried von Haugk, der sehr gerne als direkte Quelle für die Skala der Ausbildung genannt wird, schrieb in einem „Anhang für Reitlehrer“ zu seinem Werk „Die Ausbildung der Rekruten im Reiten“ – wohl auch in kritischer Anlehnung an die Darstellung in der H.Dv.12 von 1937 – über Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geradereichten und Versammlung. Dies tat er auch in dieser Reihenfolge. Er umriss diese Punkte als die „Ziele der Dressur„. Dabei war ihm das Nacheinander in der Erarbeitung dieser Ziele wichtig. Seiner Meinung nach konnten die später anzugehenden Ziele erst durch die zuvor verwirklichten angegangen werden. Die Begriffe „Skala“ oder „Reihenfolge“ gebrauchte er im Jahre 1939 allerdings nicht.

1978 | Das Dressurpferd

Erstmalig wurde durch Harry Boldt in seinem Buch „Das Dressurpferd“ (1978 S.112) eine „sogenannten Skala der Dressurausbildung“ erwähnt, die sich aus der Folge von Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geradereichten und Versammlung definierte.

Abkürzungen

  • D.V.E. Nr. | Druck-Vorschriften Etat-Nummer (Preussen)
  • D.V. | Druck-Vorschriften (Bayern)

Quellen

  • www.bundesarchiv.de
  • D.V.E. Nr. 12 von 1912 | Digitalisierte Fassung
  • Die Reitvorschriften der berittenen deutschen Truppenteile | Wolfgang Klepzig
  • Die Skala und das System der Ausbildung – eine kritische Interpretation | Heinz Meyer | Verlag WuWei
  • Wikipedia

Autor: Richard Vizethum
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