Die Kandare – ein paar Worte dazu

Ist die Kandare wirklich DAS Instrument, welches die Hilfengebung verfeinert, wie man allendhalben zu hören oder lesen bekommt?

Otto Digeon von Monteton, mein Seelenverwandter, hat über die Kandare ganz pragmatisch gesagt, sie sei „DIE EINZIG MÖGLICHE KRIEGSZÄUMUNG“ .

Und genau das ist sie auch: eine Kriegszäumung!

Trust-your-Horse - Die Kandare - ein paar Worte dazu

Ansonsten war Otto, wie ich auch, der Meinung, dass „die gewöhnliche Wasser- oder Doppel-Trense das einzig brauchbare Ausbildungswerkzeug ist“ und die KANDARENREIFE dann erreicht ist, wenn alle Lektionen der Hohen Schule einhändig auf Trense geritten werden können.

Die Befürworter der Kandare dagegen scheinen der Meinung zu sein, dass man mit der Trense diesen hohen Grad von Feinheit, den sie erwarten, nicht erreichen könne, da die Trense beispielsweise beim Aspekt der BEIZÄUMUNG weniger wirksam sei.

Eine solche Aussage ist FALSCH und drückt in gewissem Sinne sogar Unkenntnis bezüglich der wahren, sehr vielfältigen Möglichkeiten der Trense aus!

Ein auf Trense beigezäumtes Pferd muss sich darauf eingelassen haben die Nase entsprechend der AUFRICHTUNG immer näher an die Senkrechte heranzunehmen. Dies bedarf Geduld und es ist stallmeisterliche Kunst einen Pferdehals mit Hilfe der Trense zu formen.

Bei der Kandare ist diese Willensäußerung des Pferdes nicht notwendig, die Beizäumung geht schneller, aber die Qualität der Halsausformung erreicht nicht das, mit Trense erreichbare Niveau. Im Gegenteil, durch die Genickwirkung der Kandare produziert man einen zweiten „falschen Knick“. Dieser kann das Pferd in manchen Situationen auf die Vorhand bringen.

Während man mit der Kandare tricksen und Ausbildungsfehler leicht überspielen kann, offenbart die Trense solche Fehler und Mängel schonungslos! Mit welchem Instrument also ist mehr Wissen und Erfahrung notwendig, mit der Trense oder mit der Kandare?

Oft hört man, insbesondere dann, wenn die Kandare als feines Mittel präsentiert werden soll folgenden Satz:

Die Trense bäumt, die Kandare zäumt!

Dabei wird einem gar nicht so bewusst, dass dieser Spruch – und hier wage ich eine gar nicht so abwegige Hypothese – wohl in einer Zeit seine Entwicklung nahm, in der Teile der Reiterschaft alles andere als fein und pferdefreundlich ritten.

Getreu nach dem Motto „Alles was lebt ist faul!“ (Rittmeister von W.) versuchte man die Aufrichtung und Beizäumung der Hohen Schule zu imitieren, dabei aber maßgebliche Entwicklungsschritte auslassend, eine gewaltige und für die Pferde sehr unfreundliche Abkürzung zu nehmen.

Nicht, wie bei der wahren HOHEN SCHULE, wo man erst zum Ende der Ausbildung die maximale Aufrichtung und Beizäumung zu erzielen trachtete, begannen diese „Reitersleut“ schon zu Beginn der Ausbildung die Pferde – auf Trense – hoch aufzurichten (DIE TRENSE BÄUMT) und dabei das Pferd stark auf die unvorbereiteten Hanken zu setzen.
Es war ihnen auch egal, dass der Kopf des Pferdes dabei in eine nahezu waagerechte Stellung gebracht und der Rücken weggedrückt wurde.

Diese, zunächst im Stehen erarbeitete Aufrichtung sollte auch in der Bewegung erhalten bleiben.

Erst nach einer Weile begann man, nun mit Kandare (DIE KANDARE ZÄUMT), den Pferdekopf heranzuarbeiten. Die Pferde ließen sich das natürlich nicht gefallen und versuchten, wenn sie die Möglichkeit hatten, vom Zügel loszukommen.

So geschah es auch bei jenem Quedlinburger Husarenregiment, welches den Auftrag bekam in der Zeit von 1842 – 1843 die Methode Bauchers auszuprobieren. Dieser Versuch ging voll in die Hose. Beim großen Kavalleriemanöver vor Berlin 1843 hoben sich die so ausgebildeten Pferde, „keinem Zügel mehr gehorchend“ (frei nach Schiller), reihenweise aus der Zäumung. Natürlich sehr ungünstig für ein Kavalleriepferd. Anzumerken sei allerdings noch, dass Baucher zu dieser Zeit die Pferde ausschließlich auf Kandare ausbilden ließ.

Die „unbedingte Beizäumung“ Bauchers, wurde daraufhin ein für alle Mal bei den Preußen verboten. Die Ablehnung hatte also, nicht wie einige Autoren dies darstellten, nationalistische, sondern rein pragmatische und sicherheitstechnische Gründe.

Das Ganze war natürlich alles andere als gesund für die Pferde, vielleicht auch ein Grund über den Satz: „Die Trense bäumt, die Kandare zäumt!“ nochmal nachzudenken.

Zum vorläufigen Abschluss noch ein Zitat von Otto Digeon von Monteton:

Ein gerittenes Pferd geht auf jeden alten Bindfaden statt des Mundstücks …
(geritten bedeutet hier rittig/voll ausgebildet)

aus Notizen zu „Reiten als schöne Kunst betrachet
Autor: Richard Vizethum
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Mit einer Heuschnur zur feineren Hand

Wie fein sind Deine Hände, wie weich deren Kontakt mit dem Pferdemaul?
Wie „schwer“ fühlt sich dieses vermeindliche Mysterium „Anlehnung“ – jener beispielsweise in der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ der „Deutschen Reiterlichen Vereinigung„, als „stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul“ beschriebene Kontakt – bei Deinem Pferd an?

Trust-your-Horse - Heuschnur als Zügelersatz lehrt feines Reiten

Die Verbindung zum Kopf des Pferdes wird über Zügel hergestellt, und die Machart der Zügel bestimmt darüber wie „sicher“ der Kontakt ist. So gibt es beispielsweise – gerne benutzt – geflochtene Zügel, Zügel mit Gummibezug und Antirutschauflagen oder schwere, breite Zügel (Westernreiten). Was haben alle diese Zügel gemeinsam?

SIE HELFEN DEM REITER UND SCHADEN DEM PFERD

Dem Reiter wird es leichter gemacht die Zügel fest- und mit ihnen gegenzuhalten. Mit solchen Zügeln ist man eher versucht, anstelle der Finger, die Arme einzusetzen und  deren Kraft ziehend zu nutzen.

Nun ist „…ziehen mit den Armen zur Beherrschung eines Pferdes ein Beweis für die Unfähigkeit des Reiters„, wie es Jean-Claude Racinet ausdrückte. Denn wenn man zieht wird das Pferd dagegenziehen (Druck erzeugt Gegendruck | Zug erzeugt Gegenzug).

Dabei wird der Schmerz den das Pferd empfindet seinen Widerstand gegen die Reiterhand größer und größer werden lassen. Und auch der Reiter wird sich anstrengen müssen. „Jetzt hab ich mir schon wieder ein paar Handschuhe mit den Zügeln durchgescheuert…!„, sind neben Muskelkater das Ergebnis einer Auseinandersetzung bei der Reiter und Pferd verlieren.

Feines Reiten sieht sowieso anders aus.

MIT HEUSCHNUR UND OHNE HANDSCHUHE

Verwende doch mal, anstelle der Zügel eine Heuschnur, in der Stärke wie sie bei kleinen Heuballen üblich ist und verzichtet auch auf die Handschuhe.

Jetzt wirst Du merken, WIE fein Deine Hand tatsächlich ist. Wo sonst oft die Muskelkraft des Reiters das „Gleichgewicht“ beim Pferd herstellt – verlangt der Schmerz in der Hand mehr Intelligenz. Diese Erkenntnis kann man gewinnen, unabhängig davon, ob das Pferd ein Mundstück trägt oder gebisslos geritten wird. Gerade bei mancher gebisslosen Zäumung wird man plötzlich eine überaus schmerzhafte Überraschung erleben.

Und so manch, vermeindlich feine Hand, wird plötzlich spüren, dass doch mehr Kilos anstehen als gedacht.

Eine Heuschnur als Zügelersatz und Hände ohne Handschuhe lehren Dich, Deine Hände bewusster und feiner einzusetzen – zum Wohle des Pferdes.

Sicherheitshinweis
Man kann gerne die regulären Zügel als „Reserve“ eingeschnallt lassen.

Autor: Richard Vizethum
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Sperrriemen und kein Ende

Der Sperrriemen hatte zu keinem Zeitpunkt eine sinnvolle Nutzanwendung.

Im Grunde muss man attestieren, das er, so wie er in der heutigen Form gebraucht wird (in Kombination mit dem Englischen Reithalfter – auch als Irisches Reithalfter bezeichnet), von schlechten Reitern für schlechte Reiter entwickelt wurde.

Trust-your-Horse - Kombiniertes Reithalfter

„Wenn das Pferd jedoch versucht das Maul aufzusperren, so hat das irgendeinen Grund, den man finden und abstellen sollte – einfaches Zusperren des Maules ist Selbstbetrug“
(Paalman Anthony – Springreiten – 1989)

Die Idee, die sich allerdings dahinter verbergen dürfte, war der Versuch, die vermeindlichen Vorteile des Hannoverschen Sperrhalfters und des Englischen Reithalfters zu vereinigen. Diesen fragwürdigen Versuch, der vermutlich auf die Experimentierfreude von Springreitern zurückging, kann man getrost als misslungen bezeichnen.

Dennoch wird an dieser Halfterform weiter festgehalten – sehr zum Leidwesen der Pferde. Eine sehr merkwürdige und sichtbar unüberlegte Aussage zu diesem kombinierten Reithalfter liefert die Richtlinie für Reiten und Fahren Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung:

„Für Pferde mit guter Maultätigkeit und genügender Durchlässigkeit ist dieses Reithalfter zweckmäßig.“ 1

Hatte das Militär einen Anteil an der Entwicklung des Sperrriemens?

Nach dem 1. Weltkrieg konnte die deutsche Militärreiterei zunächst aus dem Vollen schöpfen. Eingebettet in einem 100.000 Mann starkem Heer, waren die Reiterregimenter viel zu hoch angesetzt. Der berittene Infantrist wurde ins Leben gerufen. Hinzu kam noch, dass die Reichswehr ein Berufsheer sein musste. Die lange Dienstzeit von 12 Jahren bei Mannschaften und Unteroffizieren und 25 Jahren bei Offizieren sorgte in den Reiterregimentern für ein sehr hohes Ausbildungsniveau.

1934/35 war das Ende der Reichswehr und die Wehrmacht wurde aufgebaut. Im Zuge dessen wurde auch die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Die Wehrdienstzeit betrug 2 Jahre, unabhängig von der truppendienstlichen Verwendung. Vor Ende des ersten Weltkriegs dauerte die Wehrdienstzeit für die Reiterei 3 Jahre, für die übrigen Truppenteile 2 Jahre. Das reiterliche Niveau sank ab (dem wurde auch in der H.Dv. Rechnung getragen).

Möglicherweise ein Grund, warum man schließlich 1934 den Reitmeister Otto Lörke, neben weiteren Zivilreiteren, wie Stensbeck (dieser schon 1926 auf Veranlassung von Gustav Rau berufen) und Wätjen, an die Kavallerieschule Hannover berief. Sie sollten dort zum einen für eine Verbesserung der reiterlichen Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren im Schulstall sorgen und legten zum anderen die Basis für die Olympia-Erfolge der deutschen Reiter bei den Olympischen Sommerspielen 1936. Sie unterstützten damit sicherlich auch Felix Bürkners Arbeit, der die deutsche Dressurmannschaft für die Spiele vorbereitete.

Trust-your-Horse - Sperrriemen und kein Ende

In der Heeresdienstvorschrift D.V.E. Nr. 12 von 1912 gab es – bei der Zäumung auf Trense – weder Sperrriemen noch Nasenriemen (Bild1) – . Gleiches gilt für die Fassung von 1926 (H.Dv. 12). In der Ausgabe der H.Dv. 12 von 1937 war dies schon anders, hier kam das Hannoversche Sperrhalfter zum Einsatz (Bild 2).

Das Hannoversche Sperrhalfter

Dieses Sperrhalfter wurde an der Kavallerieschule in Hannover entwickelt, um zu verhindern, dass das Pferd das Maul aufsperrt und das Gebiss verrutscht. Als Erfinder gilt wohl der Herr von Oeynhausen.

Das die Erfindung des Sperrhalfters, respektive des Sperrriemens, seine Begründung in der Vermeidung von Kieferbrüchen hätte, gehört in den Bereich der reiterlichen Mythen. Udo Bürger (leitender Veterinäroffizier an der Kavallerieschule Hannover) fasste lediglich eigene Beobachtungen dahingegen zusammen, dass vor Einführung des Hannoverschen Sperrhalfters, er „des öfteren Unterkieferbrüche und Kiefergelenksentzündungen gesehen“ hätte. „Seit der Einführung des Hannoverschen Reithalfters aber nicht mehr„. Daraus zog er seine Schlüsse.

Bei diesem Sperrhalfter wird, bei Pferden mit kurzer Maulspalte die Lufttrompete beengt. Muss ein Pferd heftig atmen, dann reichen auch die – bei „korrekter Verschnallung“ – zwei Finger Luft zwischen Pferdekopf und Sperrhalfter nicht aus – das Pferd bekommt nur sehr schwer Luft. Verschnallt man die Zügel dabei allerdings so, dass sie Trensen und Halfterringe umfassen, dann wird der Druck auf die Kinnlade vermindert und ein Teil der Wirkung geht auf die Nase.

Da die Rekruten an der Kavallerieschule zur damaligen Zeit (s.o.) nicht unbedingt zu den begnadetsten Reitern mit weichen Händen gehört haben dürften, mag die Entwicklung dieses Halfters folgerichtig gewesen sein.

Worcester-Reithalfter

Der Sperrriemen, so wie er eben heute gebraucht wird (in Kombination mit dem Englischen Reithalfter), wurde vermutlich aus dem Pull(er)riemen des Worcester-Reithalfters entwickelt (Bild 4)2. Bild 3 zeigt eine provisorische Form davon, so wie ich sie mitunter zur Korrektur einsetze. Zur besseren Positionierung empfiehlt es sich, wie hier dargestellt, eine dünne Schnur vom Pullriemen zum Nackenriemen verlaufen zu lassen.

Beim Worcester-Reithalfter kann das Pferd unbehindert kauen, das Gebiss liegt ruhiger und etwas höher im Maul. Die Wirkung, auch eines zu tiefen Zügels, geht zunächst auf die Nase, dann aufs Maul und dort mehr auf die Mundwinkel. Es wird Druck von Zunge und Lade genommen.

Ich nutze diese Form (in der provisorischen Variante – s. Bild 3) bei Pferden, die gelernt haben die Zunge über das Gebiss zu legen oder die stark mit dem Gebiss „spielen“, zur Korrektur.

  • 1) FN-Richtlinie für Reiten und Fahren – Band 1 | Seite 27
  • 2) Miriam Röseler | Ihr Nachbau eines Worchester Reithalfters, so wie es im Reitzentrum Reken noch zur Korrektur benutzt wurde.
  • D.V.E. Nr. 12 von 1912 | Digitalisierte Fassung
  • Die Reitvorschriften der berittenen deutschen Truppenteile | Wolfgang Klepzig
  • Mehr zu Reitvorschriften hier im Blog.

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