Parkposition als Lösungsmittel

Aus meiner Sicht hat „Lösen“ sowohl eine körperliche als auch geistige Komponente und ist insbesondere nach herausfordernden und körperlich anspruchsvolleren Übungselementen sinnvoll und notwendig.

Trust-your-Horse - Parkposition als Lösungsmittel
(Bild: Oldenburger-Wallach „Luis“ | Besitzerin: Birgit Gottschalk in vorbildlicher Parkposition)

Körperlich sollte das Pferd sich strecken können, so dass die Wirbelkörper im Halsbereich und die Dornfortsätze, insbesondere am Widerrist, sich etwas „auffächern“.

Mental sollte das Pferd wieder zur Ruhe kommen. Diese geistige Entspannung beim Pferd, ist für mich eigentlich noch wichtiger, als der rein körperliche Aspekt.

DOCH, IST DAZU BEWEGUNG NOTWENDIG UND SINNVOLL?

Als Mittel des „Lösens“ wird nun sehr häufig das Vorwärts-/Abwärts-Reiten empfohlen. An dieser Stelle möchte ich nicht in die Diskussion darüber einsteigen, ob Vorwärts-/Abwärts grundsätzlich Sinn macht.

Ein Pferd mit einem Gewicht von 600 Kg bringt im STEHEN in barocker Aufrichtung etwa 56 Kg Gewicht mehr auf die Vorhand als auf die Hinterhand. In einer Vorwärts-/Abwärtsposition sind dies schon 90 Kg.

Im Stehen stellt diese Überlastungssituation für das Pferd kein Problem dar. Es kann dieses Gewicht gut mit den Vorderbeinen abstützen.

Vorwärts-/Abwärts-Reiten und Lösen?

Kommt dagegen Bewegung hinzu (Vorwärts-/Abwärts-Reiten), dann nimmt der Belastungsdruck auf die Vorhand erheblich zu.
Ein „Lösen“ mag nun zwar körperlich in der Oberlinie (Wirbelsäule) stattfinden, aber findet seinen negativen Widerhall in den Vorderbeinen und der Schulter.
Ergo, ein körperliches und geistiges „Lösen“ ist eingeschränkt.

Bei einer korrekten Dehnungshaltung, bei welcher sich das Pferd im Widerrist anheben muss, damit das Wort „korrekt“ seine Gültigkeit hat, der Hals sich mit einer konvex nach oben gewölbten Oberlinie und offenem Genick nach vorne strecken soll, kann man ebenso nicht von einem vollständigen „Lösen“ sprechen.

Denn diese Haltung in der Bewegung ist Arbeit für das Pferd! Auch ein „geistiges Lösen“ ist hier kaum zu erwarten.

LÖSEN IN PARKPOSITON

Weit besser ist, aus meiner Sicht, dagegen das „Lösen“ dann, wenn man die Bewegung weglässt und das Pferd sich im Stehen (gleichmäßig auf allen vier Füßen) mit der Nase in Richtung Boden strecken kann.

Dies hat drei Effekte, einen körperlichen und zwei geistige:

  1. Wirbelkörper und Dornfortsätze werden ausreichende „gelöst“ ohne großen Belastungsdruck auf die Vorderbeine und Schulter (körperlicher Aspekt)
  2. Das Pferd begibt sich in diese Position reell nur, wenn es sich entspannt und sich sicher fühlt. Es verbietet sich ein „Hintrainieren“ dieser Position (häufig im Westernreiten). Das Pferd muss diese Dehnung freiwillig einnehmen.
  3. Dieses Lösen in der Parkposition zeigt auch den Stresszustand des Pferdes an. Geht das Pferd, auch nach einer sehr anspruchsvollen Übung, unmittelbar, freiwillig und ruhig in diese Dehnungshaltung, dann hat es sich durch die Übung vorher wenig gestresst gefühlt. Tut es das nicht oder erst nach einiger Zeit, dann war die Übung vorher schon sehr – im günstigsten Fall – herausfordernd für das Pferd gewesen.

WIE GEHT MAN VOR?

Man hält das Pferd ruhig an, achtet dabei darauf, dass es auf allen vier Beinen gleichmäßig steht, also nicht in Schrittposition beispielsweise.

Dann bringt man das Pferd durch leichtes wechselseitiges Ausdrehen der Handgelenke, verbunden mit einem seitlich/vorwärts Herausstellen der jeweiligen Hand und Nachgeben des Zügels, zum Strecken. Dieses Signal („Du kannst Dich strecken!“) wird, sollte sich das Pferd nicht strecken, nur noch einmal wiederholt. Streckt sich das Pferd dann immer noch nicht, dann akzeptiert man dies und fordert nicht weiter. Wie gesagt, dass Pferd soll sich freiwillig strecken!

Diese Parkposition kann man durchaus einige Minuten andauern lassen, bevor man weiterarbeitet oder die Trainingseinheit beendet.

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Gleichgewicht Basis der Balance

Unter dem GLEICHGEWICHT im physikalischen Sinne versteht man die gleichmäßige Verteilung einer Masse im Stand auf die vorhandenen Stützflächen. Bei Lebewesen, in deren natürlicher Grunddisposition, wird dieses Ideal nicht erreicht. Es gilt aber: Je weniger Stützflächen vorhanden sind, desto näher kommt die Masseverteilung diesem Ideal.

In der Bewegung spricht man sinnvollerweise im günstigen Fall von einem kontrolliertem Ungleichgewicht, welches man auch treffend mit dem Begriff BALANCE umschreiben kann.

Trust-your-Horse - Gleichgewicht - Basis der Balance

Das Gleichgewicht stellt bei Lebewesen so etwas wie die Referenzgröße für dessen sensomotorisches System dar. Dieses System ist, vor allem dann, wenn das Lebewesen sich bewegt, bestrebt das jeweilige Lebewesen, an dieser Gleichgewichtsvorgabe ausrichtend, in der Balance zu halten.

In seiner natürlichen Disposition ist das Pferd weit von dem oben beschriebenen Gleichgewichtsideal entfernt. Zwei maßgebliche Faktoren tragen hier wesentlich dazu bei.

Zum einen die starke Vorhandüberlastung, welche es dem Fluchttier Pferd ermöglicht, hohe Geschwindigkeiten bei vergleichsweise geringem Energieeinsatz zu erreichen.

Zum anderen die „natürliche Biegung“ (ich vermeide die Begrifflichkeit „natürliche Schiefe“, denn diese vertauscht Ursache und Wirkung) oder Händigkeit des Pferdes. Dessen Ursache dürfte, mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, mit der Lage des Fötus im Mutterleib in Zusammenhang stehen, also einen eher logistischen Grund haben.

Ein Pferd als Pferd ist in einem naürlichem Gleichgewicht

Dennoch spricht man auch beim Pferd von einem Gleichgewicht, einschränkend als „natürliches Gleichgewicht“ bezeichnet.
Für die Nutzung des Pferdes als Reitpferd allerdings ist dieses natürliche Gleichgewicht problematisch.

Einerseits begünstigten die Faktoren dieses Gleichgewichts die instinktiven Kräfte des Pferdes – gegen den Reiter. Dieser muss weit mehr „Hilfen“ zu deren Korrektur einsetzen – was wiederum das Pferd belästigt.

Andererseits sorgt das Gewicht des Reiters und dessen Masse für eine ungünstige Belastung der Struktur des Pferdes (Knochen, Muskeln …), was dessen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Motivation in der Konstellation des natürlichen Gleichgewichts ungünstig beeinflusst.

Ein Pferd braucht man nicht in die Balance bringen, dass macht es von ganz allein. Man muss ihm nur das neue Gleichgewicht für ein Reitpferd vermitteln.

Trainingstechnisch gilt es nun ein „neues Gleichgewicht“ im Pferd zu etablieren. Dies geschieht dadurch, dass man bestehende Bewegungs- und Haltungsmuster durch häufiges Wiederholen von „neuen“ Bewegungsabläufen langsam verändert.

Gleichzeitig damit wird sich automatisch auch das sensomotorische System des Pferdes auf das veränderte Gleichgewicht einstellen und an dieser Referenz das Pferd neu ausbalancieren.

Zwei wesentliche Muster müssen dabei vorrangig „reprogrammiert“ werden:

  • Die „natürliche Biegung“: Das Pferd ist geradezurichten;
  • Die Vorhandüberlastung: Das Pferd ist verstärkt auf die Hinterhand umzulasten.

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
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Keine positive Verstärkung ohne negative Verstärkung

In der Arbeit mit Tieren werden positive und negative Verstärkungen als Mittel der Ausbildung angewandt. Dabei wird häufig hervorgehoben, wie „wertvoll“ und wichtig die positive Verstärkung ist und wir negieren allzugern die Notwendigkeit und den elementaren Nutzen negativer Verstärkung.

Die Natur kennt (in der Konditionierung) keine isolierte „positive Verstärkung“ in dem Maße, wie wir Menschen dies gerne sehen möchten. Erziehung arbeitet „dort“ immer mit negative Verstärkung, der ggf. eine positive Verstärkung (Lob) folgt.

Keine positive Verstärkung ohne negative Verstärkung

Trust-your-Horse - keine positive ohne negative Verstärkung

Sehr häufig liest man Angebote von Ausbildern, die von sich behaupten ausschließlich mit positiver Verstärkung zu arbeiten. Hier darf festgestellt werden, dass diese entweder bewusst die Unwahrheit verkünden oder schlicht ein falsches Bild von dem haben, was man unter positiver und negativer Verstärkung versteht.

Bei jeder Form der kontrollierten Konditionierung und diese ist das Haupteinsatzgebiet von Verstärkungen, geht der positiven Verstärkung immer eine negative Verstärkung voraus.

Will man beispielsweise einem Pferd den Spanischen Schritt vermitteln, dann tippt man mit der Gerte solange ein Vorderbein an, bis das Pferd dieses leicht anhebt. In diesem Moment lässt man die Gertenwirkung aufhören (negative Verstärkung).
Ein daraufhin erfolgtes Lob oder eine Futtergabe (positive Verstärkung) verstärkt den Lerneffekt, hat die gewünschte Reaktion aber nicht ausgelöst.

Denkfehler positiv versus negativ

VERSTÄRKUNG (Reinforcement) ist ein Begriff aus der Lernpsychologie und dem Behaviorismus. Die Verstärkung beschreibt ein Ereignis, welches die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt und die Auftretenswahrscheinlichkeit gesteigert wird. Es wird dabei unterschieden zwischen „positiver“ und „negativer“ Verstärkung.

Immer aber, wenn die Worte „positiv“ und „negativ“ auftauchen, neigen wir Menschen dazu diese, aufgrund unserer Wert- und Moralvorstellungen, vorschnell und unüberlegt in gut (positiv) und schlecht (negativ) zu kategorisieren. Im Zusammenhang mit dem Konditionierungsmittel „Verstärkung“ ist dies ein großer Denkfehler.

Die korrekte Bedeutung hier von NEGATIV ist „etwas weglassen“ (beispielsweise das Antippen mit der Gerte) und von POSITIV „etwas hinzufügen“ (z.B. Leckerli oder Lob).

Nochmal zurück zum Beispiel „Spanischer Schritt“

Aber es geht doch auch NUR mit positiver Verstärkung! Ich warte halt, bis das Pferd ein Vorderbein hebt und belohne es dann!

Ja, kann man machen, wenn man sehr viel Zeit mitbringt. Aber auch dazu sei noch gesagt:
Wenn ich mich stundenlang neben mein Pferd stelle und darauf warte, dass es das Vorderbein hebt und dies dann –  irgendwann, vielleicht – auch  tatsächlich geschieht und ich begeistert lobe und Leckerli verabreiche, dann habe ich nichts anderes gemacht, als mit negativer Verstärkung gearbeitet, auf der ich dann wieder eine positive Verstärkung folgen ließ.

Die negative Verstärkung in diesem Beispiel war schlicht das „Wegnehmen“ meiner lästigen Anwesenheit und das Auflösen sinnlosen Herumstehens.

Dazu sei noch erwähnt, dass man in diesem Moment sogar eine „Widersetzlichkeit“ positiv verstärkt hat, denn das Pferd wollte durch das Anheben des Vorderbeins wahrscheinlich nur anzeigen, dass es dem Herumstehens überdrüssig geworden sei.

Sollte man nun auf den Gedanken kommen, sich neben sein Pferd zu stellen, um diesem durch Anheben eines eigenen Beins, das Tun „vorzumachen“, auch dann würde man mit „negativer Verstärkung“ arbeiten. Hebt das Pferd wie gewünscht das Vorderbein, dann würde man ja das Anheben des eigenen Beins einstellen, also etwas weg lassen.

Es lohnt sich immer über Begriffe intensiver nachzudenken, statt diese möglicherweise in die falsche Schublade abzulegen.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
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Mit einer Heuschnur zur feineren Hand

Wie fein sind Deine Hände, wie weich deren Kontakt mit dem Pferdemaul?
Wie „schwer“ fühlt sich dieses vermeindliche Mysterium „Anlehnung“ – jener beispielsweise in der „Richtlinie für Reiten und Fahren“ der „Deutschen Reiterlichen Vereinigung„, als „stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul“ beschriebene Kontakt – bei Deinem Pferd an?

Trust-your-Horse - Heuschnur als Zügelersatz lehrt feines Reiten

Die Verbindung zum Kopf des Pferdes wird über Zügel hergestellt, und die Machart der Zügel bestimmt darüber wie „sicher“ der Kontakt ist. So gibt es beispielsweise – gerne benutzt – geflochtene Zügel, Zügel mit Gummibezug und Antirutschauflagen oder schwere, breite Zügel (Westernreiten). Was haben alle diese Zügel gemeinsam?

SIE HELFEN DEM REITER UND SCHADEN DEM PFERD

Dem Reiter wird es leichter gemacht die Zügel fest- und mit ihnen gegenzuhalten. Mit solchen Zügeln ist man eher versucht, anstelle der Finger, die Arme einzusetzen und  deren Kraft ziehend zu nutzen.

Nun ist „…ziehen mit den Armen zur Beherrschung eines Pferdes ein Beweis für die Unfähigkeit des Reiters„, wie es Jean-Claude Racinet ausdrückte. Denn wenn man zieht wird das Pferd dagegenziehen (Druck erzeugt Gegendruck | Zug erzeugt Gegenzug).

Dabei wird der Schmerz den das Pferd empfindet seinen Widerstand gegen die Reiterhand größer und größer werden lassen. Und auch der Reiter wird sich anstrengen müssen. „Jetzt hab ich mir schon wieder ein paar Handschuhe mit den Zügeln durchgescheuert…!„, sind neben Muskelkater das Ergebnis einer Auseinandersetzung bei der Reiter und Pferd verlieren.

Feines Reiten sieht sowieso anders aus.

MIT HEUSCHNUR UND OHNE HANDSCHUHE

Verwende doch mal, anstelle der Zügel eine Heuschnur, in der Stärke wie sie bei kleinen Heuballen üblich ist und verzichtet auch auf die Handschuhe.

Jetzt wirst Du merken, WIE fein Deine Hand tatsächlich ist. Wo sonst oft die Muskelkraft des Reiters das „Gleichgewicht“ beim Pferd herstellt – verlangt der Schmerz in der Hand mehr Intelligenz. Diese Erkenntnis kann man gewinnen, unabhängig davon, ob das Pferd ein Mundstück trägt oder gebisslos geritten wird. Gerade bei mancher gebisslosen Zäumung wird man plötzlich eine überaus schmerzhafte Überraschung erleben.

Und so manch, vermeindlich feine Hand, wird plötzlich spüren, dass doch mehr Kilos anstehen als gedacht.

Eine Heuschnur als Zügelersatz und Hände ohne Handschuhe lehren Dich, Deine Hände bewusster und feiner einzusetzen – zum Wohle des Pferdes.

Sicherheitshinweis
Man kann gerne die regulären Zügel als „Reserve“ eingeschnallt lassen.

Autor: Richard Vizethum
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Emotionen und Reiten

Emotionen – ein missverstandener Begriff

Diskutiert man über den Begriff „Emotionen“ oder gar über „Emotionsloses Reiten„, dann wird es meist sehr schnell emotional. Die Vorstellung die eigenen Emotionen kontrollieren zu müssen, macht vielen Menschen Angst (Emotion).

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Doch, was sind „Emotionen“?

Emotionen sind Affekte, d.h. sie stoßen uns einfach so zu – ohne Vorwarnung und ohne das wir was dagegen tun können. Sie werden ausgelöst, durch die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung eines Ereignisses oder einer Situation. Das unterscheidet sie von Gefühlen. Diese sind „langfristiger“ angelegt.

Wir Menschen sind – im Gegensatz zu Tieren – in der Lage, uns Emotionen einzureden oder manche dieser Emotionen – ohne jeglichen realen Grund – zu verstärken. Dazu erzeugen wir mit Worten Bilder in unserem Kopf. Panik, die Steigerungsform von Angst, ist ein Beispiel dafür. Zur Panik sind nur wir Menschen fähig.

Wir wollen nicht auf unsere Emotionen verzichten

Ja, es wird sehr emotional, wenn man über Emotionen diskutiert und vor allem, wenn man von Menschen verlangt Emotionen zu kontrollieren um besser mit ihrem Pferd zurecht zu kommen. „Das möchte ich nicht! Ich bin ein emotionaler Mensch und auch das Reiten und der Umgang mit dem Pferd sind zutiefst emotional!„. Man lässt sich vielleicht gerade noch zu dem Zugeständnis hinreißen „… na gut, die negativen Emotionen sollte man vielleicht schon kontrollieren – ABER die positiven Emotionen möchte ich auch und ganz besonders mit meinem Pferd teilen!„.

Nächster menschlicher Fehler: Es gibt keine positiven (im Sinne von GUT) oder negativen (im Sinne von SCHLECHT) Emotionen! Zu dieser Wertung sind wieder nur wir Menschen fähig. Dabei spielen unsere jeweiligen Wert- und Moralvorstellungen (auch wieder etwas, von uns Menschen künstlich Geschaffenes) eine zentrale Rolle. Pferde werten nicht – Menschen tun diese mit großer Leidenschaft!

Wer die Situation nicht erlebt hat, kann die Emotion nicht (nach)empfinden

Da freut sich der Mensch, der an diesem Tag von seinem Chef eine Gehaltserhöhung bekommen hat, über alle Maßen und fährt mit diesem Glücksgefühl zu seinem Pferd. Und natürlich möchte er mit diesem, seinem Freizeitpartner seine Freude teilen.

Doch schaut man in die Augen des Pferdes und beachtet dessen Reaktionen objektiv, dann wird man von völligem Unverständnis bis zu starker Verunsicherung beim Pferd viel Emotion erkennen – nur eine nicht: FREUDE.

Nur wenn ein Tier die Situation, den Auslöser der Emotion, miterlebt hat und darüber hinaus die Situation auch noch genauso empfunden hat, kann es die Emotion (nach)empfinden. Wir Menschen allerdings können – wieder mittels Sprache – Bilder im eigenen Kopf, aber auch in den Köpfen anderer erzeugen, so das wir es auch anderen Menschen möglich machen können, unsere Emotionen – auch körperlich – nachzuempfinden. Bei Tieren funktioniert das nicht!

Kontrolliere Deine Emotionen – ein guter Sitz hat keine Emotionen

Um zu einem harmonischen Verhältnis und einer klareren Kommunikation mit Deinem Pferd zu gelangen, ist es sehr wichtig, dass Du kontrolliert mit Deinen Emotionen umgehst. Ein guter und sinnvoll kommunizierender Sitz ist nur dann möglich, wenn Du weitgehend frei von Emotionen bist.

Emotionen bedeuten Spannungen und Spannungen bedeuten Kommunikation. Das Pferd versucht bewusst oder unbewusst diese Spannungen zu interpretieren – auch dann, wenn sie emotional motiviert, völlig sinnfrei sind. Du wirst mitunter Reaktionen vom Pferd bekommen, die Du nicht erwartet und auch nicht gewünscht hast. In solchen Momenten kann man dann oft den Satz „Er verarscht mich doch schon wieder!“ hören. Ein Satz, welcher völlig gedankenlos und ungerecht ist.

Kontrolliere Deine Emotionen und Du erleben, dass manches, was Du vielleicht Deinem Pferd an problematischem  Verhalten angelastet hast, wie von selbst verschwindet. Denn die Ursache dafür war nicht in Deinem Pferd zu suchen, sondern bei Dir und Deinen Emotionen – unabhängig davon, ob Du diese Emotionen als „positiv“ oder „negativ“ einstufst.

Autor: Richard Vizethum
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Mehr über Emotionen und wie man diese kontrollieren kann, kannst Du in meinem Theoriekurs EMOTIONSLOS REITEN erfahren.

Deutsche Reitvorschriften und der Weg zur Skala der Ausbildung

Da die Reiterei in Deutschland, mit ihrem großen Einfluss auf die internationale Reiterei, sehr stark geprägt wurde durch das Militär und deren Ausbildungsrichtlinien für Pferd und Reiter, möchte ich an dieser Stelle versuchen, alle relevanten Informationen über Deutsche Reitvorschriften nach und nach zusammenzutragen.

Trust-your-Horse - Reitvorschriften

1825 und 1826 | Instruction zum Reit-Unterricht für die Kgl.Preußische Kavallerie

Generalmajor Friedrich Georg Ludwig von Sohr erhielt als Direktor der 1816 in Berlin gegründeten preußischen „Militär-Reit-Anstalt“ den Auftrag eine Reitinstruktion auszuarbeiten, welche dem gesamten Reitunterricht in der Armee zugrunde gelegt werden sollte. Diese „Instruction zum Reit-Unterricht für die königlich preussische Kavallerie“ gelangte in den Jahren 1825 bis 1826 in vier Teilen zur Ausgabe und zur Einführung in die Truppe. Mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch stellte sie die bindende Regel für die gesamte Reit- und Pferdeausbildung der preußischen und der deutschen Kavallerie dar. Auch später erfolgte Neubearbeitungen haben an deren Inhalt nicht viel wesentliches geändert. Diese Reitinstruction diente nicht nur als Ausbildungsanweisung für die militärische Reitausbildung, sondern sie wirkte auch grundlegend auf die nichtmilitärische Reitausbildung.

  • Teil 1 der Instruction behandelte den Unterricht der Reiter der ersten Klasse (Kavalleristen mit nur 3-jähriger Dienstzeit). Die einzelnen Elemente waren hier: „Unterricht auf Decke und Trense“, „Unterricht auf Sattel und Trense„, „Unterricht auf Sattel und Kantare“ sowie den „Unterricht mit den Waffen und im Gliede„.
  • Teil 2 der Instruction thematisierte neben der Schulung von Reitern für das Unterrichten der Rekruten der Kavallerie das Zureiten der neu erworbenen Pferde, nämlich die „Remonten-Dressur„. Letzte Aufgabe bestand laut Instruktion darin, „aus einem rohen Remonte-Pferd ein brauchbares Dienstpferd zu bilden„.
  • Teil 3 der Instruction (Erschienen 1826) war „ausschließlich zum Gebrauch bei der Lehr-Eskadron bestimmt„. Er beschrieb den Ablauf des Unterrichts für die dritte Klasse der Reiter (Offiziere und besonders befähigte Unteroffiziere). Diese sollten in ihrem praktischen Können, wie in ihren theoretischen Kenntnissen gefördert werden. Zudem sollte sich diese Schulung in einer optimierten Ausbildung der Pferde dieser Reiter niederschlagen.

Diese Instruction schrieb eine zwingende Reihenfolge von Ausbildungszielen vor, die es unter „Berücksichtigung der Kräfte des Pferdes“ einzuhalten galt. Diese sind:

1. Gehorsam, 2. Aufrichtung (auf Basis Anlehnung), 3. Gleichgewicht und 4. Versammlung.

1850 | Reit-Instruction für die leichte Kavallerie

1850 publizierte der preussische Kavallerieoffizier E. Herstatt dieses Lehrbuch, welches weitgehend den Reitunterricht für die kurzzeitig dienenden Kavalleristen (Klasse 1 – mit nur 3-jähriger Dienstzeit) behandelte.

1851 | Kavallerie-Katechismus

In einer Art Repetitorium fasste Herstatt die aus seiner Sicht wichtigsten Inhalte seiner Instruction von 1850 in 82 Fragen und Antworten für den ersten Teil und 108 Fragen und Antworten für den zweiten Teil der Anweisung zusammen. Dabei gab Herstatt die relevanten Formulierungen der Instruktion von 1850 in der Regel wörtlich wieder.

1882 | Instruction zum Reitunterricht für die Kavallerie

Kaiser Wilhelm I. übergab diese Anweisung als D.V.E. No. 12 am 31. August 1882 dem Kriegsministerium und bestimmte diese als für das gesamte militärische Reiten verbindliche Vorschrift. Dieses zweibändige Werk umfasste knapp 400 Seiten. Alle früheren diesbezüglichen Edikte wurden durch diese Anweisung außer Kraft gesetzt.

1912 | Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12

Am 29. Juni 1912 genehmigte Wilhelm R.v. Heeringen die Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12. (Reitvorschrift zur Ausbildung von Pferd und Reiter für die deutschen Kavallerieregimenter). In Bayern, wo sie marginale Änderungen beinhaltete, trug diese Vorschrift die Bezeichnung D.V. 16.

Sie ersetzte die „Instruktion zum Reitunterricht für die Kavallerie“ vom 31.08.1882 und führte gleichzeitig deren beiden Teile in einer Vorschrift zusammen, was einen großen Verbesserung darstellte. Darüber hinaus wurde die Vorschrift mit besseren und aussagefähigeren Zeichnungen versehen.

Inhaltlich verantwortlich für die D.V.E. Nr. 12 zeichnete ein reiterlich sehr hochrangiges Gremium aus folgenden Personen:

  • Kgl. Bayr. Generalmajor z.D. Max Freiherr von Redwitz;
  • Kgl. Pr. Oberleutnant Felix Bürkner;
  • Kgl. Pr. Hauptmann Lauffer
  • Kgl. Pr. Oberst Hans von Heydebreck

Gleichzeitig mit Einführung der D.V.E. Nr. 12 wurde die S-Kandare bei der Preußische Armee und in fast allen weiteren bundesstaatlichen Armeen des Deutschen Kaiserreiches eingeführt.

1926 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

1926 erschien eine weitere Ausgabe. Erstmalig wurde im Titel die Bezeichnung „H.Dv. 12“ (Heeresdienstvorschrift) ausgewiesen. Es gibt Meinungen, die besagen, dass diese Vorschrift das Beste war und ist, „welches für die Ausbildung von Pferd und Reiter jemals geschaffen wurde. Von den Grundlagen bis zur Hohen Schule und den Schulsprüngen wird alles erklärt„. Der Nachdruck von 1932 soll dabei weit über das Normale hinausgegangen sein – die Vorschrift erhielt ihre Vervollkommnung.

1934 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

Traditionell nahm das Pferd in der deutschen Kavallerie einen zentralen Platz auch hinsichtlich Pflege und Betreuung ein. Ein enges Verhältnis zwischen Reiter und Pferd wurde nicht nur erwartet, sondern geradezu vorausgesetzt. In dieser Ausgabe vom 18.Dezember 1934 über die Reitausbildung:

Dauernden Erfolg wird sie nur haben, wenn alle Vorgesetzten und Untergebenen von der Freude am Reiten und der Liebe zum Pferd beseelt sind.

1937 | Reitvorschrift H.Dv. Nr. 12

Eine überarbeitete Fassung (Reitvorschrift – H.Dv. 12) wurde am 18. August 1937 herausgegeben und vom Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, in Kraft gesetzt. Hierin waren teilweise deutliche Veränderungen gegenüber der Ursprungsfassung von 1912. Ihre Basis war ein Entwurf von 1934.

1939 | Die Ausbildung der Rekruten im Reiten

Siegried von Haugk, der sehr gerne als direkte Quelle für die Skala der Ausbildung genannt wird, schrieb in einem „Anhang für Reitlehrer“ zu seinem Werk „Die Ausbildung der Rekruten im Reiten“ – wohl auch in kritischer Anlehnung an die Darstellung in der H.Dv.12 von 1937 – über Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geradereichten und Versammlung. Dies tat er auch in dieser Reihenfolge. Er umriss diese Punkte als die „Ziele der Dressur„. Dabei war ihm das Nacheinander in der Erarbeitung dieser Ziele wichtig. Seiner Meinung nach konnten die später anzugehenden Ziele erst durch die zuvor verwirklichten angegangen werden. Die Begriffe „Skala“ oder „Reihenfolge“ gebrauchte er im Jahre 1939 allerdings nicht.

1978 | Das Dressurpferd

Erstmalig wurde durch Harry Boldt in seinem Buch „Das Dressurpferd“ (1978 S.112) eine „sogenannten Skala der Dressurausbildung“ erwähnt, die sich aus der Folge von Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geradereichten und Versammlung definierte.

Abkürzungen

  • D.V.E. Nr. | Druck-Vorschriften Etat-Nummer (Preussen)
  • D.V. | Druck-Vorschriften (Bayern)

Quellen

  • www.bundesarchiv.de
  • D.V.E. Nr. 12 von 1912 | Digitalisierte Fassung
  • Die Reitvorschriften der berittenen deutschen Truppenteile | Wolfgang Klepzig
  • Die Skala und das System der Ausbildung – eine kritische Interpretation | Heinz Meyer | Verlag WuWei
  • Wikipedia

Autor: Richard Vizethum
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Was wäre wohl aus der Reiterei geworden?

Welche Wendung hätte wohl die Geschichte der Reiterei genommen, wenn der Herzog von Orléans (Ferdinand Philippe d’Orléans, duc de Chartres) nicht am 13. Juli 1842 durch einen Kutschenunfall ums Leben gekommen wäre?

Trust-your-Horse - Herzog von Orléans

Der Herzog war ein Unterstützer und Förderer von François Baucher und ermöglichte diesem, als Oberkommandierender der Armee, seine Methode in der Armee zu erproben.
Alle Versuche, die stattfanden, zeigten die Überlegenheit der Methode von Baucher.

Das letzte und größte Experiment in Lunéville – Ostfrankreich, unter der Leitung von Bauchers Sohnes Henri, sollte nach 7 Wochen, mit einer großen Abschlussvorstellung (Caroussel) am 20. Juli 1842 enden. An diesem Experiment waren, u.a., zwei komplette Kavalleriekompanien beteiligt. Die eine Kompanie setzte sich dabei aus den besten Pferden zusammen, die nach der herkömmlichen Art ausgebildet waren. Die andere aus jungen Pferden mit nur wenigen Wochen Ausbildung, aber nach der Methode von Baucher.

Der Herzog von Orléans hatte mitgeteilt, dass er dieser Veranstaltung am 20. Juli 1842 vorstehen wolle. Diese Veranstaltung wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Bauchers größtem Triumph geworden. Doch dazu kam es nicht. Am 13. Juli 1842 kam der Herzog bei einem Kutschenunfall in Sablonville zu Tode.

Zu allem Übel wurde der Herzog an der Spitze der Armee durch seinen Bruder, dem Herzog von Nemours, einem Schüler von d’Aure, dem großen Gegner von Baucher, ersetzt. Der Herzog von Nemours entschied, dass alles zu verwerfen wäre, was sein Bruder an dieser Stelle eingeleitet habe.

Entgegen aller positiven und zum Teil begeisterten Schriftstücke, die von allen Offizieren über Bauchers Methode verfasst wurden, hielt der Herzog daran fest, Bauchers Methode bei der Armee nicht anzunehmen. Er sagte (zu Unrecht): „Ich möchte keine Methode, welche die Vorwärtsbewegung beeinträchtigt„.

„Je ne veux pas d’un systéme qui prend
sur l’impulsion des chevaux.“

(Duc de Nemours)

Ein Zitat, welches Louis Seegers aufgriff und zum Anlass nahm, sein Anti-Baucher-PamphletEin ernstes Wort an Deutschlands Reiter“ zu verfassen.

Als Baucher mit seiner Methode auch in Berlin für anfängliche Begeisterung sorgte – so das sich die örtlichen Berufsreiter gekränkt fühlten (die Zeiten ändern sich nie!) und diese angeführt von Seegers mit heftigen verbalen Breitseiten antworteten, gipfelnd in eben jenem Pamphlet – wurde Bauchers Zukunft in Deutschland zunichte gemacht.

Bahn frei für Steinbrecht.

Was nun aber wäre aus der Reiterei geworden, wenn der Herzog nicht ums Leben gekommen wäre?

Die Beantwortung überlasse ich dem geneigten Leser.

Quellen
  • Baucher et son Ecole – General Decarpentry
  • Francois Baucher – Enfant terrible oder Genie – J.C. Racinet
  • Ein ernstes Wort an Deutschlands Reiter – Louis Seeger

Autor: Richard Vizethum
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Faverot de Kerbrech (François Nicolas Guy Napoléon )

* 24. Februar 1837 in Caudan
† 21. Dezember 1905 in Paris

Als Capitaine war Faverot de Kerbrech in den 1860er Jahren einer von Bauchers bevorzugten Schülern.
Als solcher hat er wohl am meisten dazu beigetragen, dessen Lehre der Nachwelt weiterzugeben. „Die systematische Ausbildung des Reitpferdes“ von 1891 gilt bei manchem Experten als die präziseste Darstellung der letzten Forschungsergebnisse und -einsichten von Baucher, als das klarste Exposé von Theorie und Praxis seiner „Zweiten Manier„.Trust-your-Horse - Faverot de Kerbrech

Dem mag ich so nicht ganz zustimmen.

Nimmt man die letzte von Baucher selbst verfasste 13. Auflage seiner Methode (1864) als Maßstab, so mag das durchaus zutreffen. Doch das Baucher ab 1864 alle Pferde nur noch auf Trense gearbeitet hat und diese Ausschließlichkeit mit Sicherheit auch bei den Flexionsübungen zur Anwendung kam (s. Rul – „Der Aufbau der systematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes„) fand keine Würdigung bei Faverot de Kerbrech.

Dagegen hat man diese „Weiterentwicklung“ der Abkau- und Biegeübungen, möglicherweise aus anderen Gründen oder ebenso konsequent gedacht, etwas verändert, in die H.Dv. 12 von 1937 aufgenommen.

LEHRER von Faverot de Kerbrech

SCHÜLER von Faverot de Kerbrech

  • Étienne Beudant | 1863 – 1949 | Hier gibt es allerdings widersprüchliche Angaben ob dem Sachverhalt, das Beudant tatsächlich ein Schüler von de Kerbrech war oder nicht.

VERÖFFENTLICHUNGEN von Faverot de Kerbrech

Quellen

  • François Baucher – Enfant terrible oder Genie | Jean-Claude Racinet | Olms-Verlag | 2009
  • Die systematische Ausbildung des Reitpferdes | Faverot de Kerbrech | Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Cadmos-Verlag
  • Der Aufbau der sytematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes | Louis Joseph Gabriel Rul | Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Cadmos-Verlag
  • Schulpferd und Gebrauchspferd | Cadmos-Verlag
  • H.Dv. 12 (Ausgabe von 1937) | Seite 100 | „Abkau und Biegeübungen an der Hand

Autor: Richard Vizethum
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François Baucher

* 16. Juni 1796 in Versailles – Rue de Boucheries;
† 14. März 1873 in Paris

François Baucher war einer der genialsten und auch bis heute am meisten umstrittenen Reitmeister aller Zeiten. Er vervollständigte und erneuerte die Grundideen der französichen Tradition des Reitens in Légèreté und prägte damit die Reitkultur seines Landes aber auch weit darüber hinaus, so stark wie kaum ein anderer vor ihm.

Sein System überdachte Baucher unermüdlich forschend immer wieder neu und revidierte es, wo nötig. Gegen Ende seines Lebens hatte er damit eine Lehre – mehr oder weniger aus sich selbst heraus – erarbeitet, die auf der artgerechten Behandlung des Pferdes und dem reiterlich verantwortunsgsbewussten Umgang mit ihm basierte und damit allen Reitern und Pferden gerecht werden konnte.

Trust-your-Horse - Reitmeister F. Baucher

Eine Klassifizierung seiner Methode in eine sogenanne 1. und 2. Manier, wie es heute gerne geschieht um die Entwicklung seiner Reitlehre darzustellen, ist schlicht falsch, und wird dem wahren Weg, einem Weg des ständigen Nachdenkens, Experimentierens und Veränderns, in keiner Weise gerecht. Bis auf seinem Sterbebett hat Baucher weitergedacht. Nur leider konnte er diese Erkenntnisse – altersbedingt – selbst nichts mehr weitergeben. Er sah es als die Aufgabe derjenigen an, die unter seiner direkten Leitung gelernt hatten, wie beispielsweise  Faverot de Kerbrech, Rul, Boisgilbert oder l´Hotte, diese „letzten“ Gedanken der Nachwelt zu erhalten und als Lehrer weiter zu verbreiten.

Im März 1855, im „Cirque Napoléon“, wurde Baucher Opfer eines schrecklichen Unfalls. Es geschah eines Nachmittags. Als er den Fuß in den Bügel setzte, um eine junge Stute zu besteigen, die er ausbildete, fiel ein riesiger Gasleuchter herab. Die Stute machte sich bei dem Krach frei und floh, aber Baucher geriet unter den Lüster.
Wie durch ein Wunder wurde der Kopf nicht erfasst, aber der Brustkorb, die Nieren, das linke Bein wurden grausam gequetscht, und das rechte Bein brach nahe am Fuß. Nach diesem Unfall ist Baucher nie mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten, aber konnte wieder reiten und dann und wann in Paris Kurse abhalten.

Ab dem Jahre 1864 ritt Baucher, der die Kandare ohne Kinnkette entwickelt hatte, seine Pferde nur noch ausschließlich auf Trense gezäumt (Maxim Gaussen bemerkte bereits 1840 in einem Vorwort zu Passe-Temps Equestres, dass Baucher alle seine Pferde auf einfacher Trense arbeitete würde).
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Seine große Bewunderung für diese Gebissform brachte er noch auf dem Sterbebett (28. Februar 1873) gegenüber seinem Schüler l´Hotte zum Ausdruck: „Sehen Sie, die Trense hat so viel Möglichkeiten. Setzen Sie sie folgerichtig ein, Sie werden sehen, sie steckt voller Schönheiten. Wenn die Widersetzlichkeit von oben, unten, rechts oder links kommt, immer liefert die Trense das Mittel, sie zu beherrschen„. Diese Ansicht teile ich persönlich voll und ganz.

Ganz besonders in seinen letzten Lebensabschnitten bestand Baucher auf einfachsten Bewegungen und deren Vollkommenheit „Einst fing ich sofort mit komplizierten Bewegungen an. Heute veranschlage ich sechs Monate, um meinen Pferde zum Geradegehen und zum sauberen Wenden zu bringen„.

Im Jahre 1870, im Alter von 74 Jahren hörte Baucher mit dem Reiten auf.

Auch wenn Baucher im Zirkus auftrat, im Übrigen in der damaligen Zeit der einzige Ort, an dem Reiter ihr Können vorführen konnten, war er doch kein Mann des Publikums gewesen.
General l´Hotte schrieb: „So blieb er Abends, wenn er aufzutreten hatte, nicht minder seiner Kunst verhaftet, wie des Morgens, wenn er alleine ritt. Sein gesenktes Haupt bewahrte einen nachdenlichen Ausdruck, und wenig gab er auf die Feststellungen, die über seinen Sitz gemacht wurden„.

LEHRER von Baucher

Hierüber gibt es wenige Angaben.

  • Bauchers Onkel der den Marstall des Prinzen Bourghese in Mailand leitete und bei dem Baucher in die Lehre ging.
  • Federigo Mazzuchelli | * 1760; † 1830 | Gilt als Erfinder der Doppellongearbeit. Baucher lernt ihn in seiner Zeit in Mailand (ca. 1810-1814) kennen, und erlernte dort die Pilaren- und Handarbeit.

SCHÜLER von Baucher

  • General Alexis l´Hotte | * 25. März 1825; † 03. Februar 1904 | …
  • General Faverot de Kerbrech | * 1837 – † 1905 | Als Capitaine war er in den 1860er Jahren einer von Bauchers bevorzugten Schülern. Lehrer u.a. (indirekt) von Capitaine E. Beudant (dieser hat Baucher mehr aus dessen Veröffentlichungen – Schwerpunkt „2. Manier“ für sich erlernt).
  • Louis Joseph Gabriel Rul | * 1811 – † 1880 | Einer der aktivsten Verfechter der Lehren Bauchers und der einzige Schüler, dem von Baucher selbst ein „Diplom“ ausgestellt wurde. Er arbeitete als gefragter Kavallerieausbilder und Privatreitlehrer in ganz Europa;
  • Charles Hubert Raabe | *  03. Mai 1811 in Bayonne – † 29. Mai 1889 in Paris | Er war einer der eifrigsten Schüler von Baucher. 1845 veröffentlichte er sein erstes Buch „Manuel équestre“. Er versuchte in vereinfachter Form die Methode Bauchers zu erklären, damit diese einen breiteren Zuspruch vor allem in der Kavallerie finden würde;
  • Eugene Caron
    Ein früher Schüler von Baucher und Großvater von General Albert-Eugène Edouard Decarpentry (Baucherist und FEI-Richter);
  • François Caron | … | Chefhofstallmeister des Zaren und einer der Lehrer von James Fillis;
  • Boisgilbert (Jean-Charles Dubois) | * 1835 – † 1922 | Er absolvierte seine Ausbildung an der französischen Militärakademie von St.Cyr. Er war als Reitlehrer am Cadre Noir in Saumur tätig. Boisgilbert war Rittmeister bei den 2e Chasseurs und wurde zum Chevalier der Légion d´honneur ernannt;
  • Comte de Lancosme-Brèves | | Er ritt Géricault, einen dreijährigen Vollbluthengst, der bis dato alle seine Reiter abwarf und der sich im Besitz des Engländers Lord Seymour befand, aufgrund einer Wette die an Baucher gerichtet war, um den „Bois de Boulogne“. Er gewann diese Wette. Lord Seymour übergab ihm das Pferd, welches Lancosme-Brèves in Würdigung seines Meisters an Baucher weitergab;
  • Madame Pauline Cuzent | … | Sie war Bauchers herausragendste Amazone und erwarb von ihm seine Pferde „Partisan“, „Buridan“ und „Neptune“, die sie im russischen Staatszirkus vorstellte. Pauline Cuzent wird auch von l´Hotte erwähnt im Zusammenhang mit dem Hengst Géricault, der im Zirkus einmal mit ihr durchging. Ihr Bruder, Paul Cruzent, komponierte für Bauchers Vorstellungen eigens auf die Darbietungen abgestimmte Stücke.

WO FINDET MAN ÜBERALL Baucher

  • HDv 12 von 1912 und 1926 | noch geringfügig in der Fassung von 1937
  • Reglement der Russischen Kavallerie | in den 1960 Jahren beherrschten die Lehren von James Fillis durch die russischen Reiter das Dressurgeschehen.
  • Reitvorschrift der US-Kavallerie
  • Bei den Vorreitern der Horsemanship – wie beispielsweise bei Tom Dorrance, dem Lehrer von Ray Hunt.

Datenquellen:

  • Das Phänomen François Baucher“ | Stodulka Robert | WuWei-Verlag | Seite 23
  • Schulpferd und Gebrauchspferd“ | Übersetzer und Herausgeber: Christian Kristen von Stetten | Cadmos-Verlag | Cover
  • François Baucher – Méthode d’équitation basée sur de nouveaux principes“ 13.Auflage (1867) – mit den letzten von Baucher selbst verfassten Formulierungen“ dt. Erstübersetzung | Cadmos-Verlag
  • Ein Offizier der Cavallerie“ | General Alexis l´Hotte | Olms-Verlag
  • François Baucher – Enfant terrible oder Genie?“ | Jean-Claude Racinet | Olms-Verlag
  • Die sytematische Ausbildung des Reitpferdes“ | General Faverot de Kerbrech | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“
  • Der Aufbau der systematischen Ausbildung des Kavalleriepferdes“ | Louis Joseph Gabriel Rul | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“
  • Baucher und die Gebrauchsreiterei“ | Boisgilbert (Jean-Charles Dubois) | Cadmos-Verlag (Bestandteil von „Schulpferd und Gebrauchspferd“

Autor: Richard Vizethum
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Pignatelli Giovanni

* um 1540 † um 1600

war Reitmeister und Nachfolger von Frederigo Griso, genannt Grisone, an der 1532 gegründeten und damals in Westeuropa einflussreichen Neapolitanischen Reitschule; nach ihm ist die von ihm verwendete Kandare, „Pignatelle“, benannt.

Seine Schüler Salomon de la Broue und Antoine de Pluvinel gingen unterschiedliche Wege, ersterer setzte das massive Traktieren des Pferdes fort, letzterer forderte dagegen, mit systematischem Gymnastizieren mehr aufs Pferd einzugehen.

Lehrer von Pignatelli

  • Frederigo Griso | * 1507 † 1570 | Begründer der italienischen Gewaltschule

Schüler von Pignatelli

  • Antoine de Pluvinel | * 1555 † 1620 | Stallmeister und Lehrer König Ludwigs XIII
  • Salomon de la Broue | * 1530 † 1610 | Begründer der französischen Gewaltschule

Datenquellen:

  • Wikipedia

Autor: Richard Vizethum
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