Sperrriemen und kein Ende

Der Sperrriemen hatte zu keinem Zeitpunkt eine sinnvolle Nutzanwendung.

Im Grunde muss man attestieren, das er, so wie er in der heutigen Form gebraucht wird (in Kombination mit dem Englischen Reithalfter – auch als Irisches Reithalfter bezeichnet), von schlechten Reitern für schlechte Reiter entwickelt wurde.

Trust-your-Horse - Kombiniertes Reithalfter

„Wenn das Pferd jedoch versucht das Maul aufzusperren, so hat das irgendeinen Grund, den man finden und abstellen sollte – einfaches Zusperren des Maules ist Selbstbetrug“
(Paalman Anthony – Springreiten – 1989)

Die Idee, die sich allerdings dahinter verbergen dürfte, war der Versuch, die vermeindlichen Vorteile des Hannoverschen Sperrhalfters und des Englischen Reithalfters zu vereinigen. Diesen fragwürdigen Versuch, der vermutlich auf die Experimentierfreude von Springreitern zurückging, kann man getrost als misslungen bezeichnen.

Dennoch wird an dieser Halfterform weiter festgehalten – sehr zum Leidwesen der Pferde. Eine sehr merkwürdige und sichtbar unüberlegte Aussage zu diesem kombinierten Reithalfter liefert die Richtlinie für Reiten und Fahren Band 1 der Deutschen Reiterlichen Vereinigung:

„Für Pferde mit guter Maultätigkeit und genügender Durchlässigkeit ist dieses Reithalfter zweckmäßig.“ 1

Hatte das Militär einen Anteil an der Entwicklung des Sperrriemens?

Nach dem 1. Weltkrieg konnte die deutsche Militärreiterei zunächst aus dem Vollen schöpfen. Eingebettet in einem 100.000 Mann starkem Heer, waren die Reiterregimenter viel zu hoch angesetzt. Der berittene Infantrist wurde ins Leben gerufen. Hinzu kam noch, dass die Reichswehr ein Berufsheer sein musste. Die lange Dienstzeit von 12 Jahren bei Mannschaften und Unteroffizieren und 25 Jahren bei Offizieren sorgte in den Reiterregimentern für ein sehr hohes Ausbildungsniveau.

1934/35 war das Ende der Reichswehr und die Wehrmacht wurde aufgebaut. Im Zuge dessen wurde auch die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt. Die Wehrdienstzeit betrug 2 Jahre, unabhängig von der truppendienstlichen Verwendung. Vor Ende des ersten Weltkriegs dauerte die Wehrdienstzeit für die Reiterei 3 Jahre, für die übrigen Truppenteile 2 Jahre. Das reiterliche Niveau sank ab (dem wurde auch in der H.Dv. Rechnung getragen).

Möglicherweise ein Grund, warum man schließlich 1934 den Reitmeister Otto Lörke, neben den beiden anderen Zivilreiteren, den Herren Stensbeck und Wätjen, an die Kavallerieschule Hannover berief. Sie sollten dort für eine Verbesserung der reiterlichen Ausbildung von Offizieren und Unteroffizieren sorgen.

Trust-your-Horse - Sperrriemen und kein Ende

In der Heeresdienstvorschrift D.V.E. Nr. 12 von 1912 gab es – bei der Zäumung auf Trense – weder Sperrriemen noch Nasenriemen (Bild1) – . Gleiches gilt für die Fassung von 1926 (H.Dv. 12). In der Ausgabe der H.Dv. 12 von 1937 war dies schon anders, hier kam das Hannoversche Sperrhalfter zum Einsatz (Bild 2).

Das Hannoversche Sperrhalfter

Dieses Sperrhalfter wurde an der Kavallerieschule in Hannover entwickelt, um zu verhindern, dass das Pferd das Maul aufsperrt und das Gebiss verrutscht. Als Erfinder gilt wohl der Herr von Oeynhausen.

Das die Erfindung des Sperrhalfters, respektive des Sperrriemens, seine Begründung in der Vermeidung von Kieferbrüchen hätte, gehört in den Bereich der reiterlichen Mythen. Udo Bürger (leitender Veterinäroffizier an der Kavallerieschule Hannover) fasste lediglich eigene Beobachtungen dahingegen zusammen, dass vor Einführung des Hannoverschen Sperrhalfters, er „des öfteren Unterkieferbrüche und Kiefergelenksentzündungen gesehen“ hätte. „Seit der Einführung des Hannoverschen Reithalfters aber nicht mehr„. Daraus zog er seine Schlüsse.

Bei diesem Sperrhalfter wird, bei Pferden mit kurzer Maulspalte die Lufttrompete beengt. Muss ein Pferd heftig atmen, dann reichen auch die – bei „korrekter Verschnallung“ – zwei Finger Luft zwischen Pferdekopf und Sperrhalfter nicht aus – das Pferd bekommt nur sehr schwer Luft. Verschnallt man die Zügel dabei allerdings so, dass sie Trensen und Halfterringe umfassen, dann wird der Druck auf die Kinnlade vermindert und ein Teil der Wirkung geht auf die Nase.

Da die Rekruten an der Kavallerieschule zur damaligen Zeit (s.o.) nicht unbedingt zu den begnadetsten Reitern mit weichen Händen gehört haben dürften, mag die Entwicklung dieses Halfters folgerichtig gewesen sein.

Worcester-Reithalfter

Der Sperrriemen, so wie er eben heute gebraucht wird (in Kombination mit dem Englischen Reithalfter), wurde vermutlich aus dem Pull(er)riemen des Worcester-Reithalfters entwickelt (Bild 4)2. Bild 3 zeigt eine provisorische Form davon, so wie ich sie mitunter zur Korrektur einsetze. Zur besseren Positionierung empfiehlt es sich, wie hier dargestellt, eine dünne Schnur vom Pullriemen zum Nackenriemen verlaufen zu lassen.

Beim Worcester-Reithalfter kann das Pferd unbehindert kauen, das Gebiss liegt ruhiger und etwas höher im Maul. Die Wirkung, auch eines zu tiefen Zügels, geht zunächst auf die Nase, dann aufs Maul und dort mehr auf die Mundwinkel. Es wird Druck von Zunge und Lade genommen.

Ich nutze diese Form (in der provisorischen Variante – s. Bild 3) bei Pferden, die gelernt haben die Zunge über das Gebiss zu legen oder die stark mit dem Gebiss „spielen“, zur Korrektur.

  • 1) FN-Richtlinie für Reiten und Fahren – Band 1 | Seite 27
  • 2) Miriam Röseler | Ihr Nachbau eines Worchester Reithalfters, so wie es im Reitzentrum Reken noch zur Korrektur benutzt wurde.
  • D.V.E. Nr. 12 von 1912 | Digitalisierte Fassung
  • Die Reitvorschriften der berittenen deutschen Truppenteile | Wolfgang Klepzig
  • Mehr zu Reitvorschriften hier im Blog.

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3 Gedanken zu „Sperrriemen und kein Ende

  1. Vielen Dank für die detaillierten Infos und die Recherche zu dem Thema – habe schon länger nach diesen Infos gesucht … denn wir als Dual-Aktivierungstrainer/-innen und Equikinetictrainer/-innen argumentieren seit Jahren in der gerittenen Dual-Aktivierung pro Pferd … also gegen den Einsatz des Sperrriemens, denn so locker wie bei der FN empfohlen verschnallt, kann man ihn ja eh weg lassen! Darf ich den Link zu diesem Artikel auf meiner Homepage http://www.mobiles-pferdetraining-ditzingen.de veröffentlichen? Das wäre toll – will ja die Infos nicht einfach „klauen“ 🙂 Freundliche Grüße – Frauke Mayer

  2. >>Da die Rekruten an der Kavallerieschule zur damaligen Zeit (s.o.) nicht unbedingt zu den begnadetsten Reitern mit weichen Händen gehört haben dürften, mag die Entwicklung dieses Halfters folgerichtig gewesen sein.<<…hier irrt der Autor, aber gewaltig, denn nach dem ersten Ausbildungsjahr, also Ende 4 jährig, gingen bei der Armee alle Pferde auf Kandare, und die hat bekanntlich keinen Sperriemen! Die Trense wurde ab da nur noch bei Springwettbewerben an denen Militärs teilnahmen verwendet!

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