VORWÄRTS-ABWÄRTS – ein paar Worte dazu

Auszug aus „Die Grammatik des Reitens“

Es wird immer wieder viel darüber diskutiert, welchen Beitrag das sogenannte „vorwärts-abwärts“ für das sinnvolle Training eines Pferdes hat. Ich möchte an dieser Stelle meine Sicht der Dinge darlegen.

Pferde als Bewegungs- und vor allem Fluchttiere sind auf eine hohe Fluchtgeschwindigkeit angewiesen. Aus diesem Grund kam es bei ihnen im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte zu einem körperlichen Umbau, der eine vermehrte Lastaufnahme auf die Vorhand mit sich brachte. Durch diese Lastverteilung nach vorne erreichen sie eine höhere Laufgeschwindigkeit.

PFERDE BEVORZUGEN DIE VORHAND

Grundsätzlich werden Pferde immer versuchen verstärkt auf die Vorhand zu kommen, denn neben dem Geschwindigkeitsaspekt, ist für Pferde, als energiesparende Lebewesen, die Nutzung der Vorhand energieeffizienter als eine vermehrte Nutzung der Hinterhand. Die Struktur der Hinterhand fordert bei verstärkter Beugung der Gelenke deutlich mehr Energie, als die vergleichsweise einfache Struktur der Vorhand.

Damit wir aber, wenn wir das Pferd zum Reitpferd ausbilden wollen, dieses auch über sehr lange Zeit gesund und leistungsbereit erhalten, ist eine verstärkte Nutzung der weit belastbareren Hinterhand unabdingbar.

Des Weiteren müssen bei einem Reitpferd vermehrt Muskelgruppen trainiert werden, welche es als Pferd nicht zwingend explizit trainiert, die wir aber bei ihm als Reitpferd benötigen. Als Beispiel sei der Trapezmuskel, jenes kleine Dreieck unterhalb des Widerrists genannt. Gerade dort findet man bei vielen Pferden eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Kuhle, welche in Verbindung mit nicht durchgezogen konvex geschwungener Oberhalslinie, ein Zeichen dafür ist, dass das Pferd sich nicht „selber trägt„.

Gerade bei Pferden, welche häufig (im Wortsinn) „vorwärts-abwärts“ geritten werden, findet man derartige Muskeldefizite. Welche sich dann noch – und das sei nicht unerwähnt – durch den Sattel verstärken.

Vielleicht würde diese – falsche – Art sein Pferd zu reiten nicht passieren, hätte man anstelle von „vorwärts-abwärts“ besser „aufwärts-vorwärts“ gesagt.

DEHNUNGSHALTUNG – DER BESSERE WEG?

Trust-your-Horse Korrekte VORWÄRTSabwärts

Eine korrekte DEHNUNGSHALTUNG (s.Bild: durchgezogen konvex geschwungene Oberhalslinie, offenes Genick, Genick ist der höchste Punkt und etwa 20-30 cm über Widerrist) setzt zunächst einmal voraus, dass das Pferd, bevor es in die Dehnung (vorwärts) geschickt wird, sich im Widerrist per Muskelkraft angehoben (aufwärts) hat. Dieses Anheben des Widerrists wiederum geht immer einher mit einem leichten Setzen auf die Hinterhand.

Also muss man beim Pferd, für eine korrekte Dehnungshaltung, eine gewisse Versammlungsfähigkeit zum einen und Kraft in der Hinterhand zum anderen voraussetzen. Hier sei darauf hingewiesen, dass man Kraft nicht durch vorwärtslaufen, sondern nur durch verstärkte Lastaufnahme (auf die Hinterhand) trainieren kann.

Diese notwendige Versammlungsfähigkeit, welche das Pferd aufgrund der oben angeführten Rahmenbedingungen (Fluchttier und Geschwindigkeit; Pferd ist Energiesparer) unter normalen Umständen nicht selbstständig anbieten wird, kann nur durch Training erreicht werden. Damit schließt sich AUCH DIE Dehnungshaltung – da nicht korrekt durchführbar – bei jungen Pferden absolut aus.

Die Dehnungshaltung, so wie ich sie hier beschrieben habe, hat mit dem „Lösen„, welches man in diesem Zusammenhang argumentativ immer wieder vorbringt, nichts zu tun. Zwar fächern sich die Dornfortsätze am Widerrist geringfügig auf und auch die Halswirbelsäule wird „gedehnt“, doch u.a. aufgrund der konvexen Oberhalslinie muss das Pferd ein hohes Maß an Muskelarbeit im Bereich von Oberhals und Trapezmuskel leisten. Die Dehnungshaltung ist also harte Arbeit für das Pferd! Auch Entspannung kann man damit nicht erreichen!

Dieses „Lösen“ wird bei mir ausschließlich im Stehen durchgeführt (siehe hierzu: Parkposition als Lösungsmittel). Das Reiten in der „korrekten“ Dehnungshaltung nutze ich zur Entwicklung und Verbesserung eines korrekten Raumgriffs.

VORWÄRTS-ABWÄRTS DAS NATÜRLICHE BESTREBEN DES PFERDES

Selbst wenn das Pferd gelernt hat, sich im Widerrist anzuheben und auf die Hinterhand zu setzten, so wird es dennoch immer wieder instinktiv das Bestreben haben auf die Vorhand zu kommen um sich zu „entlasten“ und Energie zu sparen.

Lässt man nun also sein Pferd vermehrt und auch noch längere Strecken „vorwärts-abwärts“ gehen, so kommt das dem natürlichen Wunsch des Pferdes, vermehrt die Vorhand zu belasten, mit all den schädlichen Folgen für ein Reitpferd, deutlich entgegen.

Das, was man meist als „vorwärts-abwärts“ zu sehen bekommt – und dazu zähle ich auch das in der Westernreiterei immer stärker gewünschte Bild eines Pferdes mit der Nase knapp über Boden – ist der dauerhaften Gesunderhaltung des Pferdes massiv abträglich.

Das man durch vermehrtes Aktivieren der Hinterhand, trotz tiefer Kopfeinstellung, den Rücken anheben kann und das Pferd sich „selber trägt“, ist ein Mythos, der biomechanisch aus meiner Sicht nicht haltbar ist.

DIE ALTEN MEISTER UND VORWÄRTS-ABWÄRTS

Zieht man auf der Suche nach dem Ursprung des Vorwärts-Abwärts die „alten Meister“ zu Rate, so kann man feststellen, das diese beim Anreiten (z.B. Steinbrecht) oder zum Zwecke der Korrektur eines Pferdes so etwas ähnliches wie Vorwärts-Abwärts durchführten – allerdings mit dem deutlichen Schwerpunkt VORWÄRTS.

Dazu wurde das Gewicht des Pferdes etwas mehr in Richtung Schultern verlegten. Hals und Kopf wurden dabei in einer „natürlichen Haltung“ belassen. Das Pferd sollte sich an das Gebiss „herandehnen“, wobei man durchaus bestrebt war „volle Anlehnung zu gewinnen“ Dies beschreibt Steinbrecht wie folgt: „Der Reiter führe daher die Zügel verhältnismäßig kurz …“. Dabei soll der Reiter nicht die Anlehnung suchen, sondern er soll darauf warten, bis das Pferd „sie [die Anlehnung] infolge der vortreibenden Hilfen und des dadurch bewirkten Streckens des Halses an das Gebiss von selbst nimmt“ [1].

Ein wesentlicher weiterer Aspekt einer ETWAS tieferen Einstellung von Hals und Kopf des Pferdes diente dem Zwecke der BIEGUNG (Seuning, Seeger …). Mit dem Mittel der Biegung wurde zum einen am GERADERICHTEN des Pferdes gearbeitet und zum anderen um Spannungen und Verspannungen (Korrektur) bei diesem aufzulösen.

Weiterlesen:
Vorwärts-Abwärts und kein Ende

[1] Steinbrecht – Gymnasium des Pferdes – S.70

Autor: Richard Vizethum
Notiz zu „Die Grammatik des Reitens
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2 Gedanken zu „VORWÄRTS-ABWÄRTS – ein paar Worte dazu

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