Schulterherein – das Aspirin der Reitkunst

Schulterherein, das „Aspirin der Reitkunst“ wie Nuno Oliveira es bezeichnete, ist ein Heilmittel bei vielen reiterlichen Problemen. So eignet sich das Schulterherein – besser als dies das Vorwärts-/Abwärts kann – dazu ein Pferd zu lösen. Verspannte Pferde finden den Weg in die Tiefe. Beim Schulterherein wird eine Vielzahl von Muskeln gleichzeitig und intensiv trainiert.

Trust-your-Horse - Schulterherein,das Aspirin der Reitkunst

Das Konzept des Schulterherein war schon beim Herzog von Newcastle, dessen Lieblingsübung der Zirkel war, durch das „Kopf in die Volta“ vorgezeichnet.

Diese Übung, bei der auf einem Zirkel der Kopf des Pferdes einwärts und die Kruppe hinaus gestellte wurde, sorge nach Meinung La Guérinière dafür, dass „die Teile der Vorhand mehr im Zwang“ seien, „als jene der Hinterhand, und dass diese Übung ein Pferd auf die Vorhand“ brächte. Dabei stütze er sich auf ein Zitat des Herzogs von Newcastle. Dieser führte unter anderem aus, dass „die Schultern nicht gelenksam werden, wenn nicht der innere hintere Schenkel, im Arbeiten (sprich in der Bewegung) dem äusseren hinteren Schenkel vorgeht und nahe ist.“

Dies brachte La Guérinière zur Erfindung der Schule „Schulter einwärts“ (l’épaule en dedans), welche er im Jahre 1731 zum ersten Mal formell beschrieb.

Legt man seine folgenden Angaben: „Die Linie der Hanken muss nahe an der Mauer und die der Schultern muss ungefähr anderthalb bis zwei Schuhe (Längenmaß) davon entfernt sehn, wobei man es nach der Hand, worauf es geht gebogen hält…“ zu Grunde, so wurde dieses Schulterherein auf 4 Hufspuren mit einem Abstellwinkel von 30-40 Grad geritten.

Trust-your-Horse - Schulterherein Abstellungswinkel
PF = Pariser Fuß (Längenmaß um 1799)

La Guérinière sieht so viele nutzbringende Vorteile darin, dass er sie „als die erste und letzte von allen denen Schulen ansehe, in denen man ein Pferd unterrichten muss, um ihm eine Gelenksamkeit und vollkommene Freiheit in allen seinen Theilen zu verschaffen.“

Dieses Schulterherein unterstützt die Verbesserung von Balance und Gleichgewicht und es ist ein Mittel, um gegen die natürliche Schiefe beim Pferd zu arbeiten. Das Kiefergelenk des Pferdes wird entspannt, dass Pferd beginnt zu kauen und wird im Genick locker. Ein weiterer Erfolg des Schulterherein – in Vorbereitung auf die Versammlung – liegt in der vermehrten Hankenbeugung durch Absenkung der inneren Hüfte und der daraus resultierenden freien Bewegung der äußeren Schulter. Es kommt zu einem Anheben des Widerrists, wobei der Trapezmuskel im Bereich des Widerrists intensiv trainiert wird. Hankenbeugung und Anheben des Widerrists sind wesentliche Elemente der Versammlung.

Um aber diese Erfolge zu erzielen, ist es wichtig, das Schulterherein richtig auszuführen – andernfalls ist es nur ein verdrehter Seitengang, der das Gewicht auf die äußere Schulter des Pferdes bringt anstatt dieses geschmeidig zu machen. Beide Schultern müssen einwärts gedreht sein, die eine etwas mehr als die andere. Aus diesem Grund meinte Nuno Oliveira auch, dass es eigentlich „Schulternherein“ anstelle von „Schulterherein“ heißen müsse.

Es ist darauf zu achten, dass das Schulterherein im langsamen Schritt geritten wird. Dieser darf auch nicht zu ausgreifend sein, da aufgrund seines Bewegungsablaufs der Rücken sonst hohl wird. Das Gewicht des Pferdes muss auf dem inneren Hinterbein ruhen, nicht auf der äußeren Schulter.

Um einen maximalen Trainingseffekt zu erreichen, sollte das Schulterherein in der klassischen Variante nach La Guérinière mit einer Abstellung von 30-40 Grad und angemessener Biegung geritten werden, so dass das Pferd auf 4 Hufspuren läuft. Nur so bekommt diese Übung einen lösenden Charakter.

Das Schulterherein gemäß der Richtline für Reiten und Fahren (Band 2) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung weicht hiervon deutlich ab.

Entgegen der Ansichten de la Guérinières darf danach die Vorhand nur noch so weit hereingenommen werden, dass sich das äußere Vorder- und das innere Hinterbein auf einer Linie vorwärts bewegen, also auf drei Hufspuren. Dabei wird ein Abstellwinkel von ca. 30 Grad vorgegeben.

Alois Podhajsky, der ehemalige Leiter der Wiener Hofreitschule kritisierte in seinen Buch „Die klassische Reitkunst“ die Variante auf 3 Hufspuren. Für ihn ging der eigentliche Zweck dieser Übung „… das Biegen der Hanken, Freiwerden der Schultern und Verbessern der Anlehnung sowie die Erhöhung von Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit vollkommen verloren.“

Darüber hinaus geht das Schulterherein gemäß Richtlinie von einem idealisierten Bild einer Längsbiegung beim Pferd aus, welches in der Realität auf Grund der geringen Längsbiegbarkeit der Brustwirbelsäule nicht möglich ist. Um überhaupt auf 3-Hufspuren gehen zu können, kann – aus biomechanischer Sicht – die Abstellung nur zwischen 13,5 und 19 Grad betragen, nicht aber die geforderten 30 Grad.

Der besseren Lesbarkeit wegen wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet.

Autor: Richard Vizethum
Auszug aus Buchentwurf zu „Die Grammatik des Reitens
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